Kann es sein, dass Gott sich von deinen Gebeten abwendet?
Zur PDFBuß- und Bettag,
19.11.2014, Jesaja 1, 10-17
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören
Das für heute bestimmte Schriftwort für die Predigt lenkt unseren Blick zunächst zurück in die Zeit des Propheten Jesaja, der vor über 2700 Jahren dem Volk Israel in Jerusalem im Namen und Auftrag Gottes eine aufrüttelnde Bußpredigt hielt. Sie ist im 1. Kapitel seines Buches aufgezeichnet. Ohne lange Vorrede. Es geht gleich richtig zur Sache:
Ihr Führer des Volkes gleicht den Fürsten Sodoms. Hört, was der Herr euch zu sagen hat! Und ihr vom Volk seid wie die Einwohner Gomorras; achtet genau auf die Weisung unseres Gottes.
Der Herr fragt: „Was soll ich mit euren vielen Opfern anfangen? Ich habe genug von euren Schafböcken und dem Fett eurer Mastkälber; das Blut eurer Opfertiere ist mir zuwider, sei es von Stieren, Ziegenböcken oder Lämmern.
Ihr kommt zum Tempel und denkt: ’Hier ist Gott gegenwärtig.’ Doch in Wirklichkeit zertrampelt ihr nur meinen Vorhof. Wer hat euch das befohlen?
Hört endlich mit diesen nutzlosen Opfern auf! Ich kann euern Weihrauch nicht mehr riechen. Ihr feiert bei Neumond und am Sabbat, ihr kommt zu den Festen zusammen, aber ich verabscheue sie, weil ihr an euren Sünden festhaltet.
Darum hasse ich alle diese Festversammlungen! Sie sind mir eine Last, ja sie sind unerträglich für mich.
Streckt nur eure Hände zum Himmel, wenn ihr betet! Ich halte mir die Augen zu. Betet, so viel ihr wollt! Ich werde nicht zuhören, denn an euren Händen klebt Blut.
Wascht euch, reinigt euch von aller Bosheit! Lasst eure Gräueltaten, hört auf mit dem Unrecht!
Lernt wieder Gutes zu tun! Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, tretet den Gewalttätern entgegen, und schafft den Waisen und Witwen Recht!“
So spricht der Herr: Kommt, wir wollen miteinander verhandeln, wer von uns im Recht ist, ihr oder ich. Euere Sünden sind blutrot und doch sollt ihr schneeweiß werden. Sie sind so rot wie Purpur und doch will ich euch reinwaschen, wie weiße Wolle.
Wenn ihr mir von Herzen gehorcht, dann könnt ihr wieder die herrlichen Früchte eures Landes genießen.
Wenn ihr euch aber weigert und euch weiter gegen mich stellt, dann werdet ihr von euren Feinden umgebracht. Darauf gebe ich, der Herr, mein Wort.
Klare Worte! Zum Glück nicht an uns. Oder doch? Wir stehen vor diesen Worten des Propheten Jesaja wie vor einem Schaukasten im Museum, in dem uns Dinge aus längst vergangener Zeit dargestellt werden. Um Opfertiere geht es da und ihr Blut, Stiere, Schafe, Ziegen, das Fett von Mastkälbern, um Weihrauch und Neumondfeste. Was wir da sehen und hören weckt allenfalls historisches Interesse.
Wir blicken durch das Sicherheitsglas von 2700 Jahren Geschichte in die Vergangenheit eines fremden Volkes und auf die Rituale einer Religion, die uns zwar bekannt ist, von der wir aber nicht viel wissen und deren Bräuche uns fremd sind.
Wir sehen und hören Erschütterndes. Der Prophet entfernt im Auftrag Gottes den frommen Schleier von den Gottesdiensten und Feiertagen, von den religiösen Gewohnheiten seiner Zeitgenossen. Alles wird in Frage gestellt. Feierliche Musik, schöne Gewänder, fromme Liturgien, große Opfer, Gottesdienste und Tempelbesuch.
Gott lehnt das alles ab. Aber warum denn nur? Will er nicht, dass Menschen zum Tempel kommen? Feiern sie nicht um seinetwillen Gottesdienste? Freut er sich denn nicht an den Lobliedern zu seiner Ehre und an der geistlichen Musik? Warum sieht er die Opfer und Dankesgesten der Gläubigen so unfreundlich an? Was macht ihn so zornig?
Das alles ist nicht echt. Es geht nicht in die Tiefe, hat keine Auswirkungen. Es passt nicht zum Leben im Alltag, wie man miteinander umgeht, wie man lebt, wie man redet, wie man denkt. Das ist so weit weg von dem, was Gott den Menschen aufgetragen hat, dass er sich weigert sich von solchen Leuten ehren und besingen, opfern und anbeten zu lassen. Er hält gar nichts von dieser aufgesetzten Frömmigkeit. Gott begnügt sich nicht damit, dass über ein gottloses Leben ein frommes Mäntelchen gehängt wird. Der heilige und gerechte Gott lässt sich nicht mit dem Blut von Opfertieren kaufen und Weihrauch vernebelt ihm nicht den Blick für soziale Ungerechtigkeit, Ausbeutung und sittliche Verwahrlosung.
