Gottesdienst – Sprüche 14,34

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Kreuz+MCK, Buß- und Bettag 18.11.2009, Sprüche 14,34

Das Wort des Tages soll uns heute helfen, über unser Leben und unsere Einstellung Klarheit zu bekommen. Sprüche 14, 34:

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.

Die Heilige Schrift hat eine ganz große Stärke: Sie kann mit wenigen Worten sehr viel, ja das Entscheidende sagen. Dieser Vers aus dem Buch der Sprüche Salomos ist so ein Wort:

Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.

Es ist von unschätzbarem Wert, wenn es in einem Land gerecht zugeht. In der Mehrzahl der Länder dieser Erde herrscht Ungerechtigkeit. Ich kann die Länder gar nicht alle aufzählen, in denen korrupte Machthaber regieren, wo willkürlich und ungerecht mit Menschen umgegangen wird.

In manchen Ländern läuft ohne Schmiergeld fast nichts. Die Organisation „Transparency International“ erstellt jährlich eine Liste. Island ist laut der neuesten Studie das am wenigsten korrupte Land unter 159 untersuchten Staaten. Deutschland rutschte in der Untersuchung von Transparency International im vergangenen Jahr vom 15. auf den 16. Platz.

(In Deutschland führten Affären und Korruptionsfälle in der Wirtschaft zur Herabstufung, etwa bei BMW, DaimlerChrysler, Infineon, VW und Siemens und andere. Im kommenden Jahr könnte die Bundesrepublik im Index weiter abrutschen, denn die jüngsten Wirtschaftsaffären sind in der aktuellen Auflistung noch gar nicht berücksichtigt.)

Jede Woche ein neuer Skandal. Verantwortungsträger missbrauchen ihre Macht, nehmen Vorteile und Privilegien für sich in Anspruch und lassen sich gleichzeitig als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit darstellen. Ja, Gerechtigkeit erhöht ein Volk, nicht nur auf dem Index von TI, sondern auch auf dem Index des Allerhöchsten. Er hat nicht nur die Internationale Transparenz, also Durchsicht, sondern er hat „TT“ Totale Transparenz. Vor ihm ist alles offenbar. Sichtbar, glasklar.

Gott lässt sich nicht durch Hochglanzpapier, geschönte Bilanzen und bereinigte Statistiken blenden. Nein, er will Gerechtigkeit. Er will, dass Reiche etwas abgeben, damit Arme nicht mehr so arm sind. Er verlangt, dass denen, die ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können, sie erlassen werden.

Johannes der Täufer forderte die Soldaten auf ihre Macht nicht zu missbrauchen und mit ihrem Lohn zufrieden zu sein. Die Händler sollen ehrlich mit ihren Kunden umgehen und sie nicht übervorteilen. Wenn er sagt: macht die Wege gerade, dann ist damit gemeint: Verzichtet auf krumme Touren, auch wenn es euch etwas kostet.Seid ehrlich, gradlinig und gerecht.

Man zeigt ja immer gern auf die großen Betrüger und Enthüllungen, damit die eigenen kleinen Ungerechtigkeiten unter der Decke bleiben. Die Veranlagung zur Korruption steckt in jedem Menschen. Wer uns etwas schenkt, den sehen wir freundlich an, wer uns einen Vorteil verschafft, hat einen Stein im Brett. Das fängt ganz harmlos an, mit einem Kugelschreiber oder der Kostprobe und schon sind auch wir voreingenommen. Wer baut nicht auf Vitamin B, auf seine Beziehungen?

„Do kenn ich an…“, sagt der Oberfranke, „mit dem red ich amoll!“ Das kann ganz harmlos sein, aber der Übergang zur Ungerechtigkeit ist fließend. Weil ich Beziehungen habe, geht es mir besser, komm ich eher dran, werde ich besser bedient, erreiche ich mein Ziel schneller. Dass andere dafür länger warten müssen, schlechtere Chancen haben, wenn interessiert das denn? Die Versuchung zur Ungerechtigkeit ist groß, nicht nur im hohen Amt. Als Vater, als Mutter, als Kind, als Lehrer/in, in allen Lebensbereichen.

Trotzdem gilt: Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Als Salomo König wurde, war ihm das bewusst. Er betete um ein gehorsames Herz Gott gegenüber, damit er in Gerechtigkeit, und Weisheit regieren könnte. Beten wir auch so? Auch wenn wir kein Volk zu regieren oder zu richten haben: Herr, gib mir ein gehorsames Herz, deinen Geboten gegenüber, dass ich sie ernst nehme, dass ich sie mir nicht zurechtbiege oder mich über sie wegsetze. Schenk mir ein feines Gewissen, das schon die Anfänge der Ungerechtigkeit wahrnimmt und meidet.

