Nächstenliebe und Gottesliebe

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Gottesdienst am 06.10.2024 in der Kreuzkirche Bayreuth: Predigt: Markus 12,28-34

Liebe Gemeinde,

Jahr für Jahr behandele ich mit meinen Konfirmanden die zehn Gebote. Wir nehmen uns richtig Zeit dazu und entdecken in ihnen zehn wichtige Regeln für ein Leben in gottgewollter Freiheit. Gegen Ende der Einheit frage ich die Jugendlichen immer: Was ist denn nun für euch das wichtigste Gebot? Die Antwort fällt oft sehr unterschiedlich aus. Was würden Sie denn auf diese Frage antworten? Welches Gebot ist ihnen am wichtigsten?

Zu Jesus kam auch mal einer mit dieser Frage. Es war allerdings nicht irgendeiner. Es war ein Schriftgelehrter, also ein theologisch hochgebildeter jüdischer Lehrer. Er wollte mit Jesus nicht über theologische Spitzfindigkeiten diskutieren wie viele seiner Kollegen, sondern er hatte diese wirklich ernsthafte Frage auf dem Herzen. Er wusste, dass alle Gebote wichtig sind. Aber er wusste auch, dass nicht alle die gleiche Gewichtigkeit haben. Vor allem deshalb nicht, weil dieser Schriftgelehrte damals sich nicht wie wir auf die zehn Gebote bezog, sondern auf insgesamt 613 Einzelgebote, die damals die Rabbinen kannten. Wie das Gespräch mit Jesus verlief, schildert uns der Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 12:

Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.
31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde, eigentlich hätte der Schriftgelehrte doch etwas enttäuscht von der Antwort Jesu sein müssen. So traditionelle Worte von Jesus, nichts atemberaubend Neues. Jesus zitiert das alttestamentliche Grundbekenntnis, das sogenannte „Schma Israel“: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.“ Jeder Jude pflegte dieses Bekenntnis zwei Mal am Tag zu sprechen, einmal am Morgen und einmal am Abend.
Also, wirklich scheinbar nichts Neues für den Schriftgelehrten und doch horcht er auf. Offenbar erkennt er, was heute auch noch gilt: dass Gott uns gerade auch durch scheinbar alte und uns bekannte Worte immer wieder Neues sagen kann und will. Dass selbst Bibelverse und Liedverse, die wir vielleicht schon über Jahre oder Jahrzehnte kennen, uns plötzlich wieder ganz neu ansprechen. Dass eine biblische Geschichte in einer neuen Lebenssituation ganz neu und anders zum Leuchten kommt. Wir sind nie fertig in unserem Bibelstudium, in unserem Glauben, auch der Frömmste unter uns nicht. Martin Luther hat es mal so formuliert: „Ein Christ ist immer im Werden.“

Gott kann uns durch Vertrautes ganz neu ansprechen und es ist die Frage an uns, ob wir dafür empfänglich sind.
Einmal hatte ich in einem Vorbereitungsgespräch zu einer Trauung ein seltsames Erlebnis. Als wir den Gottesdienstablauf Punkt für Punkt durchgingen, äußerte der Bräutigam an einer Stelle vehement: „Wir möchten nicht, dass das Vaterunser in diesem Gottesdienst gebetet wird.“ Erstaunt fragte ich nach der Begründung für diesen Wunsch. Die Antwort lautete: “ Da ist doch sowieso niemand innerlich dabei.“ Nun, da hatte er in der Tat einen wunden Punkt getroffen. Wie oft habe auch ich schon das Vaterunser gedankenlos herunter gesprochen. Und doch habe ich dem Bräutigam widersprochen und darauf bestanden, dass wir auch in diesem Gottesdienst das Vaterunser beten. Denn darf die Folge davon, dass wir beim Beten oder Bibellesen mit unseren Gedanken manchmal nicht dabei sind, lauten, dass man es einfach weglässt? Und konkret im Blick auf das Vaterunser: Ist es dann nicht viel mehr dran, sich genauer mit dem Vaterunser zu beschäftigen? Wenn man da genauer hinschaut, dann erkennt man, was Beten im Sinne Gottes heißt und bedeutet. Am Vaterunser wird deutlich, was für eine Weite und was für einen Reichtum unser Gebet haben kann, durchaus auch dann unser freies Gebet. Das Vaterunser, alte, geprägte Worte und doch voller geistlichem Leben, wenn man sich nur genauer mit ihnen beschäftigt.

