Gottesdienst – Römer 5, 1-6. 8-9

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Reminiszere, 28.02.2010 Römer 5, 1-6. 8-9

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung.
Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Denn Christus ist schon zu der Zeit als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. ( )
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind.

Ein Kapitän, der sein Leben mit Trinken und Fluchen zugebracht hatte, lag auf einer Seereise schwer krank in seiner Kajüte. Er spürte, dass sein Ende nahe war und ihm wurde immer mehr bange vor der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Er ließ den ersten Offizier kommen und befahl ihm: „Bete für mich! Mit mir geht’s zu Ende und ich bin ein schlechter Mensch gewesen.“

„Aber ich kann nicht beten, Kapitän. Ich hab’s nicht mit den Frommen.“ Dann holt Euere Bibel und lest mir was vor, denn meine Zeit ist abgelaufen.“ „Ich hab auch keine Bibel, Kapitän. Ihr wisst, wie ich gelebt habe“, erwiderte der erste Offizier. „So ruft den zweiten Offizier, vielleicht kann der beten.“

Wenige Minuten später stand der zweite Offizier vor dem sterbenden Kapitän. Aber auch der wusste nicht, wie er beten sollte und Bibel hatte auch er keine. Mit dem dritten Offizier war es nicht anders. Schließlich suchte man das ganze Schiff ab, nach einem Mann, der beten könnte, aber es war keiner zu finden und es gab nirgends eine Bibel. Da erinnerte sich ein Matrose: „Ich hab den Schiffsjungen, Peter Jennsen, mit so einem alten Buch gesehen.“

„Ruft ihn sofort und fragt ihn, ob das Buch eine Bibel ist“, forderte der Kapitän. „Peter, hast Du eine Bibel“, fragte der Matrose den Schiffsjungen. Der kriegte einen roten Kopf und antwortete verschämt: „Ja, aber ich lese nur in meiner Freizeit darin.“

„Schon gut, mein Junge, nimm deine Bibel und geh zum Kapitän. Er glaubt er muss sterben und will, dass jemand ihm aus der Bibel vorliest.“ Peter Jennsen ging also mit seiner Bibel zu dem todkranken Kapitän.

„Setz dich hier neben mich und such etwas in deiner Bibel, was mir helfen kann, denn ich muss sterben. Lies mir etwas vor von Gottes Erbarmen über einen jämmerlichen Sünder, wie ich es bin!“

Da saß der arme Schiffsjunge mit seiner Bibel und wusste nicht so recht, wo er suchen sollte. Doch fiel ihm plötzlich ein, dass er unmittelbar vor seinem Abschied von zu Hause zusammen mit seiner Mutter das 53. Kapitel des Propheten Jesaja gelesen hatte. Er schlug die Stelle auf und begann zu lesen. Als er zum 5. Vers kam: “Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“, da rief der Kapitän, der mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte: „ Halt, mein Junge! Das ist es, was ich brauche. Lies es noch einmal!“ Und Peter Jennsen wiederholte: “Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“

„Ja, das ist es, was ich brauche, das tut gut!“ seufzte der Kapitän erleichtert, „Das ist gut!“ Da nahm der Junge seinen ganzen Mut zusammen und sagte zum Kapitän: Als wir das lasen, hat meine Mutter zu mir gesagt: Hier, Peter, darfst du deinen Namen einsetzen. Dann heißt das so: Er ist um Peter Jennsens Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass Peter Jennsen Frieden hätte und durch seine Wunden ist Peter Jennsen geheilt.

Schon bevor der Schiffsjunge ausgesprochen hatte, lag der Kapitän mit weit aufgerissenen Augen halb aufgerichtet auf der Seite, starrte den Jungen an und sagte: Lies es noch einmal und setz den Namen deines Kapitäns ein, Olaf Knudson! Und Peter las: „Er ist um Olaf Knudsons Missetat willen verwundet und um Olaf Knudsons Missetat willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass Olaf Knudson Frieden hätte und durch seine Wunden ist Olaf Knudson geheilt.“

Als der Schiffsjunge zu Ende gelesen hatte, schickte ihn der Kapitän wieder auf Deck, legte sich in seiner Koje zurück und wiederholte mit schwacher Stimme immer wieder diese Worte. Am nächsten Tag wurde sein toter Körper in Segeltuch gewickelt auf eine Schiffsplanke gelegt und nach Seemannsart im Meer bestattet. Aber für die ganze Mannschaft war der hartgesottene Seefahrer noch zu einem Zeugen geworden, wie ein Mensch seinen Frieden finden kann.


