Gottesdienst – Phil.2, 1-4
Zur PDF7. Sonntag nach Trinitatis, Kreuzkirche, 30.07.2006, Phil.2,1-4
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist ein kleiner Abschnitt aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi. Die ersten vier Verse des 2. Kapitels. Paulus fragt nach dem alltäglichen Umgang der Christen miteinander:
Helft und ermutigt ihr euch als Christen gegenseitig? Seid ihr zu liebevollem Trost bereit? Spürt man bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Heilige Geist schafft? Verbindet euch herzliche und mitfühlende Liebe?
Darüber würde ich mich sehr freuen. Vollkommen aber ist meine Freude, wenn ihr die gleiche Gesinnung habt, in der einen Liebe miteinander verbunden bleibt und fest zusammenhaltet.
Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, denkt von euch selbst gering und achtet den anderen mehr als euch selbst.
Denkt nicht immer zuerst an euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen.
Kein Zweifel, so sollte es sein unter Christen. Dass wir zusammenstehen
und uns gegenseitig helfen. Dass wir sehen, wo jemand neben uns leidet
oder Hilfe braucht. Miteinander im Glauben an den Herrn Jesus Christus
verbunden, wie eine große Familie.
Wie eine Familie? Es klappt ja da schon oft nicht mit dem
„Füreinander“ und dem „Miteinander“. Schon in die Familie bohrt
der Neid Löcher und man hält sich selbst für besser als
die anderen. Man nörgelt aneinander herum, schnautzt oder schweigt
sich an oder ist launisch und beleidigt. Jeder fühlt sich
überfordert und unverstanden, ausgenutzt und im Stich gelassen.
Festo Kivengere, ein Afrikanischer Missionar und Evangelist, der
Bischof von Uganda wurde beschreibt das einmal ganz ehrlich und sehr
menschlich an einem Beispiel aus seiner eigenen Familie:
Meine Frau weiß, wann etwas mit mir nicht stimmt. Manchmal
nimmt sie mich nach einer Predigt beiseite und sagt: „Heute warst du
ziemlich laut und hast zu viel geredet. Lass uns darüber beten!“
Manchmal kann ich Gott dafür danken und ich werde innerlich
geheilt. Ein anderes Mal ärgert es mich und ich sage mir: Bin ich
nicht der Herr im Haus? Dann blase ich mich auf, bis ich nichts mehr
bin als ein Ballon voller Luft, je größer, desto besser, und
jeder müsste mir die Füße küssen.
Ich nörgle dann an den Kindern herum und die blasen sich
auch auf als Ballons, bis das ganze Haus mit aufgeblasenen Ballons
gefüllt ist.
Wenn ich dann am Abend in diesem Zustand meine Bibel zur Hand
nehme und die Familie zur Hausandacht zusammenrufe, sind meine Kinder
widerborstig und meine Frau, die Ärmste, mittlerweile auch ein
Ballon. Ich bin natürlich der Meinung, ein bisschen pieksen mit
dem Schwert des Wortes Gottes würde bei ihr die Luft schon zum
Entweichen bringen. Der Heilige Geist weiß es jedoch besser und
beginnt bei mir.
Wenn da erst mal die Luft raus ist und ich um Vergebung bitte,
folgt die übrige Familie bald nach und wir können wieder
normal miteinander umgehen.
Ich glaube wir wissen alle, wovon Bischof Kivengere da spricht. Dieses
Aufgeblasene Verhalten gibt’s auch nicht nur in der Familie,
sondern auch in der Nachbarschaft, in der Schule, unter Kollegen. Je
aufgeblasener einer ist, um so größer hält er sich.
Stimmt ja auch, aber es ist nur Luft. Manchmal entweicht die Luft mit
einem Knall ganz schnell und der aufgeblasene Sack fällt in sich
zusammen und stürzt ab.
Unser heutiger Predigttext will die Ballons herunterholen und die Luft
entweichen lassen. Paulus Stellt uns, unsere Gemeinde, die
Mitarbeitenden und uns persönlich auf einen Prüfstand. Wie
sieht unser, mein, Ihr Christenleben aus? Aufgeblasen? Viel Luft und
nichts dahinter? Prüfen wir uns. Je aufgeblasener wir sind, desto
lauter der Knall, wenn uns jemand spitz kommt. Wo fangen wir an mit der
Kritik, bei uns selbst oder bei den anderen, die immer alles verkehrt
machen und die ganz anders sein müssten.
Zu welchem Ergebnis kommen Sie bei ehrlicher
Selbsteinschätzung? Wenn sie über Ihr Christenleben hoch
erfreut oder doch wenigstens einigermaßen zufrieden damit sind,
dann kann ich zu meinem Bedauern in diesem Gottesdienst nichts mehr
für Sie tun. Denn sicher wollen Sie dann Ihr Leben als Christ
unverändert so weiterführen wie bisher. Sie könnten dann
eigentlich jetzt gehen, denn das was ich jetzt noch sagen will ist
für die bestimmt, die ihr Leben mindestens an einigen Punkten
überdenken wollen, weil etwas nicht passt und es ist besonders
für die gesagt, die ihr Leben wieder neu mit Jesus und an seinen
Werten orientiert führen möchten.
