Gottesdienst im Grünen, Pfr. Wenzke und Ehepaar Linka, KiGo & TeenieKirche

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Predigt am 26.07.2026, Kreuzkirche: Joh.9,1-7

Sehen ist gut, Erkenntnis ist besser.

Liebe Gemeinde,
alle zwei Jahre muss ich zum Sehtest zum Optiker. Ich bin kurzsichtig und ich muss prüfen lassen, ob meine Brillengläser – inzwischen Gleitsichtgläser – noch die richtige Stärke haben. Das ist besonders beim Autofahren wichtig, aber auch sonst. So ein Sehtest beim Augenoptiker bestätigt zwar gutes Sehvermögen für Formen und Farben, aber nicht, ob man durchschaut, was man anschaut. Zum wirklichen Sehen gehört Einsicht und Erkenntnis. Und so frage ich mich manchmal: bin ich nicht nur körperlich kurzsichtig, sondern vielleicht manchmal auch geistig und wohlmöglich sogar geistlich kurzsichtig? Das wäre ja fast noch schlimmer als die körperliche Kurzsichtigkeit. Fakt ist: man darf nicht nur Vordergründiges sehen, sondern muss tiefer auf die Hintergründe schauen. Es gibt den bekannten Spruch: der Mensch sieht nur mit dem Herzen gut. Und der Evangelist Johannes erzählt uns heute meisterhaft eine Heilungsgeschichte, in der es um weit mehr geht als um eine körperliche Heilung.

– Lesen des Predigttext: Johannes 9, 1–7 –

Jesus ging an einem Mann vorbei und sah, dass der von Geburt an blind war.

2Da fragten ihn seine Jünger: »Rabbi, wer war ein Sünder, sodass er blind geboren wurde – dieser Mann oder seine Eltern?«

3Jesus antwortete: »Weder war er selbst ein Sünder, noch waren es seine Eltern. Vielmehr sollen die Taten Gottes an ihm sichtbar werden.

4Wir müssen die Taten vollbringen, mit denen Gott mich beauftragt hat, solange es noch Tag ist.

Es kommt eine Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.«

6Nachdem er das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden. Aus der Erde und dem Speichel machte er eine Paste und strich sie dem Blinden auf die Augen.

7Dann sagte er ihm: »Geh und wasch dich im Teich von Schiloach!« – Schiloach heißt übersetzt »der Gesandte«. –

Der Mann ging dorthin und wusch sich.

Als er zurückkam, konnte er sehen.

Jesus kommt gerade von harten Streitgesprächen mit einer Gruppe von Juden. Sie vertreten Moses Gesetz als Heilsweg. Was Jesus über seine göttliche Sendung, Herkunft und Auftrag sagt, versetzt sie in hellen Zorn. Für sie ist sein Anspruch Gotteslästerung: Wer mein Wort hält, wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Das empört sie so, dass sie Steine aufheben, um ihn auf der Stelle zu steinigen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.

Im Vorübergehen sah er einen blindgeborenen Menschen. Blind von Anfang für alles! Was für ein Anblick! Unsägliches Elend, ständige Finsternis. Er hat noch nie die Schönheit der Schöpfung gesehen. Himmelsblau, Blütenfarben, Menschengesichter – all das, was wir hier sehen, kann er sich nicht vorstellen. Farblose Vorstellungen hat er nur vom Betasten und durch Töne. Er muss betteln, mehr kann er nicht. Ob andere Fähigkeiten in ihm schlummern, fragt keiner. Er lebt ohne Perspektive. Seine Tage vergehen, das Leben geht an ihm vorbei.

Er hört Schritte, sie kommen näher, werden schneller, entfernen sich. Viele Leute sehen ihn nicht, wollen ihn nicht sehen, sie sehen weg. Seinen Anblick wollen sie sich nicht zumuten. Trotz sehender Augen viel Herzensblindheit. Er lebt von denen, die ihm Almosen geben. Daran hängt sein Leben. Ist es sinnlos? Ein nutzloser Esser? Wäre er besser gar nicht?

