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Zur PDFPredigt am 17.05.2026, Kreuzkirche Bayreuth, Text: Jer. 31, 31-34
Liebe Gemeinde,
das war was: alles geschenkt! Volles Verfügungsrecht über Eigentum und Besitz. Biedermann kann es gar nicht glauben. Er setzt nur seinen Verstand ein und findet das alles surreal und verrückt. Dabei hätte er doch die Freiheit gehabt, sich einfach beschenken zu lassen. Aber da war soviel Misstrauen da. Er traute dem allen nicht. Obwohl es testamentarisch vermacht war.
In der Bibel gibt es auch zwei Testamente. Das sog. Alte und das Neue Testament. Das AT ist durch das NT nicht einfach abgelöst. Aber es erscheint in einem neuen Licht. Im Christuslicht. Seit Christus in diese Welt gekommen ist, wird deutlich, dass manche Verheißungen des Alten Testaments auf Christus hinweisen.
Im Alten Testament galt der Alte Bund. Mit den zehn Geboten und weiteren 613 Vorschriften haben die Menschen zur Zeit des alten Testaments versucht, gottgefällig zu leben. Und wussten doch genau, dass das irgendwie nicht klappt. Es gab den Opferritus, nachdem alle Schuld des Volkes auf einen Bock geladen wird und dieser dann in die Wüste geschickt wird. Immer wieder musste man das machen. Weil man genau wusste: wir sind schuldige Menschen und irgendwie muss Erlösung von unserer Schuld her. Das war der Alte Bund. Und dann ist bei Jermia, mitten im Alten Testament, plötzlich von einem neuen Bund die Rede. Wir hören auf den Predigttext für den heutigen Sonntag: Jer. 31, 31-34:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Was Gott hier schenkt und schafft, ist wirklich grundlegend neu. Es wirkt sich in dreifacher Hinsicht aus.
- Der neue Bund
- Der neue Weg
- Die neue Zeit
- Der neue Bund
Was ist mit dem Bund gemeint? In unserer Umgangssprache kommt der Begriff noch hin und wieder vor. Wir leben in der Bundesrepublik, in der es einen Bundestag und Bundesrat gibt. Wer heiratet, schließt einen Bund fürs Leben, und die Bundesliga ist höher als die Regional-Liga. Immer geht es bei dieser Art um einen Zusammenschluss auf Augenhöhe, auf ein- und derselben Ebene.
Wenn Gott einen Bund mit den Menschen schließt, ist das ganz anders. Das sind zwei völlig unterschiedliche Größen. Wie ein Vater oder Mutter, der sein kleines Kind an der Hand nimmt und es führt und sicher leitet, so hat es Gott mit seinem Volk gemacht. Er hat es aus dem Sklavendasein in Ägypten herausgeführt. Der große Gott beugt sich zu den kleinen Leuten herunter. Der ewige Gott schließt mit dem kleinen Nomadenvolk ohne Land und ohne festen Wohnsitz einen Bund am Sinai. Das Kernstück ist seine Zusage: »Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.« Was ist das für ein Vorrecht, mit Gott im Bunde zu sein.
Nur eines erwartet Gott von seinem Volk: Treue. Wahre Treue hat immer mit Ausschließlichkeit zu tun. »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben«, heißt das erste der zehn Gebote. Aber genau daran hapert es. Wie furchtbar enttäuschend muss das für Gott immer wieder sein. Die Israeliten liefen den Modegöttern, den Glücksversprechern und Erfolgslieferanten hinterher und ließen ihren Gott im Regen stehen – immer und immer wieder. Und immer und immer wieder startet Gott eine Rückruf-Aktion durch die Propheten, und immer und immer wieder zeigen ihm die Menschen die kalte Schulter. Bis heute.
Jeder Mensch steht immer in der Gefahr, auf alle anderen Stimmen zu hören als auf die Stimme Gottes. Jeder Mensch steht in der Gefahr, zu tun und zu lassen, was man selbst will und Gott aus den Augen zu verlieren. Der Bund Gottes mit den Menschen wird von unserer Seite ständig ausgehöhlt. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen, und wie hoffnungslos war es zerronnen.
