Gottesdienst – Römer 11, 25-32

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10.Sonntag nach Trinitatis, 27.07.08 Römer 11, 25-32

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. … Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Das Schriftwort für die Predigt am „Israelsonntag“ steht im 11. Kapitel des Römerbriefs. Der Apostel Paulus schreibt:

Damit ihr nicht überheblich werdet, möchte ich euch anvertrauen, was Gott mir offenbart hat:

Ein Teil des jüdischen Volkes ist zwar blind für die Botschaft von Jesus Christus. Aber das wird nur solange dauern, bis alle Heiden, die Gott dafür ausersehen hat, den Weg zu Christus gefunden haben. Danach wird ganz Israel gerettet, so wie es bei den Propheten heißt: „Aus Jerusalem wird der Retter kommen. Er wird Israel von seiner Gottlosigkeit bekehren. Und das ist der Bund, den ich mit ihnen schließe: Ich werde sie von ihren Sünden befreien.“

Indem sie das Evangelium ablehnen sind viele Juden zu Feinden Gottes geworden. Aber gerade dadurch wurde für euch der Weg zu Christus frei. Doch Gott hält seine Zusagen und weil er ihre Vorväter erwählt hat, bleiben sie sein geliebtes Volk. Denn Gott fordert weder seine Gaben zurück, noch widerruft er seine Zusagen.

Früher habt ihr als Heiden Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden Christus ablehnten, hat Gott euch seine Barmherzigkeit erfahren lassen. Jetzt wollen die Juden nicht glauben, dass Gott jedem Menschen in Christus barmherzig ist, obwohl sie es doch an euch sehen. Aber auch sie sollen jetzt Gottes Barmherzigkeit erfahren. Denn Gott hat alle Menschen – Juden wie Heiden – ihrem Unglauben überlassen, weil er allen seine Barmherzigkeit schenken will.

An diesem einen Sonntag im Kirchenjahr, dem zehnten nach Trinitatis, steht nach der Ordnung unserer Kirche das Verhältnis zwischen Juden und Christen besonders im Mittelpunkt. Seit fast zwei Jahrtausenden ist es ein sehr schwieriges, emotionales und schuldbeladenes Verhältnis. Besonders belastet unsere deutsche Geschichte durch die Verfolgung und -Vernichtung jüdischer Mitbürger im letzten Jahrhundert

Wir, Juden und Christen, stehen uns im Glauben sehr nahe und sind doch unendlich weit voneinander entfernt. Wir entstammen gewissermaßen derselben Familie, haben ein großes Stück gemeinsame Geschichte und sitzen doch in einer ganz entscheidenden Frage auf unterschiedlichen Stühlen.

Was für die Juden als Gesetz des Mose und Botschaft der Propheten Heilige Schrift ist, haben auch wir Christen als Teil unserer Heiligen Schrift, Altes Testament, in unserer Bibel und nennen es „Wort Gottes“. Ohne diese, für die Juden bis heute verbindliche Basis des Glaubens, gäbe es auch kein Neues Testament und kein Christentum.

Der Jesus von Nazareth, den wir Heiland, Retter, Erlöser nennen, wurde als Jude geboren, beschnitten, erzogen und unterrichtet. Er ging regelmäßig in den Jerusalemer Tempel, betete und lehrte dort, besuchte jüdische Synagogen im ganzen Land und lebte nach dem Gesetz und nach den Propheten. Er hob die Gebote, die einst Mose von Gott erhalten hatte, nicht auf, sondern erfüllte sie in unübertrefflicher Weise.

Gerade an ihm, Jesus Christus, trennen sich die Wege und Überzeugungen von Juden und Christen. Für uns Christen ist der Mann aus Nazareth Sohn Gottes, Retter der Welt. Für unsere jüdischen Schwestern und Brüder ist er nur ein Mensch. . Manche Juden würden ihm allenfalls noch Prophetenrang zuerkennen. Für andere, damals wie heute, ist er ein Gotteslästerer, einer der sich zu Unrecht anmaßt im Auftrag Gottes zu reden und zu handeln.

Die Juden berufen sich auf ihren Erzvater Abraham und verstehen sich bis auf den heutigen Tag als auserwähltes Volk Gottes. Auch wir Christen behaupten, obwohl wir eine ganz andere Abstammung haben, zum Volk Gottes zu gehören.

Täglich werden wir mit der politischen Situation des jüdischen Staates Israel konfrontiert. Selbstmordattentat hier, militärischer Vergeltungsschlag da. Blutvergießen folgt auf Blutvergießen. Es herrschen Hass und Angst auf beiden Seiten.

