Gute und schlechte Hirten
Zur PDFMiserikordias Domini, 30.04.2017, Heb 34, 1-2. 10-16. 31
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für die Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.
Das Schriftwort für die Predigt heute steht beim Propheten Hesekiel im 34. Kapitel. Der Prophet schreibt:
Des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herden weiden?
(10) So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn, so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren, zurzeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. – Ich will sie auf die beste Weide führen und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden und will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Was fett und stark ist, behüten; Ich will sie weiden, wie es recht ist. (31) Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.
Ein Pfarrer berichtete von einem Urlaubserlebnis: Er war auf den einsamen Färöer Inseln mitten im Nordatlantik um in diesem Vogelparadies seinem Hobby nachzugehen, nämlich seltene Vögel zu fotografieren. Als er auf einem Uferweg unterhalb hoher Klippen um einen Felsvorsprung biegt, liegt plötzlich vor ihm auf dem sumpfigen Weg ein totes Schaf. Es war offensichtlich bei der Suche nach dem wenigen Gras zu weit an den Rand der Klippe geraten und abgestürzt.
„Du hättest einen Hirten gebraucht!“, geht es dem Pfarrer durch den Kopf. Einen Hirten, der dich davor bewahrt zu nah am Abgrund zu grasen. Aber auf den Färöer Inseln haben die vielen Schafe der wenigen Bewohner keine Hirten. Sie laufen frei über die Inseln und werden nur zweimal im Jahr zusammengetrieben, wenn ihnen ihre Besitzer bei der Schafschur an die Wolle gehen. Sonst kümmern sie sich nicht um die Tiere und überlassen sie sich selbst. Schafe, die keinen Hirten haben, leben gefährlich. – Zu viel Freiheit kann tödlich sein.
Sind nicht die Menschen unserer Zeit oft auch wie Schafe, die keinen Hirten haben? Zu viel Freiheit. Keine Grenzen, keine Autorität, die eine Richtung vorgibt. Keine Warnung vor Gefahren. – Oder nur halbherzig. „Rauchen kann tödlich sein“ steht auf Zigarettenschachteln, die frei verkäuflich und auch jungen Menschen zugänglich sind. Und sie werden gekauft, auch von Jungen und Mädchen. Manche Abgeordnete plädieren gar für die Freigabe von Drogen. Tödliche Freiheit.
Über das Internet ist alles verfügbar und bestellbar. Auch was süchtig macht, zerstört und Tod bringt. Von Spielen, die kein Spiel sind über Pornographie, die echte Liebe tötet, Medikamente, die abhängig machen, bis zu zahllosen haltlosen Lehren, die verführen. Jeder der auf andere Einfluss nehmen will nutzt das Netz.
Alle Versuche, Grenzen zu setzen und Regeln einzuführen, werden sofort umgangen. Bereits unsere Jugendlichen wachsen in diese gefährliche Welt hinein, meist ohne Hirten zu haben, die sich wirklich um sie kümmern. – Sie erstreben grenzenlose Freiheit und erleben Abhängigkeit, Zwänge und Fesseln. Nicht wenige stürzen ab dabei und kommen um. Andere jagen dem Erfolg nach und der Macht. Möglichst viel verdienen, möglichst viel erleben, möglichst viel Macht. Immer getrieben und gelenkt von Hirten, die keine Guten sind.
Die Verantwortlichen in der Gesellschaft, der Politik, der Erziehung, der Bildung und in der Kirche haben ihre Hirtenfunktion aufgegeben. Freiheit und Toleranz nennt man das, wenn man keine Vorgaben mehr macht. Wenn jeder spätestens mit 18 tun und lassen kann, was er will. – Und die meisten tun es ja schon viel früher.
