Gottesdienst – Philipper 4, 4-7
Zur PDF4.Advent, 20.12.2009 Philipper 4, 4-7
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Das Schriftwort für die Predigt steht im Brief an die Philipper im 4. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch!
Euere Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Der Herr ist nahe! Viel näher als wir denken. Auch im Glauben gibt es das Sprichwörtliche: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Da jammert jemand, dass der liebe Gott ihn vergessen zu haben scheint, weil er nur auf eine Stelle starrt, nur einen Punkt in seinem Leben im Blick hat, der ihm zu schaffen macht und merkt dabei nicht, dass der Herr so vieles andere auch für ihn wunderbar gemacht hat.
Der Herr ist nahe! Viel näher als wir denken. Es gibt ein sehr schönes kleines illustriertes Kinderbuch von Jutta Bauer, das ich vor einigen Jahren mal zu Weihnachten bekommen habe, das mir so sehr gefallen hat, dass ich es schon mehrmals verschenkt habe. Da besucht ein kleiner Junge seinen Opa, mit dem es langsam zu Ende geht, im Krankenhaus und der erzählt ihm Erstaunliches aus seinem ereignisreichen Leben.
So findet man z. B. ein Bild auf dem der Opa mit dem Enkel vergnügt und sorglos im Meer planscht. Im Hintergrund, nur für den Betrachter des Büchleins zu sehen, ist ein Engel zu sehen, der einen gierigen Hai festhält. Oder Opa pöbelt als junger Herr einen SS Mann an und der Engel sorgt dafür, dass der Nazi abgelenkt ist und ihm nichts geschieht.
Wie ein Held steht Opa in all den geschilderten Erlebnissen vor seinem staunenden Enkel da, aber die Bilder lassen erkennen, dass es der Engel des Herrn war, der eingegriffen hat und Schlimmeres verhinderte oder die Sache noch gut ausgehen ließ. Obwohl Großvater auf die höchsten Bäume kletterte, in die tiefsten Seen sprang, vor den größten Hunden nicht davonlief, sich mit seinen Feinden prügelte, er Krieg. Hunger und Arbeitslosigkeit erlebte, ist er doch durchgekommen. Er hat es nicht gemerkt oder schnell vergessen, dass es der Herr war.
Es war so, wie Martin Luther es in seinem Morgen- und Abendsegen betet: Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Ja, der Herr ist nahe! Er ist uns näher als wir meinen, näher als wir es oft spüren. „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!“ heißt es in dem bekannten Lied „Lobe den Herren“ (EG 317,3).
Lassen wir diesen kindlichen Glauben nur von niemandem nehmen, dass der Herr, der uns nahe ist, „viel tausend Weisen hat, zu retten aus dem Tod. Er nährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.“ (EG 302, 5) So stellte es Paul Gerhardt in dem Lied „Du meine Seele singe“ mitten im Dreißigjährigen Krieg fest. Auch da war der nahe Herr zu erfahren bei denen, die sich an ihn gehalten haben. Das ist der Grund für die tiefe Freude, die wir immer wieder erleben dürfen: Auch mitten in Gefahr, Schmerz, Enttäuschung, Prüfungsangst, mitten in schlaflosen Nächten und hoffnungslosen Situationen gilt: Der Herr ist nahe. Das versucht der Apostel Paulus am Ende seines Briefes an die Gemeinde in Philippi den ängstlichen und bedrohten Christen zu sagen: Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Auch wenn wir es manchmal gar nicht wahrnehmen oder wenn wir wie der Opa im Kinderbuch uns manchmal hinterher selber auf die Schulter klopfen und die Rettung aus der gefährlichen Situation unserem Mut oder unserer geistesgegenwärtigen Reaktion, unserer Stärke zuschreiben, es wird wohl doch meist der nahe Herr gewesen sein oder ein von ihm beauftragter Bote, griechisch „angelos“, Engel, gewesen sein.
Das ist eine der wichtigsten Aussagen des Neuen Testaments: Der Herr ist nahe! In Jesus kommt er uns nahe, ganz menschlich! Er ist uns nah in der Angst, nah in unseren Zweifeln, nah in unseren Sorgen, nah in unserer Einsamkeit, nah in allen Schmerzen und Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten. Er ist ein naher Gott, weil er Mensch wird und zu uns kommt. Weil er verspricht bei uns zu sein an allen Tagen, solange es diese Welt gibt und an allen Orten, an die es uns verschlägt. Egal, ob in einer Forschungsstation am Nord- oder Südpol, in einem U-boot, einer Raumfähre oder Mondrakete. Einige amerikanische Astronauten haben bezeugt, dass sie gerade dort im All seine Nähe besonders gespürt haben. Andere waren verschüttet im Bergwerk oder unter den Trümmern eines eingestürzten Hauses oder unter den Schneemassen einer Lawine und wussten sich dort in seiner Hand.
