Lass mich deine Herrlichkeit sehen

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Predigt am 30.01.2022 in der Kreuzkirche Bayreuth: 2. Mose 34, 29-35

Liebe Gemeinde,

wann haben Sie das letzte Mal so richtig gestrahlt? Ziemlich blöde Frage eigentlich, wenn man immer mit einer Maske im Gesicht rumlaufen muss, gell? Aber manchmal dürfen wir sie ja auch ablegen.

Wir strahlen vor Freude, wenn wir etwas Großartiges erleben, z.B. gerade heiraten oder etwas Besonderes geschenkt bekommen, einen Sechser im Lotto zum Beispiel. Es gibt Menschen, die haben eine enorme Ausstrahlung, um die wir sie insgeheim beneiden. Und eigentlich müssten wir als Gotteskinder auch eine ziemlich beeindruckende Ausstrahlung haben.

Wir sind zum Abbild von Gott geschaffen, zu seinem Gegenüber: »Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau« (1. Mose 1,27). Es ist unsere Bestimmung: vor ihm zu leben, mit ihm

leben, ihn widerzuspiegeln. Seine Wesensart und seine Eigenschaften: Er redet, ich antworte. Ich werde geliebt. Ich liebe. Er ist gut zu mir. Ich bin zu anderen gut. Mir wird vergeben, ich vergebe.

Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht. So heißt es in der Bibel und in einem Lied.

Und doch muss man leider auch sagen: Der erste Glanz ist weg, der erste Lack ist ab! Die Geschichte der ersten Menschen, die im Glanz Gottes leben und diesen Glanz widerspiegeln und der Welt das Gesicht Gott zeigen sollen, nimmt kein gutes

Ende. Als Adam und Eva abends ihren täglichen Termin mit Gott haben, weichen sie ihm eines Tages aus. Sie verstecken sich vor Gott – lächerlich ist das.

Die Fluchtbewegung los von Gott setzt sich fort und wird zum Normalzustand. Von Kain wird erzählt: »So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten« (1. Mose 4,16). Wer den Glanz Gottes verlässt, der muss selbst glänzen. Furchtbar anstrengend ist das, wenn man immer auf sich selbst aufmerksam machen muss, sich selbst inszenieren.

Das nimmt viele Formen an. Bei jungen Leuten kann das so aussehen, dass sie sich selbst fotografieren und die Selfies oder Erlebnisvideos dann auf Instagram oder Tiktok posten.

Sie freuen sich, wenn sie Bewunderung und Anerkennung in Form von möglichst vielen »Likes«, möglichst vielen Daumen nach oben bekommen. Später wird versucht, eine glänzende Karriere hinzulegen oder den Glanz einer perfekten

Wohnung in die eigenen vier Wände zu bekommen. Aber immer wieder mache ich die gleiche Erfahrung: Der alte Glanz ist weg. Wir leben jenseits von Eden. Die erhoffte Anerkennung bleibt aus, die erträumte Karriere will nicht gelingen.

Mose war früher auch jemand gewesen, der sich in seinem eigenen Glanz sonnte. Als Prinz von Ägypten – vielleicht kennen Sie den gleichnamigen Film – stand er im Mittelpunkt der Bewunderung und des Interesses. Es gab nichts, was er sich nicht leisten konnte. Kein Wunsch blieb unerfüllt. Alle Türen standen ihm offen. Doch eines Tages wurde ihm bewusst, dass er von seiner Herkunft her kein Ägypter, sondern ein Hebräer war. Er sah, wie die Juden im Land wie Sklaven behandelt wurden. Er sah mit eigenen Augen, wie einer auf der Baustelle von einem Aufseher halbtot geprügelt wurde. Nun kämpfte er für die Menschenrechte und setzte sich für sein Volk ein. Aber das ging schief. Mose wird zum Mörder und muss fliehen. In Midian muss er 40 Jahre lang Schafe hüten. Aber dann ruft ihn Gott. Gott macht ihm deutlich: »Jetzt bekommst du eine neue Aufgabe. Ich will aus deinem Leben etwas machen. Du sollst dich dem Pharao von Ägypten entgegenstellen und mein Volk in die Freiheit führen.«

Es ist nun bewegend zu sehen, wie Gott aus einem verstoßenen Königssohn jemand Großes machen kann. Wir meinen immer, wir müssten selbst etwas Großes aus unserem Leben machen. Aber Gott sagt: »Ich lege den Glanz in dein Leben hinein. Durch mich sollst du glänzen.«

Tatsächlich gelingt es Mose, die Israeliten zu befreien. Sie sind unter seiner Führung unterwegs. Durch die Wüste geht es auf dem Weg in ein neues, von Gott verheißenes Land. Sie kommen zum Berg Sinai. Das Volk lagert sich dort, und Mose verlässt das Volk, um auf dem Berg Gott zu begegnen und die Gebote und Ordnungen für das Volk entgegenzunehmen. Als er nach längerer Zeit mit den Gebotstafeln in der Hand wieder zurückkommt, muss er sehen, wie sein Volk Götzendienst betreibt. Sogar sein eigener Bruder Aaron ist dabei. Sie haben sich einen Stier aus Gold gemacht. Sie tanzen um das Standbild, verehren es als Gott. Mose ist entsetzt und zornig. Er will alles hinschmeißen und tut es auch mit den Gebotstafeln.

