Gottesdienst – Silberne Konfirmation

Zur PDF

Silberne Konfirmation in der Kreuzkirche am 25.06.2006

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Für diese Predigt sollen zwei Verse aus dem Kolosserbrief
Grundlage sein. Paulus spricht da mit Leidenschaft von Jesus Christus,
der die Grundlage eines erfüllten und gelingenden Lebens ist.
Kolosser 2, 3 und 14.15:

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der
Erkenntnis. Er hat den Schuldbrief aus der Mitte getan und an das Kreuz
geheftet, der mit seinen Forderungen gegen uns war.
Christus hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet.

Von der Mitte ist da die Rede. Die Mitte ist ja irgendwie etwas
Besonderes. Wir sind in der Mitte des Jahres 2006. In der Mitte des
Jahres zünden die Menschen Sonnwendfeuer an, vielleicht haben sie
letzte Nacht auch welche gesehen oder standen sogar an so einem
Mittsommernachtsfeuer, wie das in den nordischen Ländern genannt
wird.

Die Mitte, passt das nicht auch für den Anlass der Silbernen
Konfirmation? Rein statistisch sind Sie als Silberne Konfirmanden in
der Mitte des Lebens. Wenn auch nicht alle das statistische Mittel
erreichen. Einer der Mitkonfirmanden des Jahres 1981 ist bereits vor
über zwanzig Jahren verstorben (Horst Wolf, 1984)

Mit der Mitte ist das so eine Sache. Oft wird sie gar nicht
wahrgenommen, irgendwie übersehen oder übergangen. Anfang und
Ende nehmen wir bewusster wahr. Am Anfang werden Hoffnungen
ausgesprochen und Wünsche geäußert. Geht etwas zu Ende,
dann ziehen wir Bilanz. Aber alles, was einen Anfang und ein Ende hat,
hat auch eine Mitte. Jeder Weg, jede Zeit, jeder Ort.

Sogar jedes Fußballspiel. Halbzeit nennen wir da die Mitte. Das
Spiel wird unterbrochen. Man macht eine Pause und denkt über den
Verlauf nach, über das was gelungen ist was nicht geklappt hat,
was in der zweiten Halbzeit, von der Mitte bis zum Ende anders laufen
muss, damit das Spiel nicht verloren geht. Manchmal müssen sich
die Spieler vom Trainer Kritik und harte Worte gefallen lassen. Sie
müssen zuhören und seine Ratschläge ernst nehmen, damit
am Ende der Sieg steht.

Halbzeit, Lebensmitte, passt das nicht auch für diesen Anlass?
Eine Spielunterbrechung. Luft holen, zurückschauen, reflektieren,
was war. Nicht einfach pausenlos weiter durchs Leben stürmen,
immer rein ins Getümmel. Neu nachdenken, neue Ziele setzen, eine
andere Einstellung zu manchem finden. Das Urteil, den Rat eines
Spielbeobachters hören und annehmen.

Lebensmitte – selbst wenn wir den genauen Mittelpunkt unseres Lebens
wüssten, würden wir wohl kein Lebenswendfest feiern. Die
Vorstellung den Lebensmittelpunkt überschritten zu haben,
wäre für viele kein Grund zum Feiern.

Die Tatsache, dass der Höhepunkt überschritten sein
könnte, verdrängen wir lieber, als sie zu feiern. Medizinisch
gesehen ist gegen Ende des vierten Lebensjahrzehnts die Aufbauphase
längst abgeschlossen; langsam beginnt der Abbau. Wenn Sie im Sport
aktiv waren, dann müssen Sie das Feld schon den Jüngeren
überlassen. Wenn da einige wenige, wie Jens Lehmann unser Torwart
der Nationalmannschaft noch mit 36 Jahren auf höchstem Niveau
spielen, gelten sie für die Jungen schon als Methusalem.

Lebensmitte, da werden nicht nur die grauen Haare langsam mehr und die
Zahnarztbesuche häufiger, da ändern sich auch die Ansichten
und manchmal der Lebensstil. Man fängt an über die Jugend von
heute den Kopf zu schütteln und ertappt sich immer öfter bei
Gedanken oder Sätzen wie: „Also das hätte es bei uns
früher nicht gegeben! Das hätten wir uns früher nicht
getraut!“

Lebensmitte, das heißt für die meisten auch: Mitten im
Berufsleben stehen und in der Familie und gefordert sein. Bei
zunehmendem Druck von allen Seiten manchmal auch überfordert. Und
manchmal beschleichen einen dann beunruhigende Gedanken: Wie lange
werde ich das wohl noch aushalten? Es kann in unserer derzeitigen
gesamtwirtschaftlichen Lage auch anders sein. Da bist du in der Mitte
des Lebens plötzlich raus aus dem Arbeitsprozess und den
beruflichen Anforderungen, weil Arbeitsplätze abgebaut werden,
manchmal trotz hoher Gewinne. Dann ist die Pause erzwungen, von
außen verordnet. Gut wenn man sie trotzdem nutzt, um neu
nachzudenken.