Hat es nicht auch König David in seinem wunderbaren 139. Psalm so ausgedrückt: „Führe ich gen Himmel, so bist du da, bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Psalm 139, 8-10)
Die Freude über Gottes Nähe ist erfahrbar! Auch heute noch und immer wieder! Sie wird erfahren, wo Menschen im Glauben ihr „Ja“ zu Jesus und zu den Wegen sagen, die Gott sie führt. Es heißt: Freuet euch in dem Herrn allewege! Also nicht nur auf den leichten und bequemen Wegen, nicht nur auf dem Weg zum Traualtar oder auf dem Weg zur Siegerehrung oder zur Beförderung, sondern auch auf dem Weg zum Arbeitsamt, zum Operationstermin oder zum Friedhof. Grade auf den schweren Wegen ist es eine besondere Freude zu wissen: ich geh diesen Weg nicht allein. Der Herr ist mit dabei. Der Herr ist nahe! Für den Glaubenden ist er auch dann nahe, ja besonders nahe, wenn es einmal ans Sterben geht. Denn wer glaubt, weiß: Es geht nicht ins schwarze Nichts, sondern in das helle Licht der Ewigkeit, es geht in die Herrlichkeit Gottes, die der nahe Heiland für uns aufgeschlossen hat.
Diese Nähe des Herrn ist für alle, die von Vergebung leben und um Erlösung wissen eine Freudenbotschaft. Sie wünschen sich immer noch näher zu dem zu kommen, der Freude ist und Freude schenkt, der Leid überwindet und Tränen trocknet. Darum singen wir Lieder wie: Näher mein Gott zu dir, näher zu dir. Das Lied wurde zu Ehren des ermordeten US-Präsidenten William McKinley angestimmt, dessen letzte Worte vor seinem Tod der Liedanfang gewesen sein sollen.
Die Dichterin, Sarah Flower Adams (1805-1848), hat dann ihre Glaubenserfahrung so weiter formuliert:
Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir,
soll doch trotz Kreuz und Pein, dies meine Losung sein:
Näher mein Gott zu Dir, näher zu Dir!
Auch auf dem Denkmal eines Flugzeugabsturzes in den Anden findet sich diese Zeile. Damals überlebten 16 Passagiere 72 Tage lang bei arktischen Temperaturen, bevor sie einen Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 1972 gerettet wurden.
Sie waren erfüllt mit Dankbarkeit und Freude über den Herrn, der mitten in Leid und Todesgefahr nahe war. Was uns auch drückt oder droht, wir dürfen uns an dem nahen Herrn freuen.
Lied Näher mein Gott zu dir (Strophen 1.3.4 gesungen)
II. Betend zum Frieden finden
Dieses Lied ist ja, wie viele Lieder, ein Gebet. Das ist auch die Erklärung, wie es sein kann, dass Menschen dem Schweren noch etwas Positives abgewinnen können. Wer Gott in seiner Nähe weiß, kann sich auch dann freuen, und andere zur Freude ermutigen, wenn er, wie Paulus, im Gefängnis sitzt.
Paulus schreibt diese Zeilen von der Freude, der Güte und der Sorgenfreiheit ja aus dem Elend eines römischen Gefängnisses. Er weiß nicht, ob ihm heute oder morgen der Prozess gemacht wird und ob er übermorgen noch lebt. Der grausame Kaiser Nero hatte gerade die Macht übernommen. Die Freunde des Apostels in Philippi bangten zu Recht um sein Leben.
In so einer Lage ist freude nur möglich, weil der Apostel sich 1. der Nähe seines Herrn gewiss ist und 2. seine Anliegen nicht zu Sorgen werden lässt, sondern zu Gebeten macht. Und genau das rät er den Philippern und uns hier auch:
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden!
Wenn in unserem Leben etwas passiert, was und beschäftigt und Gedanken macht, was uns vielleicht beunruhigt, dann ist das zuerst ein Gedanke. Wie ein kleines Flämmchen, das sich noch auspusten lässt. Aber wenn man dem Flämmchen lange genug zusieht ohne es zu bekämpfen, dann wird ese schnell größer, wenn man gar noch Brennbares hineinwirft, dann wird das Feuer groß und unbeherrschbar. Wenn man das erste Sorgenflämmchen mit seinen Bedenken füttert und mit Phantasien und Befürchtungen, was alles noch geschehen könnte, dann wird bald ein großes Sorgenfeuer draus, das uns mächtig einheizt, Angst macht und den Schlaf raubt. Dagegen ist dann allein oft kaum noch anzubeten.
