Das Wort Gottes wird Mensch

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4.Advent, 24.12.2017, 2.Korinther 1, 18-22

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus

Lasst uns in der Stille … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen

Die Freude kommt näher, die Freude wächst! Das ist das Thema des 4. Adventssonntags. „Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich euch: freuet euch!“ so sagt das der Vers für den heutigen Tag. Im Evangelium ist von der Freude zweier Frauen die Rede, die ein Kind erwarten. Die alte Elisabeth und die junge Maria freuen sich auf die Geburt ihres Kindes. Sie wissen, es wird eine besondere Geburt, es werden besondere Kinder sein, an ihnen geschehen Wunder.

An und in jeder Frau, die schwanger ist geschieht ein Wunder. Ein göttliches Wunder neuen Lebens. An diesen beiden Frauen aber noch ganz besonders. Die eine, Elisabeth, ist viel zu alt, um noch ein Kind zu bekommen. Die andere, Maria, ist schwanger durch das Wirken Gottes, ohne dass sie mit einem Mann zusammen war. Beide müssten eigentlich voller Angst sein. Die Elisabeth wegen der enormen Risiken einer so späten Schwangerschaft. Maria wegen des Skandals und des Geredes der Leute. Aber sie fürchten sich trotz der äußeren Umstände nicht. Es packt sie eine große unbeschreibliche Freude über Gottes Kraft und Wunder, die sie erleben.

Und wir, sollten wir uns nicht auch freuen? Gott kommt zu uns. Wir feiern die Geburt unseres Heilands, unseres Retters. Theoretisch ja. Aber theoretische Freude ist eine erbärmliche Freude und sich freuen müssen, ein hoffnungsloser Versuch.

Wenn Sie sich heute richtig freuen können, dann sind Sie nur recht dankbar. Dann brauchen Sie jetzt gar nicht mehr so genau zuzuhören. Freuen Sie sich einfach eine Viertelstunde still in sich hinein, denn das, was ich jetzt sage, ist eher für die gedacht, die mit der Freude von Weihnachten noch nicht so klar kommen. Denen es bisher noch nicht gelungen ist, die christliche Theorie in die Praxis umzusetzen.

Vielleicht ist es ja bei ihnen, wie es schon oft kurz vor Weihnachten war: Alle stehen unter Strom. Nichts klappt, nichts ist fertig, dauernd passiert irgendetwas Schlimmes:

– Die Oma muss ins Krankenhaus, im Keller ist ein Rohr geplatzt; der Sprössling kam wieder mit einem Fünfer heim; in der Eile hat das neue Auto eine Schramme gekriegt und das lange bestellte Geschenk wurde doch nicht mehr geliefert.

– Die Mutter sieht, dass sie gar nicht mehr alles schaffen kann bis zum Nachmittag, der Vater hatte viel Ärger auf der Arbeit, musste dauernd Überstunden machen und Zusatzdienste schieben, dabei wäre er doch gerade in den letzten Tagen daheim dringend gebraucht.

Wenn dann noch ein krummes Wort von irgendwem fällt, geht die Weihnachtsbombe hoch mit Gebrüll und verletzenden Wortsplittern und dann gibt es Tränen und beleidigt eingefrorenes Schweigen. Wer kann sich da freuen?

Und da kommen wir daher mit der Adventstheorie von der Freude. Woher soll die denn kommen? – Vielleicht aus unserem Predigttext für diesen Sonntag!

Es sind einige Verse aus dem ersten Kapitel des 2. Korintherbriefs. Diesen Zeilen war auch Adventszoff vorausgegangen. Der Apostel Paulus sollte nach Korinth kommen. Er hatte es den Korinthern jedenfalls fest versprochen. Aber dann hatte es nicht geklappt mit der Reise, – das war ja damals alles viel schwieriger als heute – und nun waren einige Korinther bitter enttäuscht. Sie nannten Paulus einen Lügner. Einige gingen sogar so weit, dass sie provozierend sagten: Wenn sich Paulus da nicht an sein Wort hält, dann war vielleicht auch alles andere, was er uns über Jesus, seine Auferstehung, seine Wunder und seine Wiederkunft erzählt hat, nicht wahr.

Es gibt Streit und böse Worte fallen. Misstrauen und Enttäuschung stehen zwischen Paulus und den Korinthern. Wie kann das nur wieder gut werden? Paulus versucht die richtigen Worte zu finden. Ich lese unseren Predigttext (2.Kor 1,18-22):

Ich wollte euch eine doppelte Freude bereiten und sowohl auf dem Weg nach Mazedonien als auch auf der Rückreise von dort zu euch kommen. Einige von euch hätten mich dann auf der Rückreise nach Judäa begleiten können.

Bin ich denn nun leichtfertig gewesen, als ich diese Reise plante? Entscheide ich etwa so, wie ich selbst es für richtig halte, ohne nach Gottes Willen zu fragen? Oder gehöre ich zu den unzuverlässigen Leuten, die „Ja“ sagen, wenn sie „Nein“ meinen?

