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Titus 3, 4-7:

Liebe Gemeinde,

was ist das nur für eine Atmosphäre, die ab dem Heiligen Abend, so ungefähr ab 15.00 Uhr unser Land erfüllt? Ich staune jedes Jahr aufs Neue, wie da plötzlich ein ganz anderer, ein ganz neuer Geist durch unser Land weht. All die Hektik und der Stress der vergangenen Wochen sind plötzlich weggeblasen. Man macht sich schön. Die meisten Wohnungen sind geschmückt. Kerzenlicht leuchtet in den Fenstern. Die Menschen strömen in die Kirchen, wie sonst an keinem Tag im Jahr. Wie kommt das? Ich glaube, uns treibt die Sehnsucht nach einem Stück heiler Welt an diesem Abend. Bei aller Bruchstückhaftigkeit: ich jedenfalls ahne am Heiligen Abend in unseren Orten immer wieder etwas von dem Frieden Gottes, wie er wohl im Stall von Bethlehem vorgeherrscht hat. Und ich verspüre stark die Hoffnung, dass er einmal die ganze Welt erfüllen wird.

Schade nur, dass diese andere Atmosphäre nach den Feiertagen immer so schnell wieder verschwunden ist. Das Stimmungsvolle verschwindet, die Kerzen verlöschen wieder. Gut, wir lassen die Lichterketten noch bis Neujahr an dem Bäumchen vor dem Haus. Und es kommen vielleicht auch in den nächsten Tagen noch ein paar verspätete Weihnachtskarten ins Haus. Aber sonst? Leider wird doch aus Weihnachten manchmal wieder schnell Weihnachten. Das Weh und Ach unserer Tage hält wieder Einzug in unserem Leben. Und wenn es nicht Weh und Ach ist, so ist es zumindest die Gleichgültigkeit. Am Jahreswechsel hält man noch kurz inne und dann geht das Leben doch wieder in den gewohnten Bahnen weiter.

Und wenn ich das so beobachte – auch an mir selbst beobachte – dann fällt mir ein Spruch Luthers ein.

Luther hat mal über uns Christen gesagt: „Sie könnten eine rauschende Festtafel haben und begnügen sich mit einer Bettelsuppe.“ (2x)

Vielleicht stehen wir ja auch in dieser Gefahr. Dass wir uns zu schnell begnügen. Denn Gott hält an Weihnachten noch mehr für uns bereit, als wir bisher beschert bekommen haben. Er hält mehr bereit, als diese wichtigen äußerlichen Stimmungen. Mehr als die liebevollen Geschenke, die wir hoffentlich alle gestern Abend bekommen haben. Die ja ein Zeichen der Liebe und Verbundenheit untereinander sein sollen.  Und wer von uns kann schon leben, ohne dass er weiß, dass er von anderen geliebt und geschätzt ist? Insofern sind auch die äußerlichen Geschenke wichtig.

Gott aber will, dass uns zusätzlich dazu an Weihnachten ein Licht aufgeht. Ein Licht, das unser Leben neu erhellt. Und zwar auf Dauer. Über diesen Monat Dezember hinaus auch in das neue Jahr. Ja, es kann sogar  mehr sein als ein Licht, es kann ein ganzer Kronleuchter sein. Und das wünsche ich ihnen und mir, wenn wir jetzt auf den Predigttext für das Weihnachtsfest hören und ihn näher bedenken: Aus dem Brief des Paulus an Titus, Kapitel 3, die Verse 4-7:

(4) Wir lebten in Bosheit, aber dann erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, die uns selig machte.

(5) Wir selbst hatten keine guten Taten vorzuweisen, mit denen wir vor ihm hätten bestehen können. Nein, aus reinem Erbarmen hat er uns gerettet durch das Bad der Taufe – das Bad, in dem wir zu einem neuen Leben geboren wurden, erneuert durch den Heiligen Geist.

(6) Ihn hat er in reichem Maße über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter.

