Nehmen wir das eigentlich ernst was wir hier hören?
Zur PDFEstomihi, 19.02.2012, Amos 5, 21-24
Bei der letzten Strophe des Liedes vor der Predigt (384,4) kommt ein Mann durch den Mittelgang und ruft mit lauter Stimme:
Aufhören! Aufhören! Gesang und Orgel verstummen.
Was soll denn die fromme Singerei! Wer soll Euch denn das abnehmen? – Das ist doch nicht Euer Ernst: „Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach. In der Welt der Welt entfliehen, auf der Bahn die er uns brach.“
Wer macht denn das?: „Immerfort zum Himmel reisen auf der Bahn, die er uns brach…“ Ihr habt doch ganz andere Reiseziele im Kopf: In die Alpen zum Skifahren oder in den sonnigen Süden, nach Teneriffa oder in die Türkei.
Was haben denn die ganzen frommen Lieder im Gottesdienst und die wunderbaren Orgelklänge für einen Wert, wenn man sich dann die ganze Woche nicht mehr drum schert. Meint Ihr denn wirklich, dass Gott sich damit zufrieden gibt, dass die Leute am Sonntag ein Stündchen in die Kirche gehen, ein paar Lieder singen, bei der Predigt einschlafen oder abschalten? Dann wirft man nachher noch zwei Euro oder gar fünf in den Klingelbeutel und kommt sich dabei recht großzügig vor. Und geht wieder raus aus der Kirche und alles geht so weiter wie immer. – Fasching und Fernsehen, über die Politik schimpfen und über den Nachbarn lästern, mit allem unzufrieden sein und es mit der Ehrlichkeit nicht so genau nehmen. Ist das nicht ein bisschen scheinheilig!
Wird vom bisher schweigend und irritiert auf der Kanzel stehenden Pfarrer unterbrochen:
Also, mein lieber Mann, jetzt mal ein bisschen vorsichtig. Das kann man doch nicht einfach so pauschal sagen. Dass die Leute, die hier Gottesdienst feiern nicht zuhören und nicht meinen, was sie singen. Und überhaupt, wenn hier jeder, dem danach ist, aufstehen würde und das Kommando übernehmen, wo kämen wir da hin? Was käme denn da für eine Unruhe rein. Wir sind eine Kirche und jetzt ist Gottesdienst!
Der Zwischenrufer steht inzwischen am Lesepult und spricht weiter:
Das wäre vielleicht manchmal gar nicht schlecht, wenn mal die Gemeinde aus der Sonntagsruhe aufwachen würde und wenn mal jeder nachdenken würde, was er hier eigentlich macht oder was er singt und betet. Oft wird doch sogar beim Vaterunser einfach gedankenlos mitgeplappert.
Pfarrer:
Aber immerhin sind doch die Leute da. Es gibt ja viele, die kommen gar nicht erst. Die liegen noch im Bett oder sitzen vorm Fernseher beim Frühstück. Und unsere jungen Leute stellen sich hier vorne hin und singen für uns Glaubenslieder.
Zwischenrufer:
Nichts dagegen. Aber ich möchte schon gern wissen, ob die vorhin wirklich alle mit Überzeugung gesungen haben: Meine Zeit steht in deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Ich schätze mal, wenn sie nachher rausgehn, drücken sich einige wieder die Stöpsel in die Ohren und dröhnen sich was ganz anders rein. Nichts mit „ruhig sein in dir“ und vielleicht noch einmal nachdenken über den Gottesdienst.
Pfarrer:
Das will ich doch nicht hoffen, dass das alles gleich wieder vergessen ist. Ich bete jeden Sonntag darum, dass nicht nur die Jungen, sondern alle sich was mitnehmen, aus den Liedern, Lesungen und von der Predigt.
Zwischenrufer:
Ja, ja, Ihr Pfarrer habt manchmal so edle Vorstellungen. Wenn ich mir da manchmal die Konfirmanden anschaue, wie sie dauernd quatschen und kichern oder mit ihrem Handy rumspielen, dann frag ich mich schon, was die mitkriegen. Die kommen doch bloß, damit sie ihren Stempel kriegen. Die haben doch noch gar nicht begriffen, worum es geht.
Pfarrer:
Ja, das kommt mir bei manchen schon auch so vor, aber zum wirklichen Zuhören kann man halt keinen zwingen. Ich kann es ihnen nur immer wieder sagen – und das tue ich ja oft und eindringlich. – Aber, mein lieber Herr, jetzt müssten wir mal langsam zu unserem Predigttext kommen. Wenn Sie schon da am Lesepult stehen und gern reden, dann lesen Sie ihn uns doch gleich mal vor. Amos 5, die Verse 21-24.
Zwischenrufer liest Predigttext:
So spricht der Herr: Ich bin eueren Feiertagen gram und verachte sie und mag euere Versammlungen nicht riechen.
Wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer bringt, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch euere fetten Dankopfer nicht ansehen.
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Gab’s das also auch damals schon. 760 vor Christus in Bethel, einem Wallfahrtsort, in dem die Menschen schöne Gottesdienste feierten, fromme Lieder sangen und Opfer brachten. Dass da mitten in die Andacht eines Gottesdienstes einer reinplatzt und mit seinem lauten Organ die Instrumente und den Gesang übertönt. Amos. Kein Priester, kein Lektor, kein Tempeldiener, sondern ein Obstbauer und Schafzüchter aus Thekoa, einem kleinen Ort südlich von Jerusalem.
Er behauptete, als man ihn zur Rede stellte, er sei von Gott beauftragt und die Worte seien nicht seine eigenen, sondern Worte, die ihm Gott in den Mund gelegt habe. Aber man glaubte ihm nicht und hielt ihn für einen dreisten Spinner, der sich die prophetische Autorität selbst anmaßte. Der Oberpriester Amazija hat ihn aus dem Wallfahrtsort Bethel ausgewiesen. Er, der von Gott Berufene, bekam sozusagen Hausverbot.
Man wollte seine kritischen Worte nicht hören und war nicht bereit über Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit von Gottesdiensten nachzudenken. Auch die anderen Missstände, die der Prophet ansprach wurden nicht abgestellt.
Die Jahre vor dem Auftritt des Amos waren eine Zeit relativer Ruhe und wachsenden Wohlstands für die Bevölkerung von Judäa und Israel gewesen. Der Handel blühte, es gab immer mehr Reiche und gleichzeitig aber auch große Armut und viel Elend unter der einfachen Landbevölkerung. Die Tagelöhner und Kleinbauern wurden ausgebeutet und eingeschüchtert. Die Gerechtigkeit wurde mit Füßen getreten. Die Schere zwischen arm und reich ging weit auseinander. Bei vielen war das dann auch noch fromm kaschiert. Man machte Wallfahrten, dankte Gott für den Erfolg und brachte ansehnliche Opfer.
Auf dem Heimweg hat man sich dann Gedanken darüber gemacht, wie man seinen Gewinn noch maximieren könnte. Man hat gar nicht gemerkt, dass das doch alles nicht zusammenpasst: Das Leben und der Umgang miteinander und die demonstrierte Frömmigkeit. Gier und Geiz der Gläubigen stehen gegen die Glaubwürdigkeit ihres Gottesdienstes.
In diesen Selbstbetrug hinein platzt Amos mit seinen lautstarken Beschimpfungen. Nein, nicht Amos, sondern Gott, der sagt: Ich pfeife auf euere schönen Gottesdienste, das fromme Getue und euere milden Gaben, wenn ihr weiter so schlecht und ungerecht miteinander umgeht. Ihr denkt doch in Wahrheit nur an euch selbst, nutzt andere aus und liebt die Lüge. Hauptsache ihr habt einen Vorteil für euch dabei.
Der Prophet Samuel stellte sich einmal dem ungehorsamen König Saul in den Weg, der mit reicher Beute vom Kriegszug heimkam, obwohl Gott das verboten hatte. Man könne ja ein paar von den Schafen und Kühen opfern, meint er zu seiner Verteidigung. Aber der Prophet antwortet ihm: Gehorsam ist besser als Opfer. Saul, der das nicht annimmt, wird darauf hin von Gott verworfen. Gott nimmt ihm den Segen.
Mit Spenden und schönen Liturgien lässt Gott sich nicht beeindrucken. Das lenkt ihn nicht von der Ungerechtigkeit ab. Und eine Veranstaltung, die sich Gottesdienst nennt, ist noch lange keine Garantie, dass Gott in ihr anwesend ist.
Als es mit der Gleichberechtigung in Amerika noch nicht so weit war, wünschte einmal ein Schwarzer in eine New Yorker Gemeinde aufgenommen zu werden. Der Pfarrer war zurückhaltend und meinte: „Ich bin mir nicht sicher, ob es unseren Gemeindegliedern recht sein würde. Ich schlage vor, sie gehen erst einmal nach Hause und beten darüber und warten ab, was Ihnen der Allmächtige dazu zu sagen hat.“ Einige Tage später kam der Schwarze wieder. Er sagte: „ Herr Pfarrer, ich habe Ihren Rat befolgt. Ich sprach mit dem Allmächtigen über die Sache und er sagte mir: „Bedenke, dass es sich um eine sehr exklusive Kirche handelt. Du wirst wahrscheinlich nicht hineinkommen. Ich selbst versuche es schon seit vielen Jahren, aber bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen.“
Bei wie vielen Gemeinden und Kirchen mag das so sein? Dass Gott draußen bleibt, weil man seine kritische Wahrheit und seine konkrete Kritik gar nicht hören will? Im Volk Israel wurden Propheten verjagt, misshandelt und getötet, weil man ihre Botschaft nicht hören wollte. Jesus spielt im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mt 21, 23-40) darauf an.
