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7.Sonntag n. Trin., Kreuzkirche, 19.07.26, Hebräer 13,1-6

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. – Lasst uns in der Stille…   Herr, wir bitten dich um deinen HG zum Reden u. z. Hören.

Und wieder eine Bibelstelle, über die ich noch nie gepredigt habe (wie an Lätare im März). Als ich sie mir auch wieder neugierig und gespannt durchgelesen habe, nachdem klar war, dass