Jesus trennt sich nicht von dir
Zur PDFGründonnerstag 13.04.2017, Markus 14, 17-26
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten ……. Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt steht bei Markus im 14.Kapitel. Es ist die Einsetzung des Heiligen Abendmahls:
Am Abend kam er mit den Zwölfen. Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem anderen: „Bin ich’s?“ Er aber sprach zu ihnen: „Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: „Nehmet hin, das ist mein Leib.“ Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“ Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.
Jesus ist mit seinen Jüngern zusammengekommen um das Passahmahl mit ihnen zu feiern. Er wusste, dass es das letzte Mal sein würde in dieser Welt. Die Jünger wussten es nicht. Eigentlich war dieses Passahmal ein freudiger und besonderer Anlass, auf den man sich vorbereitet hat. Man erinnerte sich an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft. Man feierte die Befreiung aus der Sklaverei durch Gottes wunderbares Handeln.
Die Jünger waren also gut aufgelegt und froh gestimmt. Der Raum war festlich geschmückt. Es roch nach gebratenem Lamm und nach anderen guten Sachen. Bevor die Liturgie des Abends begann, bevor man die alte Befreiungsgeschichte erzählte, wurde gut gespeist und getrunken. – Ein bisschen so, wie bei uns an Weihnachten. Man isst gut und wo das Fest überhaupt noch ein wirkliches Weihnachtsfest ist, da liest einer aus der Runde die Weihnachtsgeschichte vor. Man erinnert sich an den Ursprung. Gott wird Mensch. Euch ist heute der Heiland geboren, so lautet da die Botschaft.
Beim Passahfest ist es die Erinnerung: Vergesst es nicht, wir haben einen starken Gott, der mehr Macht hat als alle Weltmächte und Supermächte. Unser Gott kann befreien und er kann Wunder tun. Er kann schwerbewaffnete Soldaten gegen unbewaffnete Flüchtlinge unterliegen lassen. Unser Gott hat alle Macht! Er ist treu. Durch all die Jahrhunderte hat er seine Treue an seinem Volk bewiesen. Gott ist treu, – aber der Mensch? – Bevor Jesus als Oberhaupt der Feier zu den Segensteilen kommt, das Brot bricht, verteilt und den gesegneten Becher mit Wein weitergibt, spricht er ein ernstes Thema an.
Auf einmal sagt er mitten in die festliche Stimmung hinein: „Wahrlich, ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten.“ Das schlägt ein. Es wird still. Eben haben sich alle ganz gelöst unterhalten. Aber diese Ankündigung lässt erst mal alle verstummen: „Einer unter euch wird mich verraten.“ Die Wirkung des Satzes ist eigentlich unfassbar. Ich weiß nicht, ob Sie das gemerkt haben. Wahrscheinlich nicht. Ich hab’s früher auch nicht gemerkt.
Die Jünger sind betrübt, sehr betrübt, verständlicherweise, aber sie sind nicht empört und entrüstet, wie wir es vielleicht gewesen wären. Sie schimpfen nicht, sie werden nicht zornig, sie regen sich nicht, sie sagen nicht: Wer ist denn der Schuft? Sie schauen sich auch nicht gegenseitig prüfend an: Bist du das? Unter uns ist ein Verräter? Ja, wer könnte denn das sein? Wem kann man so eine feige, boshafte Gesinnung nur zutrauen?
Da könnten ja so die Gedanken kommen: Wie ist das mit dem Thomas, der hat doch schon so oft gezweifelt.
Oder der Matthäus, der ehemalige Zöllner, dem ging es doch früher immer so ums Geld.
Vielleicht der Jakobus. Der hat doch immer Wert darauf gelegt, dass Taten geschehen. Wollte er durch diesen Verrat Jesus zwingen eine große Tat zu tun? Alle seine Feinde nieder zu schlagen?
Oder ein misstrauischer Blick streift den Petrus. Sollte der es etwa sein? Der hat sich doch immer so ein bisschen hervorgetan und sich für besser gehalten als die anderen. So könnte man sich das vorstellen.
