Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn

Zur PDF

7.Sonntag n. Trinitatis 03.08.2014 2.Mose 16, 2-3. 11-18

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt… 

Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen. Führ uns an der Hand, bis ins Vaterland. Wir haben das gerade so gesungen. Von der Orgel schwungvoll begleitet. Viele haben das schon so gesungen, seit es Graf Zinzendorf im 18. Jahrhundert so gedichtet hat. Wer wirklich glauben will, wünscht sich das: Jesus, geh vor mir her, leite mich durchs Leben. Es ist ja manchmal nicht so einfach den richtigen Weg zu gehen. Ich will, aber ich will auch, dass das geschieht, was mir gefällt.

Hinter jemandem her laufen ist bei einem unbekannten und schwierigen Weg immer leichter, als allein zu gehen. Darum sagt der Glaubende: Jesus, geh du voraus und lass mich dir nachgehen. Der Weg, den Jesus einschlägt, kann doch nicht falsch sein. Solange dieser Lebensweg in etwa unseren eigenen Vorstellungen entspricht, gehen wir ihn auch gerne.

Allerdings ist Jesus auf dieser Erde nicht nur leichte und schöne Wege gegangen. Und die, die ihm folgen, werden auch nicht nur leichte und schöne Wege geführt. Mit Jesus geht es nicht nur über die Promenade und über den roten Teppich. Da geht es auch durch schwieriges Gelände und manchmal bläst einem der Sturm so entgegen, dass einem beinahe die Luft wegbleibt. Jesus hat die „Via dolorosa“, den schmerzhaften Weg nicht gemieden. Nur wir bleiben erschrocken stehen und sagen: Halt! Moment mal, Jesus, so hab ich das nicht gemeint. Den Weg will ich nicht gehen. Und wenn du ihn mich führst, dann ist das gegen meinen Willen. Dann will ich dir lieber nicht mehr getreulich folgen, sondern doch lieber meinen eigenen Weg gehen, ohne dich.

Ein Leben, das zu viel Leid und Schmerzen und zu wenig Feste und Freuden hat, gefällt mir nicht. Wir protestieren und verweigern Gott die Gefolgschaft. Uns steht die gegenwärtige Not groß vor Augen, die Krankheit, die Schmerzen, die Verzweiflung. Dabei vergessen wir schnell, was wir schon alles an Hilfen, Führungen und Wundern erlebt haben. Wir vergessen zu danken, fangen an zu klagen und zu murren.

Das ist nicht neu. So war das schon vor Jahrtausenden. Von solchen Leuten, die zuerst Wunder und Hilfen erlebt haben und dann in der nächsten Schwierigkeit Gott schnell die Gefolgschaft aufgekündigt haben erzählt unser Predigttext für den 7. Sonntag nach Trinitatis aus dem 2.Buch Mose Kap.16: Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herren Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr die ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Und der Herr sprach zu Mose: Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin. – Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das ganze Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag‘s in der Wüste, rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: „Man hu?“ Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat. Das ist’s aber, was euch der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, so viel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden, nach der Zahl der Leute in seinem Zelt.

Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Gegen alle Erwartung hat Gott sein Volk aus der Knechtschaft befreit. Gegen alle Erwartung hat er sie vor den verfolgenden ägyptischen Streitwagen gerettet. Sie ziehen trockenen Fußes durchs Rote Meer und die nachjagenden Soldaten kommen in den zurückkehrenden Wassermassen um.

Mit Aarons Schwester Miriam stimmen die Geretteten ein Loblied an und preisen Gottes Macht. Einige Tage später erleben sie, wie Mose auf ihr Klagen hin bei Mara ungenießbares Wasser genießbar macht. Gott verspricht ihnen: Ich bin der Herr, dein Arzt. Ich will dich heilen, dir helfen, ich lasse dich nicht im Stich.

Nur wenige Tage später geschah dann das, was ich gerade gelesen habe. Die letzten Vorräte sind aufgebraucht. Noch vor dem Hunger kommt die Angst vor dem Verhungern. Das Volk beginnt wieder zu murren. Was soll jetzt werden? Wären wir doch in Ägypten geblieben. Da hatten wir wenigstens was im Kochtopf. Vorwürfe werden an Mose und Aaron gerichtet: Ihr seid keine Führer, sondern ihr habt uns verführt. Indirekt gilt aber der Vorwurf Gott.

