Gottesdienst – Röm. 9, 14-24
Zur PDFSeptuagesimae, 20.01.2008, Röm. 9, 14-24
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Im stillen Gebet bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Das Schriftwort für die Predigt heute steht im 9. Kapitel des Römerbriefes. Der Apostel Paulus schreibt an die Römer:
Ist Gott etwa ungerecht? Auf keinen Fall! Denn Gott hat einmal zu Mose gesagt:
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Entscheidend ist also nicht, wie sehr sich jemand anstrengt oder müht, sondern dass Gott sich über ihn erbarmt.
Wie erging es dem Pharao, dem König von Ägypten, der sich gegen Gottes Befehle auflehnte? Zu ihm sagte Gott: „Ich habe dich als König über Ägypten eingesetzt, damit an deinem Ungehorsam meine Macht allen sichtbar und dadurch der ganzen Welt mein Name bekannt wird.“
Gott schenkt also seine Barmherzigkeit wem er will, aber er macht Menschen auch hart und gleichgültig, wenn er es will.
Sicher werdet ihr mich jetzt fragen: „Wie kann Gott dann noch von unserer Schuld sprechen? Wer kann denn etwas gegen Gottes Willen unternehmen?“ Darauf kann ich nur antworten: Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Glaubst du wirklich, dass sich der Schöpfer vor seinen Geschöpfen verantworten muss?
Schließlich kann auch ein Töpfer aus einem Klumpen Ton ein wertvolles oder ein gewöhnliches Gefäß formen. Genauso wollte Gott an den Ägyptern seinen Zorn und seine Macht sichtbar werden lassen. Und obwohl sie ihrem Untergang nicht entgehen konnten, hat er große Geduld mit ihnen gehabt. An den Israeliten, die an seiner Herrlichkeit teilhaben sollten, wollte er dagegen seine Barmherzigkeit besonders beweisen. Zu ihnen gehören auch wir. Und er hat uns nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern aus allen Völkern berufen.
Ist dieses Wort Gottes, das der Apostel Paulus da am Anfang aus dem 2.Mosebuch zitiert nicht ein Hammer?
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Gott lässt sich von niemandem Vorschriften machen. Nicht von Zweiflern, die meinen sie wären zu schuldig oder zu schwierig für Gott. Nicht von Kritikern, die ihm Fehler nachweisen wollen. Nicht von Philosophen und Professoren, die zu wissen glauben, was Gott darf oder nicht, was er kann oder nicht. Gottes Gnade schafft Fakten. Sein Erbarmen ist Tatsache. Daran kann niemand etwas ändern.
Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Wunderbare Fakten, herrliche Tatsachen, die Menschen in furchtbaren und aussichtslosen Situationen gerettet haben. Ich denke an den Verbrecher am Kreuz neben Jesus. Er weiß, dass er den Tod verdient hat, dass er sein Leben verwirkt hat. In aussichtsloser Lage wendet er sich an Jesus und hört: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Und das gilt, wenn sich auch noch so viele darüber aufregen, ob das gerecht ist, ob das nicht eine Zumutung ist, ob man da nicht dem Unrecht Vorschub leistet. Es gilt einfach. Gott diskutiert nicht.
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Ich denke an die Frau, die sie in Flagranti ertappt haben. Ehebruch. Kein Zweifel. Sie leugnet nicht. Die Rechtslage ist auch klar. Steinigen! Mit nur einer Frage nimmt Jesus den Urteilsvollstreckern die Steine aus der Hand: „Welcher von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Das ist ihr Freispruch. Keiner hat sie verdammt. „Auch ich verdamme dich nicht!“ sagt Jesus, „geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Ich denke an den Mann, der mit Genugtuung zugeschaut hat, wie ein Christ totgeschlagen wurde. Er tat, was er nur konnte, um Christen ihren Glauben zu nehmen. Er verfolgte, verhaftete, verhörte, verschleppte sie. Bis ihm der auferstandene Herr, Jesus Christus, persönlich erschien und ihn selber zum Christen machte. Er strafte ihn nicht. Er ließ ihn nicht büßen oder zappeln. Er nahm nicht Rache. Er tat etwas viel Größeres. Er ließ ihn Vergebung erfahren und gebrauchte ihn als Mitarbeiter. Paulus selbst hat das an sich so erlebt:
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Ja, am eigenen Leib hat der Apostel dieses Wort erfahren, darum ist es ihm so groß, darum macht er es uns groß. Das ist Gottes Ziel, dass er uns mit der Tatsache seines Erbarmens mit dem Fakt der Gnade überwältigt und überwindet. Dem hält kein Einwand, kein Zweifel, kein Widerspruch stand:
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Gott ist niemandem Rechenschaft schuldig, warum er etwas tut oder warum er etwas so und nicht anders gemacht hat. Er muss sich nicht vor uns rechtfertigen, er rechtfertigt uns. Grundlos!
