Jesus, der Zerstörer falscher Frömmigkeit

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10. Sonntag nach Trinitatis, 04.07.2013, Johannes 2, 13-17

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet

Die Reisewelle rollt. Auf den Autobahnen und Fernstraßen rasen gestresste Menschen einem fernen Ziel zu um sich zu erholen oder um etwas zu erleben. Andere begeben sich in den überfüllten Luftraum, weil sie die Welt einmal von der anderen Seite sehen wollen. Ferne Länder, fremde Kulturen, friedliche Natur. Manche mögen’s mühsamer und bewegen sich auf Wandersohlen oder dem Fahrradsattel durch die Lande.

Wer daheim bleibt im Urlaub, dem begegnen in unserer schönen Stadt auf Schritt und Tritt Reisende aus aller Herren Länder. Schließlich hat Bayreuth ja einiges zu bieten. Wie ist das mit Ihnen? Waren Sie heuer schon auf Reisen? Oder liegen die schönsten Wochen des Jahres noch vor ihnen. Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie verreisen? Wofür nehmen Sie sich Zeit? Womit schöpfen Sie neue Kräfte.

Finden Sie im Urlaub auch den Weg in ein Gotteshaus, um einmal still zu werden und zu beten? Es sind erstaunlich, viele Touristen, die in ihrem Urlaub Kirchen betreten um dort – ja, was tun sie dort? Suchen sie an einem heißen Sommertag in der Kirche nur kurz einen stillen Ort, bevor sie sich wieder hinaus ins pulsierende Leben stürzen? Suchen sie die großartigen Kunstwerke der alten Meister? Verehren sie Dome und Kathedralen – oder den, zu dessen Ehre sie einst errichtet wurden? Sind die Gotteshäuser noch Orte der inneren Einkehr, des Zwiegesprächs mit meinem Gott oder sind sie zu Baudenkmälern verschiedener Kunstepochen verkümmert? Geben sie Zeugnis vom Glauben oder vom Genie der Erbauer? Schauen Sie sich einmal um in einer berühmten Kirche. Wie geht es da zu? Von einem Reisenden der ein Gotteshaus betritt handelt auch unser heutiges Schriftwort für die Predigt aus dem 2. Kapitel des Johannesevangeliums:

Kurz vor dem Passahfest reiste Jesus nach Jerusalem. Dort sah er im Tempel viele Händler, die Ochsen Schafe und Tauben als Opfertiere verkauften. Auch Geldwechsler saßen hinter ihren Tischen.
Voller Zorn knüpfte Jesus aus Stricken eine Peitsche und jagte die Händler mit all ihren Schafen und Ochsen aus dem Tempel. Er schleuderte das Geld der Wechsler auf den Boden und warf ihre Tische um.
Den Taubenhändlern befahl er: Schafft das alles hinaus! Das Haus meines Vaters ist doch kein Krämerladen!
Seine Jünger aber mussten an das Prophetenwort denken: „Der Eifer für dein Haus wird mir den Tod bringen.“
Die Führer der Juden stellten Jesus daraufhin zur Rede: „Woher nimmst du dir das Recht, die Leute hinauszuwerfen?“ Wenn du dich dabei auf Gott berufst, dann musst du uns einen eindeutigen Beweis geben!“
Jesus antwortete ihnen: „Diesen Beweis sollt ihr haben. Zerstört diesen Tempel! In drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen.“
„Was?“ riefen sie. „In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst das in drei Tagen schaffen?“
Mit dem Tempel aber meinte Jesus seinen Leib, der geopfert werden sollte. Als er von den Toten auferstanden war erinnerten sich seine Jünger an diese Worte. Sie erkannten, dass alles wahr ist, was in der Heiligen Schrift steht, und sie glaubten, was Jesus ihnen gesagt hatte.

Jesus hier mal ganz anders. Dass er eine besondere Liebe zum Tempel, zum Haus seines Vaters hatte wissen wir schon aus der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Kaum im Konfirmandenalter, sind ihm das Gotteshaus und das Gespräch über den Glauben und die Heilige Schrift so wichtig, dass er darüber die Zeit und die Eltern vergisst.

Der Evangelist Johannes erwähnt hier so nebenbei, dass der Herr auch gereist ist. Er reist kurz vor dem Passahfest vom See Genezareth über 150 km nach Jerusalem. Ein beschwerlicher Weg, weil er meist bergauf geht. Ziel seiner Reise sind nicht die Kneipen und Restaurants der Metropole, auch nicht die prächtigen Paläste und Palais der Reichen. Nein, der Herr ist, wie viele seiner Zeitgenossen zu einem Dankfest angereist. Er sucht die Nähe Gottes, die Nähe des Vaters. Er will beten, in die Stille gehen, sich auf Gottes Wort konzentrieren. Er sucht Kraft zum Glauben und Handeln im Alltag.

