Hirte und Schaf zugleich
Zur PDFPredigt am 23.04.2023, Kreuzkirche Bayreuth, 1. Petrus 5, 1-5
Liebe Gemeinde,
eine kleine Geschichte zum Anfang als Annäherung ans Thema:
Es war einmal ein Schäfer, der in einer einsamen Gegend seine Schafe hütete. Plötzlich tauchte in einer großen Staubwolke ein nagelneuer schwarzer Jeep auf und hielt direkt neben ihm. Der Fahrer des Jeeps, ein junger Mann in Maßanzug, Designerschuhen, Marken -Sonnenbrille und einer schicker Krawatte steigt aus und fragt den Schäfer: »Wenn ich errate, wie viele Schafe sie haben, bekomme ich dann eins?« Der Schäfer schaut den jungen Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe, und sagt ruhig: »In Ordnung.« Der junge Mann parkt den Wagen, verbindet sein Notebook mit dem Handy, geht im Internet auf eine NASA-Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines GPS-Satellitennavigationssystems, öffnet eine Datenbank und 60 Excel-Tabellen mit einer Unmenge Formeln. Schließlich druckt er auf seinem High-Tech-Minidrucker einen 150-seitigen Bericht, dreht sich zu dem Schäfer um und sagt: »Sie haben hier exakt 1.586 Schafe.« Der Schäfer sagt. »Das ist richtig! Suchen Sie sich ein Schaf aus.« Der junge Mann nimmt ein Tier und lädt es in den Jeep ein. Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: »Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir das Tier dann zurück?« »Klar, warum nicht«, antwortet der junge Mann. »Sie sind Unternehmensberater.« »Das ist richtig. Woher wissen Sie das?« »Sehr einfach«, sagt der Schäfer. »Erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat. Zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung haben dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß. Und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache. Und jetzt geben Sie mir bitte meinen Hund wieder!«
Falls unter uns ein Unternehmensberater ist, lade ich ihn als Versöhnungsgeste nachher gerne beim Kirchenkaffee ein!
In gewissem Sinn, liebe Gemeinde, geht es heute in unserer Predigt auch um Unternehmensberatung. Es dreht sich um Gottes Unternehmen, um die Gemeinde. Es dreht sich um den, der dieses Unternehmen gegründet hat, Gott, und um den, der es leitet, Jesus Christus. Der Text behandelt Prinzipien, wie Leitung im Unternehmen Gottes funktioniert.
Ich habe einmal folgenden Satz gelesen: »Viele dienen gerne Gott, aber nur als Berater« . D.h. im Klartext: wir wollen Gott beraten, wie er was zu machen hat!
Im Predigttext für heute finden wir ein anderes Verständnis von Dienst. Hören wir also auf Worte aus dem 1. Petrusbrief, Kapitel 5 die Verse 1–5.
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, 3 nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen. 5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Wie verstehe ich meinen Dienst?
Was prägt unsere Haltung? Was und wer bestimmt unseren Dienst? Den Dienst als Lektorin oder Prädikantin. Den Dienst als Pfarrer. Als Mitglied im Kirchenvorstand. Ja, den Dienst als Ehemann oder Ehefrau. Als Vater und als Mutter. Das Wort an die Ältesten der Gemeinde verstehe ich im Hinblick auf alle, die in irgendeiner Weise Verantwortung für andere tragen und darin Gott dienen.
Vier Aspekte stelle ich uns vor Augen – auf dem Weg von der Beratung zum Dienst.
1. Es ist Gottes Unternehmen
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist. Ein Bild für die Gemeinde: die Herde Gottes – für den Leiter das Bild des Hirten. Vielfach kennen wir dieses Bild, auch in unserer Zeit noch, dass Schafherden in der Nähe der Dörfer, der Ortschaften, auch der kleinen Städte weiden. Der Hirte steht daneben, die Hunde laufen um die Herde herum. Aber auch, wenn uns dieses Bild nicht mehr so vertraut ist, wie es vielleicht zu früheren Zeiten war, sind wichtige Dinge direkt zugänglich. Es ist die Herde Gottes. Die Gemeinde ist Gottes Unternehmen und nicht das Unternehmen eines Pfarrers, einer Pfarrerin oder irgendwelcher anderer bedeutenden Leute in der Gemeinde. Das ist übrigens auch der Grund, warum es gut ist, dass Pfarrerinnen und Pfarrer der Landeskirche alle zehn bis 15 Jahre die Stelle wechseln sollen. Die Gemeinde ist nicht unser Eigentum. Alle Schafe gehören ihm, dem Herrn. Er ist der Eigentümer. Und keiner sonst.
