Hört mir zu!

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17.Sonntag nach Trinitatis 30.09.2012, Jes 49, 1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille, jeder für sich darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute steht im 49. Kapitel des Jesajabuches:

Hört mir zu, ihr Bewohner der Inseln und ihr Völker in der Ferne! Schon vor meiner Geburt hat der Herr mich in seinen Dienst gerufen. Als ich noch im Mutterleib war, hat er meinen Namen genannt.
Er hat mir Worte in den Mund gelegt, die durchdringen wie ein scharfes Schwert. Schützend hält er seine Hand über mir. Er hat mich zu einem spitzen Pfeil gemacht und mich griffbereit in seinen Köcher gesteckt.
Er hat zu mir gesagt: „Israel, du bist mein Bote. An dir will ich meine Herrlichkeit zeigen.“
Ich aber dachte: “ Vergeblich habe ich mich abgemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft vergeudet. Dennoch weiß ich, dass der Herr für mein Recht sorgt, von ihm, meinem Gott, erhalte ich meinen Lohn
Und nun spricht der Herr zu mir. Er hat mich von Geburt an zum Dienst für ihn bestimmt. Die Nachkommen Jakobs soll ich sammeln und zu ihm zurückbringen. Gott selbst hat mir diese ehrenvolle Aufgabe anvertraut, er gibt mir auch die Kraft dazu.
Er spricht zu mir: „Du sollst nicht nur die 12 Stämme Israels wieder zu einem Volk vereinigen und die Überlebenden zurückbringen. Dafür allein habe ich dich nicht in meinen Dienst genommen, das wäre zu wenig.
Nein – ich habe dich zum Licht für alle Völker gemacht, damit du der ganzen Welt Rettung bringst, die von mir kommt.

„Hört mir zu!“ Mit diesem Aufruf beginnt der Prophet Jesaja seine Botschaft. Hört ihr zu, liebe Konfirmanden? Hören Sie zu, liebe Gottesdienstbesucher? Man kann ja auch anwesend und doch mit seinen Gedanken ganz wo anders sein. Bei dem Spielfilm von gestern abend, bei den Problemen von morgen oder beim Ärger von vorgestern. Mit müden Gedanken noch halb im Bett oder mit hungrigen Gedanken schon beim Mittagessen. Wir lassen uns so leicht ablenken, von außen oder von dem, was in uns vorgeht. Allein auf einer Gedankeninsel, weit weg von dem was um uns herum gerade wichtig ist.

Aber Jesaja will uns erreichen mit seinen Worten. Darum setzt er zuerst noch so ein Signal, das die Zeit und die Entfernung überbrückt und das alle Ablenkungen ausblendet: Hört mir zu, ihr Bewohner der Inseln und ihr Völker in der Ferne. Passt auf, dass ihr nichts versäumt. Es geht nicht um kluge Gedanken, eines längst verstorbenen Weisen, nicht um mehr oder weniger interessante Worte eines Pfarrers, sondern um Worte Gottes, um lebenswichtige Worte für uns alle.

Dem Propheten ist hier etwas ganz Entscheidendes klar geworden. Das er nicht zufällig und umsonst auf der Welt ist. Er merkt: schon vor meiner Geburt hat der Herr mich in seinen Dienst gerufen. Als ich noch im Mutterleib war, hat er meinen Namen genannt.“ Jesaja schaut seinen Lebensweg zurück und stellt fest: Gott hat von Anfang an einen Plan mit mir gehabt. Ich bin nicht zufällig auf der Welt, es ist auch nicht egal ob es mich gibt oder nicht, sondern Gott hat mit meiner Existenz einen ganz bestimmten Plan verfolgt.

Gott hat immer einen Plan, wenn er Leben entstehen lässt. Einen guten Plan. Von der ersten Zellteilung an, wenn noch nicht einmal eine Mutter weiß, dass sie ein Kind bekommen wird, ist da ein guter Plan vorhanden. Ein Plan für ein ganzes Leben, ein Plan für die Ewigkeit. Da ist nicht nur ein genetisches Programm festgelegt, sondern es sind auch Gaben und Aufgaben angelegt. Für Gott war lange vor der Geburt klar, wer ein Johann Sebastian Bach, ein Albrecht Dürer, ein Albert Einstein oder auch ein Hans Müller oder eine Claudia Schulze wird. Für jedes Leben, das Gott schenkt, ist ein Weg vorgezeichnet, liegt Segen bereit.

Allerdings pfuschen die Menschen Gott oft in seinen Plan hinein. Sie wissen es besser, meinen sie. Sie hören nicht zu, was Gott sagt. Sie fragen nicht nach seinem Willen und dann nimmt ihr Leben einen ganz anderen Weg. Einmal in der Ewigkeit wird sich für jede und jeden zeigen, welchen guten Weg er uns führen wollte und wo wir durch unseren Eigensinn anders gelaufen sind. Gott zwingt ja nicht.

Jesaja weiß noch nichts von moderner Medizin und von pränataler Diagnostik, seine Mutter konnte weder eine Ultraschalluntersuchung noch eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen, als sie merkte, dass sie schwanger war. Trotzdem war Gottes Plan mit diesem Leben schon geschrieben, der Name des ungeborenen Kindes bei Gott schon bekannt. Der Auftrag und Segen, der mit seinem Leben verbunden war schon bereitgestellt. Das gilt für jedes Leben, auch für ungeborenes Leben: Sein Plan ist fertig schon und liegt bereit.

Umso erschütternder, wenn Menschen so ein von Gott geplantes und geschenktes Leben dann nicht zulassen. Das ist der radikalste Eingriff in die Pläne Gottes, wenn Mütter oder Väter aus persönlichen, finanziellen oder sozialen Gründen ein Leben schon vor der Geburt abbrechen. Vielleicht hatten sie noch keine Beziehung zu diesem neuen Leben, aber Gott hatte längst eine. Ich bin sicher, sie bricht nicht ab, wenn eine Schwangerschaft abgebrochen wird.

Jesaja blickt seinen ganz bestimmt nicht leichten Lebensweg zurück und begreift dieses Wunder und die Würde seines eigenen Lebens. Gott hat es gewollt. Er hat mich geführt, bewahrt, an einen Platz gestellt, hat mir Aufgaben gegeben, die mir den Schweiß auf die Stirne treiben, die mir oft Angst machen und die mir manchmal den Schlaf rauben. Aber er setzt seinen Willen durch, selbst mit mir ungeeignetem Boten.

Der Prophet Jesaja fragt nach dem Willen Gottes und versteht sich als Knecht und Diener Gottes. Er will das tun und sagen, was in den Plan Gottes passt. Und so kann Gott mit ihm und durch ihn seinen Plan verwirklichen und segnen.

Jeder, der sein Leben in Gottes Hände legt und nach dem Willen Gottes fragt erlebt das so. Da las ich vor einiger Zeit die Gedanken eines Mannes im Ruhestand, der anlässlich eines Geburtstages zurückschaute und schrieb:

„Danke, lieber Gott und Vater, du hast es gut gemeint mit mir. – In vielen Gefahren des Leibes und der Seele blieb ich bewahrt, vieles ließ mir Gott gelingen. Er gab mir einen Beruf, der mich ganz ausfüllte. Er gab mir eine gute Frau als Partnerin. Er gab mir gute Kinder, die ihren Weg gehen durften und auf die ich stolz sein darf. Ich habe ein schönes Haus als Obdach, ein gutes Auskommen, ich habe genug Gesundheit um zufrieden leben zu können, und … und … und. Also genug Gründe um zufrieden sein zu können. Ich bin von Herzen dankbar.“

Weil ich das Leben dieses Mannes ein wenig kenne, weiß ich, dass da, auch wenn das alles so schön und zufrieden klingt, doch auch eine ganze Menge Schweres und Leid war. Auch auf seinem Lebensweg gab es Schmerzen und Niederlagen, Enttäuschungen und unerfüllte Hoffnungen, Verluste und viele vergebliche Mühen. Von denen spricht ja der Prophet Jesaja auch: „Vergeblich habe ich mich abgemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft vergeudet.“

Vergebliche Mühen kennen wir alle. Der Schüler, der wirklich gelernt hat und doch wieder eine schlechte Note schreibt. Der kleine Handwerksmeister, der mit viel Mühe ein Angebot ausgearbeitet hat und der wieder den Auftrag nicht bekommt. Der Jugendleiter, der sich Mühe gemacht und seine Gruppenstunde vorbereitet hat, aber es kommt keiner von seinen Jungs. War alles vergeblich? Fragt sich auch der Pfarrer, der seinen Konfirmanden die Liebe Jesu groß machen will und der merkt, dass die Mädels und Jungs zuerst eifrig ihre Stempel und Punkte zählen, dann an der Konfirmation das Geld und die Geschenke, aber dann ist bei so vielen die Liebe Jesu und der Plan Gottes vergessen. War alles vergeblich?

Es läuft auch im Leben eines Gotteskindes nicht alles nach Wunsch und es geht nicht alles wie von selbst. Christus Zehendner redet in einem seiner Lieder davon. Höre wir uns seine Gedanken mal an, es singt unsere Kirchenvorsteherin Gisela Streng: Solo Wer Jesus folgt führt kein bequemes Leben.

Wer Jesus folgt, kann auch das vergeblich scheinende annehmen und in seinem Leben stehen lassen. Gott weiß wozu.

„Und wenn es vergeblich gewesen wäre“, sagt Jesaja trotzig, „dennoch weiß ich, dass der Herr für mein Recht sorgt, von ihm, meinem Gott erhalte ich meinen Lohn.“ Was wir im Namen Gottes und nach seinem Willen tun ist nie wirklich vergeblich, ist nie ganz umsonst. Ob wir dabei den Erfolg sehen oder nicht, ist nicht entscheidend. Im Hebräerbrief wird uns Mut gemacht: Werft euer Vertrauen nicht weg, es hat eine große Belohnung!“

So blickte auch der ältere Herr, von dem ich vorhin erzählt habe voller Hoffnung in die Zukunft, obwohl er sieht, dass die größte Wegstrecke seines Lebens hinter ihm liegt: Er schreibt an seine Freunde weiter: „Nun liegt der letzte Wegabschnitt vor mir. Das letzte Wegstück vor dem Ziel auf das ich zusteuern will. Ich hoffe, dass auch dabei Gott mit geht, mein Beistand und Helfer bleibt, wie er in der Vergangenheit gewesen ist. Ich hoffe, dass mein Herr und Heiland, Jesus Christus meinen Weg mit geht und mich ans Ziel bringt. Ich will jeden Tag als ein Geschenk Gottes annehmen und fröhlich darinnen leben, so Gott will.“

Und wir dürfen sicher sein: Gott will! Er will das Beste für jedes Leben. Er will jedes Leben retten. Er will jede und jeden von uns nach seinem Plan ans Ziel bringen. Dazu hat er uns unseren Herrn Jesus Christus als Heiland und Begleiter gegeben, damit wir nicht aufgeben. Weder in den vergeblichen Mühsalen des Lebens noch in den Rückschlägen auf dem Glaubensweg. „Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.“

Hat Gott das nicht in der Geschichte der Kirche und in der Geschichte seines Volkes Israel bewiesen? Es geht ja hier bei Jesaja zunächst um das verschleppte und versklavte Volk Israel. Diesem Volk, das politisch und militärisch keine Chance mehr hat, wird hier versprochen, dass es wieder vereinigt, zusammengeführt werden wird. Was dann ja auch wirklich geschah.

Dieses Volk Gottes, das er wie sein Auge hütet, konnte bisher von keiner Macht der Welt ausgerottet werden, auch wenn es im letzten Jahrhundert mit deutscher Gründlichkeit versucht wurde. Anstatt als Volk vernichtet, wurde Israel vor 64 Jahren, kurz nach dem Holocaust als Staat neu gegründet. Weder die britische Besatzungsmacht, noch die Übermacht der islamischen Feinde konnte das verhindern.

Auch wenn der Kampf um dieses Land und Volk immer wieder neu und entbrennt, wird Gott zu diesem kleinen Volk stehen, das er sich in besonderer Weise erwählt hat. Das Volk Israel steht immer noch unter der besonderen göttlichen Verheißung, auch wenn viele das nicht mehr wissen.

Schon dem Jesaja wird allerdings gesagt, dass Gottes Erwählung nicht auf das Volk Israel beschränkt bleibt. Der Knecht Gottes, zunächst Jesaja, später noch viel mehr der Gottesknecht und Gottessohn Jesus Christus, bringt Gottes Gnade und Erwählung zu allen Völker. „Ich habe dich zum Licht für alle Völker gemacht, damit du der ganzen Welt Rettung bringst.“ Mit solchen Worten leuchtet hier mitten im Alten Testament schon der neue Bund auf, den Gott mit der Welt schließt: Es muss keiner mehr zu einer besonderen ethnischen Volksgruppe gehören um Gottes Gnade zu erfahren. Nicht die Vorfahren sind ausschlaggebend, sondern die Nachfolge. Du brauchst Dich nur an Jesus Christus halten. Wer den als Herrn hat, wer unter seinem Wort und Segen lebt, ist mit dabei, gehört zum Volk Gottes.

Und wer zum Volk Gottes gehört, muss nie verzweifeln, nicht wenn er um sich eine Übermacht von Feinden sieht oder auch eine Übermacht von Widerständen und Schwierigkeiten, denn er weiß Gott auf seiner Seite und den Todesbezwinger Jesus Christus. Wer zum Volk Gottes gehört, der sagt zuversichtlich ja zu dem Plan, den Gott für ihn bereithält, der will auch mit allen Kräften nach Gottes Geboten und Ordnungen leben. Nicht erst später mal, sondern jetzt und heute. Wir haben nur begrenzte Zeit.

Als ich gerade 40 war, fragte mich eines meiner Kinder ganz unvermittelt am Mittagstisch: „Papa, weißt du eigentlich, dass du die Hälfte deines Lebens schon gelebt hast?“ „Ja“, sagte ich, “sehr wahrscheinlich schon mehr als die Hälfte meines Lebens. Wenn ich so alt werde, wie mein Vater, dann schon mehr als zwei Drittel.“ Und vielleicht bleibt mir auch nur noch weniger Zeit. Immer wieder müssen Menschen betroffen und erschrocken Abschied nehmen von lieben Angehörigen, die mitten in Beruf und Familie standen und ganz schnell gestorben sind.

Das soll uns nicht erschrecken, sondern ermutigen, bewußt und entschieden den Weg des Glaubens zu gehen, denn wer an Jesus Christus glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Wer ihm vertraut hat immer Zukunft und darf auch, so lang er kann, anpacken was nötig ist. Wer sich in den Plan Gottes einfügen will, kann erwartungsvoll so beten:

Herr Jesus Christus, ich habe noch gesunde Hände, wem soll ich damit helfen?
Ich habe noch gesunde Füße, wem soll ich damit einen Weg abnehmen?
Ich habe noch gesunde Augen, wem soll ich damit schöne Dinge vorlesen?
Ich habe noch einen gesunden Verstand, für wen soll ich wichtige Dinge bedenken?
Ich habe noch eine sichere Sprache, für wen soll ich meine Stimme erheben?
Ich habe genug zu essen, welchen Hungernden darf ich satt machen?
Ich bin im Leid getröstet worden, wem darf ich diesen Trost weitersagen?
Ich habe Zeit übrig, welchem Überlasteten darf ich Arbeit abnehmen?
Ich habe Platz in meinem Haus, welchen Gast darf ich aufnehmen?
Ich kenne dich, Herr Jesus, wem darf ich von dir erzählen?
Zeige mir selbst den Platz, die Menschen, die Arbeit, die du für mich ausgewählt hast, ich will dir dienen.

Amen.


Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168