Gottesdienst – Römer 12, 9-16
Zur PDF2.So nach Epiphanias, 17.01.2010 Römer 12, 9-16
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Jetzt ist das Jahr 2010 gerade mal zweieinhalb Wochen alt und schon hat uns der Alltag wieder eingeholt, ja manche haben vielleicht den Eindruck, dass er uns schon wieder überrollt. In der Schule geht es wieder rund mit Exen und Schulaufgaben, Referaten und Klausuren. In den Betrieben laufen die Maschinen wieder auf vollen Touren, sofern nicht Kurzarbeit angesagt ist. In den Büros sind die PCs an und die Email- Briefkästen quellen über. Die Telefone klingeln, die Drucker surren.
Die Hörsäle und Bibliotheken sind wieder von Studierenden besetzt, vor denen eine Menge Semesterprüfungen liegen.
Die Weihnachtsdekorationen sind wieder aus den Schaufenstern und die Girlanden aus den Straßen verschwunden. – Nur bei uns hier in der Kreuzkirche steht der Christbaum noch. – Wir haben ihn nicht vergessen. Die Weihnachtsbotschaft steht auch in der Epiphaniaszeit noch im Mittelpunkt. Und der Weihnachtsfestkreis endet schließlich erst mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias am kommenden Sonntag. Was uns vielleicht daran erinnern kann, dass der Heiland uns immer noch geboren ist. ER ist auch dann noch mit seiner Liebe und Freude für uns da, wenn der Alltag für uns schon längst wieder begonnen hat.
Wir sollen Christus, den lebendigen Herrn nicht mit dem Weihnachtsschmuck und dem Christkindlein wieder in die Kiste packen und in den Keller tragen, sondern jeden Tag neu mit ihm leben. Mit seiner Liebe und mit seiner Hilfe können wir den harten Alltag überleben und die täglichen Ärgernisse, unheimlichen Belastungen und heimlichen Ängste überwinden. Dafür ist der Heiland geboren, dafür hat er gelebt, geworben, gelitten, sein Leben gegeben und über den Tod gesiegt. Nicht für ein bisschen Brauchtum und Stimmung in der kalten Jahreszeit.
Wir dürfen an jedem Tag von seinen Worten nehmen und leben, dürfen uns seine Vergebung und Liebe im tiefsten Sinn des Wortes gefallen lassen. Was uns gefällt, damit leben wir doch auch. Manche Kinder haben ihren Schmusebären überall dabei. Sie leben damit und vermissen ihn gleich. Wir ziehen an, was uns gefällt, essen, was uns schmeckt, lesen, was uns freut, verbringen Zeit mit Menschen, die wir gern haben. So dürfen wir das auch mit unserem Herrn machen. Ihm alles erzählen, was uns beschäftigt, ihm danken für Gelungenes, uns an ihm freuen und mit ihm leben. Ihn mit ins Leben nehmen.
Es hat Auswirkungen auf unser leben, wenn wir das tun. Der Apostel Paulus sagt. Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat. (Eph 5,2) Das klingt gut, aber wie macht man das denn? Wir haben es doch gern etwas konkreter. Paulus sagt es uns mit dem heutigen Predigttext aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes sehr konkret. Ich lese die Verse 9-16:
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn!
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht! Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
Mensch Paulus, jetzt halt doch mal die Luft an! So konkret muss es doch auch nicht gleich sein. 21 Aufforderungen waren das jetzt. Und nicht eine dabei, die ich gleich als erledigt abhaken könnte. Für jede Situation und Begegnung was dabei.
Jeder Satz, den ich da lese, klagt mich irgendwie an. Lebt in der Liebe! (Fragen Sie lieber nicht meine Frau.)Wenn das so gemeint ist, bin ich ziemlich überfordert. Das schaff ich nicht. Freilich hat er recht, der Paulus. Sicher ist das alles richtig. Und es wäre schön, wenn wir das alle so leben würden in unseren Familien und in unserem Umfeld, in unserer Gemeinde, in der Gruppe Luther. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es oft an der Liebe fehlt und ganz anders aussieht:
Der tägliche Hickhack in der Familie und am Arbeitsplatz oder in der Schule. Streit um Nichtigkeiten, aufbrausende oder empfindliche Reaktionen, beleidigte Blicke, nachtragende Gedanken, Neid und Undankbarkeit. Bequemlichkeit, die aber an den anderen hohe Erwartungen stellt.