Aber er findet nicht, was er sucht. Nicht heilige Ruhe ist dort, sondern Radau. Nicht der Duft von Weihrauch und Kerzen liegt in der Luft, sondern der Gestank von Tiermist und Menschenschweiß. Geldgeklimper wird nicht vom Klingelbeutel oder der Kollektenbüchse verursacht, sondern von Geldwechslern und Verkaufsständen. Die Geschäftsleute und ihre Kunden haben aus der Stätte der Heiligkeit ein Zentrum der Eiligkeit gemacht. Die meisten absolvieren ihre religiöse Pflicht, bringen das standesgemäße Opfer dar, verrichten ihre Gebete, um sich danach in der Stadt zu vergnügen oder den Geschäften nachzugehen.

Mir kommen Bilder in den Sinn aus der reich mit Gold verzierten Markuskirche in Venedig, aus der Sixtinischen Kapelle mit ihren großartigen Gemälden von Michelangelo, aus der monumentalen, 211 Meter langen Peterskirche in Rom und der verwinkelten Grabeskirche in Jerusalem.

Menschentrauben um Führer, die mit monotoner Stimme Baugeschichte, Zahlen und Dynastien herunterbeten. Digitalkameras, Bildführer gleich am Eingang die Kasse an der Eintritt bezahlt werden muss und der Kiosk mit Karten und Kitsch. Nur selten sieht man dort jemanden in der Bank sitzen, der offensichtlich im Gespräch mit seinem Gott ist.

Würde der Herr Jesus eine dieser berühmten Kirchen betreten, er würde wahrscheinlich dasselbe empfinden und ähnlich handeln, wie es uns hier Johannes vom Tempel in Jerusalem berichtet. Er sieht, wies da zugeht, er hört, was da geredet wird und denkt: Was hat das alles mit Gott und diesem Haus zu tun? Meint ihr etwa das gefällt Gott? Meint ihr etwa das segnet Gott? Es packt Jesus ein großer Zorn, ein heiliger Zorn.

Wir würden denken: Nicht schön, aber ich kann’s auch nicht ändern, so ist halt unsere Zeit. Jesus lässt es nicht beim Denken und Kopfschütteln. Mit einer Peitsche jagt er die Tiere aus dem Tempelhof, reißt Tische mit den säuberlich gezählten und sortierten Münzen um und kommandiert die Händler herum, als hätte er das Sagen. Die Jünger kriegen Angst. Das kann doch nicht gut gehen, das lassen sich doch die Händler und die Tempeloberen nicht gefallen. „Hör doch auf Meister, das kann dich den Kopf kosten! Oder wie es im 69. Psalm heißt: „Der Eifer um dein Haus wird mir den Tod bringen!“ Hat er dann ja auch! Den Störer haben sie sich gemerkt, der ihnen das Geschäft verdorben hat. Der hat dafür später teuer bezahlt, an jenem Kreuz draußen vor der Stadt.

Jesus kann auch heute noch zum Störer einer falschen und eingebildeten Frömmigkeit werden. Mit seinen Fragen und Antworten, mit seinen Gleichnissen und Beispielen hinterfragt er auch heute unsere Frömmigkeit und unsere religiösen Vorstellungen. Bis heute packt ihn wahrscheinlich immer wieder der heilige Zorn, wenn er sieht und hört, was in Gotteshäusern und unter dem Dach der Kirche geschieht.

Da stinkt auch mancher theologische Mist zum Himmel? Was wird uns nicht alles als Wahrheit verkauft und als neueste Erkenntnis angedreht. Von ‘Christus sei gar nicht auferstanden’, über ‘wir kämen sowieso alle in den Himmel’ und ‘Homosexualität sei von Gott gewollt’ bis hin zu dem Aberglauben, ‘ die Religionen würden alle nur denselben Gott meinen’.

Jesus stört auch die Opfermentalität derer, die meinen, wenn sie nur genug getan hätten, wenn sie ihre Spende gemacht, ihr Gebet gesprochen und ihren Kirchgang absolviert hätten, dann müsste der liebe Gott mit ihnen zufrieden sein.

Mein Haus ist doch kein Krämerladen und Gott keine Krämerseele, die Gebete und Spendenbescheinigungen zählt.

Sein Haus ist ein Bethaus und er ein heiliger und eifernder Gott. Ein Gott der Unrecht, auch das kleinste sieht. Ein Gott, der Tränen zählt und trocknet. Ein Gott, der Sünden der Väter und Mütter an den Kindern heimsucht bis in die dritte und vierte Generation, der aber auch wohl tut und segnet bis in tausend Generationen, wo sein Willen geachtet wird.

Er ist ein heiliger Gott, der durch seine Heilige Schrift mit uns redet. Er ist nicht von unserer Anerkennung abhängig, aber wir sind von ihm abhängig. Er ist ein liebender, suchender erbarmender Gott, aber sein Zorn kann auch furchtbar strafend über Menschen und Völker kommen. Und er kommt, so zeigt es die Kirchen- und die Völkergeschichte und auch manche erschütternde Lebensgeschichte. Er kommt, wenn der Wille Gottes permanent missachtet und verdreht wird. Er kam immer, wenn andere Götter verehrt wurden oder Menschen sich selbst zum Gott machten. Gottes Zorn ist genauso mächtig und wirksam wie seine Liebe.

Geradezu kämpferisch setzen sich manche Kaufhäuser und Konsumenten für den verkaufsoffenen Sonntag ein. Sie zerstören damit die Möglichkeit, die Gott uns mit dem Sonntag eingeräumt hat: Zur Ruhe kommen zu sich selbst finden, Zeit für die Familie haben, Zeit für Gott und Nahrung für die Seele. Kaum jemand traut sich etwas dagegen zu sagen, schon gar nicht mit dem Hinweis auf Gott. Auch nicht unser als Bundespräsident, der ja eigentlich gelernter Pfarrer ist.

Der Konsumtempel lockt am Tag des Herrn“, titelte schon vor Jahren ironisch die ‘Frankfurter Rundschau’. „Wer glaubt’s aber, dass du so sehr zürnst? Und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm?“ – fragt Mose im 90. Psalm. Ja, wer glaubt’s denn? Selbst innerhalb der Kirche glauben’s viele nicht mehr. Wenn man sich auf die Heilige Schrift als Grundlage des Glaubens beruft, dann ist man ein Fundamentalist. Und wenn man vom Zorn Gottes oder gar vom Gericht redet, dann heißt es, man macht den Menschen nur Angst.

Aber wir sollen Gott fürchten und lieben! Wenn es aber um die Liebe so schlecht bestellt ist, dass uns nur die Furcht vor Gottes Zorn und Gericht am Bösen hindert, wäre das immer noch besser, als wenn uns nichts mehr aufhält.

Doch oft geschieht das Gegenteil, wie hier im Tempel in Jerusalem. Die fromme Polizei greift schnell ein. Sie halten den zornigen Jesus fest. Sie stellen ihn zur Rede: Wer gibt dir das Recht, so zu handeln, so aufzutreten, so zu reden? Wer gibt dir das Recht uns das Geschäft zu vermiesen und unseren Glauben in Frage zu stellen?

Auch heute ist es oft die „fromme Oberaufsicht“, die glaubt einschreiten zu müssen, wenn Jesus einen Tempel reinigt. Wenn Jesus im Leben eines Menschen aufräumt, und rauswirft, was nicht vor dem heiligen Gott bestehen kann. Dann sind andere da, die auch glauben und es auch gut meinen, die aber davor bewahren möchten, dass jemand es ‘übertreibt’.

Vergessen wir nicht, dass sich unser Herr mehr mit den Hütern des Glaubens angelegt hat als mit den Hütern des Gesetzes. Es ist immer so, die, die Jesus aufhalten haben ihr Urteil schon fertig. Sie lassen sich nicht mehr in Frage stellen. Sie denken nicht daran umzudenken oder umzukehren. Sie wollen nicht, dass Jesus ihre Gewohnheit oder ihren Schmalspurglauben oder ihre selbst gemachte Religion stört. Sie brauchen ihn nicht in der Mitte ihres Lebens. Sie sind selbst die Mitte ihres Lebens. Am Rand wäre noch ein nettes Plätzchen für Jesus.

L G, wenn wir aufhören das kritische Wort Gottes zu hören und dann auch umzudenken, dann sollten wir gleich ganz aufhören mit Gott. Glaubende müssen Suchende und Fragende bleiben. Niemand ist fertig. Niemand ist so, wie er sein soll. Wir sind ein Leben lang auf die konstruktive Kritik des Gotteswortes angewiesen. Nur sie kann verändern zum Guten.

Man versteht nicht immer alles gleich. Bestimmt haben die Jünger den Auftritt Jesu im Tempel auch nicht gleich verstanden, schon gar nicht seine Antwort: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn wieder aufbauen.“ Sie haben die mächtige Fassade des in 46 langen Jahren erbauten Heiligtums hochgeblickt und wahrscheinlich gedacht: Der spinnt doch! Der ist doch größenwahnsinnig!

Irenäus, ein Bischof im 2. Jahrhundert hat einmal gesagt: „Erst wenn sich eine Weissagung erfüllt hat, wird sie völlig verstanden.“ Manchmal dauert es Jahre oder Jahrzehnte, bis sich alle Versprechen und Verheißungen Gottes, auch die menschlich unvorstellbaren erfüllt haben

Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger an diese Worte. Sie erkannten, dass alles wahr ist, was in der Heiligen Schrift steht, und sie glaubten, was Jesus ihnen gesagt hatte.

Gesegnet sind alle, die dem Wort Gottes mehr vertrauen als ihrem eigenen Verstand oder der neuesten religiösen Strömung. Gesegnet sind alle, die Jesus zutrauen, dass er auch ihren kleinen, schwachen Glauben einmal vollendet.

Bitten wir ihn doch immer wieder darum. Wenn wir, wie heute in einem Gottesdienst sitzen oder vielleicht in der nächsten Woche im Urlaub, irgendwo allein in einer schönen Kirche oder auf einem Felsen oder an einem Strand oder auch auf einer Freizeit, wie manche unter uns. Wir brauchen die verändernde Kraft, das erneuernde Wirken Jesu in unseren Gottesdiensten, in unserer Kirche und zuerst an uns selbst.

Wir dürfen, wir sollen immer wieder darum beten wie David:

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir! Erbarme dich, Herr, erbarme dich!

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168