Ich sitze im Zug der Zeit und kann nicht aussteigen
Zur PDFJahresschlussgottesdienst 31.12.2013, Hebräer 13, 8-9b
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…
Das Schriftwort f ür die Predigt an diesem letzten Tag des Jahres steht im 13.Kap. des Hebräerbriefes, die Verse 8 – 9:
Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Beim Arzt im Wartezimmer. Als letzter bin ich reingekommen. Fünf Patienten waren noch vor mir. Eine halbe Stunde ist vergangen, jetzt sitzen mir noch zwei gegenüber. Ich lege die Zeitschrift weg, sie ist sechs Wochen alt und ihr Inhalt interessiert keinen Menschen mehr.
Die nächste Patientin wird aufgerufen. Jetzt sind wir nur noch zu zweit. Ich versuche mich gedanklich mit dem Predigttext von Silvester zu beschäftigen: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Aber ich kann mich nicht so recht konzentrieren, weil mich der Mann auf dem Stuhl gegenüber dauernd so anschaut. – Ob der mich kennt? Als Pfarrer kennen einen ja viele Leute: Von einem Gottesdienst, einer Konfirmation, einer Beerdigung oder aus der Zeitung. Menschen, die man selber aber nicht näher kennt und deren Namen man nicht weiß.
„Kennen wir uns nicht?“ Fragt er plötzlich und reißt mich aus meinen Gedanken. „Ich weiß jetzt nicht?“ Rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. „Du bist doch der Martin, der Schöppels Martin.“ – „Ja, aber ich hab keine Ahnung, wo ich Dich hinstecken soll.“ – Kennen Sie solche Situationen auch? – „Na, ich bin doch der Helmut, kennst mich nimmer? Wir haben doch miteinander konfirmiert.
Ich brauch ein bisschen, bis ich in der Ablage meines Gehirns den Ordner Konfirmandenzeit öffne. Aber dann dämmert es mir langsam. Stimmt, da gab’s einen Helmut. Ich weiß sogar noch wo der gewohnt hat und wie der damals ausgesehen hat. – Das war so ein ganz dürrer schlaksiger. Mein Gegenüber aber hat mindestens 20 Kilo Übergewicht, eine Brille, einen sehr breiten Scheitel und einen Schnauzbart. –
Gerade als wir Erinnerungen austauschen wollten, kommt die Sprechstundenhilfe herein und bittet den Mann zum Arzttermin. Ein kurzer Gruß und ich bleibe mit meinen Gedanken allein zurück. Den hätt ich nicht mehr erkannt! Der hat sich aber verändert. Naja, 45 Jahre ist das her, dass wir miteinander im Konfirmandenunterricht waren. Ich steh auf um mir die Beine zu vertreten geh ein paar Schritte auf und ab, komm am Spiegel vorbei, der da neben der Garderobe hängt. Ich schau rein, da wird mir bewusst: Der mich da aus dem Spiegel anschaut, sieht auch nicht mehr wie ein Konfirmand aus. Ich muss zugeben: Auch an mir ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.
Vielleicht denken Sie das auch manchmal: Nichts ist mehr so, wie es einmal war! Wenn Sie sich an das neue Auto gewöhnen müssen, wo alles ganz anders angeordnet ist als in ihrem Vorvorgängermodell bisher. Oder wenn Sie am Bahnhof vor dem Fahrkartenautomaten stehen, oder wie ich, sich an einen neuen Computer gewöhnen müssen und an neue Programme.
Nichts ist mehr so, wie es einmal war, geht es Ihnen durch den Kopf, wenn Sie zufällig auf das Bildchen in Ihrem Pass oder auf dem Führerschein schauen, das vor fast einem Jahrzehnt oder noch länger aufgenommen wurde.
Nichts ist mehr so, wie es einmal war, das gilt selbst für die Kleinsten, die ihre Eltern vor einem Jahr zur Taufe in die Kirche getragen haben, heute stehen sie schon auf ihren eigenen Füßen und tappeln überall herum, nichts ist mehr sicher vor ihnen.
Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Ist das eine ewig gültige Erkenntnis in unserem Leben, die uns täglich die Vergänglichkeit bewusst macht? Beim Blick in den Spiegel oder auf den Kalender, auf das Preisschild oder ins Schaufenster eines Modehauses . Ab einem gewissen Alter spüren wir es in den Knochen, schimmert es in unseren Haaren und Zähnen, sagt es uns die heranwachsende Generation, manchmal recht brutal: Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!
