Gottesdienst zur Christvesper, Pfr. Wenzke, Livestream

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Hes. 37,24-28

Liebe Gemeinde,
alles, was geschieht, braucht Worte, damit wir es fassen können und uns daran erinnern können. Und alles, was in dieser Heiligen Nacht geschieht, findet Worte. Worte, die nicht aus dem Augenblick entstehen, sondern die tief gründen.

Es sind die alten Worte der Weihnachtsgeschichte, die uns anrühren. Und es sind oft auch die Weihnachtslieder, die uns von Kindheit an bekannt sind, die uns berühren. Worte und Lieder, die weitergegeben worden sind von Generation zu Generation und die nichts an Frische verloren haben. Die Hirten vom Feld singen und sagen davon. Und allen, denen sie begegnen, erzählen sie vom Frieden Gottes, der auf die Erde durch den neugeborenen Jesus gekommen ist. Laut und vernehmbar loben sie Gott für das, was ihnen in dieser Nacht widerfahren ist.

Den Menschen von Bethlehem ist in dieser Nacht Großes widerfahren. Und in jeder Geburt eines Kindes strahlt bis heute etwas vom Wunder dieser Nacht auf. Jedes neugeborene Kind bringt die Botschaft vom Anfang in die Welt. Vom Wunder des Lebens mit allen Möglichkeiten, die uns das Leben schenkt.

In dieser Nacht werden die Verheißungen für das ganze Volk Israel, ja für die Menschheit überhaupt, körperlich, leiblich erfahren.

Staunend, fassungslos erkennen die Menschen:

Was Gott versprochen hat und was wir in Erinnerung haben, was wir beten, was wir singen – das ist ja wahr! Haben wir’s nicht gehört? Haben wir’s nicht gelesen? Gottes Treue hat kein Ende. Seine Verheißungen haben Kraft, die Welt zu verändern.

So kommt auch zur Sprache, was längst vergessen schien. Die alten Verheißungen der Propheten von einem Kind, das geboren wird, von einem Sohn, der gegeben ist. Und von dem neuen König aus dem Haus Davids, der endlich Frieden bringen wird.

Eine solche Verheißung finden wir auch beim Propheten Hesekiel. Sie ist der Predigttext für den Heiligabend.

Ich lese aus dem 37. Kapitel des Buches Hesekiel die Verse 24–28

Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

25Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. 26Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. 27Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, 28damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Liebe Gemeinde,

bei den Israeliten damals zur Zeit von Hesekiel, da war die Luft war raus! Wie bei diesem Fußball (luftentleerten Ball zeigen!). Der Gebrauch dieses Fußballs ist unmöglich. Es fehlt ihm die Luft. Der ist einfach nur platt. Die Luft ist raus. Bei dir auch?

Die Luft ist raus, auch damals in der Ursprungssituation unseres Textes: Teile vom Volk Israel waren ins Exil nach Babylon geführt worden. Sie lebten dort in der Verbannung. Herausgerissen aus der alten vertrauten Umgebung. Eine unbekannte, fremde Welt trat ihnen auf den Straßen und in den Läden entgegen. Sie hatten große Sehnsucht nach der Heimat, die sie verloren hatten! Die Juden wussten noch, was Heimat war und vermissten sie sehr: Die Felder und Äcker der Eltern und Großeltern. Das Haus in dem sie geboren waren. Die Freunde und Bekannten aus der Nachbarschaft – alles war verloren. Aber das war nicht alles! Diese Demütigung! Sie waren sich sicher gewesen: Unser Gott schützt Jerusalem. Der fremde, heidnische König wird sich nicht an Gottes Stadt vergreifen können. Gott selbst beschützt sie. Und dann das: Der eigene König, den man doch als den Stellvertreter Gottes gesehen hatte, war geflohen und dann wie ein flüchtiges Rind eingefangen worden. Daraufhin hatte man ihn das Augenlicht genommen. Eine Demütigung für das ganze Volk!

Und hier in der Verbannung in Babylon? Hier war man fremd. Man kannte weder die Sprache, noch die Menschen, noch die Mentalität. Die Kinder verloren die Beziehung zum Land Israel. Sie kannten es nicht mehr – und doch war da die Sehnsucht nach dem gelobten Land, wie die Väter es genannt hatten.