Wieder hört er Schritte. Einer bleibt stehen, sieht ihn an. Wie? Wird er entsetzt angestarrt? Er hört Schritte einer Gruppe. Begleiter dessen, der ihn sah und stehen blieb. Er hört Worte wie Messerstiche: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Viele fragen so, suchen Erklärungen, warum er so dran ist. Immer wieder bekommt er zu hören: Das Ergehen eines Menschen ist Folge seines Tuns. Solche Auswirkungen müssen doch Ursachen haben! Wer ist Ursache, wenn einer von Anfang an blind ist? Er selbst, seine Eltern? Was richtet diese Frage beim Blinden an? Soll er sich selbst hassen oder seine Eltern? An sich verzweifeln oder an denen, die ihn in die Welt gesetzt haben? Warum fragen sie nach Schuld und Ursache? Als Alibi, um sich davonzustehlen? Selbst schuld, dann sieh selbst zu! Wieder kommt sie heraus, die Blindheit bei vermeintlich Sehenden. Was richtet sie an in der Seele Betroffener, wenn Blinde nach den Sünden Blinder forschen? Ist das nicht wie Wunden verbinden mit Dreckfingern? Herumstöbern in der Vergangenheit öffnet keine Zukunft. Weder in dieser Begebenheit hier noch in deinem Leben. Was gewesen ist, ist gewesen. Manche Dinge lassen sich im Leben nicht mehr ändern, mit manchen Dingen muss ich leben lernen: mit bestimmten Krankheiten, mit beruflichen Brüchen, mit den Folgen persönlicher Fehlentscheidungen, mit der Familie und Verwandtschaft, die zu mir gehört und wo vielleicht nicht alles gut ist. Aber was hilft dann alles dran rummachen und sich daran aufhalten?

Herumstöbern in der Vergangenheit bringt keine Zukunft. Weder in deinem eigenen Leben noch wenn Du das im Leben anderer tust. Vor allem musst Du dich fragen, wer Dir überhaupt das Recht dazu gibt. Wer gibt dir das Recht im Leben anderer die Schuldfrage zu stellen?

 

In unserer Begebenheit geschieht eine heilvolle, zukunftsgerichtete Wendung: Da hört der Blindgeborene Worte von dem, der ihn ansah, wie zuvor keiner: Jesus Christus. Worte aus einer anderen Welt: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Da merkt der Blinde: Da geht eine Tür in die Zukunft auf! Mein Leben nicht sinnlos? Kein selbstverschuldetes Elend? An mir sollen Gottes Taten sichtbar werden? Ich ein Gotteszeichen in dieser Welt? Welch eine Würde bekäme ich da! Er hört, wie Jesus sagt: Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat zu denen in der Finsternis.

Als Jesus das gesagt hatte, spuckt er auf die Erde, macht einen Lehmbrei und streicht ihn auf die Augen des Blinden. Der Blinde sieht nichts, vielleicht hört er Geräusche. Doch die zarte Berührung spürt er. Den Arm, der sich um seine Schulter legt und die vorsichtigen Finger, die ihm den Brei auf die Augenlieder legen, ohne ihm Sand in die Augen zu reiben. Dann hört er: Geh zum Teich Siloah, das heißt übersetzt »gesandt« und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Erstaunlich, wie kurz und knapp der Evangelist Johannes die spannendste Stelle dieser Heilungsgeschichte erzählt. Wer sich mit dem Geschick des Blindgeborenen identifizierte, hätte zu gerne gewusst, wie er zum Teich Siloah fand, ob er sich führen ließ, wie ihm die Augen aufgingen, als er sich wusch. Wie es war, als er zum ersten Mal das Sonnenlicht sah, Blüten, Bäume, Häuser und Menschen. Kein Wort verliert der Evangelist darüber. Warum dieser Bruch in der Erzählung?

Johannes geht es primär gar nicht um das Sehen von Formen und Farben. Es geht ihm um die Menschen, die sehenden Auges blind waren. Es gibt eine Blindheit der Herzen, die angeboren ist und nach Heilung schreit. Im Tempel begegnete Jesus Menschen, die blind waren im Unglauben für Gottes Gesandten und das Heil, das er bringt. Blinde, die sich ihres Durchblicks rühmen! Wir brauchen Einsicht und Erkenntnis, dass wir bei Menschen im Elend nicht nur fragen: Wer ist schuld, wer hat versagt, wer hat gesündigt? Wenn wir Ursache und Wirkung zu kennen meinen, sehen wir noch keine Erlösung, die Elend überwindet. Und wir überschätzen uns oft selbst und tun anderen auch damit Unrecht.