»Jetzt ist Schluss. Ich will nicht mehr.« So hört man es bei zerbrochenen Beziehungen. Und manchmal geht es zwischen uns Menschen wirklich nicht mehr anders, als dass wir eine Beziehung beenden. Gott aber sagt es anders:» Ich will einen neuen Bund schließen.« Das ist eine atemberaubende Ansage! Gott fängt nochmals neu an.
Können wir darüber noch staunen – oder ist das für uns schon Gewohnheitssache? Gott fängt ganz neu an. Er schafft Neues in der Katastrophe, neues Leben mitten im Untergang. Er verpflichtet sich ganz einseitig für diesen neuen Bund. Und selbst wenn Berge weichen und Hügel fallen würden – seine Gnade wird nicht weichen und der Bund seines Friedens nicht hinfallen. So groß ist Gottes Initiative.
Aber wie soll es dazu kommen? Dazu braucht es den neuen Weg.
- Der neue Weg
Was kann denn geschehen, wenn alles Rufen und Mahnen und Warnen nichts hilft? Was soll Gott denn machen, wenn der Mensch ihn nicht beachtet, wenn er seiner Bündnisverpflichtung nicht nachkommt, wenn er Gottes Gebote in den Wind schreibt? Auf vielen Seiten erfahren wir bei Jeremia, wie der Karren immer schneller bergab rollt und das Gericht unausweichlich ist. Aber an dieser Stelle geschieht etwas völlig Neues: Gott schafft das Herz des Menschen neu. Das ist der neue Weg. Gott schafft eine Zentral- und Totalerneuerung, keine Runderneuerung, wie bei einem abgefahrenen Reifen. Keine Reparatur von irgendwelchen Unfallschäden, wo das Auto eigentlich doch ein Unfallauto bleibt. Was Gott will, das wird nun nicht mehr auf Steintafel geschrieben wie bei den zehn Geboten bei Mose, sondern ins Herz der Menschen eingraviert.
Das Herz – da sitzt nach biblischem Verständnis der Wille – bei uns ist da das Gefühl angesiedelt und der Wille im Kopf. Wenn ich etwas will, dann ist das anderes als wenn ich etwas soll. »Du sollst«, sagt das Gesetz. »Ich will«, sagt das von Gott verwandelte Herz. Da geschieht es nun von innen heraus, eben von Herzen. Dieses Wunder schafft Gott durch denselben Geist, mit dem er die Welt erschaffen hat. Es geht wirklich um eine Neuschöpfung durch den Heiligen Geist bei uns. Es geht wirklich um eine Neuschöpfung von Dir und mir, um nicht weniger!
Da ist Gottes große verwandelnde Kraft am Werk, die mit allen Vorsätzen und allen Anstrengungen nicht zu erreichen ist.
Im Urlaub habe ich mal Gleitschirmfliegern zugeschaut. Beim Starten und beim Fliegen. Sie leben buchstäblich davon, dass der Wind sie trägt. Sonst sinken sie und fallen zu Boden. Genauso ist es bei uns. Wenn uns Gottes Geist, in der Bibel oft als Wind dargestellt, trägt, dann versinken wir nicht in unser altes Wesen. Dann wird etwas Neues an uns sichtbar.
Aber warum fühlt sich das im gelebten Leben oft so anders an? Wieso denken wir und erleben es oft auch so, dass bei uns alles beim Alten bleibt? Dass da eben doch wieder der alte Friedemann durchbricht, der sich hinterher schuldig geben muss vor Gott und Menschen. Wir haben noch mit manchen Zuckungen unseres alten Wesens zu kämpfen. Wir fallen oft auch auf die Nase durch unser altes Ego, das nach unten zieht. Aber trotzdem ist es völlig anders als vorher, neu nicht nur für einen Augenblick, sondern grundsätzlich. Jetzt zieht Gott selbst uns immer wieder nach oben durch seinen Geist. Der Geist Gottes selbst gibt uns wieder Auftrieb. Das ist Pfingsten lebenspraktisch. Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder, heißt es einmal. Wem der Geist Gottes Auftrieb gibt, der ist Gottes Kind. Wie befreiend ist das! Nichts kann unser Leben mehr verändern, als dass wir endlich aufhören, uns selber anzutreiben! Nichts kann unser Leben mehr verändern, als dass wir endlich aufhören mit der eigenen Nabelschau und sei sie noch so fromm und vermeintlich demütig. Martin Luther hat das Sündersein beschrieben als das „eingekurvt sein“ in sich selbst. Wenn wir uns wie eine Schnecke zusammenkauern und nur auf uns schauen, verlieren wir natürlich Gott aus dem Blick und schauen nur noch auf uns selbst. Andersherum geht es. Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt. Wir gehen an unseres Meisters Hand und unser Herr geht mit. Immer wieder auf unseren Herrn sehen und uns seiner großen, tragenden Kraft überlassen. Das ist Pfingsten lebenspraktisch. Das ist der neue Weg.
