Meine Zuflucht im Sturm.

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4. Sonntag vor der Passionszeit, 10.02.19 Markus 4, 31-35

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Unser Predigttext heute ist eine sehr bekannte, oft gemalte und auch in zahlreichen Kinder-Bilderbüchern dargestellte Szene. Überschrieben in vielen Bibeln: „Die Stillung des Sturms“. Es geht dabei um einen Sturm auf dem See Genezareth. Dieser See, der etwa die doppelte Größe des Chiemsees hat, ist berüchtigt für seine plötzlich auftretenden heftigen Stürme. Auch heute noch kommen bei solchen Stürmen jedes Jahr Menschen ums Leben. 

Um die Situation besser verstehen zu können, sollte man die ersten Verse des 4. Kapitels bei Markus lesen, bevor man die Sturmgeschichte am Ende liest:

Mk 4,1: Und Jesus fing an am See Genezareth zu lehren. Und es versammelte sich eine sehr große Menge bei ihm, so dass er in ein Boot steigen musste, das im Wasser lag. Er setzte sich und alles Volk stand auf dem Lande am See und er lehrte sie in Gleichnissen und in seiner Predigt.

In Ermangelung von Verstärkeranlagen musste man sich mit anderen Tricks behelfen, damit viele hören und sehen konnten, was da von einem geredet wird. Ein kleiner Hafen. Viele Leute sind dort zusammengekommen um Jesus zu hören. Die Hafenmauer wird zur Zuschauertribüne, ein Fischerboot zum Rednerpult. Jesus lehrt die Menschen vom Wort Gottes und vom Reich Gottes in Gleichnissen. Er verwendet alltägliche Bilder und Beispiele um den Glauben und das Reich Gottes verständlich zu machen. Er redet vom Sämann, vom Licht, von der wachsenden Saat, vom Senfkorn, das so winzig klein ist und doch zum großen Strauch werden kann. Die Leute am Ufer hören aufmerksam zu. Wie der vom Glauben reden kann! Das ist spannend und einleuchtend.

Aber als die Sonne hinter dem Berg gegenüber verschwindet und ein kühler Wind aufzieht, als Jesus langsam die Stimme versagt, löst sich der Open-Air-Gottesdienst auf. Die Leute am Ufer gehen heim und Jesus und seine Jünger müssen noch über den halben See segeln oder rudern, je nach Wind, um in ihr Quartier, es war wohl in Kapernaum, zu kommen. Da setzt unser heutiges Wort für die Predigt ein. Markus 4, 35-41:

Am Abend desselben Tages sprach Jesus zu seinen Jüngern: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid Ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam.

Als die Angst vor dem Sturm und den Wellen vorbei ist da ergreift die Jünger eine ganz andere Furcht. Die Ehrfurcht vor dem, der offensichtlich alle Macht hat im Himmel und auf der Erde. – Ach, wenn uns doch diese Macht alle ergriffe! Der tiefe Respekt, die hohe Achtung vor dem, dem nichts unmöglich ist. Es hat sich ja leider in unserer Zeit eine große Respektlosigkeit vor dem Heiligen breit gemacht. – Satire scheut sich nicht einmal mehr vor dem Kreuz. Bibeln, Altäre, Priestergewänder, Abendmahlsgeräte und was es sonst noch an Gegenständen gibt, die eine göttliche Bestimmung haben, werden besonders gern negativ dargestellt, der Lächerlichkeit preisgegeben oder in den Schmutz gezogen. Weithin herrscht Gott gegenüber einfach Gleichgültigkeit. Gott? – Gottesdienst? – Wozu? – Brauch ich nicht!

Die Jünger spüren hier etwas von einer heiligen göttlichen, rettenden Macht, der gegenüber alle Mächte dieser Welt verstummen müssen und weichen. Es heißt, der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Eine heilige Stille. Niemand sagt etwas, aber alle spüren: Hier und jetzt ist der heilige Gott ganz nah. Es ist als ob der Himmel offen wäre und Gottes Licht, Geist und Wirken einen anrührt.