Das Gefühl war sicher ähnlich zwiespältig, wie wir es auch heute von der zweiten Generation jener Menschen kennen, die in unser Land, nach Deutschland kommen. Und doch war dies nicht der größte Schmerz. Nein, tief in der Brust steckte die Sehnsucht nach diesem einen Gebäude in Jerusalem: nach dem Tempel. Hatte Gott nicht versprochen, dort anwesend zu sein? Hatte er sich nicht dort zu erkennen gegeben? Und nun? War es denn überhaupt möglich in der Verbannung an Gott zu glauben? War Gott auch hier im Land der fremden Götter? Hatte er hier noch Macht? Oder hörte Gottes Macht an den Grenzen Israels auf?

In dieser Zeit tritt ein Mann auf. Er verheißt Zukunft. Hesekiel heißt dieser Mann. Er ist von Gott berufen worden, seinem Volk Trost zuzusprechen. Das Volk, so sagt er, soll eine neue Zukunft bekommen. Drei Dinge verheißt er dem Volk Israel:

  1. Ihr bekommt ein neues Selbstbewusstsein!

»Mein Knecht David soll ihr König sein!« Jeder merkte sofort auf! Der große König der Vergangenheit, David, soll wieder König werden! Nicht persönlich, aber ein König, der wie David Israel wieder zu einer Macht aufsteigen lassen wird. Man wird wieder stolz sagen können: Wir sind Israeliten! Ja, das Volk wird ein neues Selbstbewusstsein bekommen.

Die Älteren unter uns werden es vielleicht uns bestätigen können. Die Wahl des ersten deutschen Bundestages im Jahr 1949 war das sichtbare Zeichen einer neuen Souveränität Deutschlands nach der Schmach des 2. Weltkriegs. So empfand es auch Israel. Nicht mehr der verhasste Großkönig aus Babylon bestimmt die Geschicke Israels, sondern ein eigener König!

  1. Ihr bekommt ein neues Heimatrecht!

Neues Heimatrecht? Ja, Hesekiel verheißt den Verbannten, dass ihre Zeit in Babylon ein Ende haben wird! Dass sie wieder in ihre Heimat zurück dürfen. Dass sie wieder in ihre Häuser, auf ihre Äcker dürfen. Ja, es steht noch mehr dahinter: Sie dürfen wieder in ihre Hauptstadt, zum Tempel zurück! Heim! Wer jemals schon einmal Heimweh gehabt hat, der kann dieses Glücksgefühl verstehen!

Aber Hesekiel verheißt noch etwas Drittes!

  1. Ihr bekommt eine neue Beziehung zu Gott!

Hesekiel verspricht den Klagenden, die sich so Gott verlassen fühlen: Gott wird euer Gott sein!
Ihr seid sein Volk! Eine ganz neue Beziehung dürft ihr aufbauen! Gott nimmt euch wieder an die Hand! Auch hier in dem Land, wo ihr glaubt, dass Gott machtlos sein könnte! Gott wird sich seines Volkes erbarmen.

Liebe Gemeinde, vielleicht denken Sie jetzt: was erzählt der uns heute nur für Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Wir sind nicht mehr im 6. Jahrhundert vor Christus. Was hat uns das heute noch zu sagen? Sind wir hier an diesem Heiligen Abend in Bayreuth Gefangene? Sind wir heimatlos, vertrieben vom angestammten Grund und Boden? Was für eine Sehnsucht nach dem Tempel, nach Jerusalem, nach Gott haben wir denn?

Eigentlich trifft dies doch auf uns gar nicht zu? – Oder doch?