Verzweifelt versucht dieses durch die Jahrtausende gequälte und bedrohte Volk, das fast zweitausend Jahre kein Land hatte, seine nationale Identität zu behaupten. Die Juden versuchen ihr kleines Land Israel gegen eine Übermacht von Feinden zu verteidigen. Mit brutaler Entschlossenheit und manchmal mit Mitteln und Methoden, die unser westliches Denken nicht nachvollziehen kann. Auch mit Hilfe mächtiger Freunde, klammern sie sich an ein Stück Erde, das ihnen ihr Gott, – unser Gott, einst in der Person des Abraham zugesprochen hat.

Wie stehen wir als Christen dazu? Zu Israel, zum Glauben der Juden, zu Menschen jüdischen Glaubens? Die Worte des Apostels Paulus können uns helfen die richtige Einstellung zu finden, zum Nahostkonflikt, zu Israel und zu Menschen jüdischen Glaubens. Paulus hat in seiner Lebens- und Glaubensgeschichte den ganzen Zwiespalt zwischen Juden und Christen selbst durchlebt. Im ersten Teil seines Lebens war er Jude mit ganzem Herzen, mit aller Entschiedenheit und mit entschlossenem Einsatz. Nach seinem persönlichen Bekehrungserlebnis vor Damaskus hat er sich mit ebensolcher Klarheit und Konsequenz für den Glauben an Jesus Christus eingesetzt.

Es war für den Apostel Paulus immer ein großer Schmerz, dass sein Volk das Evangelium und die Rettung durch Jesus Christus nicht annehmen wollte. Er hat zwar anfangs als Jude Christen verfolgt, aber später als Christ nie Hand an Juden gelegt. Da war er der Verfolgte und Geschlagene. Mit Liebe und Leidenschaft, ohne Rücksicht auf Nachteile und Gefahren für sich selbst, hat er von seinen Erfahrungen mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu ihnen gesprochen.

In drei Kapiteln im Brief an die Römer, (Röm. 9-11, die sich zu lesen lohnen) beschäftigt er sich mit dem Volk seiner Väter und deren Glauben. Der Rat, den er für sich befolgt und an alle Christen weitergibt steht hier am Anfang: „Werdet nur nicht überheblich!“ Aus der Überheblichkeit, die sich selbst für besser hält und den anderen verachtet geht immer nur Leid und Unrecht hervor. Alle Völker, Kulturen und Religionen, die überheblich und unterdrückend mit anderen umgegangen sind, wurden über kurz oder lang besiegt und fielen in die Bedeutungslosigkeit zurück. Ägypter und Perser, Griechen und Römer, Sowjetunion und das Dritte Reich.

In der Geschichte hat sich bestätigt: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Es hat überhaupt niemand das Recht, mit religiöser oder kultureller Begründung hochmütig oder überheblich mit anderen umzugehen. Vor Gott ist kein Ansehen der Person. Bei ihm muss Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht erst geschaffen werden. Er hat seine Heilsgeschichte mit Männern und Frauen geschrieben. Mit Esther und Ruth, mit Hagar und Maria, mit Hanna und Elisabeth. Er macht keine sozialen oder rassistischen Unterschiede. Gott beurteilt Menschen nicht nach Stand, Bildung, Noten oder Position. Seine Gnade gilt dem äthiopischen Finanzminister, dem griechischen Gefängnisdirektor, der Unternehmerin Lydia, dem römischen Besatzungsoffizier in Kapernaum, dem blinden Bettler in Jericho und der einfachen Frau mit dem fragwürdigen Lebenswandel am Jakobsbrunnen. Sie gilt dem Konfirmanden und dem Kirchenvorsteher ebenso wie dem Unternehmer und dem untersten Angestellten. Er will alle retten, bietet allen durch Jesus Christus Heil und Barmherzigkeit an.

Einmal so weiß der Apostel werden auch die Juden Jesus Christus als den Messias Gottes anerkennen. Bis dahin sind wir ihnen Achtung und Respekt, Unterstützung und vor allem das Zeugnis unseres Glaubens schuldig. Nicht überheblich, nicht feindlich, nicht gleichgültig, nicht mitleidig, sondern bescheiden, aber in Klarheit.

Vielleicht denken Sie jetzt: Ich kenne gar keinen Juden. So viele gibt es ja in unserer Umgebung gar nicht. Stimmt, seit dem unvorstellbaren Unrecht des Holocaust sind es in Deutschland, auch in Bayreuth sehr viel weniger. Aber wir sind das Zeugnis von Jesus Christus auch anderen schuldig. Den Moslems, die in großer Zahl bei uns leben. Den Atheisten, die immer mehr werden, den Anhängern von Psychokulten und pseudoreligiösen Bewegungen.

Allen, die davon noch nichts wissen, gilt es freundlich, liebevoll und werbend zu sagen, dass wir einen wunderbaren Heiland haben, der aus Liebe zu uns ans Kreuz gegangen ist, der den Tod besiegt hat, der unsere Sünde auf sich nimmt, der Frieden schenkt, der tröstet, der uns auch in Schuld und Angst nicht verlässt.

