nicht gnadenlos, sondern gnadenvoll!

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Predigt: Titus 2, 11-14: Christnacht Bayreuth Kreuzkirche 24.12.2022

Liebe Gemeinde, 

kennen Sie die Nobelviertel von Bayreuth? Da wo das Geld sitzt und das schicke Auto vor der Tür steht? Es gibt so ein paar Straßen verteilt über das Stadtgebiet, da würde nicht viel fehlen und die Gehsteige wären aus Marmor. Hohe Mauern schirmen die Grundstücke ab, Überwachungskameras nehmen das Geschehen ununterbrochen auf. Hinter den Mauern tun sich teils parkähnliche Gärten auf. Das Haus strahlt Erfolg, Sicherheit und Wohlstand aus. Schön anzusehen, wenn es einem gefällt. Aber das Eingangstor ist verschlossen. Verschlossene Welt. Eingemauertes Leben. Ob das glücklich macht?

Kennen Sie den Stall von Bethlehem? Nun, man kann ihn heute nicht mehr sehen, wahrscheinlich war es auch kein Stall, sondern eine Höhle. Aber das ist nebensächlich. Ich stelle mir diesen Stall vor: windschief, schräg und ungepflegt. Manche Bretter sind locker. Die ehemaligen Fensterläden hängen schief in den Angeln. Baufällig und heruntergekommen sieht das ganze aus.

Aber die Tür steht offen. Und aus der Öffnung leuchtet es hell. Das Licht kann man von weitem sehen. Hier ist jemand zu Hause. Nichts wird überwacht. Hier kann jeder eintreten. Hirten und Weisen, Du und ich. „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ So lautet der Bibelvers aus dem Titusbrief, der uns für diesen Gottesdienst vorgegeben ist. Hier ist sie erschienen, die Gnade Gottes: hier in dieser Hütte, in diesem Stall. Nicht im Palast des Augustus oder der Villa des Herodes. Nein, die Gnade Gottes sucht sich einen Raum mit Löchern und Rissen, durch die sie leuchten kann.

Welchem der beiden geschilderten Gebäude Villa oder Stall gleicht denn unser Lebenshaus?

Das Bild der Villa ist ja attraktiv. Die Villa steht für das gesicherte, erfolgreiche Leben, in dem es keine Risse gibt. Ansehen und Stolz strahlen die hohen Mauern aus. Hier hat jemand was erreicht und das ist ja grundsätzlich schön. Wer auf ehrliche Weise viel erworben hat und gut verdient braucht sich nicht schämen. Das Bild der Villa steht aber auch für ein Leben, das sich unangreifbar gemacht hat. Hier darf es kein Makel geben. Hier darf keiner Einblick bekommen. Die edle Fassade muss aufrechterhalten werden. Wenigstens nach außen. Nur keine Schwäche zeigen. Hauptsache nach außen hin gut dastehen. Wer weiß, was sonst die Leute sagen! Ist das ein glückliches Leben? Der Schein trügt! Es ist ein gnadenloses Leben!

„Das Leben kennt keine Gnade“, so sagen wir es manchmal einfach so dahin. Aber es ist oft ganz schrecklich, was sich für ein Druck hinter diesem Satz verbirgt: Schon als Kind beginnt das Vergleichen und das Einteilen. „Was, euer Kind läuft oder spricht noch nicht?“ Später werden schulische Leistungen benotet. Hat es nicht auch etwas über unsere innere Haltung zu sagen, dass nur die Fehler rot angestrichen werden und nicht die richtigen Leistungen gekennzeichnet werden? Kein Wunder, wenn sich dies dann in unseren menschlichen Beziehungen wiederholt und wir hier und da nur noch rot sehen. In der Ausbildung geht das gnadenlose Spiel weiter. Von jungen Referendaren höre ich, wie sie motiviert gestartet sind und nun zu Weihnachten überlastet und müde sind. Erfahren sie genug Wertschätzung und Motivation? Und in der Arbeitswelt bekommen nur die besten einen Arbeitsplatz, in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage sowieso. Wer auf der Strecke bleibt, fällt bei uns Gott sei Dank zwar noch in ein soziales Absicherungsnetz, aber die Löcher dieses Netzes und damit die Gefahr, hindurch zu fallen, werden immer größer. Die fünfzig Topverdiener der Welt werden ständig in irgendwelchen Rankinglisten veröffentlicht, die fünfzig ärmsten Menschen habe ich bisher noch nirgends aufgeführt gesehen. Der Markt mit der Schönheit des Körpers boomt, aber dass dabei vor allem junge Menschen tief in ihrem Selbstbewusstsein getroffen werden, schert offenbar nur wenige. Magersucht und psychische Auffälligkeiten sind die Folge, aber man gewöhnt sich auch daran und sieht nicht mehr, wieviel Leid das in unsere Familien bringt, auch unter uns Christen. Gnadenlos ist sie geworden unsere Welt. Auch in der Coronapandemie ist viel Egoismus im Spiel.

„Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ Mit Weihnachten kommt etwas ganz Neues in die Welt: Gnade. Gnade heißt: es handelt sich um ein göttliches Geschenk! Und das ist anders als menschliche Geschenke. Wenn wir Menschen etwas schenken, richtet sich das meist danach, was uns der andere wert ist. Wer lieb war, bekommt etwas. Von wem wir nichts haben, der hat auch von uns wenig oder nichts zu erwarten.

Bei Gott ist das anders. Er beschenkt alle. Er gibt jedem das gleiche Geschenk, weil er jeden gleich liebt. Er gibt das schönste Geschenk, was es gibt. Er gibt das Beste, was er hat. Er gibt sich selbst. Gott wird Mensch. Das feiern wir zu Weihnachten: dass Gott Mensch geworden ist. In einem Stall.

Auch der Stall kann ein Bild für unser Leben sein. So wie die Villa. Wer sich in dem Bild des Stalles wiederfindet, der weiß um die eigenen Brüche und die Risse und Wunden im eigenen Leben. Wer sich im Bild des Stalles wiederfindet, der weiß genau, dass er vor Gott nicht bestehen kann. Und doch geschieht das erstaunliche: Gerade durch diese Risse im Lebenshaus Stall scheint Gottes Gnade. Wenn wir endlich anfangen, die perfekte Fassade unseres Lebens einzureißen, dann wird Gottes Gnade in unser Leben scheinen. Wenn wir uns endlich eingestehen, dass unser Leben seine toten Winkel hat und dass manches im Laufe der Jahre kaputtgegangen und zerbrochen ist, ja, dass wir schlicht oft nicht Gottes Willen getan haben oder gar nicht erst nach ihm gefragt haben, dann bekommen wir Sehnsucht nach Gnade, nach Heilung und werden sie dann auch erleben.

Es war nach einem großen Familienstreit. Die Lage hatte sich zugespitzt und der Sohn war nach Madrid durchgebrannt. Nach einiger Zeit beschließt der Vater, sich mit seinem Sohn zu versöhnen. Reumütig setzt der Vater folgende Anzeige in die spanische Zeitung: „Paco, komm Dienstagnachmittag ins Hotel Montana. Alles ist vergeben! Papa.“ Paco ist in Spanien ein weitverbreiteter Name. Als der Vater zu dem Platz kommt, an dem das Hotel liegt, warten dort bereits mehrere hundert junge Männer mit dem Namen Paco auf ihn. Alle mit der Sehnsucht nach Gnade und Versöhnung.


„Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ In Gestalt von diesem kleinen Jesuskind hat es seinen Anfang genommen. Und dann ging es weiter. Als Asylant in Ägypten und Handwerkssohn in Galiläa. Und in alledem als mächtiger Sohn Gottes, der Menschen in Vollmacht von Gott erzählte und dessen Worte von kraftvollen Taten begleitet waren. Er spürte Hunger und Hass, Verehrung und Verfolgung, hatte Freunde und Feinde, Freude und Leid, alles das, was wir auch kennen. Und doch war sein Weg noch anders. Er mündet in Kreuz und Auferstehung. Ohne dieses Geschehen im Blick können wir nicht sinnvoll Weihnachten feiern. Wer an der Krippe bei dem vermeintlich putzigen Jesuskind stehen bleibt und nicht seinen weiteren Weg in den Blick nimmt, der bleibt auch im Glauben ein Baby und begreift das entscheidende Geschehen nicht. Das anrührende Geschehen im Stall ist das eine, unsere ewige Rettung das andere. Der, der da in den Dreck und Schutt des Stalls hineingeboren wird, ist gekommen, um den Dreck und Schutt dieser Welt und deines und meines Lebens wegzuräumen. Das ist doch Gnade! Das ist das eigentliche Geschenk, um das es heute geht. Jesus, der Heilmacher, ist zu uns, den Kaputtmachern gekommen. Egal, wie kaputt Du dich fühlst, wie kaputt dich andere gemacht haben, wie kaputt Du andere gemacht hast oder was dich selbst kaputt gemacht hat – du bekommst heute einen an die Seite gestellt, der alles heil machen kann.

