in Herausforderungen geführt

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Predigt am 12.01.2025, 10.30 Uhr Kreuzkirche Bayreuth über Jos. 3,5-11.17

Liebe Gemeinde,
der lange Marsch durch die Wüste ist geschafft. Erleichterung macht sich breit. Das Volk Israel steht am Jordan. Es lagert gegenüber von Jericho. Noch eine letzte Nacht diesseits des Flusses. Nur noch den Jordan überqueren ? Dann sind sie endlich im Gelobten Land. Dann werden sie nach Kanaan einwandern und ein Zuhause haben. »Morgen wird Gott Wunder unter euch tun,« verspricht Josua. Ein Wunder noch! Nach so langer Zeit in Ägypten, in der Fremde. Zusammen mit Mose waren sie aus der Sklaverei in Ägypten geflohen. Lange 40 Jahre waren sie in der Wüste Sinai unterwegs gewesen. Doch nun ist Mose gestorben. Der noch unerfahrene Josua ist sein Nachfolger. Sein Name ist Programm: Josua – Gott hilft, Gott rettet. So stehen die Israeliten am Ufer. Geschafft und doch erwartungsvoll. Sie sehen schon das Neuland auf der anderen Seite. Weites, unbekanntes Land – verlockende Freiheit, zum Greifen nahe! Gelobtes, verheißenes Land. Milch und Honig sollen da fließen. Und Weintrauben in Fülle gibt es dort. So groß und prall, dass man sie kaum tragen kann. Sinnbilder für ein Leben in der Fülle nach der Wüstenzeit von vierzig Jahren. Nur noch ein Wunder – und dann sind sie am Ziel. Wir hören auf den Predigttext Jos. 3,5-11.17:

5. Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.
6 Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.
7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.
8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.
9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes!
10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter:
11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrschers über alle Welt wird vor euch hergehen in den Jordan.
17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

„Morgen wird der HERR Wunder unter euch tun“.
Nur noch ein Wunder. Und das Morgen. Das sagt sich so locker. Als wären Wunder etwas Selbstverständliches. Und Terminierbares. Sind sie aber nie. Wunder sind immer ein Geschenk. Wunder haben immer mit Gott zu tun. Und über ihn können wir eben nicht verfügen. Aber Josua war sich dennoch gewiss: Jetzt auf der Zielgeraden lässt uns Gott nicht hängen. So stehen Augenschein gegen Wunderglaube. Das Volk hört die Worte Josuas wohl und sieht auch das Land Kanaan, das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und dennoch liegt nochmal ein Hindernis vor ihnen – die brodelnden Wassermassen des Jordan. Es ist wohl Frühjahr. Die Schneeschmelze tut neben dem Regen ihr Übriges. Der Jordan ein reißender Fluss.
Nun stehen die Israeliten da: sie sehen das versprochene Land und merken: da kommen wir nie hinein: der Jordan ist ein unüberwindbares Hindernis.

Liebe Gemeinde, ist das in unserem Leben nicht auch manchmal so: Wir haben Hoffnung, wir sehen uns kurz vor dem Ziel. Aber dann treten uns die Hindernisse des Lebens in den Weg.
Kurz vor dem Sportabi holt man sich eine Fußverletzung und der Erfolg ist plötzlich nicht mehr so sicher. Kurz vor der Hochzeit kippt das Wetter und ein dickes Tief zieht heran. Kurz vor dem Abschluss des Projekts auf der Arbeit eine unerwartete Änderung der Geschäftsführung und Tage voller Arbeit sind vergeblich. Kurz vor dem langersehnten Ruhestand plötzlich der gesundheitliche Einbruch. Und schließlich irgendwann das das größte Hindernis: der Tod. Solche Hindernisse können uns wie der reißende Jordan vorkommen. Wie kommen wir über den Jordan? Also: Wie sollen wir jemals über diesen tosenden, reißenden Fluss an das rettende Ufer an der anderen Seite kommen? So fragen wir oft sorgenvoll.

