Gottesdienst, Pfr. Wenzke, KiGo & TeenieKirche, Livestream
Zur PDFPredigt 03.05.2026, Kreuzkirche Bayreuth: Kol. 3, 12-17:
Liebe Gemeinde,
Kleider machen Leute. Sicherlich kennen Sie dieses Sprichwort, das ja ursprünglich aus der Literatur kommt. Und es ist ja wirklich was Wahres daran. Es ist nicht egal, wie ich mich anziehe. Es gibt Dinge, die stehen mir und andere eben nicht. Und es gibt für bestimmte Anlässe geeignete und ungeeignete Kleidung. Wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden an den letzten beiden Sonntagen in Heinersreuth und Kreuz mit zerrissener Jeans, einem verwaschenem Hemd oder einer verfärbten Bluse und ausgetretenen Schuhen zur Konfirmation gekommen wären, so wäre das sicher ziemlich unpassend gewesen. Sind sie aber nicht, keine Sorge! Alle waren sehr schick! Kleider machen eben Leute.
Das gilt für Männer genauso wie für Frauen, bloß dass die Frauen es wegen der reichen Auswahl an Kleidern vielleicht manchmal noch etwas schwerer haben. Wahrscheinlich kennen sie diese Szene: da ist ein Ehepaar irgendwo eingeladen. Der Ehemann sitzt schon mürrisch im Auto, startet wohlmöglich schon den Motor und die Frau läuft noch grübelnd vor dem überquellenden Kleiderschrank hin und her. Sie jammert: „Ich habe nichts passendes anzuziehen. Kurze Zeit später beginnt dann der Krach zwischen den Eheleuten, wobei dabei keineswegs immer die Frau die Schuldige ist. Der Mann hätte sie ja auch beraten können.
In unserem Predigttext heute geht es auch ums Anziehen. Um das Anziehen eines neuen Wesens. Als wenn das so einfach wäre. Aber hören wir mal genau hin, was der Apostel Paulus an die Gemeinde in Kolossä schreibt: Kolosserbrief Kapitel 3, die Verse 12-17:
(12) So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
(13) und ertrage einer den anderen und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
(14) Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
(15) Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
(16) Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen.
(17) Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Paulus passt sich der Lebenswelt seiner Adressaten an. Er redet vom Anziehen. Warum? Nun die kleine Stadt Kolossä lag in Phrygien, einer Gegend in der heutigen Türkei. Diese Gegend war berühmt wegen der Wollindustrie. Hier wurde die Wolle bearbeitet und in den schönsten Farben gefärbt. Kein Wunder, dass hier die Leute auch besser gekleidet waren.
Offenbar hatten die Menschen in dieser Region zur Zeit des neuen Testaments fünf verschiedene Gewänder auf ihrem Körper getragen. Auf diese fünf Gewänder spielt Paulus offenbar in unserem Predigttext an.
In den vorangegangenen Versen schildert er fünf schlechte Gewänder, die ausgezogen werden sollen: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung und böses Gerede.
Stattdessen sollen fünf gute Gewänder angelegt werden: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld.
Aber hinkt da nicht irgendwo der Vergleich, den Paulus hier zieht? Zugegeben auch die Kleiderwahl kann schwierig sein, aber noch viel schwieriger ist doch auf einmal freundlich und geduldig zu sein, wenn man vielleicht eher ein ungeduldiger Mensch ist. Oder demütig, wenn man sich doch selbst gerne in den Vordergrund stellt. Unsere negativen Charakterzüge können wir doch nicht so einfach ablegen wie unsere Tageskleidung vor dem zu Bett gehen! Manchmal denke ich: Schön wärs! Aber so einfach ist es nicht. Da musste schon mehr geschehen, damit Paulus das so schreiben konnte.
Was ist dieses „Mehr“? Es ist das, was an Ostern geschehen ist. Ganz zu Beginn des 3. Kapitels schreibt Paulus: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so ….“ – und dann kommen die Folgerungen, die Paulus aus dem Osterereignis zieht. Ostern ist also nicht ein isoliertes Ereignis. Für Christen kann nach Ostern das Leben eigentlich nicht so weitergehen, als wäre nichts gewesen. Ostern hat Folgen. An Karfreitag und Ostern trat die entscheidende Wende in unserem Menschsein ein: das alte Wesen wird in den Tod gegeben und wirklich neues Leben entsteht.
In den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche hat man dieses Ostergeschehen ganz eng mit der Taufe verbunden gesehen. Das war damals auch noch deutlicher, weil man in der Taufe damals noch ganz untergetaucht wurde. Mit der Taufe soll symbolisch gezeigt werden: Im Wasserbad der Taufe wird der sündige Mensch mit Christus versenkt und begraben. Und aus dem Wasser der Taufe heraus steht der neue Mensch auf, dem Gott ein neues Leben schenkt.
Das ist hohe Theologie, ich weiß. Und sie deckt sich vielleicht bisweilen nur schwer damit, wie wir andere und auch uns selbst mitunter erleben. Da ist oft so wenig von einem neuen Wesen zu sehen. Aber das ist im tiefsten Grunde nur ein Problem unserer Wahrnehmung. In Gottes Augen sehen wir nämlich schon ganz anders aus. In Gottes Augen sehen wir schon wie Christus aus. Das sind steile Sätze. Aber sie stimmen genau mit dem überein, was Paulus meint. Nicht „Kleider machen Leute“, sondern der auferstandene Christus macht Leute. Er macht Menschen nach Gottes Bild.
