Jesus als Lebensmittel. Punkt. Oder: Jesus als Lebensmittelpunkt?

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Predigt am 30.03.25 in der Kreuzkirche

Text: Joh. 6, 47-51

Liebe Gemeinde,

wir hören auf den Predigttext für den heutigen Sonntag aus Joh. 6, 47-51:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.

In diesem Johanneskapitel wird uns eine äußerst kritische Situation im Leben Jesu geschildert. Jesus hatte tatsächlich das Kunststück fertiggebracht, eine Traumzustimmung von 90% auf glatte 0,1% herunterzufahren und dies innerhalb eines Tages. Das schafft sonst keiner. Jede politische Partei, so ungeschickt sie sich auch anstellt, braucht dazu mindestens ein paar Wochen. So schnell vergrault eigentlich keiner sein Publikum. Dazu braucht es schon grandiose Patzer. Da saßen sie vor ihm, seine Fans mit den strahlenden Augen, mit den begierigen Ohren, mit den glühenden Herzen. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Und so springen sie auf einmal alle auf, stürmen auf Jesus zu, wollen ihn auf ihre Schultern heben und zum König aller Könige machen: Jesus, du Brotvermehrer, du bist der Größte! Jesus hatte zuvor mindestens 5000 Menschenmit fünf Broten und zwei Fischen satt gemacht. Ein unbeschreibliches Erlebnis für die Menschen damals, die keine vollen Supermarktregale kannten wie wir. Wenn der Bauch voll ist, lebt es sich gut und es fühlt sich gut an. In diesem Moment sprengte die Beliebtheitsskala alle Maße. Mehr Zustimmung für Jesus ging nicht. Aber dann: Einen Tag später sagten die 90%: Jesus, ach so der! Nein, kein Besonderer, den kann man vergessen. Und selbst beim harten Kern, bei den 0,1%, scheint sich eine Unsicherheit auszubreiten. Auch durch deren Köpfe zucken Irritationen. Was war da bloß passiert zwischen dem Moment, in dem sie alle die Arme für ihn hochwarfen und dem Ende, an dem sie fast alle davonliefen? Wir wollen ein wenig Ursachenforschung betreiben. Dazu stellen wir zwei schlichte Fragen: 1. Was ist an Jesus so anziehend? und 2. Was ist an Jesus so abstoßend?

1. Was ist an Jesus so anziehend? Die Antwort ist einfach: Jesus treibt die Quote in die Höhe, weil er so viel zu bieten hat. Er trägt den menschlichen Grundbedürfnissen Rechnung. Er scheint sie wirklich befriedigen zu können. Was sind unsere Grundbedürfnisse? Hauptsache, man ist gesund. Hauptsache, man hat ordentlich zu essen. Hauptsache, man ist zufrieden und glücklich. Hauptsache, man wird anerkannt. Jesus bestätigt tatsächlich diese Urbedürfnisse. Der Mensch benötigt sein tägliches Brot. Spätestens seitdem Jesus die 5.000 speiste, sind an dieser Stelle die Christen aller Zeiten in die Pflicht genommen. Der Hunger unserer Mitmenschen in nah und fern darf uns nicht egal sein. Wer äußere Not leidet, verdient von uns Christen mindestens mal Wahrnehmung und wo möglich auch Hilfe. Und dann die Gesundheit: Wie beugte sich Jesus über die an Leib und Seele Verschmachteten! Wie erfasste er ihre äußeren und inneren Nöte! Die Mühseligen und Beladenen drängten sich um ihn. »Und er heilte sie alle«, lesen wir an vielen Stellen in der Bibel. Auch hinsichtlich der Zufriedenheit der Menschen leistete er einen unvergleichlichen Beitrag. Seine Worte waren Balsam für das unruhige Herz: »Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen« (Matthäus 6, 34). Mit solch einem Zuspruch konnte man mit der Mühsal des Alltags irgendwie klarkommen. Von dieser Predigt hatte man etwas. Die schwebte nicht über den Köpfen. Die stieß ins praktische Leben hinein. Damit konnte man im Alltag etwas anfangen. Ja, man bekam tatsächlich etwas von Jesus. Er teilte aus und sogar so viel, dass am Ende noch 12 Brotkörbe übrigblieben.

Jesus teilt bis zum heutigen Tag aus. Was aus seinen Händen kommt, erzielt Wirkung. Viele nehmen sie gerne mit. Von ihm gehen tatsächlich wichtige Impulse für das menschliche Zusammenleben aus: für die Nächstenliebe, für das Vertrauen, für den Frieden, für die Werteskala. Manch einer verspürte es am eigenen Leib und in seinem Herzen: Mit der Kraft Jesu im Rücken kannst du dein Leben verändern, manchen Schlendrian in dir abbauen, sogar eine Sucht unter die Füße bekommen, die flatternden Nerven beruhigen, deinen Ängsten Paroli bieten, auch beruflich vorankommen. Jesu Angebot ist vielfältig und effektiv. In dieser Hinsicht kann Jesus immer noch eine beachtliche Zustimmungsrate vorweisen. Aber das ist nur die eine Seite. Die zweite Frage ist:

2. Was ist an Jesus so abstoßend? Wer von Jesus so beschenkt wird wie die 5.000 gesättigten Menschen, der ist auch bereit, ihm zuzuhören. Der lässt sich sogar auch unbequeme Sachen sagen, etwa: »Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben.«

Klar Jesus, das lassen wir uns von dir ins Stammbuch schreiben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Man darf im Leben nicht nur an den vollen Bauch, an seine Krankheiten, die bessere Wohnung, die günstigen Tarifabschlüsse, die berufliche Karriere und die beste Rendite denken. Über den materiellen Dingen gibt es noch Wichtiges, das man nicht aus den Augen verlieren sollte. Um diese geistliche Speise oder: um dieses himmlische Brot sollten wir uns auch kümmern. Solche Einsichten schrecken noch nicht ab. Von seinem Wohltäter lässt man sich manches sagen.

Aber dann folgt der Hammer, der über das zumutbare Maß hinausgeht. Selbst die wenigen Freunde, die Jesus seit Jahren kennen, zucken nicht nur zusammen, sondern stehen geradezu Kopf. »Ich bin das Brot«, sagt Jesus. »Wer dieses Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.« Das ist eine harte Rede, wer kann sie verstehen? Die Jünger spüren im ersten Moment, dass Jesus mit solchen Aussagen die Leute verprellt, dass er seine Anhänger vertreibt, die Zustimmungsrate in den Keller sausen lässt. Viele waren eben nur am Brot interessiert, an der äußeren Versorgung, die Jesus durchaus schenkt. Aber nicht an Jesus selbst.

Aber die Jünger ahnen auch, dass es sich nicht um einen Ausrutscher handelt, um eine verbale Entgleisung, die einem im Eifer des Gefechtes unterläuft und wo man anschließend sagt: „Entschuldigung, das ist mir halt so rausgerutscht. Es war anders gemeint.“ Und dann wird das Anstößige anschließend geglättet.

Nein, Jesus hat seine Zuhörer konsequent auf diesen Punkt hingeführt: Ich bin das Brot, das vom Himmel kommt. Wer leben will, hier und in Ewigkeit, der muss dieses Brot essen, muss sich auf mich so einlassen, wie sich der Esser mit dem Brot einlässt.

Bisher ging es um das, was Jesus zu bieten hat, um seine Gaben: Brot, Gesundheit, Zufriedenheit, Zuversicht. Jetzt kommt er aber als Person ins Blickfeld. Jetzt steht der vor den Menschen, den Gott nicht nur zur Befriedigung dieser und jener Bedürfnisse gesandt hat, sondern als Heiland und Retter. Nun entscheidet es sich, ob wir unsere wirkliche Situation vor Gott anerkennen und uns durch Jesus retten lassen, durch Jesus allein. Darum geht es besonders in der Passionszeit. Darum geht es besonders heute.

Genau an dem Punkt scheiden sich die Geister. Da kippt die Jesusbegeisterung. Nein, man ballt eigentlich nicht die Faust gegen ihn. Man lässt ihn halt links liegen. Jesus bringt’s nicht mehr. Er war nur so lange interessant, als sich seine Gaben fürs eigene Leben als nützlich und verwertbar erwiesen. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Trost, ein bisschen Sonnenschein, ein bisschen Fun, das alles will man sich gerne gefallen lassen und mitnehmen. Solche Jesus-Puzzle-Teile lassen sich mit anderen ins Lebenskonzept einbauen.