Aber unser Gott hat eine andere Perspektive: statt Sackgasse und Todesangst antwortet er:
Ihr sollt erkennen, dass ein lebendiger Gott unter Euch ist (V. 10)! Trotz hochwasserführendem Fluss führt der lebendige Gott dort mitten hindurch: Wer auf Gott vertraut, der wird nicht vor den Hindernissen des Lebens verschont. Ganz bestimmt nicht! Aber er erlebt: mit Jesus Christus, mit unserem Gott an der Seite, können wir Hindernisse überwinden. Wenn Jesus den Tod besiegt hat, warum sollte er nicht auch die tosenden Flüsse deines Lebens besiegen? Und warum sollte er nicht Möglichkeiten haben, dir einen Weg zu bahnen, wo Du gar keinen siehst?

In unserem Bibelabschnitt lesen wir zwar im 2. Vers, dass das Volk Gottes drei Tage in Schockstarre vor diesem Jordan stehen blieb. Aber nach 40 Jahren Erfahrung und dem Zuspruch des lebendigen Gottes geht das Volk dann ganz nah an das Ufer heran. Nun stehen sie direkt am Ufer und sollen den ersten Schritt nach vorne setzen: Wer macht den ersten Schritt? Wer geht als erster in den Jordan? Wer geht bei Gottes Volk voran?

6 Und zu den Priestern sprach er: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.
Eigentlich ist das ein Selbstmordunternehmen: Pioniere mit guter militärischer Ausbildung müssten diesen ersten Schritt machen. Mutige Schwimmer müssten ein Seil über den Jordan spannen. Schiffsbauer müssten vor, um ein sicheres Floß zu bauen, mit dem man an das andere Ufer gelangen kann. Aber mal ehrlich: nach 40 Jahren Wüstenerfahrung – wer würde da einem Sklaven vertrauen, selbst wenn er in der ägyptische Marine Boote gebaut hätte!

Wer geht bei Gottes Volk voran?
Ihr Schatzkästlein, die Bundeslade geht voran, getragen von den Priestern. Sie treten in den Fluss hinein mit der Lade. Wer ein Land erobern will, der sollte seine Truppen zählen, die Schwachen schützen, die Starken sammeln. Das passiert alles nicht. Stattdessen: Das Erste, das Josua anordnet, ist, dass das ganze Volk sich heiligen soll. Nicht militärisches Können ist gefragt, nicht Muskelkraft und Gewaltbereitschaft. Es ist die Ausrichtung auf Gott, die im Vordergrund steht. Die Frage ist nicht: Was schaffen wir? Sondern: Was schafft Gott? Die Priester, die hier vorangehen, sind Menschen, die vor Gott stehen. Sie spielen die entscheidende Rolle, nicht die Soldaten. Ich höre aus diesem Vorgehen damals die aktuelle Frage heraus: was steht bei uns an erster Stelle, wenn Herausforderungen anstehen? Die Frage: was kann ich? Oder: Was kann Gott? Die Israeliten schicken ihr Schatzkästlein voran: den ersten Schritt in die reißenden Fluten machen die 12 Priester mit der Bundeslade, dem Schatzkästlein von Gottes Volk. Der lebendige Gott geht voran! Was holen wir nach vorne, wenn es über die reißenden Ströme des Lebens gehen muss? Ich sage es mal sehr zugespitzt: Geht unser erster Schritt zum Arzt? Wird als erster ein Sachverständiger konsultiert? Oder gehen wir gleich zum Rechtanwalt?
Oder falten wir als erstes unsere Hände und tragen die Hindernisse unserer Lebenswege vor Jesus Christus? Und gehen danach hoffentlich trotzdem zum Arzt oder zum Sachverständigen oder sonstigen Fachmännern und – frauen. Es geht ja überhaupt nicht darum, diese gegeneinander auszuspielen. Es geht um die Reihenfolge unseres Tuns. Also bete und arbeite, wie schon die alten Mönche sagten. Genau in dieser Reihenfolge. Und nicht eines davon einfach weglassen. Das geht schief.

Fassen wir zusammen: Jesus Christus geht mit uns durch reißende Ströme! Deswegen geht er auf unseren Lebenswegen voran. Das darf sich in unserem Lebenswandel widerspiegeln: Erst Gott, dann alles andere.