(7) Durch dessen Gnade können wir vor Gott als gerecht bestehen, und darum sind wir auch eingesetzt zu Erben des ewigen Lebens, auf das wir nun hoffen dürfen.

Liebe Gemeinde,

sehen sie die rauschende Festtafel vor sich? Die Tafel, an der wir Platz nehmen dürfen? Die Festtafel ist charakterisiert durch Gaben wie Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, Seligkeit, reines Erbarmen, Fülle des Heiligen Geistes, Retter, Gnade, Erben des ewigen Lebens. Alles Stichworte aus unserem Predigttext. In ihm ist von so einer Fülle von Weihnachtsgaben Gottes die Rede, dass man sie kaum alle erfassen kann. Und so möchte ich ein paar herausgreifen. Möchte sie uns hinhalten und wichtig machen, damit wir uns an diesem Weihnachten ja nicht mit Bettelsuppe zufrieden geben.

Die erste Weihnachtsgabe ist die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Sie wird sichtbar in dem Kind in der Krippe. Gott kommt in diesem Baby Jesus auf die Erde. Wird greifbar. Begibt sich in unsere Welt und Umwelt. Das ist fast unglaublich. Gott ist umgezogen. Vom Reichtum in die Armut. Aus dem Himmel auf die Erde. Aus Menschenliebe und Freundlichkeit. Was muss das für ein Gott sein! Der sich klein macht für uns. Der sich uns als Kind in der Krippe vor die Füße legt! Wie muss er uns Menschen lieb haben! Was muss er für eine Sehnsucht nach uns haben. Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes, die sich dir entgegenstreckt, ganz persönlich!

Ein weiteres Stichwort lautet: Seligkeit. Es heißt in unserem Predigttext: „dann erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, die uns selig machte.“ Selig machte: wir sind also schon selig. Nicht: wir werden es erst, sondern wir sind es bereits. Heute am 25./26. 12. 2025 um ……Uhr. Wir sind es bereits.

Aber was ist das: selig sein? Es hat mit dem ewigen Leben zu tun, soviel wissen wir alle.

Selig sein heißt: bei Gott sein. Oder wie Kinder es ausdrücken: „im Himmel sein“. Wir sind schon selig! Wir sind schon bei Gott! Wir sind schon im Himmel!

Vielleicht möchten sie jetzt protestieren und sagen: „Nein! Niemals! Was ich gerade an Problemen und Sorgen, an Krankheit, an Trauer, an Niedergeschlagenheit erlebe, das hat nichts mit Himmel zu tun.“ Eher mit dem Gegenteil!

Und vordergründig betrachtet, haben Sie natürlich völlig recht! Manchmal gibt es Lebensphasen, die gleichen eher der Hölle als dem Himmel. Ich will das ganz gewiss nicht schönreden.

Und doch ruft uns unser Text zu: All das kann dem guten Ausgang unseres Lebens nicht entgegenstehen. Der Hintergrund unseres Lebens ist allemal hell. Und zwar deshalb, weil Gott in Jesus Christus in die Welt gekommen ist und ganz und gar kein bequemes Leben geführt hat. Weil er selbst Tiefen durchlitten hat. Da brauchen wir nur den Anfang und das Ende seines Lebens uns vor Augen führen. Was für jeden von uns selbstverständlich ist, blieb ihm versagt: Jesus ist weder in einem Bett geboren, noch in einem Bett gestorben. In einer absoluten Notsituation kommt er zur Welt und er stirbt den bittersten Tod, den je ein Mensch gestorben ist. Wenn er, der die Hölle durchlitten hat, uns selig gemacht hat, dann kann auch nichts, gar nichts in unserem Leben daran irgendetwas ändern.