Von wegen „fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet“. Ob jemand unter uns im Gottesdienst sitzt, der das von sich denkt? Wahrscheinlich eher das Gegenteil: Traurig und hoffnungslos; ungeduldig, wenn’s nicht gleich so läuft, wie wir es uns wünschen; und schnell resigniert beim Beten.
Selbst wenn ich alles zusammenkratze, was da an Liebe zu sein scheint, bleibt es ein kleines Häuflein an Freundlichkeiten und Liebesdiensten neben dem großen Haufen an Lieblosigkeit und Eigenliebe in meinem Leben. Lebt in der Liebe? – Gescheitert an der Liebe! Was nun? Soll ich aufgeben, weil’s ja doch nichts wird? Oder soll ich mich zu denen gesellen, die hart und bitter geworden sind und sagen: Machen wir uns doch nichts vor! So ist das Leben eben. Du musst kämpfen, du musst dich wehren, du darfst dir nichts gefallen lassen, sonst gehst du unter. Soll so die Lösung für mein Scheitern an der Liebe aussehen?
Aber da war doch noch was. Wie hatte Paulus weiter gesagt? Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat: Ach so! Nicht ich muss zuerst alle Vorleistungen erfüllen, sondern Christus tut das für mich. ER hat uns geliebt. Wir kommen mit einem Haufen unerfüllter Forderungen, aber er hat uns geliebt und seine Liebe hat nicht aufgehört. Sie hört auch nicht auf. Auch dann nicht, wenn wir die Liebe immer wieder schuldig bleiben und versagen.
Die Liebe Christi setzt nicht erst dann ein, wenn meine Liebe mindestens mit „ausreichend“ zensiert ist. Er hat keine Zulassungsbeschränkung. Nein! Die Liebe des Herrn ist auch dann für mich da, wenn meine Liebe mangelhaft oder rundherum ungenügend ist. Nichts kann uns scheiden von seiner Liebe hat Paulus einige Kapitel vorher schon ausgeführt.
Ist das nicht eigentlich eine unmögliche Aussage? Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist unserem Herrn. Doch, das ist unmöglich. Genauso unmöglich, wie das Kreuz, das Jesus auf sich genommen und getragen und für uns ausgehalten hat. Das Kreuz ist kein Bild einer süßlichen kitschigen Liebe, sondern das Bild einer brutalen Liebe. Einer Liebe, die dem Hass und dem Leid nicht ausweicht. Einer Liebe, die mitgeht in jede Tiefe. Mein Kreuz wird sein Kreuz. Es wird zum Zeichen, das mir Hoffnung gibt, das die Mutlosigkeit aus meinem Glauben und die Resignation aus meinem Leben vertreibt. Das Kreuz des Heilands gibt mir Kraft zum Durchhalten in den Trübsalen meines Lebens.
Das Kreuz macht mir immer wieder Mut zum Beten. Weil Gott dieses Kreuz als großes Pluszeichen seiner Liebe aufgerichtet hat, darum darf ich immer noch beten, immer noch hoffen immer wieder neu anfangen zu glauben, auch am tiefsten Punkt. Und darf im Kreuz Christi Liebe für mich erkennen.
Und dann entdecke ich hinter den 21 Forderungen die Paulus hier aneinanderreiht nicht den Schiedsrichter, der mich zurückpfeift, mir zuerst die Gelbe, dann die Rote Karte zeigt, sondern ich entdecke das Gesicht der Liebe Jesu. Das bin nicht ich, was Paulus hier beschreibt, das ist ER!
Seine Liebe ist ohne Falsch.
ER hasst das Böse und geht damit ins Gericht.
Aber er hasst nicht den der böse war.
SEINE brüderliche Liebe ist herzlich, ohne Berechnung.
ER verachtet keinen,
sondern holt die Verachteten aus der Tiefe.
ER segnet, die ihn verfolgen und flucht nicht.
ER freut sich mit den Fröhlichen.
Und wenn es auf einer Hochzeit, wie der in Kana ist,
wo er aus der Not hilft und Wasser zu Wein macht.
ER weint mit den Weinenden.
Wie oft lesen wir in den Evangelien: Da jammerte ihn
(der Anblick) der Aussätzigen, Verzweifelten, Blinden.
Oft jammert ihn wohl auch dein und mein Anblick.
ER trachtet nicht nach den hohen Dingen.
Lässt sich nach der Speisung der 5000 nicht von ihnen
zum Brotkönig machen. Er lässt sich nicht vom Teufel
zu Schauwundern verführen bei seiner Versuchung.