2. Zu Gott hin: Schaf – zu den Menschen hin: Hirte
Wenn ich Leiter oder Leiterin bin, wenn ich Verantwortung trage, dann habe ich zwar Hirtenaufgaben, aber ich bin selber auch ein Schaf. Ich bin also immer in einer Doppelrolle. Im Bild gesprochen: Wenn ich einer Gruppe vorstehe, sie leite, ihr als Hirte vorangehe, dann bin ich nach vorne ein Schaf – zu Gott hin, vor Gott. Nach hinten, zur Herde hin bin ich Hirte. Das macht die Identität eines Leiters, einer Leiterin aus. Die Identität eines Vaters, einer Mutter ist zu Gott hin ein Schaf, ein Kind Gottes, angewiesen, geführt zu werden – und zur Familie hin, zum Ehepartner hin immer wieder auch mit leitenden Aufgaben. Niemand kann gut leiten, der nicht gelernt hat, sich leiten zu lassen. Niemand kann gut leiten, der nicht gelernt hat, sich unterzuordnen.
Jeder Leiter im Reich Gottes hat einen, von dem er abhängig ist. Jeder Hirte im Reich Gottes folgt dem Erzhirten – Jesus Christus, dem einen guten Hirten. Alle, die leiten, sind darauf angewiesen, von ihm, dem guten Hirten geleitet zu werden. Sie sind bedürftig, seine Stimme zu hören, um den rechten Weg zu finden. So wie Jesus es im Johannesevangelium sagt: »Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir. Wir üben als Kinder Gottes, als Jünger Jesu, als Schafe seiner Herde, seine Stimme wahr zu nehmen. Wir lernen, ihm zu folgen. Das gehört ganz wesentlich zu unserer Leitungskompetenz. In einem Visitationsbericht wurde ich einmal nach meinem Leitungsprinzip gefragt. Ich habe damals geschrieben: Als Hörender Gemeinde leiten. Und ich meine das doppeldeutig: das Ohr bei den Menschen und bei Gott haben. Und aus dem Hören dann Leitungsimpulse geben. Als Hörender Gemeinde leiten. Man kann auch ganz anders leiten. Man kann für sich ganz andere Worte finden. Aber wie Du leitest, egal in welchem Bereich, darüber musst Du Dir klar werden.
3. Nicht Herren, sondern Vorbilder
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde (V 2)
Bei Petrus leuchtet es in diesen Worten auf, dass wir niemals Herren der Gemeinde sind, wenn wir Leitungsämter ausüben, sondern Vorbilder. Das griechische Wort für „Vorbild sein“ heißt an dieser Stelle: »behauen werden«, »gestaltet werden«. Vorbild kann also nur sein, wer sich behauen und gestalten lässt. Wie ein Steinmetz aus einem Steinblock eine Figur herausbildet, so gestaltet Gottes Geist uns immer mehr in das Bild Christi hinein. Ein Vorbild ist, wer behauen ist, gestaltet ist, von Christus her. Das ist eine schöne und wichtige Gestaltungsaufgabe, die Gott da vornimmt. Aber sie tut auch manchmal weh, wenn Gott uns so zurechthaut. Das sind nicht immer Streicheleinheiten, nicht einmal mit Sandpapier. Manchmal braucht der Steinmetz da schon Hammer und Meißel. Aber er haut bei Dir und mir nur das weg, was ohnehin nicht schön ist und dich abstoßend macht. Aber klar: das kann weh tun und zwar richtig! Da brauchen wir uns gar nichts vormachen!
