Maria, ein Vorbild im Glauben
Zur PDFQuasimodogeniti/Ankünd. der Geburt Jesu 03.04.16 Lk 1,26-38
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:
… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Heute ist laut dem liturgischen Kalender unserer Kirche auch ein fast vergessener alter Feiertag (eigentlich 25.März, aber da war Karfreitag und daer vergangene Sonntag dann das Osterfest) Also soll heute eines besonderen Ereignisses gedacht werden: „Tag der Ankündigung der Geburt des Herrn“ oder „Mariä Verkündigung“, wie dieser Feiertag mancherorts auch genannt wird. Dabei dachte man an etwas ganz im Verborgenen Geschehenes, als der Engel Gabriel der Maria erschien und ihr ankündigte, dass Gott einen besonderen Plan mit ihr hatte. Was der Evangelist Lukas im ersten Kapitel davon berichtet, soll heute unser Predigttext sein (Verse 26-38):
Elisabeth war im sechsten Monat schwanger, als Gott den Engel Gabriel zu einem Mädchen nach Nazareth schickte, einer Stadt in Galiläa. Das Mädchen hieß Maria und war mit Joseph, einem Nachkommen des großen Königs David verlobt.
Der Engel kam zu ihr und sagte: „Sei gegrüßt, Maria! Gott will dich beschenken. Er hat dich unter allen Frauen auserwählt.“ Maria fragte sich erschrocken, was diese seltsamen Worte bedeuten könnten. “Hab keine Angst, Maria“, redete der Engel weiter. „Gott liebt dich und hat etwas Besonderes mit dir vor. Du wirst ein Kind erwarten und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen. Er wird mächtig sein und man wird ihn Gottes Sohn nennen. Die Königsherrschaft Davids wird er weiterführen und die Nachkommen Jakobs für immer regieren. Seine Herrschaft wird kein Ende haben.
„Wie kann das geschehen?“ fragte Maria den Engel. „Ich bin doch gar nicht verheiratet.“ Der Engel antwortete ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft Gottes wird sich an dir zeigen. Darum wird dieses Kind auch heilig sein und Sohn Gottes genannt werden.
Selbst Elisabeth, deine Verwandte, von der man sagt, dass sie keine Kinder bekommen kann, ist jetzt im sechsten Monat schwanger. Sie wird in ihrem hohen Alter einen Sohn zur Welt bringen. Für Gott ist nichts unmöglich.
„Ich will mich Gott ganz zur Verfügung stellen“, erwiderte Maria. „Alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast.“ Darauf verließ sie der Engel.
Ich staune jedes Mal wieder über dieses junge Mädchen, Maria, wie die sich auf das einlässt, was Gott da mit ihr vorhat. Bestimmt hatte sie auch eine Vorstellung von ihrem Leben, Wünsche, Erwartungen. Der Mann ihres Lebens stand ja schon fest, auch dass sie bald heiraten würde. Sicher dachte sie auch daran einmal Kinder zu haben. – Es war ja für Frauen ihrer Zeit eine große Not, kinderlos zu bleiben. – Sie kannte das aus ihrer weiteren Verwandtschaft. Maria wusste, wie das ist, wenn Leute älter werden und keine Kinder haben. Elisabeth und Zacharias waren ihr da ein Beispiel. –
Kinder galten damals noch als Reichtum und als Geschenk Gottes, auch wenn die Menschen nicht viel hatten. Heute redet man in den reichen Ländern davon, dass Kinder ein Armutsrisiko seien, eine unzumutbare Belastung.- Obwohl wir in guten Verhältnissen leben und es eine Fülle von Hilfen und Unterstützungen gibt. Kinder werden in vielen Fällen abgelehnt und abgetrieben. Nach offiziellen Statistiken in jedem Jahr weit über 100.000 Kinder. Und das obwohl es viele ungewollt kinderlose Paare gibt, die gerne so einem Kind ihre Liebe und ein gutes Zuhause geben würden.
Auch für Maria kommt das Kind zur Unzeit. Schwanger schon vor der Heirat? Das war eine Katastrophe! Noch dazu, wenn das Kind nicht einmal vom Verlobten war. Was für Aussichten! Eine Schande, ein Skandal! Nichts als Schwierigkeiten und Probleme. Wie würde man sie anschauen, was würde sie zu hören bekommen! – Was wird da durch die Erwählung Gottes mit ihr geschehen? Was mutet Gott Maria zu!?
Man könnte jetzt argwöhnen, dass Maria wohl ein bisschen naiv war, vielleicht gar nicht richtig aufgeklärt, dass sie die ganze Situation nicht überblickt hat. Aber das stimmt ja nicht. Als ihr der Engel die Schwangerschaft ankündigt, wendet sie sofort ein, dass das doch gar nicht sein kann, weil sie noch mit keinem Mann zusammen war. Ist doch unmöglich! Aber sie bekommt zur Antwort, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Und als Beweis für Gottes unglaubliches Handeln wird ihr von der späten, ja eigentlich medizinisch unmöglichen Schwangerschaft ihrer Verwandten Elisabeth berichtet. Unmittelbar nach dem Verschwinden des Engels Gabriel macht sich Maria dann auch auf den Weg zu Elisabeth, um dieses Wunder mit eigenen Augen zu sehen: Die alte Elisabeth schwanger! Maria ist also ganz nüchtern, normal und aufgeklärt. Sie steht mit beiden Beinen im Leben aber auch mit dem ganzen Herzen im Glauben. – Das widerspricht sich ja nicht.