Der neue Weg kommt aber nur mit einer neuen Zeit.
- Die neue Zeit
»Siehe, es kommt die Zeit…«, wird hier angekündigt. Für Jeremia war diese Zeit noch weit weg. Er befand sich wie in einem Niemandsland – der alte Bund war zerbrochen, der neue noch nicht da. Das Nordreich Israel gab es schon fast 150 Jahre nicht mehr, das Südreich Juda stand am Abgrund. Jeremia hat wie kein anderer Prophet unter der alten Zeit und unter der Last seines Auftrags gelitten.
Aber für uns ist die neue Zeit da. »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn…«, sagt Paulus im Galaterbrief. Gott hat nicht auf bessere Zeiten gewartet, bis die Menschen zur Einsicht kommen und sich ändern. Da würde er noch heute warten. Er hat die neue Zeit angekündigt, als noch gar nichts zu sehen war, mitten in der alten Zeit mit den harten Herzen: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn…«. Jesus hat etwas ganz Neues, Einmaliges getan, indem er sich selbst für uns dahingegeben hat. Er hat Gottes Versprechen eingelöst. »Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird« sagt er beim Abendmahl. Wir bekommen Anteil an ihm und kommen hinein in seinen Bund. Der neue Bund, die neue Zeit ist in ihm erfüllt und wir sind hineingenommen.
Die neue Zeit bringt Neues mit sich in der Beziehung zu Gott und zu den Menschen. Gott vergibt die Schuld und löscht alle Einträge. Vergeben und vergessen ist bei ihm ein und dasselbe – er hält keine alten Rechnungen offen. Nur von Menschen heißt es manchmal: »Vergeben kann ich – vergessen nicht«. Wir neigen dazu, alles abzuspeichern, und wenn nicht im Bewussten, dann im Unterbewussten. Und manches schlummert im Verborgenen, was wir verdrängt und nicht verarbeitet haben. Gott aber vergibt und vergisst ganz. Er gedenkt unserer Sünden nicht mehr – sie kommen in seinem eigenen Gedächtnis nicht mehr vor. Zu dieser heiligen Vergesslichkeit hat er sich im neuen Bund selbst verpflichtet: »Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken«.
Die neue Zeit bringt auch einen neuen Umgang miteinander. »Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: ›Erkenne den HERRN‹, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß«, wird hier angekündigt. Damit ist die Liebe angesprochen, denn »erkennen« kann im biblischen Denken so viel wie lieben bedeuten. Die Liebe ist die tiefste Weise, wie wir mit Gott und miteinander verbunden werden. Wenn zwei Menschen einander lieb haben, dann brauchen sie keine Belehrung mehr darüber, was sie einander zuliebe tun könnten. Dann erfüllen sie mehr als nur die Pflicht. »Liebe und tu, was du willst«, sagt Augustinus. In der wahren Liebe kann man nichts falsch machen, nur erfüllen. Denn wo die Liebe ist, da ist Gott. Klein und groß werden Gott lieben. Was ist das für ein Segen, wenn in Familien Kinder und Erwachsene den Weg des Glaubens gehen.
Wir bekommen heute neu zugesprochen: Die neue Zeit ist durch Jesus Christus angebrochen, sie ist aber noch nicht vollendet. Wir sind noch unterwegs. Wir haben es noch nötig, einander zu lehren, zu ermutigen und zu ermahnen. »Es glüht und glänzt noch nicht alles, es regt sich aber alles. Wir sind noch nicht daheim, aber wir sind wohl auf dem Wege«, sagt Martin Luther. Wir leben im neuen Bund, in dem Gott das neue Herz schafft. Die neue Zeit hat schon begonnen. Wir warten, dass Gott vollendet, was er angefangen hat. Und darum bitten wir am Sonntag vor Pfingsten: »Komm, Heiliger Geist!« Amen.
Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth; Tel: 0921 41168;
E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de