Man lebt nur zweimal
Zur PDFEwigkeitssonntag, 22.11.2015 Johannes 5, 24-29
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um Gottes Segen für diese Predigt bitten. – Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen
Der Predigttext für den Gedenktag der Verstorbenen steht im 5. Kapitel des Johannesevangeliums:
Jesus spricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das Ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes und die sie hören werden, die werden leben.
Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden. Und werden hervorgehen, die Gutes getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben zur Auferstehung des Gerichts.
In diesen Tagen las ich von Paul Beßler aus Halle an der Saale: Er war als Kanute aktiver Leistungssportler, der viele Wettbewerbe und Medaillen gewonnen hat. Im Juli 2012, mitten in den Vorbereitungen auf die Prüfungen an der Uni wird ein Tumor in seinem Kopf diagnostiziert. Fast genau ein Jahr später, am 31. Juli 2013 verstarb Paul Beßler im Alter von 25 Jahren. Ärzte und moderne Medizin hatten sein Leben nicht retten können.
Während der Behandlungen lernte die Familie eine Ärztin auf der onkologischen Station kennen, die sehr offen von ihrem Glauben sprach. Paul freundete sich mit ihr an und sie erzählte ihm von Gott und welche Kraft der Glaube an Jesus Christus hat. Paul, der bis dahin kein Christ war, lernte beten und baute Vertrauen auf zu Christus. Er las in der Bibel, entschied sich für Jesus Christus und ließ sich eine Woche vor seinem Tod, am 24. Juli 2013 auf der Intensivstation von Bruder Johannes, vom evangelischen Kloster Petersberg bei Halle taufen. Wenige Tage darauf konnte er selig sterben.
Auch auf die Familie hatte diese Entwicklung Einfluss. Die Mutter, die ebenfalls noch keine Christin war, sagte: Als Paul zum Sterben nach Hause kam, „wusste er, dass er zu Gott geht und keine Angst vor dem Tod zu haben braucht. Die Mutter konnte ihn daraufhin loslassen, weil sie wusste, er geht in die Ewigkeit.
Die Mutter stellt fest: „Eine Tür hat sich geschlossen und viele neue Türen haben sich geöffnet. Auch wenn mein Sohn körperlich nicht mehr bei mir ist, weiß ich, dass er da ist und mich in meinem neuen Leben – ohne ihn, dafür mit Gott – stetig begleitet. Inzwischen sind auch wir, dank des Zeugnisses unseres Sohnes Christen geworden. Bruder Johannes hat uns getauft.“
Dieses Geschehen ist kein Einzelfall. Gerade wenn unser Leben bedroht ist, entfaltet der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus eine ungeheure Kraft. Wer sich ihm anvertraut, bekommt einen Halt und eine Zuversicht, die ausstrahlt und die Frieden spüren lässt.
Sterben ohne diesen Glauben ist trostlos und haltlos. Ohne Glauben verliert das Leben mit dem Sterben eines Menschen seinen Sinn. Da bleibt auch kein Trost, sondern einfach nur Dunkelheit und Trauer. Man glorifiziert die Taten des Verstorbenen, hängt sich an Erinnerungen und Gegenstände, zu denen der Mensch eine Beziehung hatte und spürt doch, dass man nichts festhalten kann. Das macht hilflos und sprachlos. Man versucht die Gedanken daran zu verdrängen. Dabei ist uns nichts so sicher wie das Sterben.
Es gibt für jeden Menschen einen Übergang vom Leben zum Tod. Oft ist es ein schmerzhafter, ein mühsamer ein schwieriger Weg für den, der ihn geht. Viele von Ihnen haben im Lauf des vergangenen Jahres bei einem nahestehenden Angehörigen oder guten Bekannten miterlebt, wie dieser Weg aussehen kann.
Manche von Ihnen haben nach einiger Zeit der Begleitung angefangen, darum zu beten, dass dieser Weg für ihren lieben Angehörigen doch nicht noch länger und schwerer sein möge. Wenn man sieht, dass es nicht mehr besser wird, wenn einem die Ärzte sagen, dass es nur noch schlechter und schwerer werden kann, dann kommt man an den Punkt, an dem man den Abschied schweren Herzens akzeptiert und wenn man glaubt, den Willen Gottes respektiert.
In anderen Fällen allerdings kam dieser Übergang vom Leben zum Tod völlig überraschend. Von einem Tag auf den anderen, von einer Stunde auf die andere. Für den Betroffenen, so denken viele, ein leichter, ein schöner Tod. Ob es wirklich so ist? Ich weiß es nicht. Ich würde mich lieber verabschieden können, lieber vorbereiten können. Der schnelle Tod ist auch umso schwerer für die Angehörigen die völlig unvorbereitet von der Todesnachricht überrascht werden. Eben war er/sie noch am Leben, kurz darauf im Tod. – Unbegreiflich, unfassbar, wenn ein Mensch nicht mehr ist. Nicht mehr am Leben. Durch nichts ist das aufzuhalten, niemand macht es rückgängig. Vom Leben zum Tod durchgedrungen.
Dass man vom Leben zum Tod hinüberwechselt ist ein natürlicher Vorgang, den wir, wenn auch schmerzlich, akzeptieren. Die Vernunft sagt uns: Das ist der Lauf der Welt, das ist natürlich. Nun sagt Jesus aber hier etwas anderes. Etwas, das alle Vorstellungen menschlicher Vernunft sprengt. Er behauptet: Man kann vom Tod zum Leben durchdringen. Der Leben vernichtende Prozess des Todes ist umkehrbar. Wie? Wodurch? – Durch den Glauben. Den Glauben an was? Den Glauben an das Wort Gottes. Es ist greifbar, fassbar und menschlich geworden durch Jesus Christus.
So wie Gott das Leben ist und geben kann, so kann auch dieser Mensch gewordene Gott, Jesus, Leben geben. Leben, das nicht vergeht. Leben, das nicht leidet. Leben, das nicht krankt und nicht stirbt. Er sagt: Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. – Ja er behauptet sogar: Wer im Leben an ihn glaubt, der wird gar nicht sterben.
Sterben, das ist ein Wort für das Ende. Aufhören zu sein. Ein Mensch lebt, er stirbt und ist tot. Er hat aufgehört zu leben. – So stellen sich viele das vor. Alles still, alles vorbei, ausgelöscht. – Alles, was dieser Mensch war und gedacht, gefühlt und erlebt hat, was er an Wissen angesammelt und an Können in sich vereint hat, ausgelöscht. – So stellen sich viele das vor. Zumindest alle die, die sagen: Mit dem Tod ist alles aus. – Es werden immer mehr, die so denken.
Wer mein Wort hört, widerspricht Jesus, wer dem glaubt, der mich gesandt hat, der weiß und der wird erfahren, dass es anders ist. Für den geht nicht alles zu Ende im Tod, sondern für den beginnt erst das wahre Leben. Der ist vom Tod zum Leben durchgedrungen. Sind Sie auch schon vom Tod zum Leben durchgedrungen? – Das ist dann der Fall, wenn Sie Ihre Zukunftspläne an dem orientieren, der das Leben hat und der es geben kann.
„Es kommt die Stunde“, sagt Jesus. Und immer wenn ihm etwas ganz besonders wichtig ist, setzt er davor wie zwei Ausrufezeichen die Worte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch…
Ja, es kommt die Stunde des Abschieds aus diesem Leben, aus dieser Welt für jede und jeden von uns. Sie kommt ganz unabhängig vom Alter. Die Menschen, deren Beerdigung ich in diesem Jahr zu halten hatte, waren zwischen 18 und 100 Jahre alt. Keiner von uns weiß seine Stunde. – Wir haben in diesem Jahr von vielen Ereignissen gehört und Bilder gesehen, bei denen Menschen aller Altersstufen ihr Leben lassen mussten. Flugzeugabstürze, Bus- Bahn- Autounfälle, schrecklich Terrorakte, Kriegsopfer, sinnlose Gewaltexzesse, unerklärliche Todesfälle. Wie auch immer: Es kommt die Stunde.
Entscheidend für diese Stunde ist der Glaube, sagt Jesus. Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes und die sie hören werden, die werden leben.
