Lebt würdig!

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17.Sonntag nach
Trinitatis, 12.10.14, Epheser 4, 1-6

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten
… Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser heutiges Schriftwort für die Predigt steht im 4.Kapitel des Epheserbriefes. Paulus schreibt diesen Brief aus dem Gefängnis an die Gemeinde in Ephesus. Er ist in Sorge, weil er von Streit und Uneinigkeit in der Gemeinde erfahren hat:

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.

Ertragt einer den anderen in Liebe

und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens;

ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; – ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über alle und durch alle und in allen.

Vor zwei Tagen wurden die diesjährigen Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Sie haben das sicher auch verfolgt. Die Pakistanerin Malala Yousafzai und der Inder Kailash Satyarthi wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Malala Yousafzai ist mit ihren 17 Jahren die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten. Die junge Frau aus Pakistan setzt sich für Bildung für Mädchen ein. Weltbekannt ist sie, seit ihr die Taliban vor zwei Jahren bei einem Anschlag ins Gesicht schossen und sie schwer verletzten. Sie überlebte und setzte ihre Arbeit für die Menschenrechte fort.

Als ich sie in den Nachrichten sah, hab ich zu meiner Frau gesagt: Diese junge Frau strahlt irgendwie eine besondere Würde aus. Ein offener ehrlicher Blick. Nichts rebellisch Provozierendes. Wie es ihre Religion, der Islam, fordert trägt sie ein Kopftuch. Sie will keine Revolution, sondern Gerechtigkeit. Eine der Seligpreisungen der Bergpredigt lautet ja: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.

Malala hatte schon mit elf Jahren unter einem Pseudonym für den Sender BBC ein Tagebuch geführt und beschrieb darin das Leben in ihrer Heimat, dem Swat-Tal, unter der Herrschaft der Taliban. Deren radikal-islamische Lehre stellt Bildung für Frauen unter Strafe. Mit 15 waren sie und ihre Kampagne für Mädchen-Bildung in ganz Pakistan bekannt.

Die Extremisten überfielen ihren Schulbus im Oktober 2012. „Wer ist Malala?“, soll einer der Angreifer gefragt haben. Dann schoss er dem Mädchen kaltblütig in den Kopf. Die Kugel drang in ihren Schädel ein, verletzte aber das Gehirn kaum. Im Gesicht sieht man noch Narben, das Gehör ist geschwächt. Ich denke, da hat Gott eingegriffen, sodass dieser Einsatz für die Gerechtigkeit nicht beendet oder geschwächt wurde, sondern sogar gestärkt. Auch wenn Malala keine Christin ist, sollten wir ihren Einsatz betend unterstützen.

Lebt würdig! So ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde in Ephesus und mit ihr alle Christen, auch uns. Was heißt denn das? Welche Berufung ist gemeint? Die Berufung in die Nachfolge des Herrn Jesus Christus. Der Sohn Gottes hat uns für wert und würdig erachtet, dass wir zu ihm gehören. Er sagt: Ich möchte, dass Ihr für mich arbeitet, dass ihr meine Interessen vertretet, dass ihr die Sache Gottes repräsentiert.

Wenn jemand bei der Polizei ist und eine Berufung auf eine Planstelle in einer Direktion oder Inspektion hat, dann erwarten wir von ihm, dass er Recht und Gesetz vertritt, dass er sich nicht bestechen lässt und sich dieser Berufung als Gesetzeshüter entsprechend verhält. Es ist ungeheuerlich, wenn das geschieht, was jetzt aus Mexicos Region Guerrero berichtet wurde, dass die Polizei im Auftrag des organisierten Verbrechens über 40 protestierende Studenten entführt und wohl zum Teil ermordet hat.

Wenn Polizei nicht nach dem Gesetz, das sie schützen sollen, sondern verbrecherisch handelt ist das unwürdig. So meint das auch Paulus hier: Wenn Christen nicht so miteinander umgehen, wie es ihr Herr einfordert, dann ist das auch unwürdig. Wenn Menschen, die zur Kirche des Herrn Jesus Christus, zu seiner Gemeinde gehören, einander belügen oder vor anderen schlecht machen, bringen Schande über Jesus. Auch wenn es einem nur um seinen Vorteil oder seine eigene Ehre geht, ist das nicht im Sinn dessen, der sie berufen hat.