Und Maria hält es für möglich, was Gabriel da sagt. Sie traut Gott Unmögliches zu. Wenn er Gott ist, warum nicht? – Ist es nicht armselig, wenn Menschen immer vorsortieren und auswählen, was Gott können kann und was Gott dürfen darf und wie er zu handeln hat? Wenn er wirklich Gott ist, wenn er diesen Titel zu Recht trägt, dann lässt er sich doch von Menschen keine Grenzen setzen. Dann haben wir ihm doch nichts vorzuschreiben. Dann muss er sich doch nicht vor uns für sein Handeln rechtfertigen! Wenn er wirklich Gott ist, dann haben wir nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir widersetzen uns ihm, versuchen ihn und seinen Willen zu ignorieren, – das tun ja heute viele, – und werden einmal daran zugrunde gehen. –
Oder wir beugen uns vor Gott, erkennen seine Macht und Hoheit an, wie es hier Maria tut und wir sagen wie sie, „Ja“ zu Gottes Plänen und Wegen mit uns, auch wenn es manchmal unsere eigene Lebensplanung über den Haufen wirft und wir nicht wissen, wie unser Leben dann verlaufen wird.
Maria hat das getan: „Ich will mich Gott ganz zur Verfügung stellen, alles soll so geschehen, wie du es mir gesagt hast.“ So ihre Antwort an Gabriel. – Ich will mich Gott ganz zur Verfügung stellen. – Haben sie schon einmal so gebetet? – Denken Sie so? Gott, ich will mich dir ganz zur Verfügung stellen! Mache mit mir, was dir gefällt. Wo immer das geschieht, liegt ein großer Segen darauf. Wenn Menschen so denken und beten, dann kann Gott durch sie Gewaltiges bewegen und verändern.
Bei Gott ist das ja ganz anders als in unserer Gesellschaft. Da bewirbt man sich nicht, drängt sich schon gar nicht vor, da preist man nicht seine Qualitäten und Vorzüge an. Als Maria auf dem Weg zu Elisabeth darüber nachdenkt, wie Gott ausgerechnet auf sie kommt, gelangt sie zu der Erkenntnis: Weil ich nichts bin. „Der Herr hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.“
Maria war damals nichts von dem, was in der Kirchengeschichte, in Legenden und Dogmen aus ihr gemacht wurde. Sie war für die Welt unwichtig und uninteressant. Sie war kein Model, keine Prinzessin, keine Emanze, keine Intelligenzbestie, keine Superfrau. Sie war ein einfaches, bescheidenes gläubiges Mädchen. Aber sie war bereit, ja zu sagen, zu Gottes Weg mit ihr. Sie hat wohl nachgefragt, aber sie hat sich nicht aufgelehnt und sie hat vor allem nicht abgelehnt, was Gott ihr zugemutet hat, obwohl es schon ein starkes Stück war.
Maria hat darauf vertraut, dass Gott, der sie so schwierige und ungewöhnliche Wege führt, ihr wohl auch die Kraft geben wird, die sie braucht. Sie hat verstanden, dass es um Gottes Sache geht, nicht um ihre eigene. Maria nimmt Jesus als erste als den Sohn Gottes an. Das macht sie zum Urbild des Glaubens, zum Vorbild für alle, die den Weg des Glaubens gehen. Wenn du mich brauchen kannst, Herr, dann bin ich bereit.
Maria zeigt, wofür Gott Leute braucht. Er braucht die Maria ja nicht als Prophetin oder als Predigerin, nicht als Missionarin oder als Schriftstellerin. Er braucht sie als Mutter. Als Frau, die bereit ist für ein Kind ihren Leib und ihre Kraft zur Verfügung zu stellen. Sie ist bereit, die Risiken und Mühen einer Schwangerschaft auf sich zu nehmen, ihre Gesundheit, damals wohl auch ihr Leben einzusetzen. Gott will sie und braucht sie als jemand, der seine Liebe und Fürsorge schenkt, als eine, die sich nicht scheut stinkende Windeln zu waschen, Erbrochenes wegzuputzen, Tränen abzuwischen, zu trösten und zu versorgen. Er war ganz Mensch. Ganz Kind, wahrscheinlich auch mit Bauchweh und Kinderkrankheiten, ganz Bub, mit schmutzigen Anziehsachen und ungewaschenen Händen.