In Israel gibt es heute eine wachsende Zahl von jüdischen Christen. Messianische Juden, die bereits zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, ohne ihre jüdischen Wurzeln aufzugeben. Vielleicht ist das der Anfang einer Bewegung, die der Apostel Paulus hier andeutet.

Vor einigen Jahren war ich in einem Gottesdienst, den ein Vikar hielt. Es ging um einen Predigttext aus dem Alten Testament. In der ganzen Predigt kam Jesus nicht vor. Hinterher hab ich zu ihm gesagt: Sie hätten diese Predigt genauso vor einer jüdischen Gemeinde halten können. Niemand hätte an irgendetwas Anstoß genommen. Dabei ist das Alte Testament für uns vor allem durch die Beziehung zum Neuen Testament und durch alles, was auf Jesus Christus hinweist wichtig.

Unter Christen gibt es nach meiner Beobachtung immer mehr, die eigentlich eine jüdische Frömmigkeit leben. In ihrem Glauben kommt Jesus nicht vor. Jesus bedeutet ihnen nichts. Man kann mit ihnen über Gott reden, zu Gott beten sie auch, aber mit Jesus Christus können sie nichts anfangen. Fragt man sie, wie sie einmal vor Gott dastehen wollen, wenn sie das Kreuz, Vergebung und die Erlösung durch den Gekreuzigten für sich ablehnen, dann bekommt man zu hören, dass sie sich doch an die Zehn Gebote halten und sich eigentlich überhaupt nichts vorzuwerfen hätten.

Ist das nicht die größte Überheblichkeit? Wenn ein Mensch sagt: Ich habe mir nichts vorzuwerfen? Sagt er nicht damit eigentlich auch: Gott, hat mir nichts vorzuwerfen? Stellt sich nicht, wer so denkt, über Gott? Für mich, Gott, hättest du deinen Sohn nicht in die Welt schicken müssen. Für mich hätte er sein Blut nicht vergießen brauchen, denn ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich brauche keinen Erlöser.

Ohne Jesus geht der Schritt zurück unter das Gesetz. Wer nicht Jesus nachfolgt, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der muss seinen Weg ganz allein gehen und der wird einmal mit seiner eigenen Gerechtigkeit nicht vor dem Richterstuhl Gottes bestehen können.

Es gibt kein Christsein ohne Glauben an Jesus Christus den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Jeder, der sein Heil und seine Seligkeit selber schaffen möchte, bewusst oder unbewusst fällt eigentlich zurück ins Alte Testament. Es war die befreiende Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus, die der Apostel Paulus weitergegeben hat und die Martin Luther wieder unter der mittelalterlichen Frömmigkeit und Werkgerechtigkeit hervorgeholt hat: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ (Röm.5,1)

Wer dieses Evangelium ablehnt, wird, so Paulus, zum Feind Gottes. Manchmal geschieht das auch bei denen, die eigentlich mit Jesus leben wollen. Dann nämlich, wenn jemand zwar sagt, Jesus ist mein Heiland, aber doch nur auf seine eigenen Möglichkeiten sieht und darüber verzweifeln möchte.

Wer über seine eigene Sünde verzweifelt und nicht über sein Versagen im Glauben und in der Liebe hinwegkommt, ist eigentlich auch jemand, der seine Seligkeit selber schaffen will und die Gnade ablehnt. Paulus spricht hier davon, dass Gott alle Menschen ihrem Unglauben überlassen hat, um allen seine Barmherzigkeit zu schenken. Martin Luther hat dies stelle so übersetzt: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Also hat niemand Grund, sich über einen anderen zu erheben. Ohne das Erbarmen Gottes wären wir alle verloren. Aber wir sind es nicht, weil Gott sich über uns und über andere erbarmt hat in Jesus Christus. Gottes Plan, so ist es dem Apostel offenbart, wird schließlich auch die, die noch im Alten Testament, im alten Bund zurückgeblieben sind, seien sie Juden oder Christen, herausholen und befreien durch das Evangelium von Jesus Christus. Einmal werden sich alle Knie beugen vor ihm und alle werden bekennen, dass er der Herr ist.

Dann wird es keine Vergeltungsaktionen mehr geben. dann wird nicht mehr mit brutaler Härte vorgegangen werden. Dann wird Friede herrschen und Liebe regieren, wenn Gott seinen Willen, seinen Plan zum Ziel geführt hat. Mit Ihnen, mit mir, mit der Christenheit, mit den Juden, den Völkern und Religionen und in Nahost.

Wenn wir diesen Heilsweg Gottes annehmen und gehen, öffnen sich auch Wege zueinander. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer sich auf diesen Weg begibt und von dem Wegführer leiten lässt, muss nicht überheblich mit anderen umgehen, sondern kann ihnen mit der Liebe begegnen, die ihm selber in Jesus begegnet.

Amen. 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168