Haben Sie das auch schon mal gespürt? – Ich hab es schon oft erlebt. Unter vollmächtiger Verkündigung, bei Abendmahlsfeiern. Manchmal auch im stillen Gebet, sogar mitten in großer Not, beim Bangen um einen lieben Menschen, der sehr krank ist oder gerade operiert wird. Da kann einen eine heilige Stille anrühren und erfüllen. – Selbst an Sterbebetten.

Es geht ja in dieser Geschichte um mehr als nur um Wind und Wellen. Hier wird die Vertrauensfrage gestellt. Jesus stellt sie seinen Jüngern. Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? – Ich bin doch da! Ich bin bei euch! Ja, glaubt ihr denn, ich lasse euch umkommen? – Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich (Joh 10, 11.27f): Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe … Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

Die Jünger hatten da ja zunächst ihre Zweifel. Sie sahen den tobenden See, sie spürten die nassen Kleider auf dem Leib und den Sturm der an ihnen zerrte und das Boot zum Spielball machte. Zuerst kämpfen sie. Sie bergen das Segel, sie schöpfen das Wasser aus dem Boot, aber jede weitere Welle bringt mehr Wasser als sie gerade rausgeschöpft haben.

Sie hatten als Fischer schon manchen Sturm erlebt und waren keineswegs Angsthasen, aber so heftig war‘s noch nie. Sie kriegen richtig Angst. Angst um ihr Leben. Sie wussten: Das kann tödlich enden. Und mit der Angst kamen ihnen Zweifel: Was nützt uns Jesus? Der schläft. Der bemerkt unsere bedrohliche Situation gar nicht. Sie machen ihm Vorwürfe: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“

Ist uns dieses Denken nicht auch bekannt: Gott, ist es dir egal, dass es mir so schlecht geht? Scheint es uns nicht auch manchmal als ob Jesus schläft? Als ob er unsere Bedrohung unseren Kampf, unsere Erschöpfung, unsere Verzweiflung gar nicht sieht? Wenn manchmal alles über uns hereinbricht, trauen wir Gott dann überhaupt noch zu, dass er etwas ändern, uns da rausholen, dass er entscheidend helfen kann?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jünger Jesus nicht geweckt haben, weil sie wollten, dass er ein Wunder tut und glaubten, dass er den Sturm abstellen könnte. Wahrscheinlich haben sie ihn geweckt, weil jede Hand zum Schöpfen gebraucht wurde. – Der Platz hinten im Boot, wo Jesus auf einem Kissen schlief, war der trockenste und geschützteste in so einem etwa 12 Meter langen und etwa 3 Meter breiten Boot.

Vor einigen Jahrzehnten hat man am See Genezareth mal eines aus dem Schlick ausgegraben, das etwa 2.000 Jahre alt war. Man hat es untersucht und nachgebaut. – Und dabei doch nicht herausgefunden, worum es in dieser Sturmstillungsgeschichte geht.

Es geht doch hier nicht um Windstärken und Wellenhöhen, auch nicht um Bootstypen und Wetterphänomene, sondern um die Vertrauensfrage. Genau die stellt der Herr auch in die Stille hinein, als das Schiff aufhört zu schaukeln und sich kein Lüftchen mehr regt: „Warum seid Ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Martin Luther schreibt zu dieser Geschichte: „Siehe, wie Christus in allen Stücken unsern Gewinn und Nutzen sucht und auch indem er schläft uns dient, indem er uns verlässt uns aufnimmt, indem er durch den Sturmwind uns beunruhigen lässt, unsern Nutzen schafft; denn dadurch schafft er nicht, dass wir umkommen, sondern dass wir uns an ihn kehren, damit uns beständig, je mehr und mehr geholfen werde. – Und jetzt folgt eine eigenartige Argumentationskette – Denn wem Christus nicht schläft, der kommt nicht um. Wer nicht umkommt, der ruft nicht. Wer nicht ruft, der wird nicht erhört. Wer nicht erhört wird, der erhält und empfängt nichts. Wer nichts empfängt, der hat nichts. Wer nichts hat, der wird umkommen. Daher geschieht es, dass der der nicht umkommt, in der Tat umkommt. Und wem der Herr nicht schläft, dem wacht er in der Tat niemals. Darum schlaf, Herr Jesus, damit du wachst, und lass umkommen, damit du uns hilfst.“ (Luther Gesamtausgabe „Walch“, Kirchenpostille, 4. So. nach Epiphanias)

