Gottesdienst – Römer 12, 17-21

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4. Sonntag nach Trinitatis, 15.06.2008, Römer 12, 17-21

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Das Schriftwort für die heutige Predigt steht im 12. Kapitel des Römerbriefes. Der Apostel Paulus schreibt:

Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist’s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. (5.Mose 32,35)
Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln (Spr. 25, 21f)
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Irgendwo weit weg in einem Missionsgebiet. Ein Mann erschlägt im Streit einen anderen aus dem Nachbardorf. Als er sieht, was er angerichtet hat, packt ihn die Angst. Nach den dort geltenden Gesetzen der Blutrache muss der Sohn des Ermordeten die Tat rächen. Er darf erst ruhen, wenn der Mörder seines Vaters tot ist.Dem Mörder bleibt nur noch die Flucht um sein Leben zu retten. Schnell holt er sich ein paar Sachen aus seinem Haus, verabschiedet sich für immer von seinen Angehörigen und flieht. Aber es dauert gar nicht lange und er merkt, dass ihm jemand auf der Spur ist. Ist es der Sohn, der seinen Vater rächen muss?Schneller und schneller hetzt der Fliehende durch den Busch. Tag und Nacht ist er auf den Beinen. Es geht um sein Leben. Er darf sich keine Ruhe gönnen. Immer hört er die Geräusche des Verfolgers hinter sich. Irgendwann bricht er erschöpft zusammen und sinkt in ohnmächtigen Schlaf.
Als er die Augen wieder aufschlägt, steht der andere über ihm, das Buschmesser in der Hand. Jetzt ist es aus, denkt der geflohene Mörder. Er hat sich aufgegeben. „Los! Schlag zu, du bist ja im Recht! Ich hab deinen Vater auf dem Gewissen.“ Aber der andere schlägt nicht zu. Er beugt sich herunter, legt das Messer zur Seite und sagt: „Ich bin dir nur nachgelaufen, um dir zu sagen, dass du keine Angst vor meiner Rache haben musst. Ich vergebe dir. Du kannst zurückgehen in dein Dorf und zu deiner Familie. Ich bin Christ geworden und ich weiß, dass Jesus mir vergeben hat. Und so vergebe ich auch dir.“ Er reicht ihm die Hand, richtet ihn auf und gemeinsam gehen sie zurück.

Ein krasses Beispiel für das, was der Apostel hier der Gemeinde in Rom und auch uns rät: Wir sollen nicht Rache nehmen. Wir sollen Böses mit Gutem vergelten. Vergeben statt vergelten. Der Christ in dieser Geschichte kann das nur, weil er selber die vergebende Liebe Jesu erfahren hat. Er weiß sich angenommen und geliebt, trotz seiner früheren Taten, trotz seiner Verfehlungen vor Gott. Er ist erlöst und das befreit ihn vom Gesetz der Blutrache und der Vergeltung.
Mag sein, dass Blutrache für uns kein Thema ist, aber Vergeltung schon. Wie du mir, so ich dir! Wenn ich kann, zahl ich dir heim, was du mir angetan hast. Das alttestamentliche Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ entspricht der menschlichen Natur eher als die von Jesus geforderte Feindesliebe. Rache ist süß! Und so geht es dann hin und her im Nachbarschaftsstreit, am Arbeitsplatz, in der Schule und auf dem Schulhof und auch im Seniorenheim. Ein böses Wort gibt das andere und oft bleibt es nicht bei Worten. Kleine und große Gemeinheiten, man legt dem anderen Steine in den Weg wo man nur kann.
Es ist eigenartig, im Fußball wird das Revanchefoul mit einer Roten Karte geahndet. Wer zurückschlägt, wer nachtritt, fliegt vom Platz. Sebastian Schweinsteiger hat das im letzten EM-Spiel zu spüren bekommen. Er hat sich provozieren lassen zu einer Handgreiflichkeit und muss nun im nächsten Spiel pausieren. Wohin würde das auch führen, wenn es in so einem Spiel erlaubt wäre zurückzuschlagen. Das gäbe ein Gemetzel.
Vom Sportler wird erwartet, dass er keine Rache übt, sondern die Bestrafung dem Schiedsrichter überlässt. Er soll fair weiterspielen, auch wenn ihn sein Gegenspieler schon fünfmal auf dieselbe Stelle getreten hat. Nur so, nur mit dieser Regel kann das Spiel im Rahmen bleiben.
Im Leben sieht das für viele ganz anders aus. Da wird Böses mit Bösem vergolten. Da gibt ein Wort das andere. Unter Eheleuten, zwischen Eltern und Kindern, unter Geschwistern. In wie viel Vereinen und Firmen, Büros und Betrieben geht das so hin und her. Da wird gekontert und heimgezahlt, wird gemobbt und schikaniert, verleumdet und reingelegt. Da überlässt man die Bestrafung nicht dem Schiedsrichter. Die Rache ist mein, spricht der Herr. Rächt euch nicht selbst. Der Schiedsrichter übersieht die versteckten Fouls vielleicht, Gott nicht. Er sieht die Gemeinheit die mir widerfährt. Er hat die Beleidigung gehört, auch wenn niemand sonst als Zeuge im Raum war. Wir dürfen die Vergeltung ruhig ihm überlassen.

