Gottesdienst, Pfr. Wenzke mit Konfi-Vorstellung, KiGo & TeenieKirche, Livestream
Zur PDFLiebe Gemeinde,
vermutlich kennen Sie alle die indische Stadt Kalkutta – zumindest haben wir dem Namen nach schon mal von ihr gehört. Und Sie haben wohl alle auch schon von Mutter Teresa gehört.
Sie hat, zusammen mit vielen anderen, an einen Ort ohne Trost und Hoffnung, Trost und Hoffnung gebracht, Liebe geschenkt und dadurch Leben verändert, Not gelindert. Kalkutta und Mutter Teresa ist für viele untrennbar miteinander verbunden, das eine ohne die Andere kaum denkbar.
Wir begeben uns heute Morgen mit unserem Predigttext auch an einen solchen Ort:
Wir begeben uns an den Teich Bethesda in Jerusalem. Dieser Ort war für alle zur Zeit Jesu untrennbar verbunden mit großer Not durch Krankheit und der Hoffnung auf ein Wunder.
Bethesda – eine Anlage, bestehend aus einem Doppelteich mit jeweils 40 m Breite und 50 m Länge. Beide Teiche, jeweils ein bisschen größer als ein Schwimmbecken, in dem Schwimmwettkämpfe durchgeführt werden. Sie waren aus dem Felsen gehauen worden. Getrennt waren beide durch eine Mauer. Und außen herum fünf große Hallen, von Herodes dem Großen erbaut, überdachte Plätze, in denen die Kranken vor Sonne und Regen geschützt waren.
In Bethesda gab es Wunder – immer wieder – in zeitlich nicht festgelegten Abständen. Immer dann, wenn sich das Wasser in einem der Becken bewegte, wurde derjenige gesund, der als erster in den Teich stieg. Die Chance, auf diesem Weg gesund zu werden, war aber fast so gering wie die Wahrscheinlichkeit, den Jackpot im Lotto zu knacken.
Der Ort der Hoffnung und der Ort der Not hatte einen Namen damals in Jerusalem. Man hat ihn übrigens bei Ausgrabungen im vergangenen Jahrhundert wiederentdeckt und man kann ihn heute besichtigen.
Wir hören als Predigttext aus dem Johannesevangelium, Kapitel 5, 1–14.
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank.
6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Es war aber Sabbat an diesem Tag.
10 Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen.
11 Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!
12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?
13 Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war.
14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
Wir gehen heute drei Schritte beim Gang durch diesen Text:
1. Du bist in Not
38 Jahre lang ist jener Mann schon krank. Ob er all die Jahre am Teich Bethesda lag, wissen wir nicht.
Seinen Namen kennen wir auch nicht. 38 Jahre lang krank sein. Eine grausame Vorstellung!
So lange krank zu sein – das wünscht man seinem
größten Feind nicht. 38 Jahre lang – das ist für uns heute ein halbes Leben lang. 38 Jahre lang – ein beinahe unvorstellbar langer Zeitraum.
Rechnen wir zurück: Vor 38 Jahren, das war 1987. Wie alt waren Sie denn da, wenn sie überhaupt gelebt haben? Ich wurde 1987 konfirmiert. Und was war bei ihnen so los?
38 Jahre lang krank sein – da kann man keine Hoffnung mehr haben, eigentlich. Aber jener Mann hat seine Hoffnung nicht aufgegeben, nicht ganz zumindest: Seine Hoffnung ist untrennbar mit dem Ort verbunden, an dem er liegt: Bethesda – auf Deutsch: »Haus der Barmherzigkeit«.
Er hofft noch immer, dass er irgendwann mal als erster am Wasser ankommt, wenn es sich wieder bewegt.
Dabei sind seine Chancen eigentlich schon lange am Nullpunkt angelangt. Das macht jener Satz deutlich, der durch Mark und Bein geht. »Ich habe keinen Menschen«. So antwortet der Kranke auf die Frage Jesu, ob er denn gesund werden will.
»Ich habe keinen Menschen«. Ich bin allein, ich bin auf mich allein gestellt, ich bin mir selbst überlassen.
»Ich habe keinen Menschen«, das sagt ein Mann, der umringt ist von vielen anderen, zu Hunderten sind sie in diesen fünf Hallen.
Alle um ihn sind Konkurrenten. Jahrelang hat er seine Ellbogen eingesetzt wie die anderen auch, um als Erster zum Wasser zu kommen. Im Haus der Barmherzigkeit ist sich jeder selbst der Nächste, hier muss sich jeder selbst helfen. Und man ist immer wie gehetzt, findet kaum Ruhe, denn es könnte ja schon im nächsten Augenblick wieder das Wunder… Eine erdrückende Vorstellung.
