Gottesdienst, Pfr. Wenzke, KiGo & TeenieKirche, Livestream

Zur PDF

Predigt am 22.03.2026, Kreuzkirche Bayreuth Hebr.13,12-14

Liebe Gemeinde,
standen Sie mal draußen vor der Tür? Richtig draußen? Nicht nur für einen kurzen Augenblick? Ausgeschlossen, ausgegrenzt und ausgeliefert.

Immer wieder gibt es sie, die drinnen und die draußen, Outsider und Insider, Eingeweihte und Ausgegrenzte, Menschen, die dazugehören, und solche, die draußen bleiben.

Eindrücklich das hoch umstrittene Nachkriegsstück von Wolfgang Borchert mit dem Titel: »Draußen vor der Tür«. Ein Stück, das bei seiner ersten Ausstrahlung zeigte, was es meinte: den immer wiederkehrenden Effekt der Unterscheidung in solche draußen und solche drinnen.

Da kommt ein Mann nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nach Hause und trifft – vom Krieg traumatisiert – auf eine völlig neue total veränderte Welt. Seine Verzweiflung spitzt sich zu, als er vor der Wohnungstür steht, hinter der er früher mit seinen Eltern gewohnt hatte. Doch am Türschild an der Wohnungstür steht nun ein anderer Name. Und so steht er draußen vor der Tür. Trotzdem fasst er sich ein Herz. Doch als die Tür geöffnet wird, teilt ihm die neue Bewohnerin mit, dass seine Eltern nach dem Krieg  ihre Wohnung verloren und sich das Leben genommen hätten, weil sein Vater ein aktiver Nazi gewesen sei. Der Kriegsheimkehrer sinkt verzweifelt und entkräftet auf den Stufen draußen vor der Tür in sich zusammen. Mehrfach fragt er nach dem Sinn des Lebens und des Laufs dieser Welt. Er fragt nach Gott. Er fragt nach Liebe. Doch eine Antwort bleibt aus. So endet das Stück mit einem dreifachen Aufschrei, ob ihm denn keiner Antwort gebe. Eine Antwort, die im Schweigen endet.

Eindrücklich ist diese Szene: Diese Verzweiflung, dieses Ringen und Suchen und Fragen – draußen vor der Tür. Der Autor, Wolfgang Borchert, bemerkt zu dieser Szene selbst: »Es gibt keine Antwort. Das Leben selbst ist die Antwort. Oder wissen Sie eine?«

Unser heutiger Predigttext handelt auch von einer Szene draußen vor der Tür. Draußen vor der Stadt, draußen vor dem Tor. Auch dort wird einer ausgegrenzt, zum Outsider abgestempelt – ganz bewusst. Einer, den die Insider nicht brauchen konnten, weil zu ihnen nicht passte und weil ihnen nicht passte, was er sprach und tat. Eine fromme Insidergemeinschaft, in der Fremdes, Ungewohntes buchstäblich keinen Raum, keine Herberge hatte. Noch nicht einmal die Chance, gehört zu werden.

Hören wir den Abschnitt aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefs, der uns für heute vorgegeben ist, die Verse 12–14.

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Was für ein Text, liebe Gemeinde, sperrig, unverständlich, fremd: Jesu Leiden – draußen vor dem Tor. Zur Heiligung des Volkes. Und dann der Aufruf zum Auszug, zum Exodus – aus dem Lager, was immer das heißen mag. Weil wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen – vielleicht noch der eingängigste Satz, der vor vielen Jahren mal Jahreslosung war.

Da ist zunächst das Leiden Jesu draußen vor der Tür. Eine Anspielung auf den Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Der Felsen mit der Schädelform, genannt Golgatha, der Müllplatz des damaligen Jerusalem – draußen vor den Toren. Ein unreiner Unort, den jede fromme Seele damals mied. Und doch – für die frommen Menschen damals der Ort, an den Jesus hingehörte, dazu noch mit einem solch verruchten Tod – wer am Kreuz hing, galt als verflucht!

Und zugleich eine Anspielung auf die Opferpraxis des Alten Testaments: Die Körper der Opfertiere, die im Tempel geopfert wurden, wurden draußen vor dem Tor verbrannt. Draußen vor dem Tor – ein Todesort, ganz im Gegensatz zum Ort des pulsierenden Lebens hinter den Toren, drinnen in der heiligen Stadt mit dem heiligen Tempel, dem Ort von Gottes Gegenwart. Auch am großen Versöhnungstag wurden die Tiere mit der Schuld des Volkes beladen und buchstäblich in die Wüste geschickt, weit weg, weit raus aus der Stadt, draußen vor das Tor.