So wie manche Kritik und manche Vorwürfe, die wir Pfarrer zu hören bekommen eigentlich an die Adresse Gottes gehen. Man schaut zurück, erinnert sich an früher und meint, damals war alles besser. Über das Heute wird gemurrt und geklagt.

Die Lasten und Nöte, die es früher auch schon gab sind vergessen. Murren scheint eine unausrottbare Eigenschaft der Menschen zu sein. Die Klage kann schließlich sogar so weit gehen, dass man nicht mehr leben will. Man wirft Gott das Kostbarste, was man hat vor die Füße und sagt: Ich will nicht mehr! So nicht! Jeder Mensch, so fordern manche Kräfte unserer Gesellschaft, sollte das Recht haben, sein eigenes Ende zu bestimmen.

Hier klagen die Israeliten: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben.“ Heute sagen manche: Wenn ich nicht mehr allein in meinem Wohnung oder meinem Haus sein kann, dann will ich nicht mehr leben. – Wenn Du mich verlässt, dann nehme ich mir das Leben! droht eine Freundin ihrem Freund, ein Mann seiner Frau. – Bevor ich noch einmal ins Krankenhaus gehe…

Wollte Gott, wir wären gestorben. Wie viele Menschen haben im Leid und in Enttäuschung schon so gedacht oder geredet. „Wollte Gott“, mit diesen Worten stellt der Mensch seinen Willen über Gottes Willen. Er sagt Gott, was er zu wollen hat: Ich, Mensch, weiß besser, was du, Gott, wollen sollst. Da hört das getreuliche Nachfolgen auf. Keine Spur von dem Glauben, dass sich Gott auch in dieser Not wieder als Helfer erweisen kann. Es fehlt das Vertrauen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen.

So war es auch damals unter dem Volk, das Gott mit vielen und gewaltigen Wundern aus der unmenschlichen Gewalt der Ägypter befreit hatte, so ist es heute. – Und was tut Gott? Wie reagiert er auf das Murren des Volkes, das ihm die Gefolgschaft aufkündigt? – Nein, er verstößt es nicht. Er lässt die Unzufriedenen wieder seine Hilfe erfahren, sein Eingreifen erleben. Er sagt: „Ich habe das Murren meines Volkes gehört. Ihr werdet Fleisch zu essen haben und vom Brot satt werden!“ Gott erweist sich als treu und barmherzig. Ein Wachtelschwarm lässt sich dicht beim Lager nieder. – Wenn diese Vögel nach langem Flug in großen Schaaren erschöpft landen, lassen sie sich mit Händen greifen. Noch am selben Abend dampft die Geflügelsuppe in den Töpfen, zieht der Duft der gebratenen Wachteln durchs Lager derer, die gerade noch lieber gestorben wären. Gott hat sie beschämt.

Am Morgen darauf entdecken sie noch etwas anderes: Rund, klein, süß liegt es überall in der Wüste herum. Was ist das fragen die Menschen „Man-Hu?“ daher hat das Manna seinen späteren Namen. Sie stellen fest: Das kann man ja essen, es schmeckt, ist nährstoffreich, macht satt. Noch heute sammeln es Beduinen zum Verzehr. Wieder zeigt Gott seine Treue. Rechtzeitig und in ausreichendem Maß kommt seine Hilfe. Er gibt, was gebraucht wird .

Sind Sie nicht auch schon durch die Hilfe Gottes beschämt worden? Anders vielleicht als Sie es erwartet hätten hat er eingegriffen. Aussichtslos erschien die Lage, aber dann gab es doch einen Ausweg. Es ging doch weiter. Ich erinnere mich an eine Chemielehrerin, die beim Vorbereiten eines chemischen Versuchs in der Pause im Chemiesaal durch eine Explosion schwer verletzt wurde. Sie konnte, im ganzen Gesicht blutüberströmt, nichts mehr sehen. Als sie von den Rettungssanitätern aus dem Schulhaus getragen wurde, rief sie: „Lasst mich doch sterben! Das ist doch kein Leben mehr!“ – Nach weniger als einem Jahr war sie soweit wieder hergestellt, dass sie wieder unterrichten konnte.

