Ich will euch trösten!
Zur PDFJahresschlussgottesdienst, 31.12.2015 Röm 8, 31b-39
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Ein letzter Tag im Jahr hat irgendwie seinen eigenen Charakter. Man hat das Gefühl, dass etwas abgeschlossen wird. Man möchte Verschiedenes noch erledigen und nicht als Last mit ins neue Jahr nehmen. Aber manches ist nicht zu schaffen. Manches haben wir wieder nicht geschafft. Auf Verschiedenes blicken wir etwas traurig, enttäuscht oder resigniert zurück, weil es nicht so geworden ist, wie wir Anfang des Jahres gehofft hatten.
Aber es gibt sicher auch Einiges, was geschafft ist. Vor einem Jahr lag es noch wie ein hoher Berg vor uns, jetzt ist der Berg bewältigt. Vergessen wir nicht zu danken für all das Viele Gute, das uns begegnet ist: Für die Erfolge und guten Erfahrungen, für die überstandenen Anstrengungen, geschafften Prüfungen, geheilten Wunden, erfolgten Versöhnungen. Danken wir noch einmal ganz bewusst für allen Schutz, alle Führungen, Bewahrungen, für allen Segen, den wir empfangen haben.
Früher hat man zu Jahreszahlen meist die zwei Worte hinzugefügt: Anno Domini. Das heißt: Im Jahr des Herrn. Legen wir doch auch unsere Jahre bewusst in Gottes Hände. Das vergangene genauso wie das kommende. Jesus geht mit. Er war dabei 2015, er will mit dabei sein 2016.
Wir sind nicht allein. Und es gibt nichts, was uns daran hindern könnte, mit Jesus zu leben. Nichts, was war und nichts, was sein wird. Daran erinnert uns der Apostel Paulus mit der Epistel des letzten Tages im Jahr. Es ist ein Stück aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes. Einer der schönsten und stärksten Texte des Neuen Testaments. Mitten aus seiner Erfahrung der vergehenden Zeit und aus der Bedrohung seines Lebens erinnert uns der Apostel an das einzig Verlässliche und Sichere in unserer Welt. An unseren Herrn und Gott, dessen Liebe uns in Jesus Christus begegnet, der uns in aller Not und durch alle Not hält und trägt und nicht loslässt. Paulus schreibt:
Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst, Verfolgung oder Hunger, Armut, Gefahr oder gewaltsamer Tod?
Gewiss nicht! Es heißt ja schon in der Heiligen Schrift: “Wie Schafe, die geschlachtet werden sollen, wird man uns deinetwegen überall verfolgen und töten.“
Aber dennoch: Wir werden über das alles triumphieren, weil Christus uns so geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod, noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist unserem Herrn.
Ist Gott für uns, wer kann dann gegen uns sein? Ich liebe diese Verse aus dem Römerbrief. Sie strahlen eine solche Kraft aus. Sie drücken aus, was der Glaube für einen Halt gibt: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes!
Wenn Gott auf unsrer Seite ist, was soll uns dann schaden? Dann müssen wir niemanden und nichts fürchten. Was uns auch bedroht, böse Mächte, vernichtende Gewalten, eine Krise in der wir gerade stecken oder ein Berg, der auf uns zukommt. – Wenn wir unser Vertrauen auf Jesus nicht aufgeben, kann uns das alles nichts anhaben. Gott hat mit Jesus so viel in uns investiert, dass er uns nicht aufgibt.
Stell dir vor sagt der Apostel, Gott hat Jesus nicht verschont, sondern mit ihm seinen höchsten Trumpf, seine stärkste Waffe, seinen wertvollsten Besitz eingesetzt für uns, dann lässt er uns doch nicht plötzlich fallen.