Lebensmitte, das kann man ja auch noch ganz anders verstehen. Das ist
das, worum sich unser Leben dreht, was unser Denken und Handeln
bestimmt. Wofür wir uns Zeit nehmen und unser Geld ausgeben oder
weglegen.

Manchmal komme ich mit Menschen zusammen, in deren Umgebung ganz
deutlich zu sehen ist, was ihre Mitte ist. Was hab ich da schon alles
erlebt! Eine ganze Wohnung voller Schiffsmodelle oder angefüllt
mit alten Möbeln und Antiquitäten.

Nicht wenige widmen jede freie Minute ihrem Hobby, den Münzen, den
Briefmarken, dem Fußball, dann muss man jedes Spiel gesehen
haben. Es kann auch der Garten sein oder das Auto, der Beruf oder die
Familie, der Fernseher oder Computer. Irgendwas füllt die Mitte
aus. Denken Sie einmal darüber nach, was es bei Ihnen ist. Ist es
das, was sie wollten? Ist es das wert, damit auch noch die kostbare
Lebenszeit in der zweiten Hälfte zu verbrauchen, wenn es noch eine
Hälfte ist?

Haben Sie, und da frage ich nicht nur die Jubilare, ihr Leben schon auf
den Punkt gebracht? Auf den Mittelpunkt, der trägt? Den Punkt, von
dem Kraft ausgeht und der dem ganzen Lebenslauf Sinn gibt? Bei der
Konfirmation vor 25 Jahren oder vielleicht auch bei uns anderen vor 6,
18 oder 37 Jahren wurden Sie danach gefragt und darum sollten wir diese
Frage heute sinnvollerweise aufgreifen: „Willst du unter Jesus Christus, deinem Herrn leben, im Glauben an ihn wachsen und in seiner gemeinde bleiben?“ Was ist aus dieser Lebensmitte geworden?

Ein asiatisches Sprichwort sagt: „Im Herzen eines Taifuns kann ein Kind
ruhig schlafen.“ Wenn die gefürchteten Wirbelstürme über
Asien hinwegtoben, müssen Schiffe oder Flugzeuge versuchen in die
Mitte, ins Zentrum zu gelangen. Dort ist Ruhe. Wir leben in einer Zeit
der großen Stürme, die uns ängstigen. Nicht nur der
Wetterstürme. Das Dach der Welt scheint abgedeckt. Was fest sicher
und verlässlich schien, Vertrautes und Gewohntes wird
zerstört, niedergerissen.

Menschen, die sich liebten und verstanden, geraten in den Wirbelsturm
von Missverständnissen, Entfremdung, Schuldzuweisung. Frau und
Mann, Eltern und Kinder verstehen sich nicht mehr. Im Sturm geraten sie
aneinander und auseinander. Unzählige haben ihre Heimat, ihre
Arbeit, liebe Menschen verloren und dazu den Mut, die Hoffnung und den
Glauben. Sie werden von den politischen, religiösen und
gesellschaftlichen Böen hin- und her getrieben und finden keine
Ruhe.

Und die, die das alles noch haben, Familie, Arbeit, Haus, Einkommen,
Freude, Hoffnung, Gesundheit, Mut und Glauben, beschleicht bisweilen
die Angst, dass ihnen das eines Tages genommen werden könnte.
Geborgenheit, Halt und Ruhe, auch dann, wenn etwas verloren geht,
lässt sich nur in der Mitte finden. In der Mitte, die alles
schafft, die alles hält und trägt, bei Gott und seinem Sohn,
Jesus Christus. In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.
Ohne ihn bleibt alles sinnlos, unvollendet, Irrtum. Ja das leben ohne
Jesus Christus ist und bleibt ein großer Irrtum. Man redet von
Freiheit und ist doch nicht frei. Man sieht keine Schuld an sich und
ist doch darin verstrickt und damit belastet.

