Heimat

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Predigt zum Thema Heimat

Liebe Fest- und Jubiläumsgemeinde, wenn man in der sehr schön gestalteten Festschrift zum 100 jährigen Jubiläum der Landjugend Unterkonnersreuth- Cottenbach liest, dann wird da oft der Heimatbegriff betont. Euch ist Heimat und Tradition wichtig und gleichzeitig steht ihr mit beiden Beinen in der heutigen Zeit und Welt. Das ist schön und wichtig. Ihr habt als Landjugend einen ganz großen Wert und Anteil, dass Heimatverbundenheit gepflegt und weiter gegeben wird an die nächste Generation. Aber wo und was ist meine Heimat? Was würden Sie sagen? (Publikum fragen)

Ist Heimat dort wo ich geboren bin? In dem Haus, dem Ort, dem Landstrich? Ist Heimat dort, wo Menschen sind, denen ich mich zugehörig fühle? Oder verbunden? Oder verpflichtet?

Wir erleben in den letzten Jahrzehnten ja immer wieder auch Zuwanderungswellen aus dem Ausland, zuletzt aus der Ukraine, aber vorher schon aus vielen anderen Ländern. Wo ist für diese Menschen Heimat, die hier schon einige Jahre wohnen und Fuß gefasst haben oder die Kinder und Jugendlichen, die hier zur Schule gegangen sind und eine Ausbildung gemacht haben oder gar studiert?

Wo ist meine Heimat? So fragen ich mich auch ganz persönlich, der ich nach 23 Jahren Pfarrberuf inzwischen dreimal umgezogen bin?

Biblisch gesehen ist die Frage einfach: Unsere Heimat ist im Himmel (Philipper 3,20).

Wo ist Heimat? Ich denke, wir müssen unterscheiden zwischen einer äußeren und inneren Beheimatung. Die äußere Beheimatung hat viel mit Orten und Menschen zu tun. Vielleicht auch mit Gebäuden. Markante Gebäude, gerade auch Kirchengebäude können ein Heimatgefühl hervorrufen. Zum Beispiel die Versöhnungskirche in Heinersreuth oder die Kreuzkirche in Bayreuth, in der ich getauft, konfirmiert und geheiratet habe. Ihr als Landjugend pflegt seit 100 Jahren vor allem das äußere Heimatgefühl. Und das ist unendlich wichtig!

Es gibt aber auch noch eine innere Beheimatung. Die Beheimatung im Glauben. Die Bibel nutzt dafür verschiedene Bilder: Das Bild des guten Hirten zum Beispiel in Ps. 23. Die Schafe sind daheim bei ihrem Hirten, obwohl sie oft ihren Standort wechseln. Oder das Bild von der lebendigen Wasserquelle aus dem Johannesevangelium, an die wir angeschlossen sind und selbst für andere eine Quelle sein dürfen. Jesus sagte: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben fließt“ (Johannes 4, 14).

Oder das Bild vom Baum, der am Wasser wurzelt und so an den Lebensstrom angeschlossen ist. So heißt es beim Propheten Jeremia: wer auf Gott vertraut, der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün, und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte (Jeremia 17,7+8).

Was für passende Bilder: Quelle und Bäume, die am Wasser stehen. Wer innerlich beheimatet ist, steht fest und führt ein Leben, das Früchte bringt, so die Behauptung von Jeremia.

Und viele haben das schon erlebt und auch ich kann das bezeugen: diese innere Beheimatung im christlichen Glauben ist für mich die Mitte, aus der heraus alles gut werden kann. Alles gut, nicht alles leicht, nicht alles gelungen, nicht alles erfolgreich. Das nicht, denn es werden immer Situationen kommen oder sind Situationen da, in denen ich gefährdet bin, in denen ich unsicher bin, in denen ich scheitere, in denen ich Angst habe, in denen ich schwach bin oder in denen ich Hilfe brauche. Aber der Halt im Glauben an Gott kann mir die innere Kraft geben, durch diese Situationen hindurchzukommen und auf das ewige Ziel zu sehen. Und das ist gut, weil es das oberste Ziel meines Lebens ist. Dafür brauche ich einen weiten Horizont und muss über den Alltag und die äußeren Begebenheiten meiner Heimat auch immer wieder hinausschauen.