ER hält sich zu den Geringen, zu den Armen, zu den
Versagern. Er lässt sich mit Sündern taufen und
zwischen Verbrechern kreuzigen.
So hat Christus geliebt. Und seine Liebe gilt jedem, der sich zu ihm hält. Mit seinen 21 Forderungen sieht der Apostel Paulus den Heiland selber als Bild unserer Vollkommenheit vor sich. Was wir noch nicht schaffen, schenkt ER. Was wir schuldig werden, schafft ER aus der Welt. Was wir noch nicht sind, will und kann ER noch machen bei uns.
Stellen Sie sich die Besteigung eines hohen Berges Vor. Eine steile schwierige Route. Da geht man am Seil. Ein Erfahrener Bergführer, der den Weg kennt, der genug Kraft und Kondition hat, geht voraus. Die anderen hinter ihm klinken sich mit ihren Karabinerhaken ein ins Sicherungsseil. Und wenn einer an einer schwierigen Stelle nicht genug Kraft hat, dann zieht der oben nach und hilft ihm. Selbst wenn einer abrutscht und den Halt zu verlieren droht, wird er gehalten, ist nicht verloren. Er hängt ja an dem, der vorausgeht. Er wird gehalten, wird wieder aufgerichtet, kann den Weg fortsetzen. Am Ende ist er vielleicht erschöpft, aber glücklich am Ziel, wohl wissend, allein hätt’ ich es nie geschafft. Der gute und starke Wegführer hat ihn ans Ziel gebracht.
So dürfen wir uns einklinken im Glauben in das Führungsseil der Liebe Gottes. Wenn wir fallen, wird es uns Rettungsseil der Liebe. Wenn uns die Kraft ausgeht, wird es uns zum Zugseil der Liebe. Wenn wir im Nebel der Zeit die Richtung verlieren, wird es uns Führungsseil der Liebe.
Nur eins dürfen wir nicht. Eins ist tödlich. Uns ausklinken. Den Weg und die Führung Jesu bewusst verlassen. Alleingänge sind tödlich, nicht nur in den Bergen, auch im Glauben. Wer ohne den geht, der den Weg kennt, versteigt sich. Versteigt sich im Hochmut, in seiner Vernunft, in der Selbsteinschätzung.
So eingerahmt vom Kreuz Christi und vom Bild der Liebe Jesu werden die Forderungen des Paulus zu Ermutigungen und Wegweisern auf dem Weg des Glaubens. Sie erinnern uns daran, wes Geistes Kinder wir sind. Dass uns nicht der Hass zerfressen und die Bosheit antreiben sollen, sondern dass wir vergeben dürfen, wie uns vergeben ist und dass wir einander annehmen dürfen, wie wir angenommen sind.
Wir dürfen uns füreinander einsetzen, auch wenn es uns was kostet. Wir dürfen von Herzen Anteil nehmen, wenn da jemand neben uns Grund zur Freude oder Anlass zur Trauer hat. Vielleicht gilt das auch, wenn wir erschüttert mit ansehen müssen, wie anderen alles genommen wird, wie jetzt Hunderttausenden in Haiti und wir unbeschadet und unverletzt alles haben. Es gehört sicher auch zu einer herzlichen, von Herzen kommenden brüderlichen Liebe, wenn wir solchen Menschen, die durch Katastrophen in Not gekommen sind, mit unseren gaben helfen.
Ich habe alle Achtung vor den Leuten, die den Mut und die Entschlossenheit haben, als Ärzte, Schwestern, Pfleger, Handwerker, Techniker, Ingenieure in solche Gebiete zu fahren und vor Ort zu helfen. Vielleicht mit Mitteln, die von denen bereitgestellt wurden, die weit weg sind.
Wie und wo wir uns einsetzen, nicht um uns groß zu machen. Wir sollen uns damit nicht vordrängen, sondern dürfen demütig und bescheiden bleiben. Nach oben bringt uns ein anderer. Um von ihm gesehen, beachtet und geliebt zu werden, müssen wir uns nicht rühmen oder andere schlecht machen. Jesus kennt, sieht und liebt alle, die, die von sich selber nicht viel halten, aber alles von ihm erwarten.
Danke Herr für deine Liebe,
ich fass es nicht, sie gilt auch mir.
Sie hält mich fest, jetzt, heute, hier.
Kommt morgen wieder Weltgetriebe,
die Angst, die Sorge, Hast und Leid,
so bist du trotzdem da, bereit
zu ziehen, tragen, halten mich, aus Liebe
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168