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Das kommt uns zugute. Wir können es nicht begründen und begreifen. Nur staunend und dankend annehmen.
Die Sportler, die zu den olympischen Spielen wollen, müssen sich qualifizieren. Sie müssen die Olympianorm erfüllen. Wer drunter bleibt, ist draußen. Da gibt’s manche Tränen, weil’s trotz aller Anstrengung nicht reicht. Bei Gott gibt es keine solchen Qualifikationsürden. „Es liegt nicht daran, wie sehr sich jemand anstrengt oder müht, sondern entscheidend ist, dass sich Gott über ihn erbarmt.“
„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann;“ So drückt es Martin Luther in der Auslegung des dritten Glaubensartikels aus. Wenn ich glauben kann, ist das immer Geschenk Gottes. Ich habe mir doch das Evangelium nicht selbst gegeben. Ich kann doch nichts dazu tun, dass Jesus Christus sein Leben für mich gibt. Das ist unfassbares Handeln Gottes, das uns allen gilt, so wie wir hier sind. Jedem gilt die Gnade und das Erbarmen Gottes, sonst hätte er uns nicht hierher geführt.
Daneben gibt es als Tatsache auch das Furchtbare andere, dass Gott sich nicht erbarmt und dass er nicht gnädig ist. Paulus führt hier den Pharao als Beispiel aus der Geschichte an. Ein brutaler menschenverachtender Herrscher. Aus Machtkalkül ließ er die neugeborenen Söhne der Israeliten töten, ihre Väter als Sklaven brutal misshandeln, setzte Arbeitsleistung willkürlich fest, betrachtete Menschen nur als Humankapital, beutete sie aus ohne einen Hauch von Menschlichkeit. Und, das war wohl das Entscheidende, er weigerte sich zu akzeptieren, dass es über ihm noch einen Mächtigeren gibt. So wie sich heute manche Mächtige weigern, das zu akzeptieren. Pharao gab nicht dem wahren Gott die Ehre, achtete seine Gebote nicht, sondern ließ sich selbst als Gott verehren, wie es heute manche tun.
Dafür ist der ägyptische Diktator in die Geschichte eingegangen. In die Geschichte Gottes mit den Menschen. Die zeigt, dass einer nur verlieren kann, der sich mit Gott anlegt. Wer Gott den Gehorsam verweigert, verrennt sich. Der kommt nicht mehr heraus aus seiner Vermessenheit. Am Ende zerbricht Pharao an Gottes Macht, wie jeder, der sich Gott widersetzt.
Wie viele sind schon gescheitert: Die Leute von Babylon, die einen Turm bis zum Himmel bauen wollten. Die Zeitgenossen Noahs, die den frommen Spinner mit dem Schiff auf dem Land auslachten. Die Einwohner von Sodom und Gomorra mit ihrer Bosheit, Gewalt und Perversion. König Saul, der es ablehnte Buße zu tun und auf den Propheten Samuel zu hören; König Belsazar, der die heiligen Gefäße aus dem Tempel raubte und bei seinen Saufgelagen entweihte; Der Kindermörder Herodes und der Christenschlächter Nero genauso wie die Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts, Stalin Mussolini und Hitler; die großen Atheisten, Friedrich Nitzsche und Karl Marx. Auch viele kleine Diktatoren und Atheisten, in Familien und Betrieben, an Stammtischen und Schreibtischen, die nicht anerkennen wollen, dass es eine Macht über ihnen gibt, die sich zwar ihnen gegenüber nicht rechtfertigen muss, vor der sie aber einmal Rechenschaft ablegen müssen. Alle, ausnahmslos!
Wir sollten uns hüten davor Gottes Gnaden- oder Gerichtsentscheidungen zu kritisieren. Es steht uns nicht zu. Der Apostel versucht die Kritiker zu warnen und die auf den Teppich zurückzuholen, die sich mit ihrem Urteil über Gott stellen:
„Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Wenn der Mensch vergessen hat, wer er ist und vergessen hat, wer Gott ist, dann wird es gefährlich, unmenschlich, willkürlich, vermessen.
Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du dich zum Herrn über das ungeborene Leben aufspielst, dass du von Gott geschenktes Leben aus medizinischen oder sozialen Gründen tötest, dass du Embryonen als medizinischen Rohstoff verbrauchst und am menschlichen Erbgut herumschnippelst?
Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du dich über Gebote hinwegsetzt, den Sonntag zum Arbeitstag machst, dass du Homosexualität als gottgewollt und der Heterosexualität gleichgestellt bezeichnest, dass du die Ehe brichst oder gar nicht erst schließt?
Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du für dich, nach deinem Gutdünken auswählst, welche Ordnungen Gottes du akzeptierst und welche nicht; dass du die Götter der Religionen gleichwertig neben den Gott der Bibel, den Vater unseres Herrn, Jesus Christus, stellst?
Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du dich wehrst und auflehnst gegen das, was der allmächtige Gott in dein Leben hineingeordnet hat an Leid und Last? Er allein weiß wozu es gut ist. Er verfolgt immer eine gute Absicht damit und wenn wir seinen Weg mit uns annehmen, dann wird in jedem Fall Segen daraus.
Gottes Ziel ist es allen Menschen zu helfen und alle zur Erkenntnis seiner Wahrheit zu führen. Er erwählte sich zunächst einen Mann, Abraham und machte aus ihm ein auserwähltes Volk, Israel. Durch Jesus Christus hat er diese Erwählung auf alle Völker und alle Menschen ausgeweitet, auch auf uns. Er unterbreitet auch uns sein Gnadenangebot und lässt es nicht hinterfragen.
Das ist durch Jesus und Paulus sein Angebot auch an uns:
„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Es ist unbegreiflich, wenn sich ein Mensch oder ein Volk Gottes Erbarmen verschließt. Gott zeigt lange Geduld und wiederholt sein Gnadenangebot immer wieder. Aber es kann für ein Volk und für den Einzelnen der Zeitpunkt kommen, wo Gott ihn einschließt in seinen Ungehorsam und in sein gottloses Denken. Auch solche Menschen und Völker baut Gott in seinen Plan ein. Er lässt sie scheitern. Er lässt sie zerbrechen, als Warnung und Anstoß für andere, damit sie nicht verloren gehen, damit wir nicht verloren gehen.
Paulus hat sehr darunter gelitten, dass sein jüdisches Volk den Rettungsweg Gottes durch Jesus nicht angenommen hat. In drei Kapiteln (9-11) beschäftigt er sich hier im Brief an die Römer damit. Er sieht ihre frommen Anstrengungen und ihre geistliche Erstarrung. Sie schreiben Gott vor, wie er retten kann und retten muss. So, wie mit Jesus Christus, kann es für sie nicht sein. Daran scheitern sie. Aber der Apostel hört nicht auf für sie zu beten: „Ich flehe zu Gott für sie, dass sie gerettet werden.“ Am Ende des 11. Kapitels gibt er seiner Überzeugung Ausdruck, dass auch sein Volk, Israel, noch gerettet wird, weil Gottes Gaben und Berufungen ihn nicht gereuen.
Wir sollen und dürfen niemanden aufgeben, der einen falschen Weg geht. Wir sollen uns einsetzen und beten für die, die noch glauben ohne Gottes Gnade und Erbarmen leben zu können. Solange wir noch leben, solange der andere noch lebt, dürfen wir keinen abschreiben. Der Prophet Jona hatte die Leute von Ninive schon abgeschrieben, als Gott ihn dort hin schickte. Die bekehren sich ja doch nicht! Sein Vorurteil stand fest. Aber Gott hat ihn dazu gebracht, dass er es revidieren musste. Die gottlosen Menschen Ninives taten Buße und bekehrten sich. Und Gott hob sein Gericht auf.
Wer die Augen nicht verschließt, kann beobachten, wie unsere Gesellschaft, unsere Politik, unsere Kultur, unser Bildungswesen immer gottloser werden. Das christliche Grund- und Selbstverständnis, das unsere Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten noch hatte wird immer mehr preisgegeben.
Wir werden zur multikulturellen und damit wieder zur heidnischen Nation. Oder sind wir es schon? Jeder soll glauben, was er will. Man mixt sich seinen Kultcocktail selbst. In vielen Häusern und Wohnungen findet sich bereits eine bunte Mischung aus Götzen und religiösen Symbolen. Auf der Kommode steht der Buddha aus Bangkok, daneben ein afrikanischer Fetisch, An der Wand ein Hufeisen, im Blumentopf steht der Glücksklee mit vier Blättern, über den Bildschirm flimmert eine fernöstliche Meditation. Vom Sockel in der Ecke blickt ein antiquarisch erstandener Heiliger, der Küchenschrank ist voll mit biologisch-dynamisch erzeugten Lebensmitteln und die Haare werden nur bei Vollmond geschnitten.
Niemand stört sich daran, was ein anderer glaubt, es sei denn, er hat als Fundament seines Glaubens die Bibel und als Herrn Jesus Christus. Dann stempelt man ihn zum Fundamentalisten oder belegt ihn mit Schimpfworten, wie christlicher Taliban.
Aber Gott hält dagegen: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
Das dürfen wir dankbar annehmen. Dazu sollen wir uns stellen und nicht schweigen von dem, was uns Gott durch den Herrn Jesus Christus schenkt. Und wir sind aufgefordert für unser Volk zu beten, dass es sich wieder neu besinnt auf sein christliches Fundament und das Erbe der Reformation.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168