Es ist alles vergänglich, es ist alles im Umbruch, alles veraltet. Neue Geräte, neue Techniken, neue Programme, neue Systeme, neue Denkweisen, neue Strukturen, neue Werte, wenn überhaupt. – Oft genug sind die alten Menschen damit hoffnungslos überfordert, manchmal sogar die jungen.
Die Zeitabstände in denen Veränderungen vorgenommen werden und Umbrüche erfolgen, verkürzen sich ständig. Ein leitender Ingenieur aus der Automobilindustrie meinte: „Wir haben es aufgegeben länger als drei Jahre voraus Details zu planen. Der Wandel ist so schnell, die Bedingungen unseres Handelns ändern sich so rapide, dass über diese drei Jahre hinaus gar keine Prognose mehr möglich ist.“ Die Menschen sollen sich anpassen, umlernen, fortbilden. Wer das Tempo nicht mithalten kann, verliert den Anschluss und ist draußen.
An so einem letzten Tag des Jahres wird uns besonders deutlich, wie um uns herum alles in Bewegung und Veränderung ist. Ich sitze im Zug der Zeit, der dahinrast und kann nicht aussteigen, kann die Weichen nicht stellen, sondern muss mit, wohin der Wagen rollt.
Sieben Fahrgäste dösen auf den Sitzen eines über Schienen dahinratternden Eisenbahnwaggons. Draußen zieht die Landschaft vorbei. Da ertönt plötzlich ein schriller Pfiff. Es wird stockdunkel. Der Waggon durchfährt einen Tunnel. Als es wieder hell wird, fehlt eine Frau. Ihr Platz ist leer. Zurück bleibt ihr Schminkköfferchen. Zunächst bemerken es die anderen Fahrgäste kaum.
Als dann nach dem nächsten Tunnel eine mitreisende Nonne spurlos verschwindet, beginnen einige Fahrgäste unruhig zu werden. Ihre Angst und Unruhe steigert sich, als nach der nächsten Tunneldurchfahrt zwei weitere Fahrgäste fehlen. Ein Jäger greift zum Gewehr, will die Notbremse ziehen, vergeblich. Ein anderer versucht das Fenster herunterzuziehen, die Außentüre zu öffnen. Auch das gelingt nicht. Am Schluss ist niemand mehr im Waggon. Nur die zurückgelassenen Utensilien erinnern an die Menschen, die hier einmal waren.
Dann sieht man den Waggon von außen. Er rollt ohne Lokomotive ein abschüssiges Gleis hinunter. So endet der Kurzfilm von Bogdan Zizic mit dem Titel „Die Reise“. Der Zuschauer wird nachdenklich und fragt sich: Ist das unsere Welt, ein ungesteuert, ungebremst dahinrasendes Gefährt, aus dem ich nicht raus kann? Eines Tages bin ich nicht mehr dabei. Nur ein paar Sachen von mir bleiben zurück, für kurze Zeit? Nichts ist mehr so, wie es einmal war!
– Einspruch! – Unser heutiges Wort der Heiligen Schrift widerspricht der beängstigenden Vorstellung, dass alles vergeht: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit! Es gibt eine Kraft, die sich nicht verändert, eine Größe auf die wir uns verlassen können, einen, der wie ein Fels in der Brandung der Veränderung steht: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Diese Worte stehen seit einigen Jahren über dem weitgespannten Bogen der neugotischen Kirche im ostfriesischen Hollen, zwischen Kirchenschiff und Altarraum. Im Zuge der Kirchenrenovierung ließ man dieses Bibelwort dort anbringen, damit die Menschen im Wandel der Zeit immer vor Augen haben, wo sie Halt finden.
Der Kirchenmaler arbeitete mit modernen Mitteln. Von der Empore aus wurde der Schriftzug mit einem Tageslichtprojektor an den Bogen projiziert. Der Maler musste nur die Linien nachziehen und ausmalen. Er begann ganz links: Jesus Christus gestern und schrieb dann die letzten Worte: auch in Ewigkeit.