Da muss wohl manches im Argen gelegen haben. Witwen und Waisen werden genannt, Menschen, die damals ganz unten waren in der sozialen Rangordnung. Macht wurde missbraucht, Amtsträger waren käuflich, es wurde gelogen und betrogen, Gewalt geübt und das Recht gebeugt. Anderen Religionen und heidnischen Kulten gegenüber war man sehr tolerant und interessiert. Die Gebote Gottes spielten im täglichen Leben eine untergeordnete, manchmal gar keine Rolle.
Wir blicken durch diese dicke Scheibe der Geschichte in die Zeit des Propheten Jesaja und sehen viel Befremdliches und Abstoßendes. Plötzlich aber geht das Licht in dieser Vitrine aus und ich stehe vor der dunklen Scheibe. Wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann nicht erkennen, was dahinter ist. Aber ich sehe plötzlich mich ganz deutlich, mein Gesicht im Spiegelbild der dunklen Scheibe und die Worte des Propheten aus vergangener Zeit klingen mir noch in den Ohren.
Wie ist das mit dir? Feiertage – Liturgien – Gottesdienste – fromme Versammlungen -Spenden – schöne geistliche Lieder – Gebete und Andachten, passt das alles zusammen mit deinem Leben? Da sind wohl viele fromme Worte, aber halten die Alltagsgespräche, der Umgang mit anderen, dein Verhalten und Denken, was die frommen Worte versprechen? Kann es sein, dass Gott sich auch von deinem Gesang und von deinen Gebeten abwendet? Womit ziehst du dir seinen Widerstand, ja vielleicht sogar seinen Zorn zu? Hält Gott sich bei unseren Gebeten auch die Ohren zu, weil wir an einem Unrecht festhalten, weil wir von einer Sünde nicht lassen wollen? Wenn ich den Eindruck habe, dann muss ich darum beten, dass Gott mir das zeigt. Mich kritisch am Wort Gottes prüfen.
Am Buß- und Bettag – und hoffentlich nicht nur an diesem Tag – sind selbstkritischen Fragen durchaus angebracht. Fragen an uns selbst, an meine Art zu leben, Fragen an meinen Glauben. Es geht hier gar nicht um die Schaufenster der Geschichte, sondern um unser Spiegelbild. Wer bin ich? Wo stehe ich in meinem Leben, in meinem Glauben. Wie stehe ich vor Gott?
Buß- und Bettag ist kein alter Hut, unter dem einige wenige Fromme in ihren religiösen Gefühlen baden, sondern dringend notwendige Mahnung zur Umkehr und zum Neubeginn.
Wenn den frommen Worten keine konkreten Taten folgen, dann will Gott sie nicht hören, Es sei denn, es erfolgt Umkehr. Dann ist Vergebung möglich und Gottes Zorn weicht.
Genauso gewaltig wie Gottes Schöpfermacht und sein Gericht ist auch seine Vergebungsmacht. Alle, die an ihn glauben sollen nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Dafür hat Gott seinen Sohn gegeben aus Liebe. Wo aber solche echte Reue, echte Buße da ist, und wirklich Vergebung geschenkt wird, da ist immer auch noch etwas anderes da: Der Wille zur Verhaltensänderung. Neuausrichtung an Gottes Geboten.
Vergebung ist nicht so etwas wie die fromme Müllabfuhr. Müllmänner kommen regelmäßig alle zwei Wochen, bis dahin kann die Tonne wieder randvoll sein. Sie wird geleert, schließlich bezahle ich ganz ordentlich dafür, also habe ich auch einen Anspruch darauf. – Auf Gottes Vergebung habe ich keinen Anspruch. Ich habe nichts dafür bezahlt und ich kann nichts dafür bezahlen. Ein anderer hat für mich bezahlt, mit seinem Leben und mit seinem Blut. Es war nicht das Blut von unschuldigen Opfertieren, sondern das Blut des unschuldigen Gottessohnes Jesus Christus. Er hat bezahlt, einmal für alle, ein für alle Mal, auch für mich. Aber das gibt mir nicht den Freibrief, so weiterzumachen. Gott will verändern, erneuern, befreien zu einem neuen Leben, in dem die Sünde nicht herrscht. Es geht ihm nicht nur um die Beseitigung des Sündenmülls, sondern um zukünftige Vermeidung.