Aber dann hat Gott ihn noch einmal auf den Berg gerufen. Es kommt zu einer ganz besonderen Gottesbegegnung. Mose muss sich in eine Felsspalte stellen, und Gott zieht dann in seiner Herrlichkeit an ihm vorüber. Mose darf hinter Gott hersehen und die große Güte und Freundlichkeit Gottes erkennen. Voller Staunen ruft er aus: »HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde« (3. Mose 34,6). Was für ein Wunder, nach all dem, was das Volk Israel verbockt hat!

Ja, diese Barmherzigkeit, Geduld und große Gnade und Treue gilt auch dir. Ich darf dir das zurufen: Gott wird seine ganze Macht in deinem Leben wirksam werden lassen. Da, wo du versagt hast, wo du ganz unten bist, da, wo der erste Lack ab ist und jeder Glanz von dir gewichen ist, da, wo du gescheitert bist, da brauchst du nicht aufgeben. Ich bitte dich: gib nicht auf im Glauben. Bleib Gott treu, weil er dir treu bleibt. Auch wenn es vielleicht im Moment gar nicht so aussieht in deinem Leben: Gott kommt noch zum Zug bei Dir. Auch du darfst noch Gottes Herrlichkeit sehen!

Und nun erlebt Mose die Herrlichkeit Gottes in seinem Leben. Alles beginnt mit

einer großen Sehnsucht. Mose bittet Gott: »Lass mich deine Herrlichkeit sehen.« Nicht mehr mein eigener Glanz und meine eigene Herrlichkeit sollen strahlen. Ich möchte, dass dein Glanz und deine Herrlichkeit mich anstrahlen. Und dann kommt es zu dieser Begegnung mit Gott. Mose hat Gemeinschaft mit Gott. Er redet mit Gott, und Gott redet mit ihm. Gott stellt ihn auf einen Felsen. Er hat wieder guten Grund unter den Füßen. Er stellt ihn in eine Felsenhöhle und gibt ihm Schutz und Geborgenheit, und dann zeigt er ihm, wer er ist.

Schließlich steigt Mose wieder vom Berg herunter und kommt zu seinem Volk. Nun steht er

vor ihnen, die zweite Ausfertigung der Gesetzestafeln in der Hand und Mose strahlt! Hier setzt unser Predigttext ein: 2. Mose 34, 29-35:

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.

30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Was für eine Ausstrahlung muss Mose gehabt haben. Von ihm geht ein Leuchten aus, so stark, dass die Israeliten diesen Anblick kaum ertragen können. Später muss Mose sogar sein Gesicht mit einem Tuch verhüllen, damit die Israeliten den Glanz ertragen können.

Das Überraschende: Mose merkt nicht einmal, dass er so sehr strahlt. Das alles kommt so wenig von ihm selbst, sondern so sehr von Gott, dass er seine Wirkung nicht einmal bemerkt. Und dann richtet Mose ein Zelt ein. Er nennt es »Zelt der

Begegnung«. Es ist ein Zelt der Begegnung mit Gott. Immer wieder läuft Mose dorthin, um die Begegnung mit Gott zu suchen. Und immer, wenn er dort war, wird der Glanz, der von ihm ausgeht, erneuert.

Mehr als tausend Jahre später erleben viele Menschen Ähnliches, wie die Israeliten

damals. Sie erleben es durch Jesus. Begeistert berichten sie später: »Wir sahen seine Herrlichkeit« (Joh 1,14). Und auch: »Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne« (Mt 17,2). Wie damals Mose steigt jetzt Jesus auf einen Berg, wir haben es in der Schriftlesung gehört. Er nimmt drei seiner Jünger mit: Petrus, Jakobus und Johannes. Jesus redet mit seinem himmlischen Vater und betet. Auf einmal wird seine Gestalt verklärt. Sein Körper leuchtet. Er ist eingetaucht in den Glanz eines überirdischen Lichtes. Interessant: Auch Mose ist dabei. Mose und Elia treten aus der unsichtbaren Welt Gottes hervor und begegnen Jesus.