Vielleicht ist ja auch gar niemand unter uns, der mit seinem Christ sein so ganz oder doch überwiegend zufrieden ist. Es gab bei Jesus einmal so eine Szene: Da schleppten fromme Leute eine Frau zu Jesus, die sie mit einem anderen Mann erwischt hatten. Ein ganz schreckliches Vergehen, das damals mit Steinigung zum Tod bestraft wurde. Die Ankläger wollten von Jesus wissen, was sie mit dieser Sünderin machen sollten. Jesus schwieg erst lange und gab ihnen dann zur Antwort: „Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den erster Stein werfen.“ Damals warf niemand, weil jeder von den frommen und rechtschaffenen Leuten wusste: Ohne Sünde bin ich auch nicht. Die Frau damals blieb am Leben. Sie konnte ihr Leben vor allem an einem Punkt neu überdenken. Mit Jesus und seiner Hilfe konnte sie es neu beginnen.
Wenn Sie die
Bilanz Ihrer Christlichkeit beunruhigt oder erschreckt, dann geht es
Ihnen wie dem Bischof Kivengere oder wie mir. Immer wieder bleibe ich
hinter dem zurück, was ich eigentlich möchte und für
richtig erkannt habe. Wenn dann mein Gewissen unruhig wird, meldet sich
irgendwo in meinem Inneren eine Stimme, die mich verteidigen will: Die
Situation war eben so. Die Umstände haben mir keine andere Wahl
gelassen. Eigentlich kann ich ja gar nichts dafür. Andere sind
schuld. Warum soll ich denn…? Die anderen machen es doch auch so. Es
sind viele solche Rechtfertigungen, die sich in mir gegen die
Erkenntnis wehren: ‘Da habe ich etwas falsch gemacht. Das hätte ich nicht denken, sagen oder tun dürfen.’
Aber auch wenn meine Verteidigungsstimme noch so viele gute Gründe und Argumente hat, wohl ist mir nicht dabei. Die Selbstrechtfertigung verändert nichts. Davon geht es mir nicht besser und es geht uns auch mit unserem Miteinader nicht besser.
Es
muss einen anderen Weg geben. Und es gibt einen anderen Weg, auf dem
nicht immer alles so weitergehen muss wie bisher. Paulus schreibt auch
davon an die Philipper, in den Versen, die unserem Predigttext
unmittelbar folgen. Ich meine sie gehören als Hilfe und Antwort
auch für uns dazu (Phil.2,5-8):
Orientiert euch an Jesus Christus! Obwohl er Gott in allem gleich war und Anteil an Gottes Herrschaft hatte, bestand er nicht auf seinen Vorrechten. Nein, er verzichtete darauf und wurde rechtlos wie ein Sklave. Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und lebte als Mensch unter Menschen. Er erniedrigte sich selbst und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja bis zum schändlichen Tod am Kreuz.
Schon der erste Satz hier ist eigentlich Antwort genug, wenn ich auf der Suche nach dem richtigen Weg bin. Orientiert euch an Jesus. Eigentlich
eine ganz einfache Antwort. Auch eine logische Antwort. Wenn du als
Christ richtig leben willst, dann frag dich bei den Entscheidungen, die
du zu treffen hast, bei den Antworten, die du schriftlich oder
mündlich gibst, bei den Wegen, die du einschlägst: Was
würde Jesus tun? Wie würde Jesus reagieren? Wie würde er
wohl antworten? Wie würde er mit meinem Gegenüber umgehen?
‘Woher soll ich das denn wissen?’, denken Sie jetzt vielleicht. Ich bin schließlich in einer ganz anderen Lage. So was gab’s doch damals noch gar nicht! Wirklich nicht? Sind nicht die Grundfragen des Lebens durch die Jahrtausende dieselben geblieben?
Etwa die Frage: Wie gehe ich mit Menschen um?
Oder: Kümmert mich die Not anderer? Übe ich Rache oder
vergebe ich? Bin ich bereit, das was ich habe mit denen zu teilen, die
nichts haben? Was ist mir das Leben wert? Was bedeutet mir die
Wahrheit? Was uns die Evangelien über Jesus berichten reicht
eigentlich in den allermeisten Fällen aus um zu ahnen, wie Jesus
mit einer Sache umgehen würde.
Wenn es um das Leben geht, würde er es schützen. Er würde auch wenn es ihm Nachteile bringt, bei der Wahrheit bleiben. Und in der Liebe, auch dort, wo es das Gegenüber nicht verdient hat. Er würde der Barmherzigkeit den Vorrang vor der absoluten Gerechtigkeit geben und im Zweifelsfall auf sein Recht und seinen Vorteil verzichten.
Er würde? Nein, er hat darauf verzichtet macht Paulus uns hier klar: Er bestand nicht auf seinen Vorrechten als Gottessohn. „Er erniedrigte sich selbst und war Gott gehorsam.“
Das bezieht sich nicht nur auf seinen Kreuzestod, auf die
Selbsthingabe, die für uns alle einige Nummern zu groß ist.