Bis heute gibt es viele Menschen, die teilen diese Erfahrung jenes Mannes. Es gibt nicht wenige unter uns, die sind krank. Und das nicht erst seit ein paar Tagen. Sie sind erkrankt an einer Krankheit, bei der es kaum noch Hoffnung gibt. Erkrankt an einer Krankheit, die müde macht, die die Lebensfreude auffrisst, die mürbe macht.
Und es gibt Menschen unter uns, die begleiten oder begleiteten Menschen in solch einer schweren Krankheit, sei sie körperlich oder psychisch oder auch beides.
Es gibt auch die Einsamen unter uns. Diejenigen, die diesen Satz »Ich habe keinen Menschen« ebenso gut sagen könnten. Einsam, weil sie sich mit anderen zerstritten haben. Einsam, weil alle vertrauten Menschen bereits verstorben sind. Einsam, weil sie alt geworden sind, aber vielleicht nie das Glück hatten, eigene Kinder bekommen zu können. Einsam, weil sie von anderen verlassen wurden.
Solche Menschen, die »keinen Menschen haben« gibt es, vermutlich sogar in unserer eigenen Gemeinde. Manche dieser Menschen haben auch einen Teich Bethesda, einen Teich der Hoffnung, der aber vermutlich – wie in der Geschichte auch – zum Teich der Hoffnungslosigkeit wurde. Irgendwann weicht die Hoffnung der tiefen Resignation – was bleibt denn auch anderes, nach 38 Jahren? Was ist dein Teich Bethesda, deine Stelle in deinem Leben, von der Du nicht wegkommst und wo Du immer wieder liegen bleibst?
2. Jesus sieht deine Not
Damals war Jesus auf dem Weg zu einem großen jüdischen Fest in Jerusalem. Er machte einen Umweg über die Großkrankenstation Bethesda. Er kommt freiwillig an den Ort, den sonst jeder meidet. Hier wird er auf diesen Mann aufmerksam. Jesus geht nicht an ihm vorüber, sieht vielmehr dessen Not und wendet sich ihm ganz bewusst zu.
Der Mann, der in seinen und unseren Augen ein deprimierendes Leben führt, ist in Gottes Augen unendlich wertvoll. Bei Jesus gibt es das nicht, dass ein Mensch keinen Wert mehr hat.
Jesus kümmert sich um ihn. Und stellt ihm eine einzige Frage. Sie trifft den Kern, auch wenn sie für unsere Ohren auf den ersten Blick überflüssig scheint: Willst du gesund werden?
Wer hier wollte nicht gesund werden? Was wollte dieser Mann lieber? Die Antwort, die jeder erwartet, lautet: »Natürlich will ich gesund werden!« Und in Gedanken würden viele die Antwort vermutlich fortsetzen mit der Gegenfrage: »Warum stellst du mir diese Frage überhaupt?«
Doch der Gelähmte reagiert anders: »Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt.« »Ich habe keinen Menschen!«
Der Kranke ist so fixiert auf jene Möglichkeit, gesund zu werden, dass er gar nicht mehr darüber hinaus denken kann oder will.
Wir dürfen an dieser Stelle Beeindruckendes von Jesus Christus lernen:
Erstens: Er gibt dem Vereinsamten die Möglichkeit, zu reden, er signalisiert mit seiner Frage: Ich will wissen, was dir durch den Kopf geht. Du sollst, du darfst erzählen von dir und deiner Not, von deiner Hoffnung, die sich so oft schon zerschlagen hat, du darfst erzählen – hier, jetzt. Und ich höre dir zu.
Zweitens: Jesus zwingt nicht! Jesus hätte den Mann einfach so gesund machen können. Möglich gewesen wäre es ihm. Aber er will nicht,
denn Jesus zwingt nicht. Er lädt ein, er bietet an, aber wir dürfen selbst entscheiden – wie der Mann damals auch.
Drittens: Jesus kümmert sich um den Einzelnen – das ist immer wieder neu beeindruckend: Er sieht den Einzelnen.
Das bedeutet: er sieht auch mich und dich. Mich mit meiner Situation, mit meiner Not, dich mit deiner Not, Krankheit, Einsamkeit. Jesus weiß, wofür die 38 Jahre bei dir stehen.
Und er kümmert sich um dich, das heißt: wir sind ihm wichtig, du und ich.