Sicher haben die Jünger jene stürmische Fahrt nie vergessen und ihre durchlebte Todesangst wurde später zu einem ganz wichtigen Glaubenserlebnis. Ist das nicht mit den Schrecken und Katastrophen unseres Lebens auch so? Als unsere Tochter neun Jahre alt war, musste sie von einem Tag auf den anderen nach Erlangen in die Universitätsklinik. Eine Woche lang befürchteten die Ärzte, sie hätte einen lebensbedrohlichen Tumor im Kopf. – Für uns Eltern war das ein gewaltiger Sturm. Eine Woche lang schien es als ob Jesus schläft, trotz unsrer Gebete und der vieler anderer. Als ich das Kind bis zum OP begleitete, wusste ich nicht, ob und wie sie wieder herauskommt. Die Ärzte hatten uns auf alles vorbereitet.

Aber dann ist das Wunder geschehen, dass die Operation durch die Nase erfolgen konnte und sich der vermeintliche Tumor als harmloses Schleimhautgewächs erwies. Zwei Tage später konnten wir mit einem gesunden Kind wieder heimfahren und mit der neuerlichen Bestätigung, dass Jesus wacht und hilft, auch wenn er zu schlafen scheint und unser Glaube schwach und klein ist. – Oder wie Luther sagt: Wem der Herr nicht schläft, dem wacht er in der Tat niemals.

Jede Not, die an uns herankommt, stellt die Vertrauensfrage an uns: Glaubst du, dass Gott es gut mit dir meint? Glaubst du, dass der Herr deine Gebete hört und dass er helfen kann und helfen will? Wie? Das ist seine Sache. Wann? Das müssen wir ihm überlassen. Unsere Sache ist es fest darauf zu vertrauen, dass er eingreift und dass er uns nicht umkommen lässt. Darum müssen wir nicht „furchtsam“ sein, sondern dürfen ganz getrost und geborgen sein, was uns auch gerade für Stürme und Wellen entgegenkommen.

Ein gläubiger amerikanischer Theologe und Psychotherapeut hat einmal folgendes geschrieben: „Im Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf einem Stuhl und während Sie diese Zeilen lesen, sitzen auch Sie wahrscheinlich auf einem Stuhl. Sie sollten einmal ihre Füße vom Boden heben. Damit setzen Sie ihr ganzes Vertrauen auf den Stuhl, dass er sie hält. Da Sie nicht allwissend sind, können Sie nicht hundertprozentig sicher sein, dass er nicht doch unter Ihnen zusammenbricht. Trotzdem setzen Sie ihr vollkommenes Vertrauen in diesen Stuhl, und verlassen sich darauf, dass er Sie hält. – Entsprechend können Sie auch Ihr Vertrauen in Jesus setzen und ihn zu Ihrem Herrn und Heiland machen. Wenn Sie auf Ihrem Stuhl sitzen, bekommen Sie den sicheren Halt, ohne dass Sie etwas dazu tun; und wenn Sie sich auf Jesus verlassen, dann bekommen Sie gleichfalls völlig umsonst das ewige Leben.“ – So der Rat und Versuch dieses glaubenden Psychotherapeuten. – Selbst auf einer Kirchenbank oder heute Nachmittag daheim oder im Gasthaus beim Mittagessen können Sie diesen Versuch selbst machen. – Ich hoffe, der Stuhl hält dann, sonst werden Sie mich verklagen…

Aber selbst wenn der Stuhl zusammenbrechen würde, wer auf Gott vertraut, braucht sich nicht zu fürchten. Der darf sich sicher wissen in den Händen der Liebe, die ihn halten.

Herr, wir danken dir, dass du uns hältst und dass du uns nicht umsonst beten, rufen und vertrauen lässt. Du bist unser Halt, greifst ein und hast die Macht zu helfen. Amen.

Verfasser: Pfr. Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168