Gott lässt die Mächtigen hier durch den Propheten wissen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Die Könige, Fürsten und Priester, die ihr Hirtenamt vernachlässigt haben, werden sich vor Gott verantworten müssen. Gott wirft ihnen vor, dass sie in Wahrheit nur an ihrem eigenen Wohlbefinden interessiert waren, an ihren Gewinn gedacht haben, aber ihre Aufgaben als echte Hirten und Verantwortliche nicht wahrgenommen haben. Sie wollten nur der Herde an die Wolle. Sie waren und sind nur am Gewinn interessiert. War das nicht durch die Jahrhunderte immer so?
Was Martin Luther vor fast 500 Jahren zu den Worten Hesekiels schrieb, passt auch für heutige Kirchenleitungen: „Es ist kein Wunder, wenn das Volk in die Irre geht, zu anderen Kirchen. Du predigst nicht das Evangelium wie du wohl solltest. Darum schweift das Volk mit Leib und Seele herum und sündigt so viel weniger als du, weil sie so viel lieber das Evangelium hören würden, wenn du es ihnen predigen würdest. Darum bist du selbst Ursache, dass deine Kirche verlassen wird. Du willst die Schafe in den Stall treiben und gibst ihnen doch kein Futter.“ (Christlicher Wegweiser v. 26.08.)
Martin Luther nimmt die Kirchen und die Prediger in die Pflicht. Er sagt, wenn die weltlichen Führer ihre Führungsaufgaben nicht ausreichend wahrnehmen, dann müssen die geistlichen Führungspersonen umso mehr ihr Hirtenamt ernst nehmen und zum guten Hirten hinführen, den Weg zeigen, zur Nachfolge rufen. Auch wenn die Welt und die Großen darüber lächeln.
Luther fordert von verantwortlichen Geistlichen: „Ein guter Prediger soll den Leuten nichts anderes vortragen als allein Christus, dass man ihn erkennen lerne, wer er ist und was er gibt. Damit niemand von Gottes Wort abgehe und damit Christus allein für den Hirten gehalten werde, der sein Leben für die Schafe lässt. – Das soll man fleißig predigen! Dann soll man ihn auch als Vorbild darstellen, damit, wie Christus alles um unseretwillen getan und gelitten hat, auch wir um des Wortes willen alles gern tun und leiden. Wer nun diese zwei Stücke hört und versteht, der heißt Christi Schäflein, wie er gesagt hat: „Meine Schafe hören meine Stimme.“ Wer es predigt und lehrt, der heißt ein guter Hirte, nur dass er das Leben nicht lassen kann wie Christus.
Die aber solche Lehre nicht hören oder die sie den Schafen nicht vortragen wollen, die sind weder Christi Schafe, noch rechte Hirten, sondern bestenfalls Mietlinge oder gar reißende Wölfe.“ (Aus Hauspostille nach Dietrich, P. So Miserikordias Domini)
Die Hauptschuld liegt also bei den Hirten. Wenn sie nicht führen, wenn sie nicht den rechten Weg zeigen, wie sollen ihn die Schafe dann finden? – Für die vernachlässigte Herde hat Hesekiel hier starke Trostworte: Ihnen wird ein guter Hirte angekündigt, der alles für sie einsetzt. Der gute Hirte Jesus, der auch für dich alles eingesetzt hat und es noch tut.
Salman Schasar, ein früherer Staatspräsident Israels, unterhielt sich einmal mit Freunden. Er nannte diese prophetischen Worte Hesekiels „eine der revolutionärsten Reden. Sie passt zu jedem Volk, zu jedem Staat und zu jeder Epoche.“ Alle die Macht ausüben müssen sich prüfen. Alle, die meinen, sie ständen über anderen, missbrauchen ihre Position.