Unser Gott ist kein Rachegott, der nur darauf wartet zuzuschlagen. Er ist ein barmherziger Gott, der darauf wartet, dass Menschen ihre Fehler einsehen, dass sie umkehren, um Vergebung bitten. Er gibt dem Sünder Zeit und Gelegenheit dazu. Wo die nicht genützt wird, wo einer immer weiter foult, immer weiter verletzt, da kann Gott aber auch strafen. Um der Gerechtigkeit willen. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein. Darum rächt euch nicht selbst! Das bringt keinen Frieden, nur mehr Leid.

Das kann man auch im Großen, in der Politik immer wieder beobachten, bei den Konflikten zwischen Nachbarländern und Völkern. Zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Türken und Kurden, Hutus und Tutsis, zwischen Anhängern von Präsident Kibaki und Oppositionsführer Odinga in Kenia. Zwischen Schiiten und Sunniten im Islam oder zwischen Tibetern und Chinesen. Dem Anschlag folgt die Vergeltung und auf das Selbstmordattentat die gezielte Ermordung eines verhassten Gegners. Es nimmt kein Ende. Es kann kein Ende nehmen. Es sei denn Vergebung durchbricht die Spirale der Vergeltung. Solange jeder nur dem anderen die Schuld gibt und keiner einen Schritt zur Versöhnung macht, wird kein Friede.
Einer muss anfangen. Das gilt nicht nur für den Streit und den Krieg. Das gilt auch für die Versöhnung und den Frieden. Einer muss in Vorleistung gehen. Einer muss den Schritt auf den anderen zu machen, sonst wird kein Frieden. Aber wer soll das tun? Wer kann das? Wer fängt an mit dem Frieden?
Hat nicht Gott damit angefangen? Hat er nicht Jesus dazu in unsere Welt geschickt, um den Frieden zu bringen? In seinen Reden und Predigten hat er es immer wieder gefordert und mit seinem eigenen Verhalten hat er es uns vorgelebt.

Liebt euere Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Segnet, die euch fluchen und tut wohl denen, die euch hassen
(Matth.5,43f), lesen wir in der Bergpredigt. Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann schlag nicht zurück, halt ihm lieber die andere Wange auch noch hin. (Matth.5,39) Ist das nicht zu viel verlangt? Jesus hat es nicht nur gefordert, sondern durchgehalten. Er lässt sich schlagen, verhaften, verurteilen, kreuzigen und betet für seine Peiniger noch am Kreuz: Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.

Vielleicht sollten wir das auch mehr tun: Für die beten, die uns das Leben schwer machen. Dabei löst sich der Zorn. Wer die Hände faltet, kann keine Waffe führen und wer für einen anderen betet, kann nicht gleichzeitig auf Rache sinnen.

Manchmal denken wir, wenn wir dem anderen etwas vergeben, dann geben wir ihm recht, dann billigen wir das, was er getan hat. Aber das ist falsch. Wenn ich jemandem von mir aus etwas vergebe, dann rechtfertigt das nicht sein Handeln. Es heißt nicht, dass er vor Gott seine Schuld los ist. Die behält er, bis er seine Schuld einsieht und sich vor Gott schuldig gibt. Erst wenn ihm Gottes Vergebung zugesprochen wurde ist er seine Schuld los. Und dazu gehört es dann auch den anderen um Verzeihung zu bitten.

Den Schuldigern vergeben, im Sinn des Vaterunsers heißt, die eigene Rache aufgeben. Dass ich keine Rachegedanken mehr habe gegen den anderen, dass ich ihm nicht mehr zürne, ihn nicht mehr hasse oder verachte für das, was er mir angetan hat. Solches Vergeben befreit zunächst einmal den, der vergibt. Der muss nicht mehr festhalten an seinem erfahrenen Unrecht. Damit ist aber die Schuld des anderen noch nicht ausgelöscht. Die steht noch vor Gott. So wie unsere eigene Schuld, solange sie nicht von Gott im Namen Jesu ausgelöscht ist.