Aber was machen wir eigentlich dann, wenn wir auf die andere Seite gelangt sind, der Jordan überquert ist? Was machen wir, nachdem wir Hindernisse des Lebens überwunden haben?
Arbeiten wir nach den Prüfungen des Lebens einfach so weiter? Oder falten wir unsere Hände und danken, nachdem uns reißende Fluten fast mitgerissen hätten? Sind wir dankbar, wo uns der lebendige Gott gerettet hat?

Im nächsten Kapitel können wir lesen (4, 2f), wie aus jedem Stamm des Volkes je ein Mann aus dem Jordan einen Stein mit herausgenommen hat. Diese 12 Steine wurden am anderen Ufer als Denkmal aufgerichtet. Als Denkmal dafür, dass Gott sein Volk führt. Und aus dem Denkmal wird ein Dank- mal.

Und ich höre die Botschaft: Dank mal für so vieles Gute, was Gott Dir schenkt. Dank mal, dass Du heute hier mit dabei sein kannst in diesem Gottesdienst. Dank mal, dass Gott dich leben lässt. Das er Dir Atemzüge schenkt: Gott gab uns Atem, damit wir leben. Atemzüge: einen und noch einen. Und noch den nächsten. Dein übernächster auch und der danach auch. 20000 Atemzüge macht der Mensch im Durchschnitt pro Tag. Wieviel dann erst in deinem ganzen Leben bis jetzt? Eine Rechenaufgabe für heute Mittag! Merken wir: Wir können die Freundlichkeit Gottes gar nicht zählen!
Trotz vieler Krisen in der Welt, trotz manchem, was einen auch ärgern kann, trotz aller Hindernisse in deinem Leben, trotz mancher scheinbar unerhörten Gebete: Gott tut uns dennoch so viel Gutes.
Martin Luther hat es im Katechismus einmal so aufgezählt: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was Not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.

Gott tut uns so viel Gutes. Und da ist es doch wichtig danke zu sagen. Das Danke sagen gilt ja schon im Zwischenmenschlichen: Eine kluge Bauersfrau stellt ihrem Mann und den drei Söhnen zum Mittagessen eine Ladung Heu auf den Tisch. Entgeistert starren die vier breitschultrigen Kerle auf das Heu. Und dann schauen sie die Frau des Hauses verständnislos an. Doch die weiß ganz genau, was sie tut:
„Ach. Ich dachte ihr würdet gar nicht merken, was ich Euch auf den Tisch stelle. Seit über 20 Jahren koche ich jeden Tag für Euch. Und wenn ich mir anschaue, wie groß und stark ihr alle seid, dann kann mein Essen nicht so schlecht sein. Aber in den letzten Monaten hat sich keiner mehr dafür bedankt, dass ich so gut für euch koche.“

So ist Gott nicht. Gott stellt dir nicht im übertragenen Sinn einfach eine Schüssel Heu hin, nur weil Du undankbar bist. So klug das von der Bauersfrau war, dürfen wir das doch nicht einfach auf Gott übertragen. Nein, Gott ist auf deine Dankbarkeit nicht angewiesen. Aber wir selbst sind es! Wenn wir wissen, wem wir uns verdanken, dann wissen wir auch, aus wem heraus wir leben. Wenn wir wissen, wem wir uns mit Haut und Haaren verdanken, dann wissen wir, in wessen Hand unser Leben einmal zurückkehren wird. Wenn wir wissen, wem wir uns verdanken, dann hat unser Leben eine Ankunftsadresse bei Gott.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Dabei blenden wir nicht einfach aus, was wir immer wieder erleben:
Ganz gewiss führt Gott sein Volk und auch uns nicht spazieren. Aber haben wir es gemerkt? Auch im besetzen Land Kanaan sollen diese 12 Steine aus dem Jordan die Israeliten daran erinnern, wie der lebendige Gott sie an Hindernisse herangeführt hat; wie Gott sie hindurchbegleitet hat und wie sie dankbar von den reißenden Strömen weggeführt werden.

Haben wir keine Angst vor dem Jordan, vor den Herausforderungen auch in deinem Leben: der Herr führt hinein, begleitet uns hindurch und steht am anderen Ufer! Und wir können dann dankbar bekennen: Die Ankündigung des Josua ist wahr: Gott hat ein Wunder getan. Amen.

Bei Rückfragen oder Anregungen gerne wenden an:
Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth