Hochmut und Demut
Zur PDFMiserikordias Domini 15.04.18, 1. Petrus 5, 1-4
Lebendiger Herr und Heiland, wir bitten dich: Schließe uns dein Wort auf durch das Wirken deines Heiligen Geistes. Lass Reden und Hören zum Segen für unser Leben werden. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt steht im 1.Petrusbriefes im 5. Kapitel. Petrus schreibt an die verstreuten Gemeinden:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch Teil habe an der Herrlichkeit, die offenbar werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen. Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Ein kleiner Junge schlich sich während der Weihnachtszeit in die Kirche und stibitzte den Josef aus der Weihnachtskrippe, die dort schön aufgebaut war. Ein Stück später kam er noch einmal und holte sich auch noch die Maria. Das hatte jemand beobachtet und dem Pfarrer erzählt. Der wollte den Jungen auf frischer Tat ertappen, setzte sich in die Kirche hinter eine Säule und wartete.
Und tatsächlich, es dauerte gar nicht lange, kam der kleine Dieb wieder. Aber diesmal nahm er nicht eine weitere Figur mit, sondern legte ein zusammengefaltetes Blatt Papier vor das Jesuskind, das da elternlos in seiner Krippe lag.
Als der Bub weg war, holte sich der Pfarrer den Zettel, faltete ihn auf und las: „Liebes Christkind, wenn du mir dieses Jahr wieder kein Fahrrad bringst, dann siehst du deine Eltern nie wieder!“
Ja, wir schmunzeln über das dreiste Kerlchen, aber machen es nicht viele Erwachsene auch so ähnlich? Gott, wenn du mir nicht gibst worum ich dich bitte, dann siehst du mich nie wieder! Die Einstellung, Gott sei nur zum Geben da und Jesus müsste uns bei der Erfüllung unserer diversen Wünsche unterstützen, ist nicht nur bei Kindern verbreitet. Sie meinen: Gott ist nur zum Geben da. Er soll auf uns und unsere Lieben aufpassen, soll es regnen lassen, damit wir den Garten nicht gießen müssen, soll die Sonne scheinen lassen, weil wir grad Urlaub haben, er soll uns gesund machen und auf uns und unsere Lieben gut aufpassen.
Die Wünsche werden in flüchtige Bitten verpackt und es wird erwartet, dass ihre Erfüllung binnen weniger Tage geliefert wird. Sonst ist Schluss mit gläubig! Aber, so ermahnt Petrus die Christen des 1.Jahrhunderts und mit ihnen uns und die Christen aller Zeiten: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Wir dürfen Gott bitten. Jesus fordert immer wieder dazu auf: Bittet, so wird euch gegeben…, aber unsere Bitten sollen keine Forderungen sein. Schon gar nicht mit Drohungen verbunden sein. Eine Bitte ist doch nur dann wirklich eine Bitte, wenn der Bittsteller weiß, dass er nichts zu fordern hat.
Petrus, von dem diese Zeilen stammen, redet da nicht theoretisch, sondern aus seiner persönlichen Lebenserfahrung heraus. Er weiß genau, wie leicht man hochmütig denkt und redet. Er war immer gern Vorndran gewesen, ein Alfa Typ, stark, selbstbewusst, selbstsicher, rechthaberisch. Als Jesus ihm die Füße waschen will, wehrt er sich: Niemals, Herr! Als Jesus von seinem nahen Ende redete, machte sich Petrus stark: Jesus, wir sind doch auch noch da! Und als Jesus ihm den Verrat ankündigte, wehrte er sich heftig: Nicht ich! Vielleicht die anderen, aber ich doch nicht! So klingt Hochmut.
Hochmut lässt sich nichts sagen. Hochmut reagiert heftig. Hochmut hält sich für besser und die anderen für schlechter. Hochmut begehrt auf, reagiert beleidigt und tut sich schwer, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen. – Aber, ihr müsst wissen, so Petrus, nachdem er durch eine harte Schule gegangen ist und seinen Hochmut abgelegt hat, Gott wiedersteht den Hochmütigen.
Gnade gibt er den Demütigen. Gnade, was ist das? Nur ein frommes Wort, das heute keiner mehr versteht? Keineswegs! Gnade ist das Wort für etwas, worauf ich keinen Anspruch habe. Eine Strafe, die ich zwar verdient hätte, aber die mir erlassen wird. Ein Geschenk, das ich nicht verdient hätte, aber trotzdem bekomme. Es ist Gnade, wenn mein Gebet erhört wird und Gnade, wenn Gott mir Zeit schenkt. Es ist Gnade, wenn wir haben, was wir zum Leben brauchen, wenn Frieden herrscht und wir sicher leben. Es ist Gnade, wenn Gott mir meine Schuld vergibt und mit mir neu anfängt. Nur Gnade!
Petrus hat aus seinen Erfahrungen gelernt und er versucht sie an die Gemeinden weiterzugeben. Bei den Gemeindeleitern fängt er damit an. Ihnen gibt er am Ende seines Briefes einige sehr wichtige Ratschläge weiter: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist!“ Da nimmt Petrus das schöne Bild auf, dass früher so weit verbreitet war und heute eher selten vor unsere Augen kommt: Eine Schafherde mit ihrem Hirten. Der Hirte kennt den Weg, sorgt für seine Herde, dass sie satt und sicher ist. Er bewahrt vor Gefahren, kümmert sich um Schwache und Kranke, sorgt dafür, dass die Starken nicht zu übermütig werden.
So macht es der „Erzhirte“, damit meint er Jesus. Die Vorsilbe „Erz-“ ist eigentlich die höchste Steigerungsform die es gibt. Der Erzherzog, der Erzbischof, sogar Erzengel gibt es. Das Wortteil „Erz“ kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet, der Erste, der Oberste. – Inzwischen spricht man allerdings auch von Erzgaunern und Erzlügnern oder bezeichnet jemanden als erzdumm oder erzfaul. Immer steckt eine gewisse Anerkennung dahinter. Steigerung ist nicht mehr möglich.
So auch beim Erzhirten Jesus. Er gibt für seine Herde das höchste Gut, sein Leben. Er setzt sich voll für uns ein. „Nicht um schändlichen Gewinns willen“, „nicht gezwungen“. Sondern aus Liebe, für die Sache, freiwillig und von Herzen. Nicht gequält und mit saurer Miene sollen die Verantwortlichen in der Gemeinde ihren Dienst tun.
Pfarrer/innen, Kirchenvorsteher/innen, Gruppenleiter/innen, die Chöre leiten und Kindergottesdienst halten, die Jungschar und Jugendgruppen vorbereiten und halten, sollen für ihre Sache brennen, Freude ausstrahlen, motivieren, anstecken… In meiner früheren Gemeinde hatte ich einen Pfarrerskollegen in der Nachbargemeinde, der im ersten Beruf Förster gewesen war. Der gebrauchte immer den Spruch: Ein Hund, den man zur Jagd tragen muss, der taugt nicht dazu. – Wohl wahr!
Ein Pfarrer, der keine Lust zum Predigen, keine Motivation zum Konfirmandenunterricht, kein Verständnis für Alte und Kranke hat, der soll lieber umschulen. Ein Kirchenvorsteher, eine Lektorin, ein Kirchenmusiker, dem es nur um das eigene Ansehen geht und nicht um die Sache und Ehre Gottes, muss mit dem Wiederstand Gottes rechnen. „Da liegt kein Segen drauf!“ Haben die Alten gesagt. Die Gemeinde spürt das und sie nimmt dem, der vorne steht oder sitzt die Worte nicht ab.
Nun schreibt Petrus hier diese Ermahnungen in seinem Brief an die Gemeinden. Hat er nicht selber eine ziemlich hochmütige Vergangenheit. Nimmt man ihm seine Botschaft ab? Ja, weil sich bei ihm etwas verändert hat. Der Erzhirte hat an ihm gearbeitet. Er hat ihn in seine Schule genommen und ihn zurecht gebracht. Und Petrus hat sich zurecht bringen lassen. Der erste Schritt vom Hochmut zur Demut ist, dass man sich etwas sagen lässt.
Petrus hat bitterlich über seine Schuld und sein Versagen geweint. Er hat sich über seine Schuld gebeugt und nicht mehr aufbegehrt, als Jesus ihn nach seiner Auferstehung am See Genezareth bei Tiberias dreimal fragte: Hast du mich lieb? Ihm war schon klar, dass das mit seiner dreimaligen Verleugnung zu tun hatte. Und Jesus hat ihm trotz seines Versagens dreimal den Auftrag zum Hirtendienst gegeben.
