Gottesdienst – Hesekiel 37,24-28
Zur PDFPredigt zu Hesekiel 37,24-28 in der Christvesper am Heiligen Abend 2006
Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Heiden erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.
Liebe Gemeinde,
weitreichende Worte für unser Fest bietet uns der alte Prophet. Je intensiver wir hinhören, umso deutlicher vernehmen wir den Herzschlag darin: „Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ Und dann das gleichmäßig warme Pochen: für immer; für immer; für immer. Frieden: für immer. Heimat: für immer. Ein Hirt und König: für immer. Mit einem Satz: Himmel unter uns.
Aber wo gibt es das noch?, mögen Zweifler fragen. Und gleich antworten: In Märchen und Mythen. Nicht in Statistiken und Doku-Soaps. Außerdem – halten moderne Menschen des 21. Jahrhunderts Ewigkeit überhaupt aus? Kürzlich stichelte die geschiedene Ehefrau eines Bühnendichters im Fernsehen: „Jetzt war ich mein halbes Leben mit ihm verheiratet, gönnt mir halt mal einen anderen Mann!“
Zwischen zarter Romantik und aufdringlicher Realität feiern wir Weihnachten. In all der Unsicherheit und Zerbrochenheit unseres Daseins suchen viele gerade heute den Traum von der heilen Welt. Sie wünschen sich dazu Dinge wie leisen Schnee und süße Glocken und duftendes Stroh.
Doch solche Zutaten brauchen wir nicht für eine wunderbare Heilige Nacht, wenn wir stattdessen bereit sind, aufzuhorchen und uns einzulassen auf die Jahrtausende tönenden Weissagungen. Spürt doch: hier vernehmen wir ewig Gültiges aus dem Munde eines Berufenen. Und so will ich mit Euch eintauchen in den Strom der menschlichen Sehnsucht, dass alles gut werden möge. Ich will mit Euch glauben lernen an die Erfüllung.
Darum beginnen wir von vorn und hören: „Mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle.“ Aus diesen Sätzen steigen Vergangenheit und Zukunft auf und erfüllen die Gegenwart. Wir erinnern uns an erwartungsvolle Adventsgesänge, die das Kommen des Weltenkönigs erschauen. Land und Leben, Wonne und Herrlichkeit gehen mit ihm einher und breiten sich aus über die Erde:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.
O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.“ (EG 1,1+3)
Die Weisen aus dem Morgenland, die sechshundert Jahre nach Hesekiel, um das Jahr 0 unserer Zeitrechnung, den Himmel erkundet und den Stern gesichtet hatten, wussten als Menschen der ersten Stunde: Jetzt ist er da. Sie erreichten Jerusalem, die alte Königsstadt, und sprachen: „Wo – wo genau finden wir ihn? Wo ist der neugeborene König der Juden?“ (Matthäus 2,2)
Wir alle hier wissen die Antwort: In Bethlehem, in der Stadt des ein Jahrtausend zuvor gepriesenen Königs David lag er, in Windeln gewickelt, in einer Krippe, denn seine Eltern „hatten sonst keinen Raum in der Herberge“. (Lukas 2,7) Später, als Jesus etwa dreißig Jahre alt geworden war, jubelte man ihm königlich zu: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ (Matthäus 21,9)
Warum man den Langerwarteten und Lautumjubelten freilich fünf Tage danach ans Kreuz schlug und verwarf? Nun, weil er dann doch ganz und gar nicht den Vorstellungen vom König der Völker entsprach. „Du bist so arm, so schmächtig, du schaust so elend aus. Wir dachten, du kommst prächtig, nicht so zerlumpt, zerzaust. Mein Jesus, bist du´s wirklich, kommt Gott so in die Welt? Du machst mir Angst, in mir bricht, was ich mir vorgestellt.“ (Horst Bracks)
Wie ist das bei uns? Wie muss Jesus für uns sein, damit wir ihm zuwinken? Muss er für manche vielleicht der „holde Knabe“ von Weihnachten bleiben, der für ein paar Wochen im Jahr als Krippenfigur zusammen mit Tannenwedeln das Zimmer schmücken darf? Oder akzeptieren einige ihn allenfalls als vorbildlichen Menschen, an dem man sich da und dort stärker orientieren sollte?
Aber Jesus ist ja mehr, unsagbar mehr. „Ich bin der gute Hirte“, sagt er von sich. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Johannes 10,11) König und Hirte, Fürst und Knecht, Brot und Wein, Weg und Wahrheit, Leben und Auferstehung: alles ist er! Für das jüdische Volk will er es sein, aber eben nicht nur für das jüdische Volk. Ihr Lieben, es kann nur wirklich Weihnachten für uns werden, wenn wir das glauben wollen: Jesus Christus ist alles in allem! Für immer. Himmel unter uns.
Dann wird diese Nacht sein Geburtstag für uns. Dann erst haben wir rechten Grund zum Feiern. Die Anbetung Jesu Christi wird unsere Seele sanfter einhüllen als leiser Schnee, lieblicher umklingen als ein Weihnachtsglöckchen und wärmer aufnehmen als raschelndes Stroh.