Paul Gerhardt hat Schweres durchgemacht. Als Pfarrer und Seelsorger im 30-jährigen Krieg. Wieviel Not und Angst mag der gesehen haben! Wie oft stand er Trauernden gegenüber! Welche Ungerechtigkeiten sind ihm begegnet! Was musste an persönlichem Leid verkraften! Frau und vier seiner Kinder musste er begraben, von Krankheiten hinweggerafft. Aber er hat das einzig richtige getan: Er hat den Glauben nicht aufgegeben.
Ihr könnt mir alles nehmen, bringt er zum Ausdruck, aber meinen Herrn, der stärker ist und der mich liebt, den könnt ihr mir nicht nehmen. In Jesus hat der Liederdichter auch in den schwersten Stunden Trost gefunden. Das kann manchmal so sein, dass man sich darüber wundert, dass man trotz der schlimmen Not und mitten in der großen Belastung bei der Krankheit trotzdem so gefestigt sein kann. Man spürt, da ist eine starke äußere Kraft, die mich festhält, die mich tröstet, die mich durchhalten lässt.
Unsere neue Jahreslosung 2016 (Jesaja 66, 13) hat ja diese Thema: Gott spricht: Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet. So liebevoll, so einfühlsam, so geduldig wie Mutterliebe sein kann, ist unser Gott. Wir müssen nur zu ihm kommen mit unserem Kummer oder mit unserer Angst. Das kann man lernen. Lernen indem man einfach damit anfängt und die Erfahrung macht: Es stimmt ja, wenn ich in diesem Vertrauen komme, werde ich getröstet.
Weil er das oft so erlebt hat fragt Paul Gerhardt in seinem Lied EG 370, 1 so, eigentlich ist es mehr eine Mut machende Feststellung:
Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christus noch,
wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn
beigelegt im Glauben.
Man kann alles verlieren, Gesundheit, Besitz, Ansehen, Kraft, Freunde, Beruf, Menschen, den letzten und größten Schatz kann uns niemand nehmen, wenn wir uns im Glauben an Jesus klammern. In dieser Gewissheit hat sich die Marie Durand 38 Jahre in ein Turmverließ sperren lassen. Sie war eine Hugenottin, die als 19-jährige, frisch verheiratete junge Frau inhaftiert worden war. Das ihr zur Last gelegte Verbrechen war, dass sie dem reformierten Glauben anhing, den der französische König sowie die katholische Kirche mit härtesten Maßnahmen zu ersticken versuchten.
Ebenso kompromisslos und unerschrocken bezeugte Pfarrer Paul Schneider, genannt der Prediger von Buchenwald, im Konzentrationslager seinen Glauben. Der Vater von 6 Kindern wurde im Alter von 41 Jahren dort von den Nazis mit einer Überdosis des Herzmittels Strophanthin umgebracht.
In unseren Tagen trotzen treue Christen den Schergen des Islamischen Staates und bezahlen mit ihrem Leben dafür. Sie alle wussten: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus sichtbar geworden ist. Das war und ist ihr Halt. Diese Liebe gilt nicht einer exklusiven Minderheit, sondern sie gilt uns allen. Jeder, der sie im Glauben dankend annimmt ist von dieser Liebesmacht umgeben und gehalten.
Ich bin gewiss! betont der Apostel, ich bin ganz sicher, für mich steht felsenfest, dass diese Liebe nicht loslässt und nicht enttäuscht. Die Liebe Gottes, die in Jesus sichtbar geworden ist, erreicht ihr Ziel.
P. G. (EG 370, 7): Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen. Wollt ihn auch der Tod aufreiben, soll der Mut dennoch gut und fein stille bleiben.
Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden und macht Bahn, da man kann gehen zu Himmelsfreuden.