Wir sollen schon die erste kleine Sorge zum Gebet machen. Sie zu Jesus hintragen und sagen: übernimm du die Wache über dieses Sorgenfeuer, damit es nicht groß wird. Lösch du die Glut, damit kein Unheil draus wird. In allen Dingen sollen wir das so machen. Mit allen Sorgen, die uns erfassen wollen. Noch bevor sie groß werden als Bitte im Gebet mit Flehen und Danksagung vor Gott bringen.
Es gibt eine alte Geschichte aus Surinam. Dort hatten sich die Einheimischen im Regenwald Gebetsplätze angelegt, weil ihre Hütten nur aus einem Raum bestanden und es da nie so still war, dass man in Ruhe, ohne abgelenkt zu sein, beten konnte. Von der Hütte zum Gebetsplatz führte dann ein kleiner Pfad, der „Gebetsweg“, durch den dichten Tropenwald. Eines Tages sagte ein Mann zu seinem Nachbarn ganz liebevoll: „Du, auf deinem Gebetsweg wächst langsam das Gras.“
Weil der Mann offensichtlich keine Zeit mehr zum Gebet fand, ist er den Weg zu seinem Gebetsplatz kaum noch gegangen und es wuchs langsam Gras drauf. Wächst auf Ihrem, wächst auf deinem Gebetsweg auch Gras? Oder sind es gar schon große Stauden und Büsche, die da wuchern. Sorgenkräuter, so üppig, dass gar kein Durchdringen zum Gebetsplatz und zur Gebetsstille mehr ist? Ist Ihnen, ist Dir vieles gar nicht wichtig genug oder fehlt gar der Glaube, dass Gott sich tatsächlich um Ihre, um Deine Anliegen kümmern könnte?
Paulus sagt hier nicht: Belästigt den Herrn nicht mit Eueren unwichtigen Dingen, kommt nur, wenn es um etwas ganz Wichtiges geht. Nein, er sagt ausdrücklich: In allen Dingen! Also auch in den kleinen. Wenn es um einen verlorenen Schlüssel geht oder um eine Schulaufgabe, die ansteht, die Fahrprüfung oder das berufliche Gespräch. Wenn das Auto nicht anspringt oder kein Parkplatz zu finden ist, wenn das Essen gelingen soll oder der Mensch, den man liebt, endlich mal aufmerksam werden soll. In allen Dingen! Auch in den schwierigen, ja selbst in aussichtslosen Dingen.
Und wie sollen wir bitten? Auch dazu gibt Paulus uns Rat. Mit Flehen und Danksagung. Flehen drückt eine Gebetshaltung aus. Flehen ist keine freche Forderung, sondern geschieht in dem Bewusstsein, dass man keinen Anspruch auf das Erbetene hat. Wer fleht, gibt auch nicht so schnell auf. Kinder können das noch ganz gut, wenn ihnen etwas sehr wichtig ist. Dann betteln, dann flehen sie, bis die Mama oder der Papa ein Einsehen haben. Kennen Sie das nicht mehr? „Ach Mama, Bütte kauf mir ein Eis, geh mit mir ins Schwimmbad“ – oder bei den momentanen Temperaturen vielleicht lieber zum Eislaufen. Flehen geschieht aus einer demütigen Haltung heraus.
Und wir sollen und dürfen mit Danksagung bitten. Also schon vorher danken, auch wenn das Gebet noch gar nicht erhört ist. Vielleicht auch so, dass man, bevor man um etwas Neues bittet, erst einmal für die letzten erhörten Gebete dankt. Damit unsere Gebete nicht nur aus Bitten bestehen. Aus dem Danken kommt nämlich die Freude über alles, was der Herr schon an uns getan hat. Wer dankt, dem fällt die Freude am Herrn nicht schwer, sondern dem kommt sie aus dem Herzen. Und über dem Danken und Beten wird das Herz ruhig. Denn der Friede Gottes, der unerklärlich, mächtig, wirksam ist, der unser Vorstellungsvermögen weit übersteigt, der kann unsere Herzen und Sinne bewahren und im Glauben an Jesus Christus fest machen. Er will, dass wir uns freuen können: Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.. (EG 1, 3; 2, 1)
Herr, wir bitten dich um deinen Geist, dass wir recht beten, danken und singen, dir zur Ehre. Wir bitten dich, dass unser Herz dabei deine Güte, und Freundlichkeit bewegt. Hilf, dass wir so mit dir froh Weihnachten feiern können.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168