Wer sich im Leben Gott anvertraut, und auf seine Stimme hört, der wird auch im Tod nicht enttäuscht. Gottes Stimme wird ihn willkommen heißen. Die hier die Augen für immer schließen, denen werden im selben Augenblick die Augen aufgehen für die Wirklichkeit Gottes.
Jesus verlegt dieses Geschehen nicht in ferne Zukunft an einem ungewissen St. Nimmerleinstag. Er betont das „jetzt“ dieser Erfahrung für die Toten. Die im Glauben gelebt haben, finden ihren Glauben im Tod bestärkt. Die werden leben. Nicht in dem Sinn, wie es auf manchen Abschiedsanzeigen beschrieben wird: In der Erinnerung oder in unseren Gedanken oder in den Leistungen vergangener Zeiten, nicht nur in den Herzen der Hinterbliebenen, nicht im Raum nebenan, auch nicht auf irgendeinem hellen Stern. Sie werden leben in der Welt Gottes, in einer unvorstellbar guten und schönen Welt, in der niemand mehr dieser Welt nachtrauern wird.
Jesus erwähnt nicht nur die im Glauben Verstorbenen, sondern „alle, die in den Gräbern sind“, alle, deren Stunde gekommen ist. Alle werden die Stimme des Sohnes Gottes hören. Allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen. Alle werden hervorgehen, aber sie gehen unterschiedliche Wege. Sie gehen zum Leben oder zum Gericht.
Es ist ja jedes Leben auch mit Schuld und Versäumnissen belastet. Denken sie an die, die sie hergeben musste. Da gab es doch auch schwierige Punkte. Stunden in denen man sich nicht verstand, in denen man sich auf die Nerven ging oder aus dem Weg. Wir erinnern uns doch wohl alle an Versäumtes, das wir nicht mehr nachholen können, an Aussagen, die nicht ganz ehrlich waren; an heftige Worte, vielleicht an Streit oder daran, dass wir unter den Forderungen des anderen gelitten haben. – Ja unser Leben miteinander ist auch geprägt von dem, was wir versäumt oder falsch gemacht haben. Wer an Jesus Christus glaubt, ja wer nur das Vaterunser mitdenkend betet, der weiß von der Notwendigkeit der Vergebung für sich und für die, die an uns schuldig geworden sind.
„Wer mein Wort hört“, damit meint Jesus auch, dass der das Wort von der Vergebung hört und weiß: Ich darf für mich und alle meine Schuld um Vergebung bitten. Und ich darf in Gottes Namen all das loslassen und vergeben, was mir von anderen an Verletzungen zugefügt worden ist.
Jeder Abschied von einem Menschen, verstorben ist, ist eine Einladung Gottes an uns, ihm zu vertrauen, seinen Worten zu glauben, um seine Vergebung zu bitten. Und jeder Abschied von einem Menschen ist auch eine dringende Bitte zu vergeben. Bei jedem Abschied bietet Gott seinen Frieden und seinen Trost an. Wer darum bittet, wer Frieden und Trost annimmt, der erfährt Geborgenheit. – Wer Jesus ablehnt bleibt ohne diesen Frieden, trostlos und ohne die starke Hoffnung auf die Zukunft des Ewigen Lebens. Wer die Worte von Jesus nicht hört, muss mit dem Tod uns seiner Macht ganz allein fertig werden.
Man lebt nur zweimal. So lautet der Titel eines bekannten James-Bond Films. Da fließt viel Blut und es gibt viele Tote.
Man lebt nur zweimal. So ist letztlich auch die Aussage des christlichen Glaubens. Und in unserem ersten Leben stellen wir die Weichen für das zweite, das Ewige Leben. Mit Gottes Wort, im Glauben an den Heiland Jesus wird es gut.
Graf Zinzendorf hat es so ausgedrückt:
Christen gehen aus der Zeit, wie man aus einem Zimmer in das andere geht, ohne alle Umstände, voll kindlichem Vertrauen auf den, der Leben und Tod in Händen hat.
Unsere Ärzte sind nicht dazu gesetzt, dass sie uns am Heimgehen hindern sollen.
Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168