Ich kenne deine Werke!
Zur PDFBuß- und Bettag 21.11.2018, Offenbarung 3, 14-22
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, schenk deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist aus dem 3. Kapitel der Offenbarung des Johannes. Das letzte der sieben Sendschreiben an die Gemeinden in Kleinasien. Johannes soll diese Worte an die Gemeindeleiter richten. Die sieben Briefe fallen sehr unterschiedlich aus. Das an die Gemeinde in Smyrna, von dem wir am vergangenen Sonntag gehört haben, ist sehr tröstlich und ermutigend, weil die Christen in Smyrna in Verfolgung und großer Angst um ihr Leben waren.
Ganz anders das Sendschreiben an Laodizea, das für diesen Buß- und Bettag als Predigttext vorgesehen ist. Aber in dieser Gemeinde waren auch die Umstände und Lebensverhältnisse ganz anders: Man lebte dort in Sicherheit, Ruhe und Wohlstand. Zufrieden mit sich und der Welt schlummerte die Gemeinde in frommem Wohlbehagen.
Mit den Sätzen des folgenden Schreibens muss ein Ruck durch die Gemeinde gegangen sein: Es lautet: Dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. – Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.
Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tu Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
Wer aber überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
Was die Laodizeer stolz vor sich hertragen und was sie über sich selbst und ihre Frömmigkeit denken, das findet der Herr über Himmel und Erde – „zum Kotzen“. Wie ein Schluck fad-lauwarmes, schlecht schmeckendes Getränk widert ihn die Haltung der Christen dort an.
Sie werden jäh heruntergestoßen von ihrem Thron und ihrem sanften Ruhekissen eines guten Gewissens: „Ich kenne deine Werke!“ – Ich kenne dich doch! – Mach mir nichts vor! So brav, anständig und fromm, wie du dich nach außen hin gibst, bist du doch gar nicht. – Wer würde bei dieser Diagnose nicht zusammenzucken! – „Ich kenne deine Werke!“ Da muss ein krasses Missverhältnis gewesen sein zwischen den Worten und dem äußeren Schein und den Taten und Tatsachen.
Freundlich tun und Böses denken. Die Wahrheit beschwören, aber mit Lügen leben. Mit schönen Liedern und Psalmen Gott loben, aber im Alltag gottlos leben. Das ist es nicht, was Gott von seinen Leuten will. Aber entspricht das nicht häufig unserem tatsächlichen Wesen?
Gibt es nicht so manches, was nicht passt, was wir gern mit einer schönen Fassade kaschieren? Oder mit Ausreden und Schuldzuweisungen an andere von uns ablenken. – Schon die ersten Menschen im Paradies begannen nach dem Sündenfall ein Versteckspiel. Sie wollten Gott nicht mehr begegnen. Ihr Gewissen war belastet. Und auf ihre Fehler angesprochen, versuchten sie die Schuld anzuschieben. Adam sagte zu Gott: „Die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir und ich aß.“ Eva rechtfertigte sich: „Die Schlange betrog mich…“ Und Kain, kurz nach dem Mord am Bruder zuckt die Schulter: „Was geht mich mein Bruder an? Bin ich vielleicht sein Aufpasser?“
Später setzte sich Saul über die klaren Anweisungen Gottes hinweg und ließ sich auch nicht vom Propheten Samuel zurecht bringen. David verguckte sich in die schöne Frau eines seiner Offiziere, brach mit ihr die Ehe und brachte ließ ihn lieber umbringen, als dass die Fassade des gerechten Königs bröckelt. Aber Gott sagt: „Ich kenne deine Werke!“
Mit unseren Worten können wir Gott nicht täuschen. Er kennt die Tatsachen, die Werke, die Gedanken, die tatsächlichen Motive. Im Licht seines Geistes und seiner Wahrheit kann nichts Unreines und Böses bestehen. Vor ihm fliegt jede Lüge, jeder Betrug, jede Intrige auf.