Golgatha, der Todesort Jesu, ein wüster Ort, ein Ort des Todes, der Vergänglichkeit, der Ort des Abfalls, auf dem alles landete, was unrein war und unnütz, was nicht zu gebrauchen war oder nicht mehr. Und doch: ein wunderbarer Ort – durch Jesus.

Weil es Gott um einen Auszug geht, eine Befreiungstat, wie damals die Befreiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens. Gott – ein Gott der Befreiung. Gott selbst – der Befreier. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit – lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auferlegen!«

Dafür steht die Müllhalde Golgatha draußen vor dem Tor – durch Jesus, durch Jesu Kreuzestod. Was für eine Verkehrung! Der Ort, an dem Menschen Jesus festnageln wollten – festgenagelt durch ihre eigenen Vorstellungen von Gott, ausgerechnet dies ein Ort der Freiheit. Der Ort, der gerade gut genug war für den Müll des Lebens, ausgerechnet dies ein Ort der Hoffnung. Der Ort der Vergänglichkeit, des Todes, ausgerechnet dies ein Ort des neuen Lebens – für immer.

Warum? Weil Golgatha, weil die Schädelstätte nicht das Letzte geblieben ist, sondern das Vorletzte. Weil Jesu Tod nicht sein Ende war, sondern der Anfang des neuen Lebens. Weil Jesus sich zwar niederstrecken ließ am Kreuz, aber auferweckt wurde und auferstand. Die Auferweckung Jesu, ein Weckruf gegen alles, was Letztgültigkeit behauptet – auch im Drinnen und Draußen. Die Auferstehung Jesu, ein Aufstand gegen die Endgültigkeit des Todes – gegen alle Festlegungen, die festzustehen scheinen. Das Aufstehen Jesu aus dem Tod ein Grund zum Aufsehen – gegen alle Resignation, die nur auf den Boden starren lässt oder auf sich selbst.

Ostern, ein einzigartiger Aufbruch aus dem alten Lagerdenken, das von sich selbst aus bestimmen will, was drinnen und draußen, was passend uns unpassend, was möglich und unmöglich erscheint. Schon bei Jesu Geburt deutet sich das an. Gott kommt anders, weil Gott anders ist, als wir denken. Nicht in Glanz und Gloria kommt Gott in diese Welt, nicht mit Blitz und Donnerhall, nicht mit allen möglichen Insignien der Macht – sondern ohnmächtig, erbärmlich-ärmlich als kleines Kind in einem Futtertrog. Schon damals ausgegrenzt und ausgesperrt – ohne Raum in der Herberge. Und schon damals – welche Verkehrung – sind die Ausgegrenzten, die Outsider draußen auf dem Feld, die Hirten die ersten Adressen von seiner Geburt, die ersten Gäste an der Krippe.

Und dann dieser heruntergekommene Gottessohn am Kreuz – draußen vor dem Tor. Noch kurz zuvor gefeiert wie ein Held mit wahrhaft königlichem Empfang. Nur wenige Tage später ausgebuht und ausgegrenzt, verspottet und verhöhnt. Was für ein Umschwung: aus dem Jubel-»Hosianna!« wird ein »Kreuzige ihn!« Und Gott lässt das alles mit sich machen. Sogar herausfordern lässt er sich: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann steige doch vom Kreuz herab!« Was für ein Gott! Ganz anders als erwartet – gegen jede Vorstellung, die wir uns davon machen, was ein Gott ist und kann.

Verkehrte Welt! Nicht Gott haut auf den Tisch und setzt dem Treiben ein Ende. Sondern der Mensch trumpft auf und triumphiert. Nicht der Mensch leidet, sondern Gott. Was für eine Umkehrung der Verhältnisse – verrückte Welt!

Und doch: Der Aufbruch Gottes, sein Auszug, ein Aufbruch, der Mauern aufbrechen lässt. Was für ein Aufbruch: Fest zementierte Mauern zwischen Leben und Tod, zwischen vermeintlich Gottlosen und Gerechten, zwischen Menschen, die angeblich drinnen oder draußen sind. Festgemauerte Vorstellungen über Gott und die Welt. Festgezurrte Grenzen, was sein kann und was sein darf oder auch nicht. Gott stellt unsre Welt auf den Kopf um zu zeigen: Drinnen und draußen ist alles andere als eine feste Ortsbestimmung. Nein, vermeintlich drinnen kann auch draußen sein und umgekehrt. Aus angeblichen Outsidern können Insider werden – aus Gästen und Fremdlingen Gottes Mitarbeiter und Hausgenossen!