Alles was den Zugang zu dieser Lebensmitte blockiert, ist letztlich
Schuld. Wer ohne Gott lebt, irrt nur durch die Zeit, die kostbare Zeit,
die noch bleibt. Viele wehren sich dagegen ihr Leben auf den
Punkt zu bringen: Schuld. Sie rechtfertigen sich mit den
Umständen, versuchen sich von davon abzulenken und tragen doch
schwer daran. Es ist mühsam und sie sind beladen.

Im neuen Wochenspruch sagt Jesus Christus: Kommt doch her zu mir, alle,
die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Lasst
euch erfrischen, euere Wunden behandeln, lasst euch stärken und
die Lasten abnehmen für eueren weiteren Weg durchs Leben. Vergesst
nicht: Christus hat den Schuldbrief aus der Mitte getan und an das
Kreuz geheftet. Jesus Christus hat die Voraussetzung dafür
geschaffen, dass die Mitte unseres Lebens frei wird für Gott. Was
uns belastet und blockiert hat kann durch Jesus Christus und sein Kreuz
weggenommen werden.

Wer diese Mitte sucht, wer sich von Jesus Christus so befreien und
entlasten lässt, der ist nicht allein, der wird nicht
erdrückt von dem Druck, der sich von allen Seiten gegen uns
aufbaut. Mit Christus leben heißt, von Vergebung leben,
Schwächen zugeben dürfen und durch Christus stark werden.

Der Liederdichter Jochen Klepper, der in der ersten Hälfte des
vergangenen Jahrhunderts auch in schlimmen Stürmen lebte, redet in
einem seiner Lieder mit Gott:

Da alles, was der Mensch beginnt,

vor seinen Augen noch zerrinnt,

sei du selbst der Vollender.

Die Jahre, die du uns geschenkt,

wenn deine Güte uns nicht lenkt,

veralten wie Gewänder.

Wer ist hier, der vor dir besteht?

Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht,

nur du allein wirst bleiben.

Nur Gottes Jahr währt für und für,

drum kehre jeden Tag zu dir,

weil wir im Winde treiben.

Ohne Gott treiben wir in den Stürmen des Lebens nur so dahin. Mit
ihm spüren wir die Stürme auch, aber sie fegen uns nicht weg.
Wir haben Halt und sind gehalten. Christus hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet.
So schrieb es der Apostel Paulus an die Kolosser. Mit diesem Halt, mit
diesem Herrn, fürchtete er nicht den Druck seiner Verfolger und
nicht den Prozess vor dem mächtigen Kaiser in Rom. Mit der
Lebensmitte Christus können wir gestärkt und geborgen in neue
Zeiten gehen, neue Aufgaben anpacken, aber auch loslassen, was der
Vergangenheit angehört oder was nicht zu halten ist.

Vielleicht werden die Zeiten noch schwieriger. Vielleicht wird der
Druck, der auf uns lastet an manchen Stellen noch stärker, aber
wir können ihn ertragen, weil wir getragen sind.

Im Neuen Testament wird uns eine Begebenheit berichtet, wie Jesus mit
seinen Jüngern in einem kleinen Boot mitten auf dem See Genezareth
war, als plötzlich ein heftiger Sturm losbrach. Die Jünger
kämpften mit den Wellen, die Angst wuchs. Jesus schlief ganz ruhig
Boot. Als die Lage immer bedrohlicher wurde und sie zu kentern drohten,
da weckten sie den schlafenden Jesus und er brachte Wind und Wellen zum
Schweigen.

Tobt um Sie auch der Sturm des Lebens? Werden Sie manchmal auch von der
Angst gepackt, dass ihr Lebensschiff kentern könnte? Wecken Sie
den schlafenden Jesus. Wecken Sie den auf der Sie führen, halten
und retten kann. Es macht ihm nichts aus, dass Ihr Glaube nur klein
scheint. Auch zu den Jüngern damals sagte er: Ihr
Kleingläubigen, warum seid ihr so ängstlich.

Wecken Sie den auf, der einmal in Ihr Herz gelegt wurde und dem Sie
einmal oder schon öfter Ihr Leben anvertraut haben. Auch
Kleingläubige und Kruzgläubige dürfen das tun. Jesus
schickt keinen weg. Im Gegenteil er ruft uns zu sich: Kommt her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Der, dem Wind und Meer gehorchen, dem nichts zu klein oder zu
groß oder unmöglich ist, der hat auch Ihren und meinen
Schuldbrief aus der Mitte genommen und an das Kreuz geheftet und dort
wirkungslos gemacht. Auf ihn dürfen wir uns in allen Dingen
verlassen.

Der du allein der Ew’ge heißt
Und Anfang, Ziel und Mitte weißt,
im Fluge unsrer Zeiten,
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.


Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168