Beanspruchen wir nicht für uns selbst ständig Gottes Vergebung? Ganz bewusst fügt der Herr Jesus der Vaterunser Bitte, „vergib uns unsere Schuld“, den Satz an, „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Er will uns damit bewusst machen: Das lässt sich nicht voneinander trennen.

Der Herr Jesus erzählt dazu das Gleichnis vom Schalksknecht (Matth.18,21-35): Da wird einer vor den König gebracht, der ihm die unglaubliche Summe von zehntausend Zentnern Silber schuldet, er soll bezahlen, aber er kann nicht. Er fällt auf die Knie und bettelt um Aufschub für sich und seine Familie. Darauf geschieht das Unfassbare, der König hat Mitleid mit dem Schuldner und erlässt ihm die ganze Schuld. Er kann schuldenfrei heimgehen.
Da begegnet ihm draußen einer, der ihm noch hundert Silbergroschen schuldet und sofort packt er ihn und würgt ihn und fordert sein Geld. Der Kleinschuldner bittet um Aufschub mit denselben Worten, wie vorher der andere. Aber der erbarmt sich nicht. Er gibt nichts von der Großzügigkeit, die er selbst erfahren hat weiter. Er lässt seinen Schuldner wegen der 100 Silbergroschen tatsächlich ins Gefängnis werfen.
Das wird nun von Beobachtern dem König erzählt und der ist entsetzt. Hab ich dem seine großen Schulden erlassen und der ist so unbarmherzig! Der König macht seine Entscheidung rückgängig und nimmt den Schuldenerlass zurück mit den Worten: „Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast, hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?“ Und Jesus schließt das Gleichnis: „So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt.“

Die Sache ist doch klar: Gott geht mit seiner Vergebung für uns in Vorleistung. Aber er erwartet von uns, dass wir im Kleinen so handeln wie er im Großen. Geschieht das nicht, nimmt Gott seine Vergebung zurück. Wer nicht bereit ist zu vergeben, belastet sich selbst also doppelt. Er muss weiter mit der Last leben, die ihm der andere aufgelegt hat und mit seiner eigenen Schuld auch. Das gilt für die bewusste Verweigerung der Vergebung für einen anderen.
Aber geht es uns nicht oft so, dass wir eigentlich vergeben wollen und wir kriegen es nicht fertig? Immer wieder kommen uns die bösen Worte in den Sinn, die der andere gesagt hat, obwohl ich ihm doch vergeben will. Wenn ich ihn sehe, fällts mir wieder ein, wenn ich dran denke, ist der Ärger wieder da. Hab ich ihm also doch nicht vergeben?

Vergebung ist kein Federstrich, kein Pappenstiel, sondern ein gewaltiges großes Geschehen. Manchmal ein hartes Stück Arbeit. Vergeben kostet Überwindung, vielleicht immer wieder. Es kommt vor Gott darauf an, ob wir überhaupt vergeben wollen. So wie es auch darauf ankommt, ob wir überhaupt glauben wollen. Gott rechnet uns schon das Wollen an. Wenn wir nur glauben wollen und unser Glaube so schwach und klein ist, dann sieht Gott das gnädig an und schenkt dann, dass es immer mehr gelingt.

Und so sieht er auch das vergeben Wollen an und hilft uns, dass wir es mehr und mehr fertig bringen und dadurch selber frei werden. Paulus sagt hier: Ist’s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Wir können den anderen nicht zum Frieden zwingen. Leider gibt es das auch manchmal, dass jemand uns den Frieden verweigert. Da kann man dann nur versuchen ihm aus dem Weg zu gehen, Distanz zu halten, auszuhalten und sich darin zu üben, das Böse nicht zuzurechnen. Nicht aufhören, am Frieden zu arbeiten und für den zu beten, der sich dem Frieden verweigert.

Man kann dem Bösen auch gewaltlos widerstehen, so wie es Martin Luther King mit seiner Bewegung gegen die Rassendiskriminierung in den 60ger Jahren getan hat. Man hat ihn dafür ermordet, aber in der Sache hat er gesiegt. Er hat im Geist der Liebe und im Geist Jesu gehandelt und das sollen Christen, das sollen wir in unserem Umfeld auch. Aber das gelingt nur, wo gebetet wird und wo das Wort Gottes gilt.

Herr, wir danken dir, dass du Erbarmen mit uns hast, immer wieder. Gib Du uns auch das Erbarmen mit anderen. Hilf uns, dass wir vergeben wollen und können, Lass uns zu Boten deiner Liebe, deiner Wahrheit und deines Friedens werden.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168