Das bezieht sich auch auf die Gebote.
Er war gehorsam, wenn es heißt: Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht lügen! Ich könnte alle Gebote nennen. Paulus führt in unserem Schriftwort exemplarisch den Neid und den Ehrgeiz an, und warnt davor dass ich dem anderen den Erfolg nicht gönne oder den Besitz, oder die Anerkennung, die er findet.
Er warnt davor, dass wir es vor
lauter Ehrgeiz nicht ertragen können, dass jemand etwas besser
kann als wir. Das fängt schon im Sandkasten an. Ein
Dreijähriger muss den Sandkuchen eines anderen Kindes
zerstören, weil er viel schöner als der eigene war. Ein
Angestellter muss den Entwurf seines Kollegen schlecht machen, damit
sein eigener besser dasteht.
Ehrgeiz und Neid zerstören auf übelste Weise menschliche Gemeinschaft, natürlich auch christliche Gemeinschaft. Ehrgeiz und Neid haben zum ersten Mord, einem Brudermord, geführt, wie wir im ersten Buch Mose lesen können. Der Grund war kein materieller, sondern ein geistlicher bzw. sehr ungeistlicher: Gott sah das Opfer des Abel gnädig an, das Opfer, das Kain ihm darbrachte aber nicht gnädig. Das konnte Kain nicht ertragen. Ihn packte der Neid und brachte ihn dazu, dass er seinen Bruder erschlug. Er wollte der Bessere sein.
Neid macht aus Liebe Hass und
zerstört. Natürlich hat Kain sein Ziel, der Bessere zu sein,
dadurch nicht erreicht. Durch diesen Mord hat Kain Gott nicht
gnädig gestimmt. Neid führt nie zum Ziel. Schon gar nicht zum
Ziel des Lebens, zur himmlischen Herrlichkeit. Im Reich Gottes wird es
einmal keinen Neid geben. Auch keinen Ehrgeiz und kein gegenseitigem
Verachten. In diesem Reich kann nur die Gesinnung Jesu bestehen. Dort
werden alle handeln wie Jesus.
Wer auf dem Weg dorthin ist, der darf es lernen. Der darf sich am Wort Gottes prüfen, vom Heiligen Geist korrigieren lassen und sich die Gesinnung des Herrn der Jesus erbitten. Niemand kann sich das Handeln, Reden und Denken wie Jesus selber anlernen oder beibringen. Es kann nur von Menschen erbetet und von Gott Zug um Zug geschenkt werden. Erbitten werden es sich aber wohl nur die, die mit dem Zustand ihres Christseins nicht zufrieden sind.
Die werden immer wieder beten, wie David im 51. Psalm: „Schaffe
in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen
Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen
Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe und mit einem
willigen Geist rüste mich aus. „
Fehlt es uns nicht oft gerade daran, am willigen
Geist? Wir wissen schon, was im Sinne Jesu wäre, aber wir wollen
gar nicht. Wir wollen unseren Willen durchsetzen und unseren Kopf. Das
schafft Unfrieden und Uneinigkeit. In Ehen und Familien, in
Kinderzimmern und Klassenzimmern, In Pfarrkonferenzen und Synoden, in
Parteien und Gemeinden.Wir beten alleine oder auch gemeinsam, „Dein Wille geschehe“ und leben nach dem Motto: Mein Wille geschehe.
Das wird nur anders durch radikale Hinwendung zu Jesus. Und die kann
nur geschehen, wo Menschen bereit sind genauso radikal Schuld zu
bekennen und sich unter Jesus zu stellen. Nur wenn wir andere
Gesinnungen aufgeben wird Platz für die Gesinnung Jesu.
Wenn es in unserer Gesellschaft und in unseren Gemeinden wieder anders werden soll, dann brauchen wir mehr Jesus-Radikale. Christen, die nicht neidisch und ehrgeizig nur immer mehr wollen. Leute, die sich nicht selbstgerecht und selbstzufrieden tatenlos zurücklehnen, sondern die sich radikal an Jesus orientieren und die bei allem, was sie tun radikal fragen, was Jesus tun würde.
Wer sein Leben neu nach ihm ausrichten will, der
kann ihm das jederzeit sagen, der darf ihn um Vergebung bitten, darf
auch im Heiligen Abendmahl Vergebung annehmen und glauben und darf neu
darauf vertrauen, dass der Herr das schafft und schenkt, was wir selbst
nicht machen können. Nämlich glaubwürdige Christen,
glaubwürdige Botschafter Gottes in der Welt zu sein.
Das sind wir Christen der Welt schuldig. „Einmal„., so Paulus an die Philipper, „werden
sich alle vor Jesus beugen; alle Mächte im Himmel, alle Menschen
auf der Erde und alle im Totenreich. Und jeder ohne Ausnahme soll zur
Ehre Gottes, des Vaters. bekennen: Jesus Christus ist der Herr. (Phil.2,10f)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168