Singen wir diese drei eben zitierten Strophen miteinander:
370, 1.7.8 Warum sollt ich mich denn grämen
Verstehen Sie diese Worte? Das heißt: Selbst der Tod als schlimmste Bedrohung in dieser Welt kann uns doch nicht von der Liebe Gottes trennen. Wenn ein glaubendes Gotteskind nach schwerer Krankheit oder durch rohe Gewalt ums Leben kommt, dann wird doch der Weg frei zum Himmel. Dann sind doch alles Leid und aller Schmerz überstanden. Unser Ziel ist eben nicht das dunkle Ende, sondern das lichte Leben in der Herrlichkeit Gottes. Und das ist so groß, so wertvoll und so schön, dass man dafür alle Schätze und Schönheiten dieser Welt gut loslassen kann. P. Gerhardt fragt: Was sind dieses Lebens Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter. Dort, dort sind die edlen Gaben, da mein Hirt, Christus wird mich ohn Ende laben.
Wir haben uns an einen sehr hohen Lebensstandard gewöhnt. Was bei uns eine trendige Kaffeemaschine kostet ist in manchen Ländern der Durchschnittsverdienst eines halben Jahres. Unsere Kinder wachsen in einen Wohlstand hinein, in dem alles, was kaputt geht, sofort ersetzt wird. Man meint: Darauf kann ich doch nicht verzichten. Da tut die kritische Frage schon Not: Was sind dieses Lebens Güter?
Die schönsten Kleider, die schicksten Autos, die coolsten Tablets… Eine Hand voller Sand… Halt mal eine Hand voller Sand fest. Damit kommst du nicht weit. Ständig rieseln dir die Körner zwischen den Fingern durch. Schon nach wenigen Schritten hast du nur noch die Hälfte in der Hand. Nach ein paar Jahren landet die Mode von gestern in der Kleiderkammer, aus dem schicken Schlitten ist eine Rostlaube oder eine Klapperkiste geworden und das Tablet ist sowas von gestern, dass man nur noch lachen kann. Das ist alles nur eine Frage der Zeit.
Aber die Liebe des Heilands hat in den letzten zweitausend Jahren nichts von ihrer Kraft und Wirkung verloren. Nichts kann uns scheiden…
Sollte das Jahr 2015 für Sie schrecklich gewesen sein und das Jahr 2016 wie eine riesige Hürde vor uns liegen, dürfen wir dennoch wissen, dass die Liebe des Herrn die Vergangenheit bereinigt hat und dass wir mit ihm alle Hindernisse bezwingen können. Auch deshalb feiern wir im letzten Gottesdienst des Jahres das Heilige Abendmahl, weil wir da beides bekommen in Brot und Wein: Die Zusage, alle Schuld ist vergeben im Vertrauen auf Jesus und die Gewissheit: Ich bin da auch morgen und im ganzen kommenden Jahr. Ich helfe dir, das zu bewältigen, was auf dich zukommt.
Wie oft hab ich mir schon gedacht: Das schaff ich nie! Unmöglich! Und dann ist ein Balken nach dem anderen aus dem Weg geräumt worden. Türen haben sich geöffnet, wo ich nie eine vermutet hätte. Es haben sich unerwartet Helfer gefunden. Probleme waren plötzlich keine mehr. Nicht erst einmal habe ich das Wort bekommen und es hat sich dann im konkreten Fall bestätigt: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Über Mauern der Ablehnung, Mauern der Angst, ja, sogar über den eigenen Schatten…
Gott ist für uns! Das kann jeder, der will in der Krippe entdecken und am Kreuz bestätigt finden. Er kommt tatsächlich in unsere Welt und in unser Leben. Und er übernimmt wirklich für unsere Fehler die Verantwortung. Weder für das eine noch für das andere stellt er Bedingungen. Er gibt sich uns mit seiner Liebe und mit seinem Trost. Er nimmt uns alle Schuld und alles Versagen ab. Wir müssen nur zugreifen: Du bist mein Gott, mein Hirte, mein Herr, mein Heiland, meine Hoffnung. Paul Gerhard macht das so in den letzten beiden Strophen seines Liedes. Wir dürfen es von ihm lernen:
Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden, du bist mein, ich bin dein, niemand kann uns scheiden. Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut mir zugut in den Tod gegeben;
du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich und ich dich leiblich werd‘ umfangen.
Wir singen die letzten drei Strophen: 370, 10-12
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168