In Jesus aber Gottes rettende Hand erfassen, ihm nachfolgen und gehorchen, ihm ganz gehören im Leben und im Sterben, dazu kann sich die große Mehrheit der Fans nicht entschließen: „Also, tschüss Jesus, war ganz nett, was wir bei dir geholt haben. Darüber hinaus melden wir keinen Bedarf an.“

Die Jünger sehen mit Entsetzen, wie die Zustimmungs-rate einbricht, wie die riesige Anhängerschar nach allen Himmelsrichtungen auseinanderläuft. Und dann fragen sie sich: Muss man so radikal sein wie ER? Wäre es denn nicht schon viel wert, wenn die Leute ein bisschen von Jesus, ein bisschen von seiner Liebe, ein bisschen von seinem Vertrauen, oder noch einfacher gesagt: wenn sie sich ein bisschen Christentum aneigneten oder beibehielten? Dass wäre doch besser als gar nichts!

Klar: Es ist immer besser, wenn Menschen noch irgendwie und ganz von ferne unter Jesu Einfluss stehen, als wenn sie gar nichts mehr von ihm wissen wollen. Es ist besser, wenn die Zehn Gebote noch einigermaßen im Zusammenleben eines Volkes gegenwärtig sind, als wenn der blanke Egoismus triumphiert.

Aber Gott bietet uns durch Jesus doch viel, viel mehr an. Er selbst ist die große Gabe Gottes. Wir dürfen ihm unser Leben anvertrauen und in dieses arme, vergängliche Leben hinein ewiges Leben empfangen, Brot, von dem man zehren kann, selbst wenn uns das irdische Leben seine Genüsse versagt, Wasser, das uns die Durststrecken überstehen lässt. Was für ein Jammer, wenn Menschen von Jesus davonlaufen, weil er nicht in ihre Lebensplanung hineinpasst, weil sie ihn im eigenen Leben nicht »vermarkten« können.

Dabei bietet er doch so ein tragendes Lebenskonzept an: Ein Leben in der Geborgenheit der Liebe Gottes, ein Leben aus der Vergebung, ein Leben in der Freiheit, ein Leben aus der Kraft Gottes.

Wollt ihr auch weggehen? fragt er schließlich seine treuesten Jünger, den harten Kern. Wollt ihr auch nur von meinen Produkten profitieren? Oder wollt ihr euch nicht doch ganz fest mit meiner Person verbinden?

Wie hältst du es mit Jesus? – Das ist die Generalfrage an uns alle, an die Senioren und die Konfirmanden, an uns alle, die wir heute hier sitzen. Willst Du nur etwas von ihm oder willst du ihn ganz? Bittest Du nur immer etwas von ihm, oder bittest Du darum, dass er ganz in dir wesenhaft wird?

In all unseren kirchlichen Veranstaltung und besonders heute kann ich mich selbst und euch nur herzlich einladen: Wag es mit Jesus. Leb mit ihm. Setze dein ganzes Vertrauen auf ihn. Er versorgt dich mit allem, was Du für dein irdisches Leben brauchst. Da ist er auch nicht knickrig. Oft schenkt er genug. Eine junge Frau erzählte mir erst kürzlich, wie sie dringend noch einen bestimmten Geldbetrag benötigte und einfach nicht wusste, woher sie ihn bekommen sollte. Und dann war genau dieser Geldbetrag in ihrem Briefkasten. Nicht mehr und nicht weniger. Gott versorgt auch vielfältige Weise auch heute noch. Aber das reicht nicht für die Ewigkeit. Du brauchst Jesus als Brot des Lebens, des ewigen Lebens. In der Feier des Heiligen Abendmahls machen wir uns das besonders bewusst: Jesus ist Geber und Gabe zugleich. Er gibt nicht nur ein wenig, nein Jesus gibt sich ganz. Und er wünscht sich so sehr, dass Du und ich das andersherum auch so machen.

Ich will es am Ende dieser Predigt auf eine Frage zuspitzen, die ich uns allen zum Nachdenken mitgebe: Will ich nur, was Jesus gibt: Ist Jesus für mich nur ein Lebensmittel – und Punkt? Oder will ich ihn selbst, den Geber aller Gaben Und ist er somit mein Lebensmittelpunkt? Lebensmittel – Punkt. Oder Lebensmittelpunkt? An dieser Frage kommt keiner vorbei. Und an dieser Frage entscheidet sich dein und mein ewiges Leben. Amen.

Bei Rückfragen/ Anregungen gerne wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168