4. Freiwillig – keine Zwangsjacke
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig. Freiwillig! Sehr schön! Es ist immer wieder ein Weg dorthin, wenn wir Leitung ausüben, dass wir zu diesem freiwilligen »Ja« finden. Dass wir uns entscheiden, Ja zu sagen zu unserer Aufgabe, nicht gezwungen. Wenn wir uns gezwungen fühlen, dann wird es eng. Dann wird die Verantwortung eine Zwangsjacke. Mit Gott – nicht mit Menschen – müssen wir klären, ob etwas unsere Aufgabe ist. Daraus entsteht das Ja – oder eben auch ein Nein. Aber es geht darum, dass wir einwilligen, in Gottes Wege und Aufgabe einwilligen. Wir können ständig ganz fromm beten: dein Wille geschehe. Aber wenn Gottes Wille dann geschieht, dann müssen wir da auch einwilligen und zustimmen und nicht gegen rebellieren. Unser Wille zur Einwilligung in den Willen Gottes ist gefragt – immer wieder, sonst ist das Beten dieser Vaterunserbitte nur frommes Getue. Und das sollten wir lieber ganz schnell bleiben lassen.
Der Wille und das Herz! Vom Grund unseres Herzens her soll die Motivation kommen. Das ist eine Frage der Gesinnung, der Haltung. Also diese kleine Frage: »Tu ich es von Herzen? – oder welches Ziel verfolge ich damit?« –diese Frage tut uns gut in der Leitungsverantwortung, um die Herde gut zu führen. Es geht nicht um persönlichen Gewinn, weder finanziell noch dass wir besonders gut dastehen, dass wir unser Ego mehren und aufbauen. Darum geht es nicht, wenn wir verantwortlich für andere sind. Ja, es geht sogar um was ganz Anderes und da erinnere ich nochmal an das Anfangszitat: »Viele dienen gerne Gott, aber nur als Berater« So geht es nicht. Aber so geht es:
5. Vom Berater zum Diener
Bei geistlicher Leiterschaft geht es ganz einfach um den Weg vom Beraten zum Dienen. Oder wie es hier ausgedrückt wird: vom Hochmut zur Demut. Immer wieder neu. Nicht Gott beraten zu wollen, sondern Gott zu dienen und den Menschen. Mich nicht als Herr zu verstehen über die, die mir anvertraut sind – von Gott anvertraut. Sondern mich zu verstehen als Diener: dass ich ihnen zum Leben helfe. Meinen Kindern. Meinen Enkeln. Meiner Frau. Meinem Mann. Als Mitglied im Kirchenvorstand. Als Pfarrer. Als Prädikant. Als Jungscharleiter. Als Gruppenleiter. Zum Leben helfen. An die Quelle führen. Auf die Weide, wo Menschen geistliche Nahrung finden. Vom Berater zum Diener – vom Hochmut zur Demut.
Noch eine kleine Geschichte zum Schluss:
Der berühmte Dirigent Leonard Bernstein wurde einmal gefragt, welches das unbeliebteste Instrument sei. Er antwortete lächelnd: »Die zweite Geige. Jeder möchte furchtbar gern die erste Geige spielen, und es gibt nur wenige, welche die gleiche Begeisterung und das gleiche Interesse für die zweite Geige aufbringen. Alle streben nur nach der Stellung des ersten Geigers, und nur wenige verstehen, wie wichtig der zweite Geiger ist. Die berühmtesten Orchester der Welt sind die, die die besten zweiten Geiger haben – denn alle Orchester haben ausgezeichnete erste Geiger. Ohne die zweite Geige gibt es keine Harmonie.
Gute Leiter sind diejenigen, die die zweite Geige spielen. Ein guter Leiter lässt ihn, den guten Hirten, die erste Geige spielen. Der gute Leiter weiß einen anderen über sich, der seinen Rat nicht braucht.
»Viele dienen gerne Gott, aber nur als Berater.« Nein, Gott widersteht den Hochmütigen. Gott widersteht seinen Beratern. Er gibt Gnade denen, die von ihm abhängig sind und nach Seinem Willen suchen. Deswegen können wir immer wieder nur bitten:
Leite mich und lehre mich, denn Du bist der Gott, der mir hilft. Täglich hoffe ich auf dich, denn du bist der Gott, der mir hilft. Amen.
Evangelisch Lutherische Kreuzkirchengemeinde Bayreuth
-Körperschaft öffentlichen Rechts –
Gesetzlicher Vertreter: Pfarrer Friedemann Wenzke
Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth
Tel: 0921/41168
Fax: 0921/7454668
Internet: www.kreuzkirche-bayreuth.de
E-Mail: pfarramt.kreuzkirche.bt@elkb.de
E-Mail persönlich: friedemann.wenzke@elkb.de