Komm heraus, es ist Ostern! Du musst nicht traurig sein!
Zur PDFPredigt Joh. 20, 11-18 am Ostersonntag, 20.04.2025, Kreuzkirche Bayreuth
Liebe Gemeinde,
von dem Jubel des gerade gehörten Osterliedes ist unser Predigttext weit entfernt. Da hören wir von Maria von Magdala. Es ist nicht die Mutter Jesu. Nein, diese Maria stammt aus dem kleinen Ort Magdala am Westufer des Sees Genezareth. Eines Tages wird sie von Jesus auf wunderbare Weise geheilt. Als sie schließlich durch Jesus gesund wird, ist ihre Dankbarkeit so groß, dass sie Jesus mit einigen anderen Frauen nachfolgt. Die Verbundenheit zwischen Jesus und ihr ist so tief, dass Maria selbst in der Stunde seines schrecklichen Todes nicht von seiner Seite weicht. So kehrt sie drei Tage nach seinem Tod und Begräbnis noch einmal zu seinem Grab zurück, um endgültig Abschied zu nehmen von ihrem geliebten Meister. Wir lesen im Johannesevangelium Kapitel 20:
Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen Engel dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Die Engel sagten zu ihr: „Frau, warum weinst du?“ Sie antwortete ihnen: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Jesus sagte zu ihr: „Maria!“. Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: „Rabbuni!“ – das heißt: (Mein) Lehrer. Jesus sagte zu ihr: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: ‚Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.‘!“ Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen.“ Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte.
Ich möchte über diese Predigt eine ganz einfache, aber grundlegende Frage stellen: Was bedeutet Ostern, liebe Gemeinde? Was ist die Botschaft von Ostern?
Zur Beantwortung der Frage, möchte ich Ihnen eine kurze Geschichte erzählen, die von dem Schweizer Theologen Karl Barth erzählt wird. Karl Barth ging in seiner Heimatstadt Basel immer wieder ins Gefängnis, um dort zu predigen und Gottesdienste zu feiern. Mit Genehmigung der Gefängnisleitung besuchte er die Gefangenen auch in ihren Zellen. Mit der Zeit lernte Karl Barth viele der Häftlinge besser kennen, ihre Namen und ihre Schicksale. Und so kam Karl Barth auch an einem Ostersonntag ins Gefängnis. Als sich die Gefangenen zum Gottesdienst versammelten, da fiel Karl Barth auf, dass einer fehlte. Er ließ alle anderen warten und sagte: âIch muss zuerst diesen Mann besuchen.â Ein Aufseher brachte ihn in den langen Gang mit den vielen Eisentüren. Als er durch das Guckloch in die Zelle hineinschaute, sah er den Gefangenen auf dem Bett sitzen, das Gesicht in den Händen vergraben. Karl Barth ließ sich aufschließen, ging hinein und legte dem überraschten Mann den Arm um die Schultern. Er sagte: âDu Paul, heute ist Ostern, da musst du nicht traurig sein, komm mit!â Das ist sie, die Osterbotschaft in Kürze: Heute ist Ostern, da musst du nicht traurig sein, komm mit! â Ja, du, der Du hier in deiner Kirchenbank sitzt: Komm raus aus deiner Zelle, in der du einsam und allein bist. Du musst nicht gefangen bleiben in deiner Traurigkeit. Die Tür, die der Tod verschlossen halten will, ist aufgebrochen und steht weit offen. Wir dürfen in die Freude kommen, die Gott uns an Ostern schenkt. Das hat Karl Barth damals verkündigt und das wollen auch wir heute hören. Aber wir wissen auch, dass die Traurigkeit sich nicht so einfach vertreiben lässt. Es tut gut, wenn jemand in unsere Einsamkeit kommt â so wie damals Karl Barth in die Gefängniszelle. Es ist wichtig, dass uns die Freudenbotschaft von Ostern verkündigt wird. Aber nach dem Gottesdienst musste der Häftling Paul eben doch wieder zurück in seine Zelle. Und wenn nachher der Gottesdienst vorbei ist, dann bleiben wir trotz Ostern getrennt von den Menschen, die wir in letzter Zeit hergeben mussten; dann spüren die Angehörigen den Schmerz über den Verlust. Oder wir tragen an anderen schweren Lebenserfahrungen und haben Sorgen, Krankheiten, Berufs und Geldnöte oder manches andere. All das kann uns schmerzen.