Ich denke an diejenigen unter uns, die aus der Tretmühle des Alltages nur mit Ächzen und Stöhnen den Weg in den Gottesdienst gefunden haben. Da ist die Angestellte, die Sorge hat um ihren Arbeitsplatz. Oder die Hausfrau, Mutter und Erwerbstätige, die an ihrer Dreifachbelastung verzweifelt, weil die Arbeit auf ihr lastet und sie sich im Stich gelassen fühlt. Wir denken auch an die Schüler, die genau wissen: In zwei Wochen geht die Schule von vorne los. Wie ein Karussell: Schulstunden, Lernen auf Proben und wieder Unterricht – und sie sorgen sich, nie auf einen grünen Zweig zu kommen. Oder der Auszubildende, die Studentin, die beide fragen, was die Zukunft bringen wird. Oder der ältere Mensch, der spürt, wie es mit der Kraft zu Ende geht und sich fragt: Hat alles noch einen Zweck?

Und da feiern wir heute die Geburt eines Kindes? Jesus heißt es, und die Bibel sagt von ihm, dass er dieser König ist. Dass er Hirte sein will und uns zum frischen Wasser führen will.

Jesus Christus ruft uns heute auf: Leute, orientiert euer Leben um. Das Ziel eures Lebens soll nicht mehr sein: wer der Beste ist, wer der Erfolgreichste ist. Sondern Jesus sagt: Ich will euch ein neues Selbstbewusstsein geben. Ihr seid von Gott geliebt! Ihr müsst Euch nicht verzweifelt mühen, Anerkennung zu erlangen. Gott hat Euch lieb, ihr seid angenommen.  In dem Lied: Wie soll ich dich empfangen, heißt es: „Ihr dürft euch nicht bemühen / noch sorgen Tag und Nacht, / wie ihr ihn wollet ziehen / mit eures Armes Macht. / Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust, / all Angst und Not zu stillen, / die ihm an euch bewusst“ So können wir uns von Jesus ein neues Selbstbewusstsein schenken lassen. Gott schaut nicht nach dem erfolgreichsten Vertreter, der dieses Jahr den besten Umsatz gemacht hat, sondern er schaut nach dem einzelnen Menschen und nimmt ihn an so wie er ist: als vermeintliche Niete oder Ass, als Erfolgreicher oder Mittelmäßiger! Gott schaut dich heute Abend an und sagt zu Dir: „Wir zwei passen doch gut zusammen. Wollen wir miteinander gehen?“ Weißt Du eigentlich und glaubst Du eigentlich, dass Du von mir Gott, persönlich geliebt bist?

Und wie ist das mit dem nächsten Thema: sind wir denn heimatlos? Wir haben doch unsere Wohnung, unsere Adresse. Wir haben einen Ort an dem wir uns heimisch fühlen. Gott aber will uns geistliche Heimat schenken. Die Heimat z.B. in einer Gemeinde. Da sind Menschen, die sich um einen kümmern, die fragen, »Wie geht es dir?« Da wird Heimat in Hauskreisen, in Jungscharen, Jugendkreisen, Erwachsenenkreisen und in der Seniorenarbeit geboten. Und schon Kinder finden hier das ganze Jahr über Heimat: ungefähr 50 Kinder kommen hier Sonntag für Sonntag in den Kindergottesdienst der Kreuzkirche und fühlen sich hier kirchlich zuhause.

Heimat Gemeinde: ankommen bei Gott und Menschen. Ankommen und einfach sein dürfen. Und sich von Gott lieben lassen. Gott will diese Gemeinschaft segnen. Wir müssen uns nicht mehr einsam fühlen. Und er hält eine himmlische Heimat bereit für dich und mich. Das ist unsere Perspektive nach dem Tod. Das gibt Trost, auch gerade für alle Menschen, die dieses Weihnachten zum ersten Mal ohne einen geliebten Angehörigen begehen müssen.

Was ist nun aber mit der Sehnsucht nach dem Tempel, nach der Hauptstadt Jerusalem? Lässt sich das auch auf heute übertragen? Ich denke, dass auch wir Menschen Sehnsüchte haben nach solchen Haltepunkten in unserem Leben.