Liebe Gemeinde hier oder zuhause: lassen wir uns doch beschenken bei der großen Bescherungsaktion Gottes. Zu Gott kann man kommen, da gibt es keine Mauern und Schutzzäune. Auch keine Überwachungskameras. Es ist reichlich Gnade da. Gott nimmt dich heute Abend neu in den Arm und sagt zu Dir gewissermaßen: „Schön, dass du endlich heimkommst! Ich habe so lange auf dich gewartet. Aber jetzt bist du endlich da. Und zwischen uns steht nichts anderes mehr als Liebe!“

Es gibt ein Lied von Manfred Siebald, in dem er diese Gnade in gute Worte fasst. Ich lese mal zwei Strophen:

1. Jesus zu dir kann ich so kommen, wie ich bin. Du hast gesagt, dass jeder kommen darf. Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann. Was mich besser macht vor dir, das hast Du längst am Kreuz getan. Und weil du mein Zögern siehst, streckst Du mir deine Hände hin, und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.

2. Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin. Nimm fort, was mich und andere zerstört. Einen Menschen willst Du aus mir machen, wie er dir gefällt, der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt. Du hast schon seit langer Zeit für mit mir das Beste nur im Sinn, darum muss ich nicht so bleiben wie ich bin.

Vielleicht haben Sie es gehört: in der zweiten Strophe ist von Veränderung die Rede.

„Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben wie ich bin.“

Das haben die Hirten und die Weisen und alle, die damals zum Stall kamen, auch erlebt. Dass sie verändert wieder weggegangen sind. Dass die Begegnung mit Jesus Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat. Die Hirten damals waren nach der Begegnung mit dem Jesuskind zwar noch später Hirten von Beruf. Aber sie haben noch etwas Anderes gemacht. „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen gesagt war“ und: „Sie priesen und lobten Gott“, heißt es in der Weihnachtsgeschichte. Das ist schon erstaunlich! Ich weiß nicht, ob Sie mit einem echten Hirten schon mal gesprochen haben. Das kann eine ziemlich zähe Sache sein. Hirten sind in der Regel nicht so kommunikativ. Die Hirten aber, die im Stall von Bethlehem waren, die sind anders gegangen, als sie gekommen sind. Die wurden verändert. Sie konnten und wollten plötzlich reden. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Nun, das war die Änderung bei den Hirten. Bei anderen Menschen kann die Begegnung mit Jesus andere Veränderungen auslösen. Tatsache aber ist, dass die Begegnung mit Jesus immer verändert. Gnade will verändern, unseren Charakter formen. Wer wirklich Gnade erlebt hat, der kann eigentlich niemanden mehr aburteilen und verurteilen. Wer wirklich Gnade erlebt hat, der strahlt dann auch diese Gnade und Liebe aus. In aller menschlichen Gebrochenheit natürlich und doch so, dass es andere Menschen merken können. Das Gnadenlicht strahlt eben immer auch nach außen. Sonst hätte sich die frohe Botschaft der Geburt Jesu ja nie ausbreiten können.

Liebe Gemeinde, in diesem Sinne sind wir eingeladen, den Heiligen Abend und Weihnachten zu feiern: dass wir alle selbstgemachten Fassaden endlich fallen lassen. Dass wir die heilsame Gnade Gottes in unser Leben scheinen lassen und zwar in alle Lebensbereiche. Und dass wir diese Gnade dann auch in uns wirken lassen und uns von ihr verändern lassen. Nicht wir müssen uns irgendwie anstrengen. Nicht wir müssen vor Gott jetzt irgendeine fromme Rolle spielen. Gott schenkt uns alles. Wir brauchen bloß innerlich an die Krippe treten und mit einstimmen in den Jubelgesang der Engel. Dann werden auch wir von uns sagen können: „Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren.“

Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de