Und nicht nur für diese leuchtenden Tage auf dem dunklen Höhepunkt eines zaudernden Winters wird das so sein. Wer an Jesus Christus glaubt und lobpreisend rühmen kann: Mein König und mein Herr!, der wird entdecken, wie Frieden in sein Dasein einzieht, auch übers Jahr, für immer. Schon bei Hesekiel lesen wir es: „Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.“
Darum singen die Engel in der Heiligen Nacht: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ Frieden – ahnt Ihr, was das meint? Nein, dieser Friede beginnt nicht bei den anderen, im Irak, in Afrika oder im Nachbarhaus. Dieser Friede beginnt in mir selbst. Jesus ist dieser Friede. Aus der Krippe kommt er und legt sich in mein Herz, um darin zu wohnen.
„Ach mache du mich Armen zu dieser heilgen Zeit aus Güte und Erbarmen, Herr Jesu, selbst bereit. Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein.“ (EG 10,4)
Da wird mein Inneres zum Tempel Gottes, zu seinem Heiligtum. „Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer“, spricht Gott durch Hesekiel. „O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!“ (EG 37,4)
Menschen, die in Jesus den verheißenen Knecht Gottes, ihren König und Hirten finden, Gottes Heiligtum bei uns, werden heilig im besten Sinn: Friede durchweht ihr Sein, der auf andere überstrahlt. Sie leben mitten unter uns, und wir kennen wohl Frauen oder Männer, jünger oder älter, wie die folgende, von der Wladimir Lindenberg in einem Buch erzählt:
Da ist Elisabeth Sachsen-Altenburg, die in einem Heim in Süddeutschland lebt. Ihr „lemurisches Gebein“, wie sie es spaßeshalber nennt, hindert sie am Gehen und Bewegen, sie ist nie ohne Schmerz, und die Augen sind operiert worden. Es ist selten, dass man Elisabeth am Telefon erreicht. Immer ist sie irgendwo, liest einer Blinden vor oder hilft einer Gelähmten. Alles ohne Aufsehen und Pathos, ganz selbstverständlich.
Sie ist voll von Freude. Es gibt nichts, was ihr nicht Freude bereiten würde: der Sonnenuntergang, die Sterne, ein freundlicher Brief, ein Buch. Sie ist wie eine Biene, die ihren Nektar von den Blumen holt, aber sie hortet die Freude nicht, sie gibt sie weiter. Und etwas Seltsames geschieht. Ihre strahlende Aura ist nicht nur um sie, sie hat einen weiten Strahlungskreis, man spürt sie im ganzen Haus; es wird weniger gezankt und geklatscht, die Menschen sind still und friedlich.
In einem alten Brief, geschrieben am Heiligen Abend im Jahre des Herrn 1513 von Bruder Giovanni, lesen wir: „Kein Himmel kann zu uns kommen, es sei denn, unsere Herzen fänden heute Ruhe in ihm. Nehmen Sie den Himmel! In der Zukunft liegt kein Frieden, der nicht in diesem gegenwärtigen kleinen Augenblick verborgen ist! Nehmen Sie den Frieden!
Die Finsternis der Welt ist nur ein Schatten. Dahinter ist noch in unserer Reichweite – Freude. Es gibt Glanz und Herrlichkeit im Dunkel, könnten wir sie nur sehen; und um zu sehen, müssen wir schauen.
Das Leben ist ein so großzügiger Geber, doch wir beurteilen seine Geschenke nach ihrer Verpackung und werfen sie als hässlich oder schwer oder hart einfach weg. Entfernen Sie die Hülle, und Sie werden darunter strahlende Herrlichkeit finden, gewoben aus Liebe, Weisheit und Kraft. Heißen Sie die Herrlichkeit willkommen, ergreifen Sie diese, und Sie berühren des Engels Hand, der sie Ihnen bringt. Alles erscheint uns als Prüfung, Sorge oder Pflicht. Glauben Sie mir, dass des Engels Hand da ist; da Geschenk ist da und das Wunder schützender Gegenwart. Das gilt auch für unsere Freuden: Seien Sie nicht mit den Freuden als solchen zufrieden, auch sie verbergen göttliche Geschenke.
Das Leben ist so voller Bedeutung und Sinn, so voller Schönheit – unter seiner Hülle -, dass Sie die Erde nur noch als Verhüllung ihres Himmels verstehen werden. Nur Mut, ihn in Anspruch zu nehmen: Das ist alles! Nur Mut müssen Sie haben und die Erkenntnis, dass wir miteinander Pilger sind auf der Heimreise durch unbekanntes Land.“
Wenn wir aus dieser Heiligen Nacht wieder in den Morgen treten, Gottes „für immer“ im Herzen, seinen Himmel, dann werden wir wollen, dass etwas davon auch durch uns Gestalt gewinnt. Wir werden oft noch unsicher scheitern, zerbrochene Realität spüren. Doch Gott wohnt schon unter uns: Unser Friede. Unsere Heimat. Unser Hirt und König. Wir vernehmen den Herzschlag. Und das gleichmäßig warme Pochen: für immer; für immer; für immer. Himmel unter uns. Amen.