Liebe Gemeinde, diese Zusage kann uns stark machen. Sie kann uns ein Stück Gelassenheit schenken, wenn wir auf sie vertrauen können. Wir sind schon bei Gott angenommen. Wir sind Gottes Kinder. Wir gehören an seine Festtafel. Ich kann mir kein größeres, kein schöneres Weihnachtsgeschenk Gottes denken. Dieses Geschenk kann uns zur Weihnachtsfreude führen.

Wir wollen uns jetzt mitten in der Predigt diese Weihnachtsfreude gegenseitig zusingen und zu dieser Freude ermuntern:

Zwischenlied: Jauchzet ihr Himmel (EG 41, 1-3)

Gott hat uns eine reiche Festtafel gedeckt: Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, Seligkeit – und das alles, so sagt es unser Text: aus reinem Erbarmen, aus Gnade, und nicht, weil wir gute Taten vollbracht haben.

Spüren wir, wie sehr uns diese altmodischen Worte Gnade und Erbarmen angehen, in einer zunehmend erbarmungslosen Welt? Ist es uns noch nie zuviel geworden dieses „immer leisten müssen“? Jede Gabe, die man empfängt, durch Ersatz rechtfertigen zu müssen. Sich nichts schenken lassen zu können. Und wenn, dann zurückschenken: gleich groß, gleich viel, gleich wertvoll. Wie erbarmungslos ist das!

Gerade wenn wir älter werden, merken wir doch: Wir sind angewiesen, auch einmal etwas anzunehmen, das wir nicht begleichen können. Wo wir nichts Vergleichbares entgegensetzen können, weil wir uns die Kraft dazu fehlt.

Aber auch wir Jüngeren merken es: Die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens sind nicht verrechenbar. Die Liebe zu einem anderen Menschen zum Beispiel. Oder die Treue. Die Verlässlichkeit. Wer wollte, wer könnte dafür bezahlen?

Wir alle brauchen Gnade und Erbarmen. Gott wird nicht deshalb Mensch, um Anlass für sentimentale Stimmungen zu werden. Er wird Mensch, weil er uns in unserer bitteren, unerträglichen Not begegnen will. Gott will in unsere Probleme, er starb für unsere Schuld. Deshalb brauchen wir nicht anzufangen, eine heile Welt zu schauspielern. Wir brauchen uns nicht andauernd zu bemühen, lieb zu sein, und schaffen es doch nicht. Wir brauchen nicht zu verkrampfen in unseren Anstrengungen Gutes zu tun. Darum geht es nicht im Christsein und erst recht nicht an Weihnachten!

Weihnachten will uns nicht mit moralischen Ansprüchen belasten wie „Du musst jetzt lieb sein!“ sondern es will uns entlasten mit dem Zuspruch Gottes: „Ich hab dich lieb!“ Gott wurde Mensch, um uns aus unserem gottlosen und lieblosen Wesen heraus zu retten. Das ist das Wunder von Weihnachten. Gott kommt nicht, um endlich mit dieser Welt, die weithin nichts von ihm wissen will, abzurechnen. Er kommt auch nicht, um uns zu bestrafen. Er zeigt sich nicht von seiner zornigen Seite, sondern er zeigt sich gütig und freundlich.

Und so kann man zu dem Weihnachtsgeschenk Gottes eigentlich nur „Danke“ sagen. Und dann nicht etwa sich selbstsicher zurücklehnen und denken: „mir kann nichts mehr passieren“, sondern aus der Dankbarkeit heraus vor Gott verantwortlich leben: Weil Gott mich reich beschenkt hat, deshalb will ich nach seinem Willen leben. Weil er mich mit Gnade und Erbarmen beschenkt, darum will ich jetzt auch mit dem anderen gnädig und barmherzig sein.