Wie geht es mit dem Blindgeborenen weiter, der sehend zurückkommt? Da wurde er plötzlich interessant für Leute, die ihn bisher übersehen und sich mit seiner Bettlerexistenz abgefunden hatten. Sie stellen die Wie-Frage nach dem Schema von Ursache und Wirkung von Tun und Ergehen. Sie tun sich schwer mit der Wer-Frage. Wer erlöst unser Leben vom Verderben?

Johannes erzählt: Es kommt eine Diskussion in Gang, in deren Verlauf der sehend Gewordene immer mehr erkennt, wer ihn aus seinem Elend erlöst hat. Zu dieser Einsicht kommt er in der Auseinandersetzung mit denen, die gegen Jesus waren. Sie bleiben mit haarsträubenden Argumenten bei ihrem vorgefassten Urteil: Jesus ist ein Sünder und gotteslästerlicher Volksverführer. Als sie merken, dass der Sehendgewordene ihren Argumenten nicht folgt, schließen sie ihn aus ihrer Gemeinschaft aus. Nicht im Entferntesten kommt ihnen in den Sinn, zu fragen, welche Hilfe er von ihnen brauchen könnte.

Jesus erfährt von dem Umgang mit dem Geheilten. Er sucht ihn, bis er ihn gefunden hat. Denn seine Heilung muss noch zu ihrem Ziel kommen. Er fragt ihn: Glaubst du an den Menschensohn? So nennt man den, der nicht nur zeitlich heilt, sondern ewig rettet. Er fragt: »Herr, wer ist’s, dass ich an ihn glaube?« – »Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s«. Er aber sprach: »Herr, ich glaube« und betete ihn an.

Jetzt ist der Blindgeborene wahrhaft geheilt. Wirklich sehend geworden ist er im Glauben an Jesus Christus. Sein Glaube fing an, als er hörte und sich auf Jesu Wort einließ und zum Teich Siloah ging, um sich zu waschen. Dann ging ihm Schritt für Schritt auf, wer ihm in Jesus von Nazareth begegnet war. Den Durchbruch zum Glauben fand er, als Jesus selbst sich ihm offenbarte. Im Glauben fängt für ihn ein Sehen seines Retters an, der ihn aus tiefster Finsternis herausgeholt hat. Sein Glaube wird ein Sehen, bei dem er aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Im Glauben erkennt er den Herrn, an dem er sich nicht satt sehen kann.

Die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen zeigt uns, wie blind wir oft innerlich sind. Wenn wir uns auf unser eigenes Sehvermögen verlassen, verfallen wir der Blindheit, die uns in der Finsternis eines Lebens ohne Gott enden lässt. Im Unglauben verharren heißt, der Umnachtung verfallen.

Jesus Christus ist als Licht der Welt erschienen, damit alle, die an ihn glauben, nicht in der Finsternis bleiben, sondern das Licht des Lebens haben.

Johannes nennt mit Absicht den Namen des Blindgeborenen nicht. Er könnte unseren Namen tragen. Es könnte unsere Lebensgeschichte sein, dass Jesus Christus bei uns vorbeikommt und sieht, welches Werk zu unserer Rettung Gott an uns tun will. Er fragt nicht nach unserer Vergangenheit. Ihm geht es um unsere Zukunft. Uns sollen die Augen aufgehen, wie er uns aus unserem Elend herausführt und uns sich zu erkennen gibt als das Licht unseres Lebens. Wie in der Schöpfung die Erschaffung des Lichtes erst Leben ermöglichte, so ist Jesus Christus für uns das Licht, das uns Leben in der Gemeinschaft mit Gott ermöglicht. Im Glauben an ihn finden wir unser wahres, gottgewolltes Wesen, im Unglauben verfehlen wir es. Wenn uns dafür die Augen aufgetan werden, ist das schönste und größte Wunder an uns geschehen. Und das wird vielen um uns herum wohl tun.   Amen.

Bei Rückfragen gerne wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de