Schmerz spürte auch Maria von Magdala. Sie hatte erlebt, dass Jesus Leben schenken konnte. Nicht nur ihr Leben war durch ihn ein neues geworden, er hatte sogar Tote aus dem Grab gerufen: Lazarus, komm heraus. Aber jetzt â jetzt war alles vorbei, er war tot und niemand konnte ihn aus dem Grab rufen. Ja, nicht einmal der tote Jesus war ihr geblieben. Der Leichnam war weg. Der Verlust, der Schmerz, die Trauer â sie machten ihr Herz schwer, alle Hoffnung, das neue Leben, alles war dahin. Wie Paul in der Zelle, sitzt sie versunken in ihren Händen, versunken in ihrer Traurigkeit am Grab von Jesus und weint. Sie ist so gefangen in ihrer Trauer, dass sie weder die zwei Engel noch Jesus selbst erkennt. Kein Erschrecken, kein Erstaunen überkommt sie – was sonst immer erzählt wird, wenn Menschen Engel sehen. Die weißen Kleider fallen ihr nicht auf. Woher diese Engel auf einmal kommen, was sie dort zu suchen haben, das ist überhaupt kein Problem für sie. Maria hört nur die eine Frage, die die Engel ihr stellen: „Frau, warum weinst du?“
Das ist eine Frage, die sie zwingt ihren Schmerz auszusprechen. Und so antwortet sie: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Diese Frage bewahrt Maria davon sich ganz in Tränen aufzulösen. Denn jetzt muss sie sprechen. Jetzt muss das Unsagbare in Worte gebracht werden. Und damit wird es eingegrenzt. Es kann nicht mehr die ganze Seele überschwemmen. Maria spricht ihre schlimme Vermutung aus: âjetzt ist Jesus nicht nur tot, sondern sie haben auch noch seinen Leichnam gestohlen.â
Von einer Antwort der Engel wird nichts berichtet. Sie sind erstaunlich ruhig, obwohl sie Boten Gottes sind. An dieser Stelle wird mir deutlich, dass eine Engelbegegnung nie die Begegnung mit Gott ersetzen kann. Viele Menschen glauben heute an Engel und ich freue mich, dass wir so verkopften Menschen wieder lernen, an Engel als Wesen aus einer jenseitigen Welt zu glauben. Aber sie können und dürfen in unserem Glauben nie an die Stelle Gottes treten und ihn ersetzen. Engel sind mächtige Boten Gottes, aber nie Gott selbst. Und so geschieht die entscheidende Lebenswende bei Maria nicht durch die Engelbegegnung, sondern in dem sie sich umwendet und jemand ganz anderes sieht.
Mit diesem Umwenden nimmt die ganze Geschichte eine Wendung. Damit aus der Trauer Freude wird, damit aus dem Schmerz Kraft wird, braucht es eine solche Wende. Eine Abwendung vom Alten und eine Hinwendung zum Neuen. Maria muss sich abwenden von dem Ort, an dem sie Jesus sucht. Sie muss sich abwenden von der Vergangenheit, und muss sich dem Ort zuwenden, an dem das Neue, die Zukunft sie erwartet. Aber sie erkennt sie noch nicht. Einige Momente später wird sich Maria noch einmal umwenden. Die Bewegung vom Alten weg zum Neuen hin wird nicht auf einmal vollzogen, es gibt noch ein paar Mal ein Zurückfallen in das Alte, es braucht einige Anläufe, bis eine solche Umwendung zum Neuen, bis der Umschwung vollzogen ist. Jeder Trauernde kennt dieses Zurückfallen in den alten Schmerz, dieses unheimlich kraftaufreibende Auf und Ab der Gefühle.