Es gibt eine sehr schöne Geschichte dazu. Das ist die Geschichte von Adler und Huhn.

Es war einmal ein Bauer, der hatte einen Hof mit vielen Hühnern. Eines Tages fand er ein Adlerjunges verlassen und aus dem Nest gefallen in der Böschung liegen. Er nahm es mit nach Hause, päppelte es auf und versorgte es mit seinen Hühnern. Und das Adlerjunge wuchs und gedieh. Nach einigen Monaten kam ein Naturforscher zu dem Bauern zu Besuch.

Er sah, dass in dem Hühnerhof ein Adler lebte und sagte: „Das kannst du doch nicht machen, einen Adler bei den Hühnern einsperren. Du solltest ihn fliegen lassen.“ „Ach was“, sagte der Bauer, „du siehst doch, dass es geht, der Adler ist hier gut versorgt, ihm gefällt es hier auf dem Hof.“ „Lass es mich versuchen“, bat der Forscher, „ich will den Adler fliegen lassen.“

„Ja, versuch es, wenn du willst“, antwortete der Bauer. Und so nahm der Forscher den Vogel auf den Arm. Er verließ mit ihm den Hühnerhof, streckte seinen Arm in die Höhe und sprach: „Flieg, Adler, flieg los!“ Der Adler sah um sich, sah die Hühner scharren und picken, erhob kurz seine Schwingen und segelte zurück in den Hühnerhof. „Ich kann es nicht glauben, lass es mich noch einmal versuchen“, bat der Forscher.„ Ja, gut, versuch es, wenn du willst“, sagte der Bauer. Und so ging der Forscher am nächsten Tag mit dem Adler auf das Dach der Scheune, wo man die Weite des Himmels erkennen konnte. Er setzte den Adler wieder frei auf seinen Arm und redete ihm gut zu: „Flieg, Adler, der Himmel ist für dich gemacht, du hast Flügel, du bist stark, flieg los!“

Der Adler blickte um sich, schaute nach allen Seiten, erhob seine Augen, sah nach oben, sah nach unten, sah, was er kannte, sah die Hühner und den Hof und wie alle Körner pickten und er breitete seine Schwingen aus und segelte sanft zu den Hühnern hinunter.

Der Forscher war fassungslos, „einmal noch, einmal noch, morgen früh“, bat er den Bauern.

„Einmal noch, geht in Ordnung“, ließ der ihn gewähren. Und so zog der Forscher am nächsten Morgen los, kurz bevor es dämmerte, und er stieg mit dem Adler auf den Gipfel des Berges hinter dem Hof.

Und als der Horizont zu leuchten begann, da beschwor er den Adler und sagte: „Adler, du bist der König der Lüfte, du hast Schwingen, du hast Kraft, du bist geboren ein Adler zu sein! „

Und als die Sonne wie ein feuriger Ballon hinter den Hügeln aufging, da erhob der Adler seine Schwingen und . . . .

… wird der Adler fliegen? Wird er entfalten können, was in ihm steckt? Oder ist ihm das bisher Vertraute und Körnerpicken wichtiger? Sieht er den weiten Horizont, unter dem sein Leben steht und kehrt in sein wirkliches Element zurück? Oder bleibt er der Sorge um das tägliche Korn in einem sehr eng begrenzten Lebensumfeld der Hühner verhaftet?