Jesus lehnt es nicht ab mit Versagern sein Reich zu bauen. Er weiß, wer sich seiner eigenen Schwäche bewusst ist, wird auf meine Stärke bauen. Wer seine eigenen Fehler zugibt, wird mit anderen, die Fehler machen und Schwächen haben barmherzig umgehen.
Woher wissen wir denn von der Verleugnung des Petrus? Doch nur, weil Petrus diese unrühmliche Geschichte selbst erzählt hat. Jesus hat ihn damit nicht bloßgestellt, aber hat ihm vorher schon den Rat gegeben (Luk22, 33): „Wenn du dann umkehrst, so stärke deine Brüder.“ – Er meinte: Wenn du deinen Fehler eingesehen hast, wenn du von deinem hohen Ross heruntergestiegen bist, dann erzähl ruhig den anderen davon. Es wird ihnen Mut machen und sie über ihre eigenen Schwächen trösten.
Echte Vorbilder sind nicht die, die immer alles richtig machen, oder die wenigstens so tun. Vorbilder sind Menschen, die über ihre Fehler reden können, die ihre Schwächen eingestehen, die sich entschuldigen und um Verzeihung bitten können. Ein Chef, der sich bei der Mitarbeiterin entschuldigt, weil er ihr Unrecht getan hat. Eine Lehrerin, die gegenüber ihrem Schüler einen Fehler zugibt. Auch ein Politiker, der eingesteht etwas falsch gemacht zu haben, verliert in den Augen der Bürger nicht die Achtung, sondern wird nur dann unglaubwürdig, wenn er erst hartnäckig gelogen hat, bis man ihm seine Schuld nachgewiesen hat.
Ich erinnere mich an eine eigene unrühmliche Geschichte, die ich als junger Pfarrer erlebt habe: Zusammen mit einem anderen Pfarrer hatte ich einen Brief an den damaligen Landesbischof Hanselmann geschrieben, in dem wir ihm harte Vorwürfe machten. Wir fühlten uns von ihm ungerecht behandelt und sahen die Angelegenheit nur aus unserer Sicht. Also klagten wir den Bischof mit heftigen Worten an.
Nach einigen Tagen kam sein Antwortbrief. Wohlüberlegt, freundlich und mit seelsorgerlichen Worten: „Der Ton in manchen Ihrer Sätze hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich frage mich und Sie: Reden Sie immer so, wie Sie hier mit dem Landesbischof reden? Ich persönlich kann dies – unter Zurückstellung geistlicher Bedenken – möglicherweise für meine Person noch ertragen. Wie werden jedoch andere reagieren? – Bitte prüfen Sie sich selbst…“
Als ich das gelesen hatte, hab ich mich geschämt für den Brief, den wir an den Bischof geschrieben hatten. Er hatte recht. Vielleicht nicht in der Sache, aber im Ton. Mein Respekt vor diesem Bischof wuchs. Wir hatten hochmütig und rechthaberisch aufbegehrt, er hatte demütig und versöhnlich, zurecht bringend geantwortet. Ein echtes Vorbild, ein guter Oberhirte. Nie wieder, so dachte ich mir damals, möchte ich so einen emotionalen und heftigen Brief schreiben.
Wenn ich heute gelegentlich einmal einen emotionsgeladenen und vorwurfsvollen Brief bekomme, dann fällt mir diese Antwort des Bischofs ein und ich versuche, nicht im selben Ton zurückzuschreiben, sondern sachlich und freundlich zu bleiben, damit man einander weiter in die Augen schauen kann.
Vorbild werden kann man nur, wenn man ein gutes Vorbild hat. Und das beste Vorbild, das man haben kann ist Jesus, der Erzhirte, der Hirte aller Hirten und aller Herden im Sinn des biblischen Bildes vom Guten Hirten. Verachten wir dieses alte Bild nicht, sondern betrachten wir es und bedenken es.
Es wird uns und unserer Arbeit, auch der Mitarbeit im Reich Gottes zum Segen, wenn wir uns etwas sagen lassen. Wenn wir ehrlich nach dem Frieden suchen und bereit sind, dafür auch einmal etwas einzustecken. Franz von Assisi kann beten und ich möchte es mit ihm tun und auch sie dazu einladen: Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich verbinde, wo Zwietracht ist, und Verzeihen trage mitten in das Leid, das dich vergisst.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168