Dazu sind wir nicht berufen, dass wir Streit suchen, eifersüchtig sind, andere verachten oder beleidigen. Wir sind zum Frieden berufen und zur Wahrheit, zur Liebe, sogar Feinden gegenüber. Zur Vergebung sind wir berufen und dazu einander anzunehmen in Liebe, auch wenn wir sehr verschieden sind und unsere Fehler und Schwächen haben.

Lebt eurer Berufung würdig in aller Demut, Sanftmut und Geduld. Zugegeben, das ist nicht immer leicht. Zu fortgeschrittener Stunde in einer Kirchenvorstandssitzung, wenn es um ein schwieriges Thema mit unterschiedlichen Auffassungen geht, den anderen nicht persönlich angreifen, ihn ausreden lassen, auch wenn man sich missverstanden oder zu Unrecht beschuldigt fühlt. Sich genau zu überlegen, wie man seine Meinung sagt, dass sie auch den anderen gelten lässt.

Demut, Sanftmut und Geduld sind ja nicht gerade im Trend. Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Wer demütig sein will, darf den anderen nicht von oben herab behandeln oder von vorn herein abtun. Der muss sein Gegenüber ernst nehmen auch wenn er sich vielleicht daneben benommen hat oder eine, wie einem scheint völlig abwegige Meinung vertritt. Echte Demut ist auch nicht nur eine äußere Methode, sondern eine innere Haltung, eine Herzensstellung. Wer wirklich demütig ist, kocht dabei nicht und platzt nicht gleich vor Wut.

Der Demütige muss deshalb noch lange kein Depp sein. Er muss auch nicht immer nachgeben und automatisch unterliegen. Demut kann auch beharrlich sein und zum Ziel kommen. Manchmal dauert es. Manchmal erlebt der Demütige den Erfolg seines Einsatzes nicht mit oder wird dabei verletzt, körperlich oder seelisch, aber auf der Demut liegt Segen undGott führt die Sache der Demütigen.

Demut wird sicher auch immer verbunden sein mit der zweiten Art, die Paulus hier fordert: Sanftmut. Wer freundlich und ruhig sagen kann, worum es ihm geht, kommt ganz anders an. Vielleicht sind da ein paar Konfirmanden, die den ganzen Gottesdienst über gequatscht und nicht zugehört haben oder die man beobachtet hat, wie sie während der Predigt verstohlen mit ihrem Smartphone hantiert haben. Vielleicht bringt ein ruhiges, ein sanftmütiges Gespräch mehr als ein, wie man meint, berechtigter Anschiss.

Manchmal genügt auch schon eine Frage: Du, meinst Du es hilft dir, wenn du hier die Zeit absitzt und gar nicht zuhörst? Auch Gott hat oft mit erstaunlicher Sanftmut mit Menschen geredet, die auf dem falschen Weg waren. Ganz ruhig und ohne Drohung fragt Gott den Kain, nachdem der seinen Bruder Abel erschlagen hat: Kain, wo ist dein Bruder Abel?

Und als der Prophet Jona mit Gott zürnt und beleidigt unter dem verdorrten Rizinusstrauch sitzt und sich ärgert, dass er nun keinen Schatten mehr hat und in der sengenden Sonne sitzen muss, da fragt Gott ihn ganz ruhig und freundlich:Jona, meinst du, dass du mit Recht zürnst?

In den Worten „sanftmütig“ und „demütig“ steckt auch der Begriff „Mut“. Es ist keine Ängstlichkeit oder Feigheit, wenn man sich sanftmütig verhält und demütig auftritt, sondern es gehört eine gute Portion Mut dazu, seine Sache so vorzutragen. Die Angst steckt eher in dem der schreit oder tobt oder heftig reagiert und mit seinem Schreien, Drohen und der lautstarken Entrüstung versucht seine Angst und Unsicherheit zu kaschieren.

Paulus fordert als dritte Eigenschaft, die zur Würde des Christen gehört, dieGeduld. Auch nicht gerade modern. Alles soll sofort geschehen. Warten ist nicht die Stärke des modernen Menschen. Jeder möchte sofort drankommen, zuerst bedient werden. Bei unseren Ausflügen der älteren Generation ist das manchmal ein Problem. Wenn wir zum Mittagessen einkehren, dann haben die einen schon lange ihr Essen, weil sie zuerst bedient wurden, die letzten müssen warten. Manche verkraften das leichter, anderekauen daran, dass sie noch nichts zu beißen haben.