Gott braucht Menschen, die sich mit aller Kraft einsetzen für seine Aufgaben. Das kann im Beruf sein, als Bäcker oder Lehrerin, als Installateur, Ärztin oder Verkäuferin. Menschen, die ihr Bestes geben, wenn sie hinter einem Schreibtisch sitzen oder vor einem Reagenzglas stehen. Das kann in der Familie sein, wo sich eine Mutter um die Hausaufgaben des Kindes kümmert, ein Vater sich mit seinem Kind im Keller über eine Bastelarbeit beugt, eine Schwester ihrem kleinen Bruder geduldig vorliest oder ein großer Bruder mit seiner kleinen Schwester spielt. Gott braucht Menschen, die sich den ganz alltäglichen Aufgaben stellen und die sich auch für ganz bescheidene und geringe Aufgaben nicht zu gut sind.
Gott braucht Menschen, er braucht Sie und mich. Sie an Ihrem Platz und mich an meinem. Er braucht uns bereitwillig und nicht mürrisch. Er braucht Frauen und Männer, die bereit sind Mütter und Väter zu werden und sich mit aller Liebe und Kraft für das neue Leben einzusetzen, das er schenken will. Das ist noch wichtiger als die eigene Karriere. Und Gott braucht eine Gesellschaft, die Müttern und Vätern hilft, die sie fördert, ermutigt und bestärkt in dem Entschluss zu ihren Kindern „Ja“ zu sagen. Gott braucht uns manchmal spontan und mutig, bereit auch Dinge anzupacken, die unerwartet kommen und von denen wir noch nicht wissen, wie sie ausgehen. Er braucht uns voll Vertrauen in seine Führung und seine Kraft. Er braucht uns mit einer Offenheit und Bereitschaft, wie sie die Maria hier zeigt: Ich will mich mit meinen Gaben und Möglichkeiten Gott ganz zur Verfügung stellen.
Vielleicht haben Sie das noch nie so gesagt. Dann tun Sie es heute. Vielleicht haben Sie es schon lange nicht mehr bewusst so gebetet, dann tun sie es doch wieder neu. Keine Angst. Es kann nur gut werden. Maria wusste bei allen Schwierigkeiten, die in ihrem Amt als Mutter auf sie zukamen: Es geht um Gottes Plan. Er wird mir helfen. Er wird mir genug Kraft geben.
Es gab ja in der Rolle, die sie übernommen hatte auch schwere und schwerste Stunden: Die Angst, als sie den zwölfjährigen Jesus drei Tage lang suchte, bis sie ihn endlich im Tempel fand. Die Zurückweisung, als Jesus bei der Hochzeit zu Kana auf ihre gut gemeinte Initiative hin sagte: „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen, meine Zeit ist noch nicht gekommen“. Die Enttäuschung, als sie mit Familienangehörigen zu einer großen Versammlung kam, bei der Jesus sprach und er sie den anderen nicht vorzog, sondern sagte: „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter.“ Und den Schmerz, den sie aushalten musste, als sie ihren Sohn am Kreuz sterben sah. Dieser Anblick hat sicher auch sie in Zweifel gestürzt, ob ihr Jesus nun wirklich Gottes Sohn gewesen sein kann, wenn er so sterben muss.
Das alles erlebt und durchleidet Maria als Folge ihres uneingeschränkten „Ja“ zu Gottes Weg mit ihr. Schließlich gilt ihr auch zuerst die Freude der Auferstehung, als sie mit dem Waschlappen und dem Salbentopf vor dem leeren Grab steht. Wieder sind es Engel, die mit ihr reden: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!
Maria wird so zum Vorbild im Glauben, bereit zu jedem Dienst für Gottes Sache, auch für evangelische Christen. Auch ihr Weg ging ein Leben lang durch Höhen und Tiefen. So wie unsere Wege auch. Es war für Maria nicht mit der einen Antwort an den Engel Gabriel getan. Das war nur der Anfang ihres Weges im Glauben. So wie es auch nicht mit dem „Ja“ eines Mädchens oder eines Jungen an der Konfirmation getan ist. Das ist nur der Anfang. Wenn es ein echtes Ja ist, dann folgen ihm viele Höhen und Tiefen im Glauben, auch Ängste, Enttäuschungen, Zurückweisungen, auch Spott und Trauer bleiben echten Christen nicht erspart.
Aber auf diesem Weg gibt es immer wieder die Erfahrung: Der Herr ist mit mir! Der Herr lässt mich nicht allein, er lässt mich nicht im Stich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Dazu hält und trägt uns, wenn wir diesen Weg gehen, die Freude der Auferstehung und das Geschenk der Vergebung. Wir dürfen uns wie Paulus klammern an die Gewissheit: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in diesem Jesus Christus, unserem Herrn ist. Auch daran, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Maria hat „Ja“ zu Gott gesagt und seinen Sohn Jesus voll Erwartung neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Wenn wir Ja zu Gott sagen, dann kommt die Kraft des Allerhöchsten auch über uns und wir dürfen seinen Sohn Jesus sogar im Herzen tragen. Nicht nur 9 Monate, sondern ein ganzes Leben lang. Dann sind wir vorbereitet auf das Leben und auf die Begegnung mit Gott in der Ewigkeit. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168