Bei den alten Propheten heißt es oft: Gott will Gerechtigkeit, nicht Opfer. Gott will, dass wir ehrlich und gut miteinander umgehen, dass wir den anderen auch leben lassen und Anteil haben lassen, wenn es uns gut geht. Er will keine Dividende von ungerecht erwirtschaftetem Gewinn. (Auch die großen Konzerne, die knallhart im Wettbewerb agieren und andere gnadenlos kaputt machen und Menschen ausbeuten, errichten mit einem kleinen Teil ihrer Gewinne Stiftungen, zeigen ihr soziales Engagement, um ihr Image in der Öffentlichkeit aufzubessern, unterstützt von den Medien.)

So versucht mancher mit einer Spende vom unrecht erworbenen Gewinn oder Erbe im Kleinen sein Gewissen rein zu waschen. Vor Menschen mag das manchmal klappen, nicht vor Gott. Da ist Gerechtigkeit gefragt und Ehrlichkeit, die immer zur Gerechtigkeit gehört. Ehrliche und Gerechte erzielen vielleicht keine so großen Gewinne, aber sie werden von Gott erhöht. Dieser Satz aus den Sprüchen ist ja auch eine Verheißung, ein Versprechen Gottes: wenn du ehrlich und gerecht bist, dann werde ich dich erhöhen, dann mache ich dich, dann mache ich dein Volk groß.

Und wenn nicht? Die Sünde ist der Leute Verderben. Nicht die Wirtschaftskrise, nicht die Bankenpleiten, die Sünde ist der Leute Verderben. Ist dem allem nicht jahrelange Ungerechtigkeit, Gier und Unehrlichkeit auch Unmenschlichkeit vorausgegangen? Ohne groß darüber nachzudenken, sind wir mit im Spiel der Großen. Wir wollen billige Lebensmittelpreise, günstige Möbel und Textilien auf der einen Seite, aber auch gute Zinsen und gewinnbringende Geldanlagen. Wir wollen saubere Luft und billigen Strom. Wohlstand erhalten und Besitzstand wahren und denken nicht darüber nach, dass das nur auf Kosten anderer geht.

Bewirktes noch was bei uns wenn wir, wie gestern in der Zeitung lesen, dass alle vier Sekunden ein Kind verhungert? Dass eine Milliarde Menschen nicht satt werden? Gerecht verteilt wären genug Lebensmittel da auf der Welt. Am dreistesten ist es wenn dann Gott verantwortlich gemacht wird für solche Zustände in der Welt: „Wie kann Gott nur zulassen…“

Die Sünde ist der Leute Verderben! Zuerst ist die Sünde der Leute Verderben, die nicht genug zum Leben haben, die unter Korruption und Ungerechtigkeit zu leiden haben. Die Sünde des reichen Mannes war das Verderben des armen Lazarus. Keiner hat sich um seinen Hunger gekümmert und um seine Schmerzen und Krankheit. Er ist jämmerlich verreckt vor der Tür eines reichen Mannes, den es nicht viel gekostet hätte, ihm zu helfen.

Wir reden in den letzten Jahrzehnten viel von Globalisierung. Die Menschen blicken über ihre Dörfer, Städte, Länder und Kontinente hinaus. Wir wissen dank Fernseher alles über die Zustände in anderen Regionen der Welt. Das erhöht aber auch unsere Verantwortung und unsere Schuld. Wir können nicht sagen, dass wir nichts davon gewusst hätten…

Meinen Sie, dass Gott die Welt nicht global sieht? Sein Auftrag an die Menschen lautete: Macht euch die Erde untertan, bebaut und bewahrt sie. Er sagt nicht: Seht zu, dass es wenigstens euch selber gut geht, sondern: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aller Egoismus und alles ohne Gott Handeln und gegen seinen Willen tun trennt von Gott, ist Sünde. Da geht es nicht um das Stück Kuchen zu viel, sondern um ein Leben, in der Gott gar nicht vorkommt oder nur am Rande.

Die Sünde ist der Leute Verderben. Sie ist noch ein zweites Mal der Leute Verderben. Sie ist das Verderben derer, die lieblos und gottlos gelebt haben. Die ungerecht und unbarmherzig waren, die nicht auf die Gebote und auf ihr Gewissen gehört haben, sondern einfach immer so weiter gemacht haben. Sie habe nicht nachgedacht, sich nicht zur Buße, zur Umkehr rufen lassen, bis eines Tages die Stunde kommt, in der ihre Zeit in Saus und Braus, in Ungehorsam und Unehrlichkeit vorbei ist. Dann ist die Sünde, die unvergebene Sünde ihr Verderben, ihr ewiges Verderben.

Die armen Lazarusse dieser Welt, die nie satt Gewordenen, immer Ausgenutzten, Unterdrückten und Ausgebeuteten haben die Aussicht einmal in Abrahams Schoß entschädigt zu werden und Gott selbst wird ihre Tränen trocknen. Aber die gleichgültigen Egoisten, die nur ihr Wohlergehen gepflegt haben, denen wird ihre Sünde zum Verderben werden.