Wer gelogen hat, soll nicht mehr lügen. Wer gestohlen hat, soll nicht mehr stehlen. Wer mit Gedanken, Worten oder in der Tat die Ehe gebrochen hat, soll in Zukunft treu sein. Wer lieblos, hart, gemein war, soll sein Gegenüber achten und ernst nehmen. Wer Gottesdienst, Gebet, Bibellese vernachlässigt und Feiertage nur als eine Summe freier Tage angesehen hat, der soll sie ab sofort wirklich heiligen. Wahre Buße zielt doch nicht nur auf kurzfristige Befreiung von Schuld, sondern immer auf langfristige Besserung, auf Umdenken und Gehorsam Gott gegenüber, auf den neuen Menschen.
Das gilt auch, wenn ich weiß, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe, immer lieb, treu, ehrlich, freundlich zu sein und nach dem Willen Gottes zu leben. Auch Martin Luther bittet am Ende seines Beichtgebets, das wir nachher miteinander beten werden: „du wollest mir alle meine Sünden vergeben und zu meiner Besserung deines Geistes Kraft verleihen.“
Ohne Kraft des Heiligen Geistes kann nichts besser werden, ohne Heiligen Geist ist Gehorsam gegenüber Gott nicht möglich. Das Vollbringen des Guten wird nur mit seiner Hilfe und unter seinem Einfluss gelingen.
Für Viele hat die höchste Autorität nicht mehr Gott und seine Gebote, sondern der eigene Wille, das eigene Ich. Man sagt nicht mehr Mein Gott, sondern wenn überhaupt, Ein Gott. Dieser Gott scheint vielen Menschen verfügbar. Er wird diskutiert, ignoriert und kritisiert. Manchmal sogar degradiert und verantwortlich gemacht für Leid und Ungerechtigkeit, die sich Menschen gegenseitig zufügen. Er wird vereinnahmt und vereinheitlicht für alle Religionen. Allah, Gott, Christus, Maria, Buddha und wie sie heißen. Sie oder ihre Symbole stehen nebeneinander in derselben Schrankwand.
Das erste Gebot zählt in unserer Gesellschaft nicht mehr. Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Wir sind nicht mehr christliche, sondern plurale und multikulturelle Gesellschaft. Das Leben ist nicht mehr in jedem Fall heilig, es darf angetastet und ausgelöscht werden, wenn die Umstände es zu erfordern scheinen, zwar nicht bei Verbrechern, wohl aber bei ungeborenen Kindern und schwerkranken Menschen. – Die Ehe zwischen Mann und Frau gilt nicht mehr als einzige von Gott gesegnete gemeinsame Lebensform. Die Heilige Schrift ist nicht mehr Wort Gottes, dem nichts hinzugefügt und von dem nichts weggenommen werden darf. Man wählt aus, was einem passt und zitiert, was die eigene Meinung unterstreicht. Aber man klammert ein oder streicht weg, was einen stört und was nicht in die Zeit zu passen scheint.
Was meinen Sie, wie lange wird Gott sich das noch gefallen lassen? Fast sieben Jahrzehnte ist es uns jetzt hier im Land der Reformation gut gegangen. Unverschämt gut. Besser als den meisten Menschen auf dieser Welt. Wie lange noch? Katastrophen und Krisen häufen sich. Krankheiten und Kriege erschrecken uns immer öfter. Ist das vielleicht schon heraufziehendes Gericht Gottes? Sind das Signale dafür, dass Gott seinen Segen zurückhält?
„Wenn ihr mir von Herzen gehorcht, dann könnt ihr wieder die herrlichen Früchte eures Landes genießen.“ Gott erwartet Aufbruch und Umkehr. Umkehr zu neuem Gehorsam ihm gegenüber. Jede und jeder von uns für sich und jede und jeder von uns für unser Volk. Hätte Gott damals zehn Gerechte in der gottlosen Stadt Sodom gefunden, so hätte er die Stadt vor seinem Gericht verschont. Aber es gab keine zehn, denen der Gehorsam gegen Gott wichtig gewesen wäre.
Gott bietet hier durch die Worte des Propheten „Verhandlungen“ an: „Kommt, wir wollen miteinander verhandeln, wer von uns im Recht ist, ihr oder ich.“ Was gibt es zu verhandeln? Wir wissen, er ist im Recht, wir sind im Unrecht. Und er bietet uns seine Vergebung an für alle unsere Sünde: „Euere Sünden sind blutrot und doch sollt ihr schneeweiß werden. Sie sind so rot wie Purpur und doch will ich euch reinwaschen, wie weiße Wolle.“
Niemand ist ausgenommen von diesem Angebot. Es gilt allen, die sich vor ihm beugen, allen, die ihm nur gehorchen wollen, allen, die ihm nur glauben wollen.
Herr, lass uns umkehren zu dir! Schenk’ uns diesen Willen zum Gehorsam! Gib uns ein demütiges Herz und erneuere uns nach deinem Bild. Erbarm dich über uns und über unser ganzes Volk.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168