Der Schriftgelehrte damals jedenfalls erkennt in diesem von Jesus zitierten traditionellem Wort etwas ganz Neues. Er erkennt, dass es bei der Frage um das höchste Gebot um ein Beziehungsgeschehen geht. Und dass diese Beziehung zuerst von Gott gesetzt wird. „Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein.“ Vor dem Gebot der Gottes und Nächstenliebe steht die Stiftung einer absolut tragfähigen Beziehung: Gott ist unser Gott. Nicht irgendein Feld-Wald-und Wiesen Gott oder ein Gott, der über den Wolken schwebt. Allerdings auch nicht unser Gott in dem Sinn, wie wir sagen: unser Haus, unser Geld oder unser Auto. Also nicht als Possesivpronomen, wie man im Deutschunterricht lernen würde: besitzanzeigendes Wort. Wir können Gott nicht besitzen, nur er uns. Unser Gott heißt, er ist ein „Gott für uns“ Ein Gott, der für uns da ist. Ganz egal, wo Du gerade stehst in deinem Leben. Ganz egal, ob Dein Glaube gerade am Boden ist oder Du vor Glaubensfreude schier platzen willst. Gott ist für dich. Das gilt zunächst ohne dein Zutun. Gott ist für dich, das Kreuz, ist das große Pluszeichen, das Gott in diese Welt und in dein Leben setzt. Gott ist für dich.
Wer das für sich entdeckt, wer das für sich persönlich glauben kann, dessen Leben wird sich ändern. Dessen Beziehungen werden sich ändern. Und zwar die Gottesbeziehung und die Beziehung zum Mitmenschen oder wie es bei Luther heißt: zum Nächsten. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ganz.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“ Ist Ihnen beim Hören aufgefallen, dass hier dreimal das Wort „ganz“ vorkommt? Halbe Sachen gibt es bei Gott nicht.
Bei uns im alltäglichen Leben müssen manchmal Kompromisse geschlossen werden. Es hat doch keinen Sinn, jeden Sonntagmorgen einen Ehestreit um den Härtegrad des Frühstückeis zu führen. Vielleicht kennen Sie den schönen Sketch von Loriot dazu. Kompromisse für unser alltägliches Leben sind sinnvoll und gut, wenn sie im beiderseitigem Einvernehmen und ehrlich gefunden wurden.

Aber es gibt offenbar auch einen Bereich, in dem Kompromisse nicht angebracht sind, ein „Sowohl als auch“ nicht möglich ist. Und das ist der Glaube und das Leben in der Nachfolge Jesu. Wir können nicht einfach irgendwas ausklammern aus unserem Leben mit Gott. Nein, da sind wir mit Haut und Haaren eingebunden. Oder um es etwas frömmer zu sagen: mit Herz, Seele, Gemüt und Kraft eingebunden. Das Herz galt damals als der Mittelpunkt der Person. Gott von ganzen Herzen lieben, heißt also, Gott den Mittelpunkt in meinem Leben und im Leben der Gemeinde sein zu lassen. Seele meint das Leben in uns. Bei Kraft geht es um das eigene Vermögen. Und mit Gemüt kann man wörtlich übersetzen mit: „allem, was dir zu eigen ist.“ Weil Gott sich in Jesus bis zum Tod für uns eingesetzt hat, deshalb kann er auch ungeteilte Hingabe verlangen mit Herz, Seele, Kraft und Gemüt. Weil er uns ganz annimmt und uns ganz vergibt, deshalb fordert er uns auch ganz. Zuspruch und Anspruch liegen hier ganz eng beieinander.

Wenn wir das so hören, lauert nun eine große Gefahr: dass wir den religiösen Pulsmesser ansetzen und schauen, wie weit er denn schon ausschlägt bei der Gottes- und Nächstenliebe. Wie weit er ausschlägt bei mir oder was noch gefährlicher ist: wir schauen, wie weit das bei anderen der Fall ist. Und plötzlich droht da ein ganz falscher Geist in unser Zusammenleben oder auch in unsere Gemeinden zu kommen. Der Geist des Beurteilens, und Verurteilens. Plötzlich meinen wir beurteilen zu können, wer wie weit im Glauben steht oder auch nicht. Und dabei kann man total falsch liegen und dem anderen viel Unrecht tun. Und bei dem Urteil über dich selbst kannst Du dich auch gewaltig täuschen. Gott sieht dich noch mal mit ganz anderen Augen! Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an, heißt es einmal im AT.
Es geht also nicht darum, dass wir eine fromme Rankingliste erstellen, wer dieses Gebot der Nächsten- und Gottesliebe unter uns schon zu wie viel Prozent erfüllt. Das ist alles frommer Krampf und versteckte Leistungsfrömmigkeit.
Es geht vielmehr um die grundlegende Frage im Blick auf das Fundament und das Ziel unseres Lebens: Aus welcher Quelle lebe ich? Und: Wofür lebe ich?