Gott weiß, dass wir niemals etwas anderes sagen, als wir wirklich meinen. Auch Jesus Christus, der Sohn Gottes, von dem Silvanus, Timotheus und ich euch berichtet haben, sagte nicht gleichzeitig „Ja“ und „Nein“.

Er selbst ist in seiner Person das Ja Gottes zu uns, denn alle Zusagen Gottes haben sich in ihm erfüllt. Und deshalb sprechen wir im Blick auf Christus und zur Ehre Gottes unser Amen.

Gott selbst hat unser und euer Leben durch Christus auf ein festes Fundament gestellt und uns in seinen Dienst gerufen. Er drückte uns sein Siegel auf, wir sind sein Eigentum geworden und er hat uns seinen Heiligen Geist gegeben. Damit haben wir die Garantie von Gott, dass er uns noch viel mehr schenken wird.

Wie geht Paulus um mit diesem Adventskonflikt?

Er zieht sich nicht beleidigt in den Schmollwinkel zurück. Er sucht das Gespräch. Er versucht im Guten zu reden, Missverständnisse auszuräumen und zu erklären. Paulus sucht die gemeinsame Basis und geht, mit guten Worten auf die Korinther zu. Er beruft sich auf Jesus Christus, den gemeinsamen Herrn und erinnert an das große grundsätzliche und umfassende Ja, das er in seinen Verheißungen zu uns spricht.

Wie können wir uns da mit einem ablehnenden „Nein“ voneinander abwenden und uns misstrauen, wenn er uns sein ganzes „Ja“ und sein Vertrauen gibt. Der Apostel erinnert daran:

Jesus Christus selbst ist das Ja Gottes zu uns!

Sollte dieses Problemlösungskonzept des Paulus nicht auch für Christen heute noch anwendbar sein?

Miteinander in guter Art und Weise weiterreden, die gemeinsame Basis suchen – und zuerst einmal darüber nachdenken, was es eigentlich bedeutet, dass Gott durch Jesus Ja zu uns sagt.

Hätte er nicht viel mehr und schon längst Grund, zu uns Nein zu sagen. – Mit Dir nicht! – Für Dich nicht! – Was? Für dich soll ich etwas tun? Wo Du mich so oft vergisst, so oft gegen meinen Willen deinen Kopf durchsetzt.

Finden Sie nicht auch, Gott hätte allen Grund so mit uns umzugehen, endlich und endgültig Nein zu sagen. Müssten wir es nicht verstehen, wenn Jesus sich irgendwann einmal weigern würde seinen Buckel für unsere Sünden hinzuhalten? – Aber er tut es nicht. Er ist das Ja Gottes zu uns. Er hält die Liebe durch. Und er will, dass wir sie auch durchhalten oder sie zumindest immer wieder suchen, wenn wir sie verloren haben.

Paulus begründet das: Gott selbst hat unser und euer Leben durch Christus auf ein festes Fundament gestellt.

Das ist die Voraussetzung für die Einigkeit, dass wir auf diesem Fundament stehen bleiben oder wie Luther es übersetzt hat, dass wir festgemacht sind an Christus.

Das heißt, die klare Entscheidung für Jesus muss gefallen sein, sonst gibt es keine gemeinsame Basis. Ob Konfirmand, Studentin, Direktor oder Angestellter, Hausfrau oder Rentner, die Entscheidung für Jesus muss gefallen sein. Etwa so:

Herr Jesus, ich will dass du mein Leben bestimmst. Ich will auf dich hören. Ich brauche deine Vergebung und deine Führung. Lass mich nicht los! Bitte, bring du mich ans Ziel. Diese Grundsatzentscheidung muss gefallen sein. Gott will keine Tribühnenchristen oder Kommentatorenchristen, die sich die Sache nur kritisch distanziert anschauen und dann nach dem Maßstab ihrer Vernunft oder ihrer begrenzten Vorstellungskraft ablehnen.

Jesus braucht Leute, die sich an ihm festhalten und von ihm festmachen lassen. Lateinisch heißt das übrigens konfirmieren, bestärken, bekräftigen. Die Konfirmierten – und das sind ja fast alle von uns – sind solche – sollten solche sein, die an Jesus Christus festhalten. Auch gegen Widerspruch und Widerstand. Und Konfirmanden, das sind solche, die sich an Jesus Christus festhalten wollen. Wenn ein Mensch, ob jung oder alt, sein Leben dem Herrn Jesus übergibt, dann wird er Gottes geliebtes Eigentum. Gott gibt dann seinen Heiligen Geist, damit wir uns in dieser Welt und im Glauben zurechtfinden. Paulus behauptet: „Damit haben wir sogar die Garantie, dass Gott uns noch viel mehr schenken wird.“


Gott sagt „Ja“ zu dir, auch dann, wenn das mit der kalendergesteuerten Weihnachtsfreude nicht immer klappt. Er sagt „Ja“ zu uns und wir sollten nicht „Nein“ zu ihm sagen. Das Nein zu Gott ist das schlimmste und verhängnisvollste „Nein“, das es im Leben eines Menschen geben kann. Es führt in die Dunkelheit und ins Verderben, in die Einsamkeit und in die Gottesferne, in Verzweiflung und Leere.