Alles gerät in Fluss. Denn Gott lädt Sünder und Gerechte zu sich ein. Solche, die sich für abgrundtief verloren halten, und solche, die meinen, sie seien Gott schon recht.
Ein Aufbruch aus den schützenden Mauern falscher Selbstsicherheit, frommer Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit. Ein Auszug aus den Selbstbegrenzungen und Selbstbeschränkungen dessen, was wir für denkbar und möglich halten, was uns passend erscheint oder auch nicht. Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt.
Ein Auszug aus dem unsäglichen Druck, sich selbst beweisen zu müssen, hin zur unsagbaren Freiheit, dass Gott alles, wirklich alles für mich tut – sogar das Letzte und Tiefste. Er bricht auf in diese Welt. Er lässt sich festnageln. Er setzt sich in Jesus der tiefsten Tiefe aus, dem Tod. Und das alles nur, um aufzuwecken und aufzurütteln, um aufzubrechen, was als unaufbrechbar galt – die Macht der Sünde und unsere Verlorenheit.

Die Folge von Gottes Aufbruch lässt uns Jesus nachfolgen. Das Ende allen Lagerdenkens, der Schritt nach draußen. Der Schritt ins Weite. Ein Schritt der Freiheit, der neue Perspektiven wachsen lässt – im Blick auf Gott, im Blick auf mich selbst und auf andere. Auch ein Schritt auf andere zu, die vorher draußen waren. Nicht von ungefähr ist die Kirche – so das griechische Ursprungswort – die Gemeinschaft der Herausgerufenen, derer, die hinein gesandt sind in diese Welt.

Wir sind in unserer westlichen Welt heute eine satte, leidensscheue und wenig flexible Christenheit geworden, in der man nicht mehr viel merkt von einem Geist des Aufbruchs. Etabliert sind wir, sesshaft, angepasst an die Welt, die uns umgibt, verschanzt hinter Mauern unserer Kirchen und Gemeindehäuser – und deshalb fallen wir kaum noch auf unter den gesellschaftlichen Gruppen unserer Zeit, deshalb fehlt uns weithin die missionarische Ausstrahlung. Wir sind träge geworden und ich fürchte, uns ging es viele Jahre zu gut. Deshalb sehe ich bei allem Bedauern und Schmerz über eine kleiner werdende Kirche darin auch eine Chance zu einer agileren, lebendigeren, christuszentrierteren Kirche. Bei allem Schmerz über den Verlust von Liebgewordenen gibt es keinen Grund aufzugeben, sondern in Demut von Gott Großes zu erwarten.

Darum gilt uns heute in besonderer Dringlichkeit:
»Lasst uns nun mit ihm hinausgehen aus dem Lager.« »Mit uns will Gott in die Welt hinein«, so hat Johann Christoph Blumhardt einmal gesagt. Er, der selber aufgebrochen ist in die Welt der Krankheit und der Dämonen hinein und der dadurch ein gutes Stück weit die Schmach Christi tragen musste. Hinausgehen aus dem Lager, aus den beschützten Räumen, dorthin, wo die Menschen sind, die noch nichts oder nichts mehr von Jesus und seinem Werk wissen, das ist Jesu Weg. Er geht diesen Weg mit uns. Ihm können wir trauen.

Blicken wir noch kurz auf den letzten Vers unseres Predigttextes:

  1. 14: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Noch einmal: Christen sind Menschen, die unterwegs sind. Und damit ist klar: Ihr letztes Ziel liegt nicht in dieser Welt. Es ist Gottes Stadt, sein ewiges Reich. Auch wenn wir in unseren Eigenheimen festsitzen und uns darin wohlfühlen – unser eigentliches Heim ist nicht hier. Die Christenheit hat viel, ja sie hat Entscheidendes verloren, wenn sie diesen weiten Horizont ihrer Hoffnung nicht mehr festhält und erkennbar vertritt.

Es gab in lange vergangenen Zeiten einen Brauch: Beim Klang der Abendglocke gingen die Kinder von der Straße in die Häuser. Dort sprach man in der ganzen Familie gemeinsam das Abendgebet Gerhard Tersteegens:

Ein Tag, der sagt’s dem andern

mein Leben sei ein Wandern

zur großen Ewigkeit.

O Ewigkeit, so schöne,

mein Herz an dich gewöhne,

mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

Ob wir das nicht aufs Neue einführen und üben sollten, mit unseren Kindern oder Enkeln gemeinsam zu beten mit dem Blick auf Gottes Stadt, auf sein ewiges Reich?

Nur wer ein Ziel vor Augen hat, kann das Leben bestehen und diese Welt aushalten. Und nur wer immer wieder einen Aufbruch wagt, ist in Wahrheit unterwegs, kommt schließlich ans Ziel. Sitzenbleiben ist keine Option. Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth; Tel.0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de