Stellen Sie sich doch mal eine Gerichtsverhandlung vor. Da ist der Angeklagte. Die Strafe lautet auf „lebenslänglich ohne Bewährung“. Der Staatsanwalt trägt eine flammende Rede vor. Die Indizienkette ist lückenlos, der Beweis schlüssig. Der Hammer fällt. Der Schuldspruch ist gesprochen. Da geht plötzlich die große Tür des Gerichtssaales auf. Herein kommt der Präsident und sagt: „Das Urteil ist rechtskräftig, aber ich habe beschlossen, die Strafe für den Verurteilten anzutreten.“ Der Richter stutzt, lässt es aber zu. Anschließend werden dem Präsidenten die Handschellen angelegt. Er wird abgeführt. Und der Angeklagte ist ein freier Mensch.

Das ist Gnade, wenn man plötzlich freigesprochen wird ohne das Recht dazu zu haben.

Und auch wenn wir nach weltlichen Maßstäben wohl keine Verbrecher sind: Das ist Gnade, wenn uns Vergleichbares in der Generalabrechnung unseres Lebens begegnet. Wenn Jesus uns frei spricht von den Konsequenzen, die manches in unserem Leben haben könnte. Das ist unverdiente Gnade. Reines Erbarmen.

Um noch mal zu dem Beispiel zurückzugehen: Das Dümmste, was der Angeklagte nun tun könnte, wäre zu sagen: „Vielen Dank, das will ich selber aussitzen.“ Oder zu dem Präsidenten zu sagen: „Ach lassen Sie nur, ich bin selber groß. Ich habe es nicht nötig, mir helfen zu lassen.“ Damit würde er die Gnade ausschlagen.

Und genauso dumm wäre er, wenn er in der Freiheit dann gleich die nächste Straftat begeht und wieder eine Verurteilung droht. Oder wenn er selbst, der Gnade erfahren hat, dann äußerst ungnädig mit seinem Mitmenschen umgeht.

Jesus beschenkt uns mit dem umfassenden Freispruch für unser Leben. Er schenkt uns Gnade und Erbarmen. Und wir haben nichts weiter zu tun, als uns das dankbar gefallen zu lassen und uns fortan in unserem Leben an Gott zu orientieren.

Denn schließlich bleibt es nicht nur bei dem Freispruch. Unser Text spricht davon, dass wir auch als Erben eingesetzt werden:

(7) Durch Gnade können wir vor Gott als gerecht bestehen, und darum sind wir auch eingesetzt zu Erben des ewigen Lebens, auf das wir nun hoffen dürfen.

Erbe – wer freut sich nicht über ein Erbe? Erben, wenn es ohne Streitigkeiten vonstatten geht, ist eine schöne Sache, weil es mit den Vorfahren verbindet. Außerdem verpflichtet es auch: Man will mit dem Erbe verantwortungsvoll umgehen.

Bei uns Menschen kann man oft erst Erbe sein, wenn vorher jemand gestorben ist. In diesem Sinne vom Erbe Gottes zu reden, kann wohl nicht sein. Was Paulus hier meint, ist wohl eher mit einer guten Ehe vergleichbar, in der man alles miteinander teilt und miteinander lebt. In diesem Sinne setzt uns Christus zu Erben des ewigen Lebens ein: Neben dieser Welt, in der alles mal vergeht, haben wir teil an Gottes Welt, die niemals vergeht. Wir werden dort in der engen Gemeinschaft mit Gott leben. Wir werden dort jeden Atemzug unseres Lebens mit ihm teilen. Und er wird in großer Segensfülle für uns sorgen. Was ist das für eine Hoffnung für unser zukünftiges Leben!

Liebe Gemeinde, wir können heute mehr mitnehmen als die weihnachtliche Stimmung dieser Tage. Nehmen wir diese Lichter mit, die uns aufgegangen sind: Wir sind bereits selig und Kinder Gottes aus lauter Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Wir sind beschenkt und freigesprochen aus lauter Gnade und Erbarmen. Ja wir sind sogar als Erben Gottes eingesetzt.  Wenn das kein Grund zum Feiern ist!!

Die rauschende Festtafel Gottes steht bereit. Nehmen wir dankbar Platz und begnügen uns nicht mit einer Bettelsuppe. Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de