Die Worte dazwischen waren nur zu lesen, wenn der Projektor eingeschaltet war. Als der Gemeindepfarrer sich am Abend vom Fortgang der Arbeiten überzeugen wollte, las er: Jesus Christus, gestern… …auch in Ewigkeit.
Und es ging ihm durch den Sinn: So ist das: Klafft nicht diese große Lücke auch im Leben vieler Christen heute? Jesus Christus, gestern, das wird wohl so gewesen sein, den Mann von Nazareth hat es wohl gegeben. Der hat einmal gelebt und viel Gutes getan und gesagt. Und das andere mag auch noch manchen eine Hoffnung sein: Jesus Christus auch in Ewigkeit. Vielleicht, irgendwann einmal in ferner Zukunft. Und dazwischen klafft eine große Lücke. Jesus Christus heute? Das fehlt in ihrem Leben und in ihrem Glauben.
Dabei ist das genau das, was wir brauchen: Jesus Christus, heute. In unserem Leben, in unserem Alltag, in unserer Not, in der dahinrasenden Zeit, in den Veränderungen und Umbrüchen, da brauchen wir Halt und Klarheit. Da brauchen wir einen, der uns verlässlich sagt, was gilt. Jesus Christus heute! Das ist der, zu dem wir beten. Das ist der, auf den wir Christen unsere Hoffnung setzen.
Der Schreiber des Hebräerbriefes warnt die Gemeinde, warnt uns davor, dass wir unsere Hoffnung und Erwartung auf ständig wechselnde Weisheiten und Lehren setzen: Lasst euch nicht durch manche und fremde Lehren umtreiben.
Ständig erscheinen neue Bücher, gibt es neue Angebote auf dem Glaubensmarkt, werden neue Kräfte gepriesen aus der Tiefe der Erde, aus Steinen, aus Sternen, Energien aus dem All oder aus der Mitte unseres eigenen Körpers. Wir sollen bestimmte Strahlen, Wellen, Schwingungen in uns aufnehmen und andere von uns fernhalten, um gesund zu bleiben oder zu werden.
Wer sich nicht an Christus, den ersten und den letzten und den Lebendigen hält, wer sich nicht von ihm den Geist Gottes erbittet, sich ganz bewusst und täglich unter seinen Schutz stellt, der verliert sich und die Orientierung in den mancherlei und fremden Lehren, die sich ständig verändern, die keinen Halt geben und die in Nöten nicht helfen. Nur auf einen ist Verlass, auf den, der auch in der Ewigkeit noch derselbe sein wird. Seine Worte gelten auch im vor uns liegenden Jahr. Seine Vergebung, sein Kreuz, seine Liebe löschen aus, was wir noch als Last aus dem vergangenen Jahr mitschleppen.
Wenn er sich uns gibt im Abendmahl, heilt er alle alten Wunden, tröstet, stillt die Sehnsucht, nimmt die Angst, schenkt Zuversicht. Ja, wenn sich auch alles verändert, wenn nichts mehr so ist, wie es mal war: Er, unser Herr bleibt derselbe, auch Morgen, wenn das neue Jahr 2014 beginnt. Bleibt auch derselbe in allem, was uns dieses Jahr bringen wird: Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte.
Wissen Sie, wie meine Frau und ich den Übergang vom alten ins neue Jahr gestalten? –Ja, wir stoßen auch mit einem Gläschen Sekt an, aber dann beten wir miteinander. Wir legen das was war in Gottes Hände und bitten für das unbekannte neue Land, das wir 2014 betreten um Segen und Schutz. Für uns und unsere Familie, für die Gemeinde mit all ihren Arbeitsbereichen; für die Gruppe Luther, für unsere Lieben in Nah und Fern, für unsere Stadt und unser Land. Dabei verhallen dann langsam die letzten Böller und wir spüren den Frieden und die Geborgenheit, die aus dem Glauben kommt und die Jesus schenkt. Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Der Liederdichter Gerhard Tersteegen fordert auf:
Mit ihm wir wollens wagen. Es ist wohl wagenswert
und gründlich dem absagen, was aufhält und beschwert.
Welt, du bist uns zu klein. Wir gehen durch Jesu Leiten
hin zu den Ewigkeiten. Es soll nur Jesus sein.
Ein Gebetswunsch, dessen Verfasser nicht sicher feststeht ist auch ein guter täglicher Begleiter:
Gott gebe mit die Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168