An dieser Stelle möchte ich für einen Augenblick vom Predigttext weg sehen auf uns: Gott möchte nicht, dass wir Menschen einsam sind, er will uns allen diese »Bethesda-Erfahrung« ersparen.
Deshalb ist es unverzichtbar, dass wir uns umeinander kümmern, füreinander da sind, dass wir die Einsamen nicht übersehen oder dass Menschen erst gar nicht einsam werden dürfen. Sich um andere kümmern heißt: die Liebe Jesu verschenken! – dazu sind wir aufgefordert.
Ich meine, den Satz »ich habe keinen Menschen« darf es in einer christlichen Gemeinde eigentlich gar nicht geben. Dass es diese Einsamkeitserfahrungen möglichst nicht gibt, daran müssen wir alle arbeiten. Nicht wieder nur einzelne, die dann an der Aufgabe wieder schier zerbrechen. Der Kampf gegen die Einsamkeit geht uns alle an. Und der Einsame muss auch seinen Teil dazu beitragen und darf sich in seiner Not nicht selbst gefallen.
3. Jesus wendet deine Not
»Steh auf: nimm dein Bett und geh hin« sagt Jesus zum Kranken. Er heilt ihn nicht, wie jener es erwartet hatte. Jesus setzt nicht das Wasser des Teichs in Bewegung und trägt den Kranken zum Ufer. Und doch macht er ihn gesund.
Das Haus der Barmherzigkeit wird für den Kranken wirklich zum Ort des Erbarmens. Er darf Gottes Barmherzigkeit erfahren. Seine Krankheit wird geheilt und damit wohl auch seine Einsamkeit.
Ja, Jesus kann heilen, er kann gesund machen – und zwar bis heute. Und er tut es übrigens meist – wie in der Geschichte auch – auf »unspektakuläre« Weise. Es ist sein wirkmächtiges Wort, das Heilung schafft. Es findet in unserer Geschichte im Zuge der Heilung keine Handauflegung bzw. Berührung oder Ähnliches statt.
Manche fragen sich vielleicht: warum hat er nicht alle Anwesenden geheilt?
Es war nie Jesu Weg, durch Heilung Macht zu demonstrieren. Er heilte während seiner Wirkungszeit immer einzelne Menschen, vollbrachte exemplarisch Wunder. Das Reich Gottes ist angebrochen, aber noch nicht vollendet.
Das gilt bis heute: Jesus kann die Not von Menschen wenden und dennoch gibt es Kranke und Einsame unter uns.
Mancher unter uns wünscht sich nichts sehnlicher, als dass er selbst oder ein geliebter Mensch gesund wird. Und wenn Gott scheinbar nicht eingreift, bereitet das große Mühe und bringt den eigenen Glauben ins Wanken.
Wir sind aufgefordert, trotzdem nicht aufzugeben, wir sind aufgefordert, weiterzuglauben. Wer weiß, wo wir uns gerade innerhalb dieser 38 Jahre, innerhalb der Krankheitsgeschichte, befinden?
Was uns allen gilt ist, dass sich Jesus Christus kümmert, um dich und um mich. Er hat uns nicht vergessen. Er will heil machen, er will Schuld vergeben, will wegnehmen, was uns von Gott trennt, was uns geistlich krank und einsam macht. Und er hat auch die Macht, uns körperlich anzurühren.
Für Jesus gibt es keine Krankheit, die so schlimm wäre, dass er sie nicht heilen könnte.
Für Jesus gibt es keine Einsamkeit, die so groß wäre, dass sie für ihn unerreichbar wäre. Für Jesus gibt es keine Schuld, die er nicht vergeben könnte. Er kann und er will, weil ihm jeder einzelne Mensch wichtig ist.
Kommen wir zum Schluss: Der Mann steht nach Jesu Wort tatsächlich auf. Er lässt sich darauf ein, dass Jesus so anders an ihm handelt, als er es selbst erwartet hat. Und er lässt sich darauf ein, dass ihn einer heilt, den er selber gar nicht gekannt hat.
Wir, die wir an unserem Teich Bethesda liegen, sind auch aufgefordert, uns auf Jesu Weg einzulassen, den er mit uns gehen will. Dieser Weg ist manchmal anders, als wir das gerne hätten, ja er steht zuweilen unserer Erwartung sogar entgegen.
Und doch will uns Jesus mit seiner Barmherzigkeit beschenken. Er will unser Leben neu machen, er will dich an deinem Teich Bethesda heilen und Dir wieder Beine machen. Amen.
Bei Rückfragen und Anregungen: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de