Ein altes Sprichwort sagt: Geduld verlieren heißt Würde verlieren. Als ich das las, musste ich an meine Schulzeit denken, an einen Lehrer, der uns immer wieder mit hochrotem Kopf anbrüllte, weil er die Geduld mit einigen Schülern verloren hatte. Auch wenn Eltern, – vielleicht manchmal verständlich, – mit ihrem Kind die Geduld verlieren und anfangen laut zu schimpfen, bleibt etwas von ihrer Autorität und Würde dabei auf der Strecke. Ein Rätsel lautet: Was kann man verlieren, ohne es je besessen zu haben? – Die Geduld. – Das behauptet man dann einfach entschuldigend: Ich hab eben die Geduld verloren. – Obwohl man sie nie gehabt hat. Wissen Sie, wie das Gebet eines ungeduldigen Menschen heißt? – Herr, gib mir bitte Geduld! Aber schnell!

Betend können wir alle am ehesten Geduld lernen. Wenn wir immer dann, wenn uns etwas zu lange dauert und wir warten müssen, die Wartezeit zum Beten nützen. Wir brauchen alle mehr Geduld miteinander. Die Eltern mit den Kindern – und umgekehrt. Die Frauen mit den Männern – und umgekehrt. Die Lehrer mit den Schülern – und umgekehrt. Wir brauchen Geduld mit der Verwaltung und mit der Regierung, mit dem Chef und den Mitarbeitern. Geduld auch mit den Tieren und Pflanzen. Geduld im Glauben und im Gebet. Jede Ungeduld ist unwürdig. Sie setzt andere unter Druck.

Von einem unbekannten Verfasser stammt folgender Bericht:

„Jahrelang war ich neurotisch. Ich war ängstlich und depressiv und selbstsüchtig. Und jeder sagte mir, ich solle mich ändern. Sie waren mir zuwider und ich pflichtete ihnen doch bei und wollte mich ändern, aber ich brachte es nicht fertig, so sehr ich mich auch bemühte. Was mich am meisten schmerzte, dass auch mein bester Freund mir immer wieder sagte, wie neurotisch ich sei. Ach er wiederholte immer wieder, ich sollte mich ändern. Und auch ihm pflichtete ich bei. Ich fühlte mich so machtlos und gefangen. Dann sagte er eines Tages zu mir: ‚Ändere dich nicht, ich mag dich so, wie du bist!‘

Diese Worte waren wie Musik in meinen Ohren. Und ich entspannte mich und wurde lebendig. Und Wunder über Wunder, ich änderte mich! Jetzt weiß ich, dass ich mich nicht wirklich ändern konnte, bis ich jemanden fand, der mich liebte, ob ich mich änderte oder nicht.“

Das ist das Geheimnis der Liebe Jesu. Er liebt uns so wie wir sind. Er liebt den Zöllner noch bevor der seine Einstellung zum Geld änderte. Er liebt die Ehebrecherin bevor die mit ihrem Geliebten Schluss gemacht hat. Er liebt den Petrus, obwohl er genau weiß, dass der ihn verleugnen wird. Durch seine Liebe macht Jesus es möglich, dass wir anders werden. Paulus gibt genau diesen Rat: Ertragt einer den anderen in Liebe! Das ist die Würde des Glaubens.

Nur durch die Liebe können wir unserer Berufung nach würdig leben. Nur durch die Liebe, mit der Jesus uns zuerst geliebt hat, als da noch lauter Unwürdigkeit, Sünde und Schuld war. Nur wenn wir diese Liebe annehmen, sie uns immer wieder bewusst machen, kann sie uns verändern.

Die Liebe Jesu wird uns dann am deutlichsten, wenn wir unsere Schuld bekennen, wenn wir durch tägliche Reue und Buße bei uns selbst anfangen, werden wir, wie Luther sagt zu neuen Menschen. Zu Menschen die demütig, sanftmütig und geduldig miteinander umgehen können. Nur so werden wir etwas zum Frieden in der Gemeinde beitragen und zur Einigkeit, die dann eine Ausstrahlung hat auf andere. Die einlädt zum Glauben und zum Reich Gottes. Franziskus von Assisi war ein Mensch, der nach seiner Bekehrung dieses Ziel verfolgte und darum immer wieder betet:

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen.
Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung bringen.
Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit schaffen.
Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit verkünden.
Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben wecken.
Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung wirken.
Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht anzünden.
Wo Kummer herrscht, lass mich Freude bringen.

O Herr, lass mich trachten: nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste, nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe,

denn wer gibt, der empfängt,

wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168