Die Bibel sagt uns deutlich, dass es eine letzte Gerechtigkeit gibt, auch einen Lastenausgleich, der Benachteiligte entschädigen und Leidtragende belohnen wird. Wie Gott das macht, dürfen wir getrost seine Sorge sein lassen.

Wenn angesichts des Unrechts in unserer Welt und Gesellschaft noch jemand die Dreistigkeit besitzt zu sagen: Ich bin kein Sünder, dann ist er auf beiden Augen blind und auf beiden Ohren taub. Auch wenn jemand beim Einkaufen alles bezahlt, seine Steuererklärung gewissenhaft ausfüllt, die Straßenverkehrsordnung genau beachtet, seine Rechnungen pünktlich bezahlt, gut mit seinen Nachbarn, Kollegen und mit seiner Familie umgeht, viele Gottesdienste besucht, nicht flucht und keinem neidisch ist, bleibt er doch vor Gott ein Sünder.

Er spielt ja das Spiel mit, in dem es ihm gut geht und vielen anderen auf seine Kosten schlecht. Das Lazarus Spiel, bei dem man in dem Bewusstsein lebt und handelt: Was geht mich der andere vor meiner Tür an. Nun werden Sie mir vielleicht entgegenhalten: Ich kann doch die vielen schlimmen Verhältnisse in der Welt auch nicht ändern. Was soll ich gegen die Diktatoren und Konzerne, gegen die Ausbeuter und Menschenschinder ausrichten? Das stimmt. Allein und sofort können wir nichts ändern, aber wir können

1. sie einmal überhaupt wahrnehmen, die Zusammenhänge erkennen, unsere Mitverantwortung sehen,

2. dann im kleinen Widerstand leisten, wo es möglich ist: Keine Waren kaufen, von denen ich weiß, dass sie unter unmenschlichen Bedingungen produziert werden, dass sie Menschen oder Natur ausbeuten.

3. Die eigene Mitschuld erkennen und bekennen und um Gottes Vergebung und Erbarmen bitten.

4. Darum beten, dass Gott uns zeigt, wie wir helfen können und vor allem für die beten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Gottes Wort ruft immer wieder zur Umkehr und zum Umdenken. Er wird nicht zum Schweigen gebracht, dadurch, dass man einen Buß- und Bettag abschafft. Es ist auch klar, dass wir alle vor dem gerechten Gott keine Chance hätten, wenn er nicht einen Weg geschaffen hätte, wie wir unsere Schuld los werden können, wie wir als Sünder gerettet werden können.

Weil wir, weil diese Welt keine Chance hätte vor einem heiligen und gerechten Gott hätten, darum hat er, weil er auch ein erbarmender Gott ist, seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt geschickt, damit alle, die an ihn glauben trotzdem nicht verloren sind, sondern mit ihrer Schuld, trotz ihrer Schuld noch gerettet werden können.

Rettung ist für alle möglich, die vor Gott im Namen Jesu Christi um Erbarmen und Vergebung bitten. Für alle, die sich innerlich wirklich vor Gott beugen und erkennen, dass sie sich aus eigener Kraft nicht von ihrer Schuld befreien können. Nicht von unserer individuellen Schuld und nicht von unserer globalen Schuld. Die Sünde ist auch Verderben, ist meinihr Verderben, wenn wir uns nicht zum Kreuz begeben und dort wirklich um Gnade bitten, wie der Zöllner. Er hat dort im Tempel wohl langsam begriffen, wie er in Unrecht verstrickt ist und dass er das gar nicht, nie mehr, gut machen kann. Ihm bleibt nur eines, ehrlich vor Gott hinzutreten und zu sagen: Ja, ich bin ein Sünder. Gott, sei mir Sünder gnädig.

Gott begnadigt ihn, obwohl er weiß, dass dieser Zöllner in einem System steckt, das ihn zwangsläufig wieder sündigen lassen wird. Er darf gerechtfertigt in sein Haus gehen, weil Gottes Erbarmen mit uns schuldverstrickten Leuten größer ist als wir es je begreifen werden. Er liebt uns! Seine Liebe ist so unbegreiflich groß, dass er uns, die wir Rädchen in einer ungerechten Welt sind, einmal seine Gerechtigkeit schenkt. Er will uns, wenn wir uns vergeben lassen, mit in seine Welt hinein nehmen, in der Gerechtigkeit herrscht. Unvorstellbar eine solche gerechte Welt, aber doch bei Gott möglich. Unvorstellbar seine Liebe, aber doch eine Tatsache Gottes.

Auch wenn wir sie in der alten Welt nie erreichen werden, sollen wir doch an der Gerechtigkeit arbeiten, so gut wir können. Schaffen wird er sie in seinem Reich. Wer immer neu am Kreuz Christi Vergebung sucht, wird mit dabei sein, wird gerecht gemacht durch den Glauben.

Amen.

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168