Maria wendet sich um und sieht hinter sich einen Mann. Es ist Jesus, aber sie erkennt ihn zunächst nicht. Die Überwindung der Trauer und des Schmerzes steht schon neben ihr, aber sie erkennt ihn noch nicht. Sie ist noch gefangen in ihrem Schmerz. Sie sucht Jesus noch im Grab bei den Toten, und dabei steht er als der Lebendige neben ihr.
Es geht uns doch oft so: Das Rettende ist schon geschehen, aber wir sehen es noch gar nicht. Der Tod ist schon besiegt, aber unser Herz weiß noch nichts davon. Vielleicht ist das die Grundsituation unseres Menschseins und unseres Christseins überhaupt: Dass wir zwar glauben und bekennen, dass Gott da ist, dass er uns neu macht, dass nichts uns trennen kann von seiner Liebe und Güte, auch nicht der Tod – dass wir dies zwar sagen und denken, dass wir es aber noch nicht sehen. Dass wir es noch nicht mit unserem Herzen begriffen haben. Dass die Angst und die Sorge, die Trauer, der Schmerz und die Enttäuschung uns im Griff hat und unsere Augen gehalten sind. Aber in Wirklichkeit ist Gott bereits da. Hat sich Gott als stärker erwiesen. Ist der Tod schon besiegt und aller Grund zu Angst und Sorge im Horizont der Ewigkeit bereits überwunden. In Wirklichkeit trägt Gott unser Leben, ist mit uns, vergibt uns. In Wirklichkeit ist Gott da in all unseren Lebensbezügen, aber wir sehen ihn noch nicht. So wie Maria den auferstandenen Jesus neben sich noch nicht sieht.
Und noch einmal wird Maria gefragt – jetzt von Jesus: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Da ist kein ungeduldiges Drängen: „Maria, erkennst du mich denn nicht?“ „Hier Maria, schau wer vor dir steht!“ Jesus hat Geduld. So hat auch Gott Geduld mit uns. Wenn unser Herz ihn noch nicht sieht, wenn unsere Angst und unsere Traurigkeit noch größer ist als unser Glaube und unser Vertrauen, Gott hat Geduld mit uns. Er hält es aus, dass wir ihn noch nicht sehen. Aber er ist trotzdem schon bei uns. Und so kann Maria ihren Schmerz noch einmal aussprechen. Sie darf die sein, die rückwärtsgewandt ist. Sie darf noch einmal zu diesem Mann sagen, den sie für einen Gärtner hält: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Maria darf noch am Alten hängen. Denn wie soll sie auch von sich aus die Kraft finden, das Neue zu sehen?
Wie sollen wir denn auch von uns aus die Kraft finden, den Durchbruch zur Freude zu schaffen von all dem, was uns vielleicht belastet? Das geht nicht und das verlangt Gott darum auch von uns nicht. Wir dürfen traurig sein, wir dürfen unsere Angst und unsere Sorgen, unsere Zweifel aussprechen. Wir dürfen Gott unser Leid klagen und ihm unsere Wünsche sagen. Auch wenn Gott bereits neben uns steht und schon lange dabei ist, uns zu helfen. Auch wenn der Grund zur Freude bereits geschaffen ist.
Und dann, während wir noch dem Alten verhaftet sind, während wir nur das Vergangene sehen, geschieht es auf einmal, dass Gott zu uns spricht. „Maria“ sagt Jesus. Ganz einfach nur „Maria“ Aber er sagt es nicht im Befehlston. Sondern liebevoll freundlich und zugewandt. Es ist so, als wenn Jesus zu Maria sagt: âMaria, heute ist Ostern, du musst nicht traurig sein. Komm mit. Komm heraus aus dem Grab, aus deiner Trauer, deinem Schmerz. Komm mit ins Leben â Ich habe den Tod überwunden. Ich lebe â und du sollst auch leben!â
Als Maria ihren Namen hört, ist sie herausgeholt aus ihrer Angst, aus ihrem Schmerz, aus ihrer Verhaftung in der Vergangenheit. So ist es, wenn Gott uns persönlich anspricht. Dann bekommen wir eine neue Sicht auf die Dinge.