Unser Predigttext heute lädt uns ein, aus Gottes Zuwendung zu uns heraus zu leben. Gott hat sich uns zugewandt in Jesus Christus, er ist für uns, ganz und gar. Das ist die Quelle unseres Glaubens. Gott liebt uns und seine Liebe wartet wie jede Liebe auf Antwort. Am Ende unseres Lebens zählt, ob wir auf diese Liebe Gottes geantwortet haben oder nicht. Man kann Liebe auch zurückweisen oder gleichgültig übergehen. Oder man lässt sich auf sie ein, lässt sich umhüllen und tragen von dieser Liebe Gottes. Diese Erfahrung des Geliebtseins erzeugt dann Gegenliebe.

Und so ist das Gebot der Nächstenliebe eigentlich kein Gebot, sondern eine ganz logische Folge des geliebt seins von Gott. Man kann in den Geboten die Formulierung: „Du sollst“ auch mit „Du wirst“ übersetzen. Wer sich von Gott geliebt und angenommen weiß, der liebt ihn auch und der kann gar nicht anders, als auch dem Mitmenschen anders zu begegnen. Es braucht Geduld und Beharrlichkeit und Übung in Sachen Liebe. Wir werden wohl nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen können: Jetzt habe ich genug geliebt, genug vergeben, genug getan. Aber wir dürfen an den Punkt kommen, wo wir erkennen: Du Herr hast in Deiner Liebe genug für mich getan. Ich spüre und glaube, ich bin von deiner Liebe getragen, gerettet und befreit zu einem Leben, in dem die Liebe immer mehr Bedeutung gewinnt.
Wer sich von Gott geliebt weiß, der kann eigentlich den anderen gar nicht mehr verachten, weil dieser ja auch ein Geschöpf Gottes ist. Wer sich von Gott geliebt weiß, der kann und der braucht sich bei aller eigenen Begrenztheit und Gebrochenheit auch nicht selbst verachten. Damit würde er seine Gottesebenbildlichkeit leugnen.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“, sagt Jesus. Es gibt Bewegungen in unserer Frömmigkeitsgeschichte und auch der Psychologie, da wird das Ich idealisiert und es heißt sinngemäß: „Du sollst nur dich lieben.“ Wie es dem Mitmenschen geht, bleibt außen vor. Egoismus pur, leider ein zunehmendes Erscheinungsbild in unserer Gesellschaft. Aber es gibt auch Frömmigkeitsströmungen, da lautet der Satz plötzlich: „Du sollst deinen Nächsten lieben statt dich selbst.“ Da ist man dann auf der anderen Seite vom Pferd gefallen und verachtet sich selbst und zehrt sich für den anderen auf, über die eigenen Grenzen hinweg. Auch das darf nicht sein. Es ist weder dem anderen noch dir selbst geholfen, wenn Du dich so für ihn verausgabst, dass Du selbst nicht mehr kannst. Nächstenliebe muss mitunter auch Abgrenzung von anderen heißen. Der andere hat immer auch Verantwortung für sich selbst und muss bereit sein, Hilfe auf verschiedenen Ebenen anzunehmen und nicht nur von Dir. Nächstenliebe heißt nicht Selbstaufgabe um des anderen willen.
„Du sollst deinen Nächsten lieben statt dich selbst.“ So meint Jesus das nicht. Und er meint es auch nicht so, dass ich mich selbst verachte.
Wenn ich mich von Gott angenommen weiß, dann kann ich gerade und aufrecht durch diese Welt gehen. Dann kann ich den Menschen in die Augen sehen, weil ich meinen Selbstwert von Gott zugesprochen bekomme und mir nicht mühsam erarbeiten muss. „Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ sagt Paulus und geht mutig und entschlossen seinen Lebens- und Glaubensweg. In diesem Bewusstsein zu leben, das ist wahre Demut.

Jesus beendet das Gespräch mit dem Schriftgelehrten mit einer Verheißung: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Wenn wir Gottes Liebe über unserem Leben gelten lassen und aus dieser geschenkten Liebe heraus dem anderen und uns selbst begegnen, dann sind wir nicht mehr fern dem Reich Gottes. Dann sind wir auf dem besten Weg, zum Reich Gottes dazuzugehören.

Ich möchte schließen mit zwei Liedstrophen von dem Lied, das wir gleich miteinander singen (EG 395,1-2) : „Wohl denen, die da wandeln, vor Gott in Heiligkeit. Nach seinem Worte handeln und leben allezeit. Die recht von Herzen suchen Gott und seine Rechte halten, sind wohl bei ihm in Gnad.

Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt. Herr tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden wird. Wenn Du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.“

Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de