Gottesdienst, Pfr. i.R. Schöppel, Livestream
Zur PDFTrinitatis, Kreuzkirche, 31.05.2026, 4.Mose 6, 22-27
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Bevor ich den Predigttext für diesen Trinitatis-Sonntag vorlese, muss ich was klarstellen: Ich hab‘ nichts durcheinandergebracht in der liturgischen Reihenfolge, ich will auch niemanden dazu verleiten, dass er danach, wie gewohnt, sofort die Kirche verlässt, sondern wir wollen heute mal miteinander darüber nachdenken, was in den Segensworten steckt, die uns am Ende jedes Gottesdienstes zugerufen werden.
Die genau sind nämlich heute unser Bibeltext für die Predigt: Der sogenannte aaronitische oder priesterliche Segen. Er ist im 4.Buch Mose, in den Versen 22-27 zu finden, mitten in Ordnungen für Priester und Gottesdienste:
Einleitend der Satz: Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Und dann folgt, was uns aus dem Gottesdienst wohlvertraut ist:
Der Herr segne dich und behüte dich;
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Abschließend dann nochmal die klarstellende Anweisung:
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Dieser letzte Satz, der Vers nach dem Segen, stellt klar, dass nicht der Beauftragte segnet, der Priester oder Pfarrer, sondern Gott selber. Die in seinem Auftrag Handelnden legen den Namen Gottes auf jene, die sich segnen lassen. Was ist damit gemeint? – Nach biblischem Verständnis ist der Name mehr als nur eine Bezeichnung für etwas. Bereits vom Namen geht etwas aus. Der Name hat Macht, ist Autorität und Identität. Ganz besonders gilt das für den Namen Gottes.
Der biblische Gottesname ist in der Lutherbibel übersetzt mit HERR in der Lutherbibel ist dieses Wort immer mit Großbuchstaben geschrieben, wenn Gott gemeint ist. Um Verwechslungen zu vermeiden und die Macht, Heiligkeit und Würde dieses Namens hervorzuheben. Es geht nicht um irgendeinen Herrn, Meier, Müller, Huber, Schöppel. Sondern um den HERRN! Den HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Darauf machen wir ja bereits am Anfang des Gottesdienstes Aufmerksam.
Wir beginnen – so ist es jedenfalls in der Liturgischen Ordnung vorgesehen – jeden Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes (Jesus Christus) und des Heiligen Geistes. Und die Gemeinde stimmt dem zu und bekräftigt das mit ihrem Amen. – Bedeutet: So ist es! In der Sprache unserer Zeit würde man vielleicht sagen: Genau! Das wird ja oft inflationär gebraucht von der jüngeren Generation. Manchmal fast nach jedem Satz ein Genau! eingefügt.
Der Name Gottes ist also keine Hülse, nicht Verpackung, sondern bereits wertvolle wirksame Füllung. Zum Segen oder zum Fluch. – Wie uns das zweite Gebot eindringlich wissen lässt: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnütz/falsch gebrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. – Übrigens das einzige Gebot, dass explizit eine Strafandrohung enthält. Gott macht klar, dass er es sich nicht gefallen lässt, wenn man mit seinem Namen achtlos oder beleidigend umgeht.
Pfarrer Thomas Hofmann in der Nikodemuskirche – vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen – sagt am Anfang jedes Gottesdienstes, etwas abweichend von der offiziellen liturgischen Form: Wir beginnen diesen Gottesdienst im Schutzbereich des Namens Gottes… Was im Namen Gottes geschieht, steht unter einem besonderen Schutz und hat besondere Wirkung. Natürlich nur, wenn es nicht abweicht von Gottes Geboten und Ordnungen.
Es wird gefährlich, wenn Menschen, auch Vertreter von Kirchen etwas mit dem Namen Gottes verbinden, was der in seinem Wort explizit vom Segen ausgeschlossen hat. Das wird dann Segens-Missbrauch, den Gott – wie im zweiten Gebot klar formuliert – nicht ungestraft lassen wird.
Mit dem Namen Gottes ist uns also etwas Hochwirksames gegeben. Richtig verstanden und angewendet ist es schützend, bereichernd, erfüllend und fürsorgend. Leben bewahrend, rettend und fördernd.
Dreimal gleich kommt dieser Name in dem Segen vor, der uns am Ende des Gottesdienstes mit auf den Weg, hinaus in unseren Alltag gegeben wird: Der HERR segne dich und behüte dich; Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Es gibt eine kleine Geschichte von einem sehr schwierigen Jungen, der in den Bethelschen Anstalten aufgewachsen ist, noch zu Lebzeiten des Gründers Pastor Bodelschwingh, die Segenswirkung ganz konkret macht: Der Junge war, -so würde man vielleicht heute sagen – kaum erziehbar, unbeherrscht, aggressiv und nicht zu integrieren in eine Lebensgemeinschaft. Er hockte an einem Abend zusammengekauert in einer Ecke, als ob er wieder eine Gaunerei ausbrüten würde. Der Hausvater, der für ihn zuständig war, sah ihn und sprach ihn an: „Warum bist du so still?“ Nach einigem Zögern begann er zu erzählen: „Ich bin heute im Garten dem alten Vater Bodelschwingh begegnet, der im Rollstuhl spazieren gefahren wurde.“ – Das muss wohl nach seinem ersten Schlaganfall gewesen sein. – „Als er mich sah, winkte er mich her.“ Der Junge stockte. „Ja und? Was hat er dann zu dir gesagt?“ fragte der Hausvater. „Er konnte nicht viel sprechen, wegen des Schlaganfalls, aber er hat mich gefragt, wie ich heiße und auf welchem Hof Bethels ich wohne und dann hat er mir seine Hand auf den Kopf gelegt und gesagt: Ich segne dich im Namen Jesu!“
Als der Junge dann einige Zeit später, nach seiner Zeit in Bethel, den Ort verlassen hatte, verlor man ihn bald aus den Augen. Wenn die Rede auf ihn und seine Streiche kam, vermutete man, dass er wohl wieder irgendwo versumpft oder gar inzwischen im Gefängnis gelandet sei. – Aber eines Tages kam ein Brief von ihm in Bethel an, in dem er schrieb: Hausvater, sie brauchen nicht denken, dass ich wieder gestohlen habe. Ich vergesse nie, dass jemand zu mir gesagt hat: Ich segne dich im Namen Jesu!“
Von diesem Segen ist eine Kraft ausgegangen, die stark genug war einen Menschen total zum Guten zu verändern. Weil der Junge den Segen ernst genommen und die Zuwendung Gottes im Segen angenommen hat. Er hat gespürt, ich bin Jesus etwas wert, obwohl ich so unwert bin und von allen Menschen herumgestoßen werde. Jesus berührt mich mit seiner Macht und Liebe. Er stößt mich nicht weg.
Sollten wir uns nicht alle fragen: Wie oft habe ich schon den Segen Gottes, den Segen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zugesprochen bekommen und habe ihn schnell wieder vergessen?
Das ist, wie wenn dir jemand eine große Geldsumme gibt, du steckst sie ein, vergisst sie und jammerst kurz darauf, dass du kein Geld hast. Sollten wir nicht das Potential, dass uns im Segen anvertraut ist vielmehr nutzen? Der Segen am Ende des Gottesdienstes ist nicht Signal zum Aufbruch! Brille wegpacken, den Geldbeutel rausziehen, um was in die Büchse zu stecken. Der Segen ist persönliche Zuwendung Gottes zu mir. Höhepunkt der Begegnung mit dem heiligen allmächtigen Gott: Jetzt sieht er mich an. Jetzt gibt er mir noch Wertvolles mit. Berührt mich machtvoll liebend und fürsorglich.
Der Herr segne dich und behüte dich; Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Dass dieser aaronitische Segen seinen festen Platz in unseren Gottesdiensten hat, geht auf Martin Luther zurück. Vor der Reformation wurden die wesentlichen Teile des Gottesdienstes in lateinischer Sprache gehalten. Martin Luther hat das für unmöglich gehalten, da ja die Gemeinde gar nichts verstanden hat und hat dann eine „Deutsche Messe“ eingeführt, die übrigens in diesem Jahr ihren 500. Jahrestag seit ihrem Erscheinen hat. Und in der „Deutschen Messe“ stellt er den Aaronitischen Segen ans Ende.
Er sagt dazu in seiner Schrift mit dem Titel „Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk“ (WA 30, III, S. 574-582), erklärt Luther diesen dreiteiligen Segen mit der Dreieinigkeit Gottes:
„Das erste Stück dieses Lebens betrifft das leibliche Leben und Güter. Das Zweite: Gott, der Herr, erzeige sich dir freundlich und tröstlich, sehe dich nicht sauer an noch zornig, erschrecke dein Herz nicht, sondern lache dich fröhlich und väterlich an, dass du fröhlich und getrost von ihm werdest und eine freudige, herzliche Zuversicht zu ihm habest, welches geschieht, wenn er unsere Sünde uns vergibt“
Und drittens: „Also hier auch will dieser Segen wünschen, dass Gott, der Herr, das Licht seines Wortes wollt erheben über uns und so drüber halten, dass es höher und stärker leuchte in unserem Herzen, als alle Anfechtung des Teufels, Todes und der Sünde, Verzweifeln, Verzagen und Erschrecken und alles Unglück sein kann.“
So verstanden, wird der Segen zum Höhepunkt des Gottesdienstes, nicht zum Schlusspunkt. Halte die Hand und das Herz auf, dass dir nichts entgeht von dem, was der HERR dir mitgibt für deinen Alltag.
Vielleicht hat jene Frau das geahnt, als sie mal wieder zum Gottesdienst gehen wollte. Es war ihr an diesem Tag besonders wichtig, Gottes Wort und Zuspruch zu hören, weil sie in einer schwierigen Lage war und Trost und Ermutigung brauchte. Aber wie das dann manchmal so ist, kam dauernd noch etwas dazwischen, das sie aufhielt. Doch sie gab nicht auf. Als sie dann schließlich die Kirche erreichte und abgehetzt eintrat, sprach der Pfarrer gerade den Segen: Der Herr segne dich und behüte dich; Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Und – erstaunlich – wie sie gerade nur noch diesen Segen hört, ist sie nicht enttäuscht und niedergeschlagen, sondern die Worte gehen ihr mitten ins Herz. Sie begreift und kann festhalten, dass das, was ihr da gerade zugesprochen wurde, das allerwichtigste ist: Dass Gott sie segnet, dass er freundlich auf sie schaut und ihr gnädig ist. Dass er mit ihr geht und ihrem Herzen. Frieden gibt.
Ich hoffe, dass das jetzt niemand falsch verstanden hat und dann zukünftig immer erst kurz vor Ende des Gottesdienstes hier auftaucht, weil der Segen ja das Wichtigste ist…
Was vorher kommt ist schon auch wichtig und hat uns etwas zu sagen. Aber Gottes Segen soll uns wichtig werden und wichtig bleiben. In dem Lied, das wir vor der Predigt gesungen haben, wird sogar ausdrücklich betont: „Alles ist an Gottes Segen gelegen, über alles Geld und Gut.“
Wir dürfen unsere Vorhaben, Pläne und Aufgaben im Namen Gottes angehen und unter seinen Segen stellen. Manchmal – vielleicht eher von älteren Menschen – kann man noch den Ausspruch hören: In Gott‘s Namen! Leider heutzutage oft eher ohne darüber nachzudenken. Aber da steckt vom Ursprung her noch diese Ahnung dahinter, das von Gottes Namen eine positive Kraft ausgeht, die unser Werk gelingen lässt, die eine Sache gut ausgehen lässt.
Warum nicht vor einer Operation, einer langen Autofahrt, einer heiklen Aufgabe, einem schwierigen Gespräch ganz bewusst sagen und beten: In Gottes Namen! Im Schutzbereich seines heiligen Namens und unter seinem Segen, seiner Zuwendung, seinem leuchtenden Angesicht. Es ist nicht das zerstörerische Leuchten eines Atompilzes oder einer großen Explosion, sondern das Dunkelheit erhellende freundliche Leuchten einer wegweisenden Lichtquelle.
Weil wir nun schon mit dem Neuen Testament leben, ist bei uns Segen nicht nur mit den erhobenen Armen verbunden, sondern am Ende auch mit dem Kreuzzeichen, das unser Wort segnen aus dem Lateinischen abgeleitet hat: „Cruce signare“, mit dem Kreuz zeichnen. Erinnernd an den, der am Kreuz alles weggeräumt hat, was vor Gott gegen uns spricht. So erinnert segnen an Gottes vergebende Liebe, die uns im gekreuzigten Christus am ausdruckstärksten begegnet.
Wollen wir uns doch wieder nach diesem Segen sehnen! Und immer wieder sagen oder singen (EG 572): Herr, wir bitten, komm und segne uns, lege auf uns deinen Frieden, segnend halte Hände über uns, rühr uns an mit deiner Kraft.
Wir singen diese Bitte mit dem Lied 572, zunächst Str. 1-3
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