Darin erweist Gott seine Liebe zu uns, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Und:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.


Gottes Friede lag schon für ihn bereit, als der Kapitän noch fluchte, spottete und gottlos lebte. Olaf Knudson nutzte die letzte Chance, die Gnade Gottes für sich anzunehmen, bevor er sterben musste. Keiner war da, der mit ihm und für ihn beten konnte. Keiner hatte eine Bibel oder einen Trost für einen alten Sünder, der kurz vor den Toren der Ewigkeit stand. Nur der kleinste auf dem Schiff, der Schiffsjunge Peter Jennsen.

Es wären wohl heute in so einer Situation auch viele, die nicht beten könnten, die keine Bibel zur Hand hätten, die nicht wüssten, wo sie nachschlagen sollten, um Trost und Erbarmen zu finden. Wie viele Menschen haben diesen Frieden vor ihrem Tod nicht gefunden oder finden ihn nicht, weil sie ein Leben lang gottlos gelebt haben und weil in ihren letzten Stunden auch keiner da ist, der beten kann, der eine Bibel benutzen kann, der weiß, wo solche Worte stehen, die vom Frieden sprechen, den wir im Glauben und durch Jesus Christus finden können.

Man braucht das ganze Jahr keine Gottesdienste, man braucht kein Abendmahl, man braucht, so meint man, keine Vergebung und keinen Glauben, keinen Erlöser, kein Kreuz keinen Frieden mit Gott. Und dann hat man auch keinen. Man lebt ohne Frieden und stirbt ohne Frieden.

Wie ganz anders ist das hier, was der Paulus an die Römer schreibt, woran er sie und uns erinnert: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus!“ Gerecht durch den Glauben!

Glauben heißt, das Wort Gottes auf den eigenen Namen, auf die eigene Person, das eigene Leben, auf sich selbst beziehen. So wie der einfache Schiffsjunge das von seiner gläubigen Mutter gelernt hatte und es im entscheidenden Moment auch anwenden konnte.

So dürfen wir das Wort Gottes für uns nutzen. Wenn es heißt: Der Herr ist mein Hirte…, dann dürfen wir das persönlich nehmen, glauben und wissen: Es ist einer da, der für mich sorgt wie ein guter Hirte. Und so haben wir auch durch Jesus Christus Zugang im Glauben, Zugang zu dieser Gnade. Jesus sagt beim Abendmahl: das ist mein Leib, den ich für dich gegeben habe und mein Blut, das ich für dich vergossen habe. Und wenn einer es ernst meint, wenn er sagt: Gott sei mir Sünder gnädig! Dann ist Gott gnädig. Dann vergibt er.

Die Bibel berichtet von Mördern und Ehebrechern, Mörderinnen und Ehebrecherinnen, denen Gnade zuteil geworden ist, die Vergebung erfahren haben, denen Jesus trotzdem mit der vergebenden Liebe Gottes begegnet ist und die er vor ihren Anklägern und Richtern gerettet hat.

Wie ganz anders ist das in unserer Gesellschaft und in unseren Medien. Weh dem, dessen Sünde, dessen Fehltritt, dessen Versagen da bekannt geworden ist. Der findet keine Gnade, der kriegt keine zweite Chance. Auch nicht, wenn er bezahlt und seine Strafe bekommen hat. Da wird auch nach vielen Jahren alte Schuld immer wieder neu veröffentlicht.

Früher hat man Menschen, die sich etwas zuschulden kommen ließen, für einige Stunden oder Tage an den Pranger gestellt. Dann wurden sie wieder freigelassen und konnten neu anfangen. Sie konnten sagen: Nie wieder will ich so etwas tun! Sie konnten vielleicht auch an einen anderen Ort gehen, wo man nichts von der alten Schuld wusste.

Das war finsteres Mittelalter, sagt man. Aber ist die Postmoderne nicht viel grausamer? Alles archiviert, ein Stichwort in eine Suchmaschine eingegeben und alles ist aktuell da. Nichts gelöscht. Nichts vergeben, nichts vergessen. Wo du auch hingehst auf der Welt. Es ist ein world–wide-web, weltweites Netz, das keinen freigibt!

Jesus warnt die ach so selbstsicheren und rechtschaffenen Ankläger: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ Er verdammt nicht, sondern vergibt und verändert, er heilt und reinigt. Er macht alles neu! Er schenkt Frieden. Er nimmt die Strafe auf sich, damit wir Frieden finden.