Es ist alles ganz ähnlich wie damals und doch ganz anders. Jesus erhält kein neues Gesetz, sondern er begründet eine neue Beziehung. Die Jünger, die ihn begleiten, erstarren nicht vor Furcht. Sie zeigen große Freude und Begeisterung. Am liebsten wollten sie die Momente hier festhalten und für immer an diesem Ort bleiben. Jesus muss sich nicht verhüllen, sondern kann sich offen zeigen. Sie

sahen seine Herrlichkeit: Und dann sehen sie sie immer wieder. Wie er Kranke heilt, Tote vom Tod auferweckt, die Naturgewalten beherrscht und Sünden vergibt. Welch ein Glanz!

Und wie können wir so etwas erleben? Es geht ganz ähnlich wie damals bei Mose und damals bei Jesus. Am Anfang steht die Sehnsucht nach der Herrlichkeit, die von außen kommt. Die Sehnsucht: »Herr, ich möchte in neuem Glanz erstrahlen.«

Mose hat gebeten: »Herr, lass mich deine Herrlichkeit sehen.« Die Jünger äußerten die Bitte: »Herr, zeige uns den Vater.«

Seinen Jüngern antwortet Jesus: »Schaut mir ins Gesicht! Wer mich sieht, der sieht den Vater« (Joh 14,9). Und dann sehen wir Jesus an. Blicken auf ihn als Gekreuzigten jetzt ganz besonders in den kommenden Wochen der Passionszeit. Wir erkennen: der da hängt, leidet die größte Not, damit ich gerettet werde! Der da hängt, leidet so eine große Not, dass all meine kleinen und großen Nöte in dieser seiner Kreuzesnot locker ihren geeigneten Platz finden und gut aufgehoben sind.

Und dann sehen wir Jesus an. Blicken auf ihn als den Segnenden. Überlebensgroß hier in der Kreuzkirche. Nur ein Kunstwerk, aber was für eines! Der Gekreuzigte, schaut hier noch die Nägelmale, auferstanden und segnend steht er vor dir. Sieht dich an. Segnet dich, d.h. nichts anderes als benedicere: Er sagt Gutes über Dich. Kannst Du dir das vorstellen: Gott sagt Gutes über dich!! Er weiß genau, dass dein erster Lack ab ist, dein Glanz längst stumpf und matt. Aber in seinem Licht darfst du neu glänzen. Du kommst ganz neu zum Leuchten. Nicht aus dir selbst heraus. Sondern weil Gottes Gnadenlicht auf dich fällt. Der Glanz der Herrlichkeit Gottes liegt auf dir. Du merkst das oft nicht einmal, denn es kommt nicht von dir selbst, sondern von ihm. Aber die anderen sehen es und bemerken es. Jesus sagt dazu: »Ihr seid das Licht der Welt, du bist das Licht der Welt. Du strahlst. Du strahlst mich und mein Wesen aus in die Welt hinein.«

Liebe Gemeinde, durch Christus seid ihr Lichtträger, ob ihr es merkt oder nicht! Durch Christus, nicht durch dich. Aber durch ihn ganz! Jetzt verdunkle diesen Glanz nicht wieder mit deinen blöden Selbstzweifeln, Hemmungen oder andersherum mit deinem Hochmut!

Wie können wir wieder zurückfinden zu unserer eigentlichen Bestimmung, nämlich »Bild Gottes sein und seine Herrlichkeit widerspiegeln«? Das geschieht, wenn wir vor den gekreuzigten und auferstandenen, segnenden Christus treten. Wo wir dem Herrn alles bringen, unsere Not, unseren Ungehorsam, unsere Sünde. Wo wir erleben, wie er alles wegnimmt. Manchmal sind es gerade kranke und schwache Menschen, die ganz vom Glanz der Herrlichkeit Gottes erfüllt sind. Sie merken gar nicht, wie von ihnen ein Glanz ausgeht. Aber andere merken es und sagen: »Der hat mir entscheidend geholfen. Der hat mir den Weg gezeigt zu Jesus.«

Es gibt viel Versagen in der Kirche, gerade auch in der Organisation Kirche. Das ist erschreckend, in der katholischen Kirche ganz aktuell, aber wir Evangelischen haben kein Recht, unsere Hände in Unschuld zu waschen. Es gibt so viel Versagen in der Kirche! Aber da, wo Menschen Gottes Herrlichkeit entdeckt haben und davon erzählen, da ist Erweckungszeit. Da, wo wir in der Not und Traurigkeit, in der wir sind, in die Not und den Jammer des Lebens diese Herrlichkeit hineinscheinen lassen, da werden andere staunen, wie ein Lichtschein in die Welt fällt. In einem Lied, das wir gleich singen, heißt es: „Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht! Gebe es Gott, dass dies heute hier geschehen ist. Amen.

 

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168;

E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de