Aber wie gemein wäre das. Solche bösen, richtenden, verurteilenden, misstrauischen Gedanken, die dem anderen das Böse zutrauen. Aber genau solche Gedanken hatten die Jünger nicht. Es zeigt sich, es war wirklich eine Schar von Auserwählten, dieser Jüngerkreis. Sie hatten viel gelernt, in den drei Jahren, die sie mit ihrem Meister durch die Gegend gezogen waren und ihn hatten predigen hören und Wunder tun sehen.
Es war in ihr Herz eingedrungen, was der Meister sie gelehrt hatte: Nur nicht andere richten! Sie hatten wohl begriffen, dass sie selber alle arme Sünder waren, dass sie keine Heiligen geworden sind, in der Nähe dieses Herrn, sondern dass sie in Wirklichkeit arme Bettler waren, die nichts, aber auch gar nichts hatten, worauf sie hätten stolz sein können. Sie merkten immer wieder, was da noch alles in ihnen steckt an Potential zum Bösen. – So wie es in jedem steckt, auch unter uns, auch in mir, das Potential zum Bösen. Und manchmal bricht es sich Bahn…
Die Jünger wussten, dass alle Wunder und Hilfen, die auch unter ihrer Botschaft geschehen waren, nicht aus eigener Kraft, oder gar eigener Vollmacht geschehen waren. Und darum geschah jetzt das Erstaunliche. Sie richteten ihre Blicke nicht auf die Kameraden und Brüder oder Schwestern. Sie richteten sie auf ihr eigenes Herz. – Bin ich’s? – Und dabei erkannten sie, da ist doch eigentlich nichts Gutes drin. War nicht jeder zu allem fähig? Musste nicht eigentlich jeder Ehrliche zugeben, wenn er von einer bösen Tat hörte, in der Lage oder in der Versuchung wäre ich auch gefallen. Ist es bei uns auch so, dass wir uns schuldig geben können dass wir auch nichts vor Gott bringen könne als Schuld. Betroffen fragen alle Jünger: Bin ich‘s? Sie wissen, wenn Jesus den Verrat so ankündigt, dann wird es so geschehen. Wenn das so ist, dann werde doch hoffentlich nicht ich der sein, der diesen wunderbaren Freund und Meister, Jesus, verrät.
Das zweite Erstaunliche und Wunderbare an dieser Geschichte ist, wie Jesus sich verhält. Er deckt vor allen offen auf: Er aber sprach zu ihnen: „Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Judas Iskariot ist der Verräter. Jesus warnt ihn damit noch einmal, doch ja nicht das zu tun. Denn diesem Verräter, so Jesus, wäre es besser, er wäre nie geboren gewesen. Damit deutet der Herr ein furchtbares Gericht an, das über den Verräter kommen wird, wie es dann auch gekommen ist. Jesus versucht mit dieser Warnung Judas noch einmal zur Besinnung zu bringen. Jesus schließt Judas nicht aus von der Abendmahlsgemeinschaft.
Ja, Jesus verhält sich noch erstaunlicher: Bei der Gefangennahme durch die bewaffneten Scharen der Hohen Priester, sagt er zu seinem Verräter Judas, der die Feinde von Jesus dorthin, in den Garten Gethsemane, gebracht hat: Mein Freund! Er meint es auch so, wie er es sagt. Er sagt auch zu diesem Verräter trotz deines furchtbaren Tuns, ich bin doch dein Freund. Ich hab auch dich lieb. Ich distanziere mich nicht von dir. Aber du distanzierst dich von mir.
Die Freiheit hat jeder auch von uns sich von Jesus und damit von Gott zu trennen und damit statt Himmel die Hölle zu wählen, statt Segen den Fluch, statt Gott den Teufel. Jesus liebt dich, er trennt sich nicht von dir. Er sagt zu dir: Ich bin doch dein Freund! Auch wenn du die grauenvollste und schmutzigste Sünde getan hättest, ja wenn du ein hoffnungsloser Fall wärst, ich bin doch dein Freund. Und in deine große Gottesferne sage ich dir: Ich habe dich lieb.