Eine andere Frau, Christel Kunzig, erzählt von einem Erlebnis aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg: Wir waren auf der Flucht mit einem Güterzug bis Berlin gekommen. Es regnete ununterbrochen, wir lagen in der Bahnhofshalle, die kein Dach mehr hatte. Um uns herum lagerten ein paar Hundert Menschen, die vor Not und Erschöpfung, Elend und Angst kaum noch Menschen waren. Jeden Tag gab es nur einmal zu essen: Wassersuppe mit Zwiebelstückchen.

Wir hungerten und froren. Meine Mutter weinte, weil sie uns Kindern nichts mehr zu essen geben konnte. Einmal ging sie früh in die Stadt und kam abends mit acht Kartoffeln zurück. Das sollte ein Festessen geben. Aus Backsteinen bauten wir eine Feuerstelle und kochten in einer Blechbüchse die Kartoffeln. Immer wieder ging durch die Nässe das Feuer aus. Die Mutter machte sich noch einmal auf, um Holz zu suchen.

„Zusammengekauert saß ich“, so erzählte Christel Kunzig, „mit hungrigen erwartungsfrohen Augen vor dem Blechtopf. Aus lauter Vorfreude betete ich leise vor mich hin. Ich redete mit Gott. Da spürte ich auf einmal eine weiche Hand liebevoll über mein nasses Haar gleiten. Und aus der Dunkelheit legte eine andere Hand mir etwas in den Schoß: Ein Brot! Ein ganzes Brot!

Ich konnte es kaum glauben. Ich machte die Augen zu und wieder auf, um mich davon zu überzeugen, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Aber es stimmte: Braun und duftend lag das Brot in meinem Schoß. Als ich mich bedanken wollte, war niemand mehr da. Da bedankte ich mich bei Gott. Als mich die Mutter später fragte, woher ich das Brot hätte, sagte ich: Vom Himmel! Und das glaubte sie auch, nachdem ich ihr mein Erlebnis erzählt hatte.

So gnädig kann Gott sein. Er greift ein und hilft. Nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil er treu und barmherzig ist. Er hat immer Möglichkeiten Not zu wenden, Hilfe zu schenken. Wir können und müssen Gott nicht das Wie vorschreiben, auch nicht das Wann seiner Hilfe, aber wir dürfen ihm zutrauen, dass er im rechten Maß und zur rechten Zeit die Hilfe schickt. Denn er ist treu!

Ein besonderer Punkt wird hier noch erwähnt: Das Manna lässt sich nicht auf Vorrat sammeln. Es ist zwar für jeden genug, um satt zu werden, aber es hält sich nicht bis zum nächsten Tag. So, als wollte Gott dem Volk eine Lektion in Sachen Glauben erteilen: Gebt euch mit dem zufrieden, was ihr heute habt. Auch morgen werde ich für euch sorgen, darauf könnt ihr euch verlassen!

Gilt das nicht für uns heute noch genauso? Sorgt euch nicht um das, was Morgen wird! Auch Morgen werde ich da sein und für euch sorgen. Jesus hat genau das in der Bergpredigt ausgesprochen: Sorgt nicht für Morgen ! Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Als Kinder Gottes müssen wir nicht ängstlich in die Zukunft sehen und sorgen, was vielleicht demnächst für ein Unglück über uns kommen könnte. Auch Morgen ist der Herr da. Der Herr, der die Fluten des Roten Meeres teilte, der den Tod besiegt hat, der Leben schenkt, der gibt auch das, was nötig ist und lässt die, die auf ihn trauen nicht zuschanden werden.

Im Vaterunser dürfen wir beten: Unser tägliches Brot gib uns heute. Da heißt es nicht: Gib uns die Sicherheiten für die nächsten Monate und Jahre sofort. Der Glaube fordert keine langfristigen Garantien. Heute erfahren wir die Barmherzigkeit Gottes. Es hat mal jemand so ausgedrückt: Gestern ist vorbei, Morgen ist noch nicht da und heute hilft der Herr.

In den Wüsten-Zeiten unseres Lebens gibt es auch Hunger- und Durststrecken durchzustehen. Aber wir sollen nicht murren, sondern für erfahrene Hilfen danken und uns darauf verlassen, dass der Herr auch in der gegenwärtigen Not helfen wird. In solchen Zeiten kann so ein altes Lied als Gebet sehr hilfreich sein:

Solls uns hart ergehn, lass uns feste stehn
und auch in den schwersten Tagen
niemals über Lasten klagen,
denn durch Trübsal hier, geht der Weg zu dir.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel@, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel 0921/41168