Auch heuer werden wieder Viele verzweifeln und leer sein in den Weihnachtstagen? Sie werden Trost suchen im Alkohol, Hilfe in glitzernden Geschenken, Ablenkung auf reich gedeckten Tischen, aber sie werden nicht finden, was sie suchen. Sie werden leer bleiben und kalt, solange sie sich nicht festmachen an Jesus Christus. An Jesus, Gottes Ja zu uns.

Es gibt noch eine dritte Kategorie, das sind die, die „Jain“ sagen zu Jesus und zum Glauben. Ein bisschen Ja und ein bisschen Nein. Sie sagen Ja zu Gott, solange es schön ist und bequem, solange keiner darüber lacht oder lächelt, solange es nichts kostet oder wenigstens nicht so viel. Aber wenn es schwierig wird oder Ärger gibt, dann sagen sie nein.

Leider finden sich „Jainsager“ in jedem Konfirmandenjahrgang. Sie sagen „Ja“ zu dem schönen Fest und zu den Geschenken und zum Geld, aber sie leben ein „Nein“, wenn es dann darum geht diesen Weg mit Jesus auch weiterzugehen. „Jainsager“ sind auch in jedem Konfirmierten-Jahrgang. Die Versuchung zum Jain erleben wir alle in unserem Alltag und nicht selten erliegen wir ihr mit faulen Kompromissen.

Eigentlich weiß ich ja, dass ich ehrlich sein sollte. Aber die anderen lügen doch auch alle. Ich will auch nicht der einzige Dumme sein und in der Schule nicht abschreiben oder bei der Steuererklärung alles angeben. Dann rechtfertigt man sein „Jain“ damit, dass es doch die Anderen auch so machen.

Man weiß, wohin es führt, wenn man sich zu später Stunde durch die Sender zappt, aber man schaltet die Kiste nicht ab.

Ich weiß ich müsste endlich wieder ganz „Ja“ sagen zu meinem Ehepartner, meinem Kind, meinen Eltern, meinem Nachbarn, Chef oder Kollegen, aber es hat bisher nur zu einem zögerlichen „Jain“ gereicht, das nicht befreit und einen Neuanfang blockiert.

Warum denn? fragt Paulus. Gott hat doch auch ganz „Ja“ zu dir gesagt. Christus hat dich ganz erlöst und ist für alle deine Sünden gestorben, nicht bloß für die Hälfte oder 95%. Alle seine Versprechen und Zusagen gelten für dich. Und es liegen noch viel mehr Geschenke bei Gott für dich bereit, als du bisher abgeholt und angenommen hast.

Paulus will, dass wir dem „Ja“ Gottes mit unserem „Amen“ antworten. Aber wir haben da ein Problem. Wir haben die Bedeutung des Wortes Amen verlernt. Die meisten Christen denken, Amen heißt: Jetzt ist es aus. Sie halten das Wort Amen für das Ende von einer frommen Rede oder Veranstaltung. Danach geht’s weiter im Leben wie immer. Ohne Zusammenhang mit dem, was vor dem Amen war.

Haben Sie schon einmal eine dieser amerikanischen Gemeinden erlebt. Da sitzen die Leute mit viel mehr Beteiligung im Gottesdienst. Und wenn der Prediger irgendeinen Glaubenssatz sagt oder ein Wort Gottes, dann kommt es kräftig aus der Gemeinde zurück: Amen! Oder „Äimen“, wie sie sagen.

Bei uns klingt das Amen oft so gelangweilt und halbherzig oder gedankenlos – Amen -. Dabei ist „Amen“ Beifall, Anerkennung, Zustimmung, Bekräftigung. Wenn ich Amen sage, dann bedeutet das: Jawohl! Das meine ich auch! Dem stimme ich zu! Dem schließe ich mich an! Nach einem Gebet etwa: Ja das ist auch mein Dank, meine Bitte, meine Fürbitte.

Nach dem Glaubensbekenntnis heißt das Amen: 

Ich stehe voll hinter diesen Glaubensaussagen.

Beim Abendmahl: Ja, das gilt mir, Leib und Blut Christi für mich! Weil ich es brauche, weil es mich reinigt, weil es mich rettet, was Jesus für mich getan hat.

Ein klares Amen, das ist auch Gotteslob. Mit einem ehrlichen bewussten Amen gebe ich Gott die Ehre. Wir haben allen Grund dazu, denn unser Gott ist Mensch geworden. Er stößt uns nicht hinaus. Er will uns retten, auch aus unserem vorweihnachtlichen Wahnsinn. Darum sollten wir zu ihm ganz neu und ganz bewusst „Ja“ und „Amen“ sagen.

Ich schließe mit einem Wort von Martin Luther, der sagt: Glaubst du aber, so ist’s nicht möglich, dass davon nicht sollte dein Herz vor Freuden in Gott lachen, frei, sicher und mutig sein.

Amen.

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168