Und so handelt Jesus immer neu an uns, auch heute in diesem Gottesdienst. Was jemand auch immer getan haben mag oder gedacht oder nicht getan. Ich vergebe dir, sagt der Herr, und ich liebe dich trotzdem weiter, nicht weniger, sondern noch mehr liebe ich dich, mein Freund, meine Freundin. Lass dich lieben von mir. Lass dir vergeben von mir.
Das ist schwer zu fassen. Man kann es nur durch Dank für sich nehmen: Danke, dass es solche Liebe für mich gibt, solche vergebende, solche göttliche Liebe. Jesus ist auch dein Freund. Der zuverlässigste Freund, den man überhaupt jemals haben kann. Er bietet Liebe, Hilfe, Freundschaft und Treue an. Er ist sogar bereit sein Leben für uns zu lassen.
Jesus hat damals an diesem Abend mit seinen Jüngern dieser Befreiungsfeier eine neue Bedeutung gegeben. Nicht nur auf das gerichtet, was vor über 1000 Jahren einmal geschehen war. Er richtet mit dem Abendmahl das er einsetzt den Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit und alles, was in ihr nicht gut war, ist bereinigt. Brot und Wein, Leib und Blut für dich geben und vergossen, zur Vergebung deiner Sünden. In der Gegenwart, jetzt ist der Herr da, schenkt Vergebung, Neuanfang, Befreiung von Zwängen und falschen Bindungen.
Und Jesus richtet den Blick auf die Zukunft. Auch wenn sein Leben auf dieser Erde nur noch wenige Stunden dauert, spricht er von der Zukunft: Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“
Jesus verspricht denen, die sein Abendmahl feiern, dass es eine Vorfeier des himmlischen Abendmahls ist, das er in seinem Reich einmal feiern wird. Mit allen, die das Vertrauen in ihren Freund, Jesus nicht aufgegeben haben. Das Abendmahl hier in dieser Welt hat immer das Abendmahl in Gottes neuer Welt im Blick. Darum ist es Freudenmal. Es befreit von aller Last der Vergangenheit. Es löst von Angst, Sorge, Zweifel und Gebundenheiten. Und es richtet unseren Blick auf eine wunderbare Zukunft, die für uns vorbereitet ist.
Dafür gibt Jesus sein Leben. Dass wir daran erkennen: Ich habe einen wunderbaren Freund im Himmel und auf Erden. Er ist jetzt bei mir und er bringt mich doch zuletzt an sein Ziel. Ich schließe mit einem Wort von Martin Luther zum Heiligen Abendmahl:
Man soll die Christen unterrichten, das sie mit Freuden, sicher und getrost zum Heiligen Abendmahl gehen und sagen: „Ich bin ein armer Sünder, ich bedarf Hilfe und Trost. Ich will hingehen zu meines Herrn Abendmahl und mich mit meines lieben Herrn Jesu Christi Leib und Blut speisen. Denn er hat dies Sakrament darum eingesetzt, dass alle hungrigen und durstigen Seelen gespeist und erquickt würden. Er wird mich nicht schelten, viel weniger erwürgen, wenn ich nur in der Absicht komme, dass ich will gesegnet sein, Hilfe und Trost haben.
Nein er schilt uns nicht. Er sieht uns in großer Liebe an. Er sieht uns an, als wären wir schon zu neuen Menschen verwandelt, die in sein Reich gehören. Wer das für sich annimmt, der kann sich von Herzen freuen. Der kann dankend das Abendmahl im Glauben für sich nehmen.
Jesu, wahres Brot des Lebens, hilf, dass ich doch nicht vergebens oder ,mir vielleicht zum Schaden sei zu deinem Tisch geladen.
Lass mich durch dies heil’ge Essen Deine Liebe recht ermessen, dass ich auch, wie jetzt auf Erden, mög‘ dein Gast im Himmel werden.
Amen. (Johann Franck, EG 218, 6)
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168