Der Hohe Rat meinte sein Todesurteil über Jesus im Namen Gottes zu fällen. Das Konzil von Konstanz verhängte die Todesstrafe über Johann Hus im Namen Gottes. Die kirchliche Inquisition folterte und fällte unzählige Todesurteile und berief sich dabei auf Gott. Die Gräuel der Kreuzzüge geschahen, wie man vorgab, im Namen Jesu Christi. Der Bann über Martin Luther und seine Anhänger sollte in der göttlichen Autorität der römischen Kirche und des Papstes verhängt sein. Wie viele angeblich heilige Kriege sind geführt worden und werden bis heute geführt, die dem heiligen Willen Gottes spotten und zahllose unheilvolle Opfer fordern.
Gott ist wohl auch bei manchem Kirchenvorstands- oder Synodalbeschluss nicht mit dabei gewesen und segnet längst nicht überall, wo Pfarrer oder Pfarrerinnen ein Kreuz schlagen und feierliche Riten vollziehen. Wenn ein Konfirmand nicht mit seinem Herzen ehrlich dabei ist, sondern sich nur um der schönen Geschenke willen vor den Altar kniet, empfängt er keinen Segen. wo ein Brautpaar in einer Kirche nur einen romantischen Rahmen für eine rauschende Hochzeit sucht, da gehen sie ungesegnet hinaus. Da ist Gott nicht mit dabei.
Wenn gar homophile Lebenspartnerschaften mit einer kirchlichen Feier sanktioniert werden sollen, wird die zelebrierte Segnung wirkungsloses Menschenwerk, denn Gott ist nicht mit dabei. Wir können ihn nicht befehlen. Wie vor einiger Zeit in einem vorbereitenden Ausschuss unserer Landessynode sehr treffend festgestellt wurde, gibt es keine einzige Bibelstelle, in der Homosexualität positiv erwähnt wird.
Nach den Grundsätzen unserer Kirche ist die Heilige Schrift mit ihren Aussagen das einzige und letztgültige Kriterium für das, was vor Gott recht ist. Daran sollen wir uns halten und daran misst Gott auch unser Leben und unseren Glauben.
Amos fordert von der Gemeinde in Israel: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. – Im Gottesdienst für sich um Vergebung bitten und anschließend in den eigenen vier Wänden unversöhnlich, nachtragend und beleidigt zu sein, wie immer, das will der Herr bestimmt nicht.
Es ist schizophren, am Sonntagmorgen mit Überzeugung zu singen: Meine Zeit steht in deinen Händen und am Montagfrüh keine Zeit mehr zu haben für ein Gebet. Und es ist äußerst fragwürdig, wenn man zwar bedenkenlos einstimmt in das Lied: Jesu geh voran auf der Lebensbahn und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen, aber man verweilt dann doch in seinen alten Gewohnheiten, geht eigene Wege, lebt seinen eigenen Stiefel, weit weg von Jesus.
Martin Luther hat in seiner ersten, der 95 Thesen gesagt: Gott will, dass das ganze Leben der Gläubigen eine stete Buße sei und er meint damit, dass wir unser Reden und Handeln in allen Bereichen immer wieder vor Gott prüfen müssen und es, wenn nötig, auch ändern müssen. Und dem Herrn Jesus geht es eben um dasselbe wenn er sagt: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Wir werden dabei freilich immer wieder erkennen, dass wir falsch gehandelt haben, dass unsere Einstellung vor Gott nicht recht war, dass wir unehrlich oder lieblos, hochmütig oder ungerecht waren. Gottesdienst will helfen, uns neu auszurichten, unseren Lebenskurs zu korrigieren. Jesus nimmt die Sünder an und ist bereit ihnen zu vergeben, aber er wendet sich ab von denen, die nicht bereit sind sich etwas sagen zu lassen. Die nur an anderen die Fehler sehen und für eigene Sünden blind und taub sind, die sind ihm ein Gräuel.
Es ist hoffentlich unsere wirkliche Bitte, wenn wir nachher singen: Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit. Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.
Und es ist ganz bestimmt ein Gebet, das Gott gerne hört, wenn es aus dem Herzen kommt oder denen, die es hören, zu Herzen geht, (was uns jetzt der Jugendchor singt, mit neuem Text und alter Melodie):
So nimm denn unsre Hände, Herr Jesus Christ,
der du Beginn und Ende des Weges bist.
Herr, lass uns nur nicht weichen, steh du uns bei!
Lass uns das Ziel erreichen – Herr, mach uns treu!
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168