Es stimmt, dass Gott heilig ist und gerecht. Er verniedlicht die Sünde nicht. Er deckt nicht den Missbrauch von Alkohol oder Kindern, er bagatellisiert nicht den Steuerbetrug oder den Ehebruch. Und es ist eine Tatsache, auch wenn sie viele nicht wahrhaben wollen, dass einmal der Tag des Gerichts Gottes kommen wird, an dem nichts verborgen bleibt. Der Tag, an dem auch das, was in dieser Welt nie herausgekommen ist, zur Sprache gebracht wird. Vor diesem letzten Gericht, werden alle Täter zur Rechenschaft gezogen und alle Opfer werden Gerechtigkeit erfahren. – Es wird nur das nicht mehr gerichtet, was hier schon vor Gott als Schuld bekannt, bereut und vergeben wurde. Alles, was zum Kreuz gebracht wurde und was der Sohn Gottes dort auf sich genommen hat, ist vor Gott und von Gott gelöscht durch Jesus Christus. Durch ihn haben wir Zugang im Glauben zu dieser Gnade.

Erstaunt habe ich am vergangenen Donnerstag den „Standpunkt“ auf der ersten Seite des Kurier gelesen. Elmar Schatz schreibt da zum Rücktritt der EKD-Bischöfin Margot Käßmann: „Sie hat klug entschieden. Ein Verbleiben im Amt hätte ihre Gegner gewiss nicht ruhen lassen, unablässig und pharisäerhaft mit dem Finger auf sie und damit auf die ganze Kirche zu deuten. Die Bischöfin hat ihren Kritikern den Wind aus den Segeln genommen. Eine Gemeinschaft Glaubender verurteilt nicht, sondern fängt Gestrauchelte vorbehaltlos auf. Leider erleben wir es täglich anders: Da glaubt der Mensch des Menschen Wolf sein zu müssen, um zu überleben.“ – Der nächste Satz hat mich besonders beeindruckt. – Ist aber Vergebung nur ein leeres Wort, so haben wir die Hölle. Die Bischöfin hat sofort ihre Schuld bekannt.

Frau Käßmann hat einen großen Fehler gemacht, kein Zweifel. Vielleicht kann sie auch vor der Welt dieses Amt nicht mehr ausüben ohne der Kirche zu schaden. Aber sie ist als Bischöfin darin ihrem Amt gerecht geworden, dass sie ihre Schuld nicht klein geredet, sondern bekannt hat. Darin hat sie vorbildlich gehandelt.

Sicher werden an Geistliche, kirchliche Mitarbeiter und noch mehr an kirchenleitende Personen besondere Anforderungen gestellt, aber wenn jemand meint, Pfarrer, Kirchenvorsteher, Bischöfe müssten ohne Sünde sein, dann hat er noch nichts von Sünde begriffen und keine Ahnung davon, was Kirche ist. Zur Kirche halten sich nicht die, die meinen, dass sie alles richtig machen, sondern die, die wissen, dass sie täglich sündigen, dass sie Fehler machen, dass sie Versuchungen aus eigener Kraft nicht widerstehen können. Die brauchen Kirche, die brauchen Jesus Christus, den Heiland, der ihre Sünde ans Kreuz getragen hat und der immer noch Gnade für sie hat, selbst wenn ihre Schuld riesengroß ist.

Nehmen wir den Zugang zu dieser vergebenden Gnade im Glauben an Jesus Christus, dann können wir immer wieder zum Frieden finden, auch wenn uns die Welt mit ihrer nie vergessenden Moral verurteilt. Elmar Schatz hat ein wahres Wort geschrieben: Ist aber Vergebung nur ein leeres Wort, so haben wir die Hölle. Wer keine Vergebung kennt, bleibt mit seiner Schuld und an seine Schuld gefesselt im weltweiten Netz. Und alle, die mit ihrem vermeintlich sauberen Finger auf andere zeigen, die schuldig geworden sind, müssen damit rechnen, dass sie mit demselben Maß von Gott gerichtet werden. Auch den anderen Satz des Journalisten gilt es dick zu unterstreichen: Eine Gemeinschaft Glaubender verurteilt nicht, sondern fängt Gestrauchelte vorbehaltlos auf.

Natürlich muss dem Unrecht gewehrt werden, muss der Sumpf von Lüge, Gewalt und Missbrauch aufgedeckt trocken gelegt werden, aber alle, die ihre Schuld bereuen und bekennen, die auch vor dem Gesetz ihre Schuld gebüßt haben, müssen wieder ein Chance bekommen. Denn: Ist Vergebung nur ein leeres Wort, so haben wir die Hölle.

Herr, lass es uns wirklich ernst meinen, wenn wir beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168