Die meisten von uns haben ihren Kinderglauben abgelegt – und dann kommt die Zeit, in der wir uns wieder an unsere Jugend erinnern. Da hat uns vielleicht unsere Großmutter von Jesus erzählt. Wir fanden die Geschichten spannend. Oder die Mutter hatte mit uns am Bett gebetet. Vielleicht waren wir in einer Kinderstunde oder in einem Jugendkreis gewesen. Wir sind konfirmiert worden, aber dann kam der Ablösungsprozess. Das alles hat uns mit einem Mal nicht mehr angesprochen. Andere Dinge wurden uns wichtiger. Da waren die Aufgaben in der Schule, die uns Zeit nahmen, da war der Sport, die Ausbildung, der Freund, die Freundin – alles bekam in unserem Leben einen neuen Stellenwert. Und Zeit für Gott blieb nur noch selten übrig. Wir waren gar nicht dagegen, die Kirche soll ihre Arbeit fortsetzen und unsere Kinder wurden natürlich getauft. Aber Jesus verschwand langsam aus unserem Leben. Aber vielleicht sehnst Du dich zurück, gerade an so einem Abend wie heute.

Und genau heute will Gott eine neue Beziehung zu jedem von uns schaffen. Gott hat vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren mit dem Volk Israel neu angefangen. Er will heute mit dir neu anfangen. Das Kind im Stall sagt: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hören wird und auftut, zu dem will ich eingehen.« Ist das nicht ein großartiges Angebot? Kein herumkritisieren an der Vergangenheit. Gott fängt heute neu mit uns an! Bedingungslos! Bei Menschen trägst Du immer deine Geschichte mit dir rum. Bei Menschen bist du nie ein unbeschriebenes Blatt. Gott aber streicht die dunklen Seiten aus deinem Lebensbuch heraus und heftet neue, weiße, unbeschriebene Seiten ein. Gott ist der einzige, der wirklich ganz neu mit dir anfängt. Das ist so entlastend und schön!

Gott wartet mit dem Neuanfang nicht, bis alles stimmungsvoll genug ist … in uns und um uns herum .. bis unsere Vorfreude groß genug ist … bis unsere Herzen würdig genug sind, um den Heiland zu empfangen …

Gott wartet nicht, bis die Zimmer unseres Lebens so schön aufgeräumt sind, dass er sich wohl darin fühlen kann .. sondern Er sagt, er kommt … Er möchte zu uns kommen, zu jedem, zu jeder von uns, einfach, weil wir Ihn nötig haben, weil wir Ihn brauchen.

Weihnachten heißt nicht, wir müssen Gott eine heile Welt vorspielen, fried- und stimmungsvoll, sondern: Gott kommt in unsere Welt, so wie sie ist. Er kommt zu uns, so wie wir sind, vor Ihm brauchen wir nichts verstecken. Er kennt uns sowieso bis ins Innerste,  auch dort, wo wir oft gar nicht gerne möchten, dass einer reinschauen kann.

„Gott will im Dunkel wohnen/ und hat es doch erhellt“, so heißt es in einem Lied.

Weihnachten hängt nicht von uns ab, auch nicht von unseren Stimmungen und Gefühlen. Weihnachten kommt auf uns zu. Darum findet es auch statt, wenn kein Schnee liegt und sich in uns die Stimmung nicht so recht einstellen möchte, die wir mit dem Fest verbinden.

Jesus kommt und will bei dir wohnen, dein Leben mit dir leben und dich zu einem wunderbaren Ziel führen.

Liebe Gemeinde, nach den letzten Wochen voller Hetze liegen ein paar Tage der Ruhe vor uns. Oft ist es so, dass wir erst in Ruhe merken, dass wir platt sind. Dass uns die Luft fehlt, wie diesem Ball! Dann geht es uns auch nicht anders als den Juden in Babylon. Aber so wie damals
die Menschen auf den neuen König, auf den Neuanfang gewartet haben, so können wir heute zurückschauen auf das was dort im Stall in Bethlehem geschehen ist: Jesus Christus, Gottes Sohn wurde Mensch. Und diese Botschaft kann dir neuen Schwung und neue Kraft geben.  Wie der Ball aufgepumpt werden kann, so wird Jesu Geburt zum Aufpumpen unseres Lebens. Jesus schenkt dir neue Hoffnung. Jesus sagt »Ja« zu dir. Er schenkt dir ein neues Zuhause in seiner Gemeinde und in Gott selbst. Er liebt uns ohne Ende. Deshalb ist er überhaupt auf diese Erde gekommen. Das ist allemal Grund zu großer Freude.   Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de