John Aggrey hatte seinerzeit diese Geschichte geschrieben zum Beenden kolonialistischer Beherrschung von Menschen und Ländern und bei ihm endet sie mit den Worten: „Völker Afrikas! Wir sind geschaffen nach dem Ebenbild Gottes…breitet eure Schwingen aus und fliegt!“

Ja, dieser weite Horizont des christlichen Glaubens hat auch eine politische Dimension ganz bestimmt und das ist gut so. Aber er gibt auch unserem persönlichen Leben eben beides: die äußere Beheimatung, die wir alle brauchen, und zugleich die innere Beheimatung bei Gott, die eine erstaunliche Weite hat. Lieber Mensch, breite deine Schwingen aus und fliege. Wir kennen alle den Werbespruch: red bull verleiht Flügel. Aber viel richtiger und wichtiger ist: die innere Beheimatung bei Gott, der Glaube an ihn verleiht dir Flügel. Du musst dich nicht mehr im Irdischen allein verzehren. Du darfst mit weitem Horizont leben. Gott sei Dank im wörtlichen Sinn. Jesus hat mit seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung uns diesen Weg frei gemacht. Für jeden von uns, wir dürfen nur nicht an diesem Weg vorbeigehen.

Im Hebräerbrief heißt es einmal: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Wir werden umziehen aus unserer äußeren Beheimatung! Das ist keine Drohung, sondern eine wunderbare Verheißung. Unsere himmlischen Wohnungen sind mit Jesu Kreuzestod bezugsfertig. Sie sind bereitet und wir leben auf den Tag hin, an dem wir sie in Besitz nehmen dürfen. Wir haben etwas, worauf wir uns immer freuen können, egal wie es uns in unserem Leben gerade geht. Wir ziehen um! Weil wir hier nicht ewig bleiben können! Dort aber haben wir eine ewige Heimat!

Wir sind hier in diesem Leben nur auf der Durchreise. Ein Tourist, so erzählt eine Geschichte, darf in einem Kloster bei den Kartäusermönchen übernachten. Er ist über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen sehr erstaunt und fragt: „Wo habt ihr denn eure Möbel?“ Die Mönche fragen den Besucher zurück: „Ja, wo haben Sie denn Ihre?“ „Meine?“ erwidert der Tourist verblüfft, „ich bin doch nur auf der Durchreise hier!“. „Eben – wir auch“, sagen die Mönche.

Nur auf der Durchreise sind wir – das zu wissen macht uns heute nüchtern und eben darin mutig, beweglich und hoffnungsfroh.

Spannend ist nun, was daraus folgt. Rät der uns unbekannte Briefschreiber des Hebräerbriefs dazu, sich nur auf das Jenseits zu fixieren und dabei das Hier und Heute – also das Diesseits – zu vergessen? Nein – im unmittelbaren Zusammenhang lesen wir: Lasst uns aufbrechen, lasst uns hinausgehen.

Der „Weg hinaus“ ist eine Grund-Bewegung des Glaubens. Schon Abraham ist auf Gottes Ruf hin ausgezogen in eine neue Heimat. Das Volk Israel zog aus Ägypten in das Land der Verheißung, brach auf aus der Sklaverei in die Freiheit. Christsein heißt, unterwegs sein, sich aufmachen und sich immer neu in eine glaubende Bewegung der Freiheit hineinnehmen lassen. Und das keinesfalls, um äußerlich der „bösen Welt“ zu entfliehen und sie sich selbst zu überlassen, sondern um in dieser Welt als Christ zu leben, diese Zeit und diese Welt mitzugestalten.

Solange wir aber hier sind, sind wir als Christen an unsere Mitmenschen gewiesen. Solange wir hier sind, ist es für uns wichtig, heimatverbunden zu sein. „Suchet der Stadt Bestes“ – ist ein weiteres Bibelwort, das mir in der Vorbereitung auf heute eingefallen ist. Ja, das ist unser Auftrag als Christen auch in unseren Orten der Gemeinde Heinersreuth und darüber hinaus. Sich einbringen auch in das örtliche Leben das macht ihr als Landjugend in vorbildlicher Weise seit 100 Jahren. Gemeinsames Leben gestalten und teilen, miteinander lachen und miteinander weinen. Weltflucht ist nicht angesagt, sondern erfülltes Leben hier und ewiges Leben dort. Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168;

E-mail: friedemann.wenzke@elkb.de