Es geht nicht darum mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern darum, sich selbst zu fragen: Höre ich auf den guten Hirten? Folge ich seinem Vorbild, seinem Rat, seinen Worten? Und bin ich in meinem Bereich guter Hirte, gute Hirtin für die, die mir anvertraut sind? Nicht nur als Regierende, Ordinierte und Lehrende stehen wir da in Verantwortung vor Gott. Auch als Mutter und Vater, Oma und Opa, Pate und Patin, Lehrerin und Lehrer, Dienstvorgesetzter, Chefin oder wo ich mich wie ein Hirte um andere kümmern kann. Gute Hirten setzen sich mit aller Kraft ein. Sie müssen auch Grenzen setzen und dafür sorgen, dass sie eingehalten werden.
Nicht umsonst sagt der Herr Jesus in dem großen Hirtengleichnis im Johannesevangelium (Johannes 10, 27f): Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir. – Und wenn sie das tun, dann gilt auch das anschließende Versprechen, das der gute Hirte gibt: „Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“
Der gute Hirte setzt sich mit aller Kraft für seine Schafe ein. Er zerreißt sich für sie – oder besser: Er lässt sich zerreißen für uns. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. (Johannes 10, 11) Martin Luther sagt dazu in einer Predigt: „Wenn unsere Zuversicht angefacht werden soll und wir gestärkt und getröstet werden wollen, dann ist es nötig, die Stimme unseres Hirten kennenzulernen und alle anderen Stimmen fahren zu lassen. Solche Stimmen führen uns nur in die Irre und hetzen und jagen uns hin und her.“
Passt das nicht genau auf unsere Zeit? Auf Menschen, die keinen guten Hirten mehr kennen. Immer höher die Schlagzahl. Wir sind ein Leben lang gehetzt und gejagt. Von den Anforderungen am Arbeitsplatz genauso wie von der Erlebnisindustrie in der Freizeit und im Urlaub. Immer schnell und noch schneller. Du musst dies und du musst auch das noch, sonst hast du was verpasst. Getrieben von einer Art „Hirten“, die in erster Linie ihre eigenen Interessen verfolgen. Sie sind nicht wirklich an den Schafen und ihrem Wohlergehen interessiert, sondern nur an ihrer Wolle und an dem Gewinn, den sie damit erzielen können. Gott dagegen will uns nicht an die Wolle, sondern hat nur unser Wohl im Sinn.
Pfarrer und Studienrat Ole Dost schreibt in seinen Gedanken zu unserem Text: „Ich gestehe es ganz offen: Ich brauche den Hirten mit Weitsicht! Vielleicht ist das jetzt wirklich nur mein Problem, aber mich beschleicht doch der Verdacht, dass es vielen anderen Leuten auch so geht. Mal ganz ehrlich: Wissen Sie ganz genau, was in einem Jahr ist? Oder in zehn? Weißt du, wie es nach der Schule weitergeht? Wie das aussehen wird und ob es gelingen wird beim Wechsel ins Berufsleben? Oder nach dem Beruf? Kennen Sie Ihre Zukunft wirklich? Ich vertraue und empfehle den Hirten mit Weitsicht! – Glaube Jesus! Vertraue dich Jesus an und bitte ihn, der Hirt deines Lebens zu sein!“
Gute Hirten, die im Auftrag des einen großen guten Hirten stehen, die fordern auch heute noch auf, sich an Jesus zu halten, auch wenn das nicht im Trend liegt und von den Meinungsmachern unserer Zeit belächelt wird.
Martin Luther konnte beten und wir dürfen es mit Gewinn auch heute noch mit ihm tun:
„Herr Jesus, du bist ja der einzig gute Hirte, und ich bin leider das verlorene Schaf, das sich jämmerlich verirrt hat. Darum fürchte ich mich und habe große Angst und hätte so gern einen gnädigen Gott und ein gutes Gewissen. Nun höre ich hier in diesem Gleichnis (vom guten Hirten), dass du dir mehr Sorge um mich machst, als ich mich nach dir sehne. Und du begehrst nichts anderes, als dass du mich wieder zu dir bringst. – Dafür danke ich dir in Ewigkeit.
Amen. (Aus einer Predigt des Jahres 1532, vgl. WA 36, 292)
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168