Und genau darum geht es in dem heutigen Predigttext: dass dieses neue Wesen, das uns seit Ostern erworben ist, nun auch in unserem Leben zum Ausdruck kommt. Da geht es also nicht um fromme Leistung, um eine Veränderung aus eigener Kraft. Da geht es darum, dass wir das werden, was wir in Christus bereits sind. Da geht es darum, dass sich das bereits jetzt widerspiegelt in unserem Miteinander.
Hier im Kolosserbrief ist da besonders das Miteinander in der Gemeinde im Blick. Die ersten Christengemeinden damals und auch viele unserer Gemeinden heute sind ein sensibles und auch gefährdetes Gebildete. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, ist noch lange nicht im ruhigen Hafen angelangt, sondern oft noch ein kräftig durch Turbulenzen und starke Stürme hin und her geschütteltes Schiff. Soviel an uns ist, auch an uns Hauptamtlichen, müsste der Kahn schon manchmal beinahe gekentert oder untergegangen sein. Wenn alles auf uns ankäme, dann würde das Schiff Gemeinde nie den Zielhafen erreichen. Oft sind es die zwischenmenschlichen Probleme, die das Schiff an ein Riff zu steuern drohen. Da helfen keine Appelle an den gesunden Menschenverstand. Da helfen auch keine moralischen Aufrufe.
Ganz anders ist es mit dem Aufruf, der die Möglichkeit allein bei Gott sieht: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ Damit ist nicht die menschliche Liebe gemeint, die doch immer wieder starken Schwankungen unterworfen ist. Damit ist die Gottesliebe gemeint, die uns in Jesus begegnet ist. Von dieser Liebe leben wir alle. Sie trägt uns. Und sie erhält uns. Auch als Gemeinde. Es geht darum, dass sie in unserer Gemeinde immer mehr Gestalt gewinnt.
Bei Besuchen zu Ehejubiläen kommt es manchmal vor, dass mir ältere Ehepaare ihre Traubibel zeigen. Viele Jahrzehnte ist sie oft schon alt. Oft hat so eine alte Bibel in großer Schrift über 2000 Seiten. Ich habe mich schon oft gefragt, wo die vielen einzelnen Seiten wohl heute wären, wenn sie nicht durch einen sorgsamen Einband so fest eingebunden wären in das Buch. Jede einzelne Seite wäre vielleicht zerrissen, verknickt, abhanden gekommen oder verlegt. Aber eingebunden sind alle Seiten noch vorhanden, vollständig lesbar und brauchbar.
Auch wir als einzelne Christen sind wie viele Seiten eines Buches. Jeder ist anders. Keiner ist das Ganze, aber alle zusammen bilden die ganze Gemeinde. Christen als Lose- Blatt- Sammlung hat keinen Bestand. Aber eingebunden in die Gemeinde ergänzen wir uns gegenseitig. Auch im Blick auf die fünf Kleider, die hier vom Verfasser des Kolosserbriefes genannt werden: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Das ist wie bei der alten Traubibel: Vom Goldschnitt sieht man nur etwas, wenn alle Seiten zusammenliegen. Jede einzelne Seite leuchtet nur wenig. Aber alle Seiten zusammen verbreiten einen starken Glanz. So können wir als Licht der Welt nur in der Gestalt der Gemeinde leuchten und wirken. Allein wirken wir oft blass und winzig, aber zusammen bilden wir eine ausstrahlungskräftige Gemeinde.
Der Weg dazu wird uns in unserem Predigttext ganz klar gezeigt: (16) „ Seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen; Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen.
(17) Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn“.
Diese Verse sprechen für sich. Mir fällt allerdings noch auf, dass in ihnen dreimal das Wort danken bzw. dankbar vorkommt. Ich beobachte auch an mir selbst, dass dies etwas ist, was wir zunehmend verlernen. In unserer Gesellschaft und zuweilen auch in unserer Kirche ist der Geist des Jammerns, der Unzufriedenheit und Undankbarkeit eingezogen. Über die wenigen Kleinigkeiten, die fehlen, haben wir die großen Gaben und das viele Gute ganz vergessen. Das verstellt uns den Blick für das Leben.
Dabei bietet fast jeder Tag irgendeinen Grund, dankbar zu sein. Manchmal sind es ganz große Ereignisse wie für euch, liebe Christina und lieber Sebastian heute besonders die Taufe eures Sohnes Mateo. Manchmal aber auch ganz unscheinbare Dinge. Möge Gott uns dafür die Augen öffnen, dass in unserem persönlichen Leben und in unserem Leben als Gemeinde etwas aufstrahlt und sichtbar wird von dem, wie Gott uns eigentlich schon sieht: nämlich in den neuen Kleidern der Liebe, mit der Christus uns liebt. Und lasst uns darüber fröhlich werden und immer wieder ins Singen kommen. Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in eurem Herzen. In ganz unterschiedlichen Stilen und Musikrichtungen. Gesangbuchlieder, moderne Lieder, Kinderlieder, begleitet von Orgel, Posaunen, Schlagzeug, Piano, Geige, Bratsche, Querflöte und was uns sonst noch für Instrumente einfallen. Alles darf dazu dienen, unserer großen Dankbarkeit gegenüber Gott Ausdruck zu verleihen.
Amen.
Bei Rückfragen gerne wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168