Maria kommt heraus aus ihrem Strudel der Traurigkeit, sie will zu Jesus, ihn festhalten. Aber das geht nicht, Jesus lässt sie nicht: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria kann Jesus nicht festhalten. Es ist nicht mehr alles beim Alten. Und das Neue ist zu groß zum Umarmen. Wer könnte den lebendigen Gott, den Schöpfer und Erlöser unserer Welt einfach einfangen oder gar festhalten? Das sprengt unsere Grenzen. Gott bleibt Gott und Mensch bleibt Mensch. Wir kommen nur zusammen durch Glauben und Vertrauen.
Die Rettung und Hilfe auch in unserem Leben ist nicht einfach die Wiederbelebung des Alten. Wir müssen es lernen, uns auf neue Wege einzulassen. Der lebendige Jesus ist jetzt ein anderer. Er muss den Weg zum Vater antreten. Er muss eingehen in die Wirklichkeit Gottes, damit er allen Menschen da sein kann für alle Zeiten. Maria darf Jesus nicht festhalten, sie muss Abstand zu ihm wahren. Nur so kann sie ihn neu gewinnen.
Und schließlich bekommt Maria einen Auftrag: „Geh hin zu meinen Brüdern …!“, sagt Jesus zu ihr. Jetzt, wo sie herausgeholt ist aus der Verhaftung an die Vergangenheit, jetzt, wo der Schmerz und der Verlust eine neue Perspektive bekommen haben, jetzt, wo sie Jesus neu gewonnen hat, kann ihr Leben einen neuen Inhalt, einen neuen Sinn bekommen. „Geh hin …!“ Geh hin zu diesen verstörten Männern, die voll Schmerz und voll Verzweiflung sind, die von Gewissensbissen geplagt sind, weil sie mich verraten und im Stich gelassen haben und sage ihnen: „Jesus lebt und für ihn seid ihr immer noch seine Brüder. Er hat euch eure Feigheit, euer Weglaufen vergeben.“
Die Jünger werden es noch nicht glauben können. Aber es wird der Anfang einer Wende sein. Marias Leben und das Leben der Jünger bekommen wieder ein Ziel und eine Richtung.
Und so wird es auch uns gehen, wenn Gott unsere Traurigkeit und unseren Schmerz heilt, wenn er uns herausruft aus dem, was uns hier und da niederdrückt. Wenn Jesus heute auch ganz persönlich zu Dir sagt: âDu, heute ist Ostern, du musst nicht traurig sein, komm mit!
Dann werden auch wir zu seinen Boten. Dann werden auch wir zu Zeugen dafür, dass Gott stärker ist als alles, was uns manchmal fertig macht. Es gibt Menschen, die trotz schwerer Schläge, die ihnen das Leben zugefügt hat, nicht in Bitterkeit verfallen sind, sondern etwas von der Auferstehungshoffnung verkörpern. Menschen, die ohne viele Worte und Taten, einfach mit ihrer Art und ihrem Wesen Zeugnis dafür ablegen, dass Gott da ist, mit uns geht und stärker ist als alles, was unser Leben zerstören will.
Liebe Ostergemeinde, seit dem Ostermorgen können wir darauf bauen, dass Gott da ist und mit uns ist – auch wenn wir ihn noch nicht sehen. Seit dem Ostermorgen können wir darauf vertrauen, dass Gott uns immer wieder bei unserem Namen rufen wird, uns herausrufen wird aus unserem Schmerz und unserer Verzweiflung, dass er uns einen Weg in die Zukunft eröffnet.
Vielleicht können wir das noch nicht sehen, vielleicht sind unsere Augen noch gehalten, so wie es bei Maria war. Aber wir werden es erleben. Jetzt schon in unserem Alltag. Und auch einmal bei unserem Sterben. Ein erfahrener Christ wurde einmal gefragt: âSag mal, hast du denn gar keine Angst vor dem Tod?â Und er gab zur Antwort: âAber natürlich habe auch ich manchmal Angst vor dem Tod. Natürlich zittere auch ich manchmal beim Gedanken an den Tod. Aber ich stehe auf einem Felsen â und dieser Felsen zittert nicht!â Denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.
Bei Anregungen oder Rücckfragen: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de