Im Neuen Testament lesen wir von dem Ehepaar Hananias und Saphira, die sich zur Urgemeinde hielten. Beide hatten ein Stück Land verkauft, um der Gemeindekasse eine Spende zu machen und vor den anderen gut dazustehen. Sie behaupteten den ganzen Erlös des Verkaufs abzugeben und behielten doch heimlich einen Teil für sich. – Scheinheilig! – Petrus stellt zunächst den Mann zur Rede: „Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen und etwas von dem Geld für den Acker zurückbehalten hast? – Hättest du den Acker nicht behalten können? – Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen!“ Als Hananias das hört, fällt er tot um. Minuten später stirbt seine Frau mit derselben Lüge auf den Lippen an derselben Stelle.
„Ich kenne deine Werke!“ Gott kennt sie alle. Die Werke der Gemeindemitglieder von Laodizea und auch unsere Werke. Ob sie ihm auch so widerlich sind, wie die von Laodizea? Ich kann mir schon vorstellen, dass Gott auch bei uns, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, in unserer Politik, in unseren Medien so Manches zum Kotzen findet.
Und wir? Viel zu oft machen wir mit und lachen wir mit, wenn es unsauber oder unehrlich zugeht. Es wird einem ja so leicht gemacht. Angepasst an eine Welt, die sich um Gottes Gebote und Ordnungen nicht kümmert. Schweigend nehmen wir die ungerechte Verteilung der Güter hin. Wir haben mehr als genug und neiden dem der, noch reicher ist, seine Schätze.
Die Christen der reichen Handelsstadt Laodizea genießen ihren Wohlstand und sonnen sich in ihrem hohen Lebensstandard. Gott lässt sich von dem luxuriösen Lebensstil nicht blenden. Er sieht das anders: „Elend bist du und jämmerlich“, urteilt er, „arm, blind und bloß!“
Ob Christus unseren hohen Lebensstandard auch so sieht? Ihr bildet euch ein reich zu sein und Sicherheiten zu haben und gut vorgesorgt zu haben, aber ihr seid in Wahrheit elend, jämmerlich, arm blind und bloß. Wenn ihr nur halbe Sachen macht mit dem Glauben und mit der Nachfolge, dann habt ihr gar nichts am Ende. Ein bisschen christlich, aber sonst weitgehend weltlich. – Ein bisschen glauben, hie und da mal ein Vaterunser oder ein Stoßgebet. Ab und an ein Gottesdienst, hin und wieder eine Spende. Damit muss Gott sich doch zufrieden geben. Das ist doch mehr als bei den meisten anderen.
Kein echtes Trachten nach dem Reich Gottes. – Lieber noch ein bisschen so weitermachen, wie bisher. Oft höre ich diesen Wunsch, wenn ich frage, was sich Menschen für ihr nächstes Lebensjahr wünschen: „Dass es halt noch ein bisschen so weitergeht…“ Wie denn? So angepasst, so gleichgültig, so undankbar, so ziellos, so empfindlich, so unzufrieden, so scheinheilig, so materiell und gewinnorientiert?
Sind wir denn schon fertig? Angepasst an die Welt, aber nicht passend für das Reich Gottes. Niemand von uns ist schon fertig, auch ich nicht. Niemand von uns hat genug Liebe, genug Glauben, genug Einsatz für die Sache Gottes, genug Gebet.
Martin Luther war der Meinung, dass ein Christ nie fertig ist, sondern immer im Werden. Die Liedstrophe, die wir vorhin gesungen haben, ist eine dringend notwendige Bitte:
Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt. Erbarm dich, Herr!
Zu diesem nicht nur äußerlich gesungenen, sondern innerlich erflehten Gebet soll uns der Buß- und Bettag wieder anleiten. Es geht nicht um eine kurzfristige Betroffenheit, die wir spätestens am nächsten Morgen wieder abschütteln, sondern um nachhaltige Veränderung. Die ernsten Worte des Auferstandenen und erhöhten Christus wollen uns auch nicht niedermachen, sondern wieder in die Spur bringen, die zielorientiert und zukunftsweisend ist.
Jesus sagt es hier ausdrücklich: Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich (erziehe ich). Er lässt auch niemanden mit seinem zerschlagenen Spiegelbild alleine zurück, sondern hilf auf und hilft heraus aus aller Verstricktheit in Sünde und Schuld. Es soll und kann mit seiner Hilfeanders werden. Es muss nicht, es darf nicht im alten Trott immer so eitergehen. „Ich rate dir“, sagt Jesus und gibt drei konkrete Ratschläge:
1. Wenn du wirklich reich sein willst, dann zerbrich dir den Kopf nicht darüber, wie du deinen Besitzstand wahren kannst, sondern kaufe Gold von mir! Sammle dir einen Schatz im Himmel. Den fressen nicht eines Tages die Motten und der Rost, um den streiten sich einmal nicht die Erben. Wort und Sakrament sind solche Schätze, die im Himmel zählen und die sich über Jahrtausende im Feuer des Leids bewährt haben. In den letzten Tagen oder Stunden eines Lebens kann man mit seinem Geld, den Aktien und Immobilien nichts anfangen, aber der Konfirmationsspruch, ein biblisches Trostwort, ein Glaubenslied, eine Verheißung, das kann Kraft geben und hinüberbegleiten in die Ewigkeit.
Nicht selten berichten mir Menschen, die schwere Zeiten in der Klinik hinter sich haben, wie gut ihnen die gesungenen Glaubensbotschaften getan haben, die ihnen ein Chor im Krankenhaus zugesungen hat. Vielleicht ist es auch eine Losung oder ein Zuspruch des Glaubens.
So manche Schwerkranke haben im Abendmahl Frieden und Stärkung erlebt und konnten ihre Situation dann annehmen und haben die Kraft gespürt, die vom Leib und Blut unseres Herrn Christus ausgeht. Gold des Glaubens wiegt viel schwerer und zählt vielmehr als alle Schätze der Erde. Die sind im Leben nur Last und müssen im Streben losgelassen werden.
Der 2. Rat, den der Herr hier gibt: Ich rate dir, dass du dir Kleider von mir besorgst und dir anziehen lässt! – Gib dich nicht mit der vermeintlich weißen Weste zufrieden, die du zu haben glaubst und an der du dauernd selber herumbürstest. Im klaren Licht Gottes wird sie einmal nicht mehr weiß scheinen, sondern alle ihre Flecken werden zum Vorschein kommen.
Die weißen Kleider sind ein bildlicher Vergleich für die Reinheit und die Gerechtigkeit, die Gott denen schenkt, die ihn im Namen Jesu um Vergebung bitten. Sie sind, so die Bibel, gewaschen mit dem Blut Christi: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck- und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.“ (EG 350, 1 Ludwig Zinzendorf)
Der 3. Rat des Herrn: Lass dir Augensalbe von mir geben, damit deine Augen heil werden und du wirklich anfängst richtig zu sehen. Gott zu sehen, wie er ist; dich selber zu erkennen, wie du bist; die Welt mit wachen Augen zu sehen und die Menschen mit den Augen der Liebe. Das ist doch wohl die Bitte um den Heiligen Geist Gottes. Die Bitte darum, dass wir lernen zu sehen und zu erkennen, was der Wille Gottes in unserem Leben ist.
Drei Ratschläge gibt uns der Herr hier unter der Überschrift: So sei nun eifrig und tue Buße! Er will uns auf den richtigen Weg bringen. Darum geht er uns nach und klopft bei uns an: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem , werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.
Auch jetzt und hier. Wenn wir ihn einlassen, sind wir mit ihm am Tisch und wir dürfen essen und trinken zu unserem Heil. Er nimmt alles weg, was uns lau und widerlich macht vor Gott. Er schenkt ein neues Herz, das ganz Gott gehören will. Dem, der das neue Herz erbeten hat, wird dann gegeben, mit ihm auf seinem Thron zu sitzen, so lautet die Verheißung hier.
Das ist das Ziel, dass echte Buße im Sinn der Bibel hat: Mit dabei sein im Reich Gottes. Neu werden durch Christus.
Herr, du hast verheißen: Siehe ich mache alles neu! Lass dieses Versprechen auch an uns, auch an mir wahr werden. Bewahre uns, bewahre mich vor Blindheit und Selbstgerechtigkeit, die nicht mehr sieht, was uns von dir trennt. Hilf uns loslassen, was uns hindert, wirklich mit dir zu leben. Lass uns ehrliche und treue Glieder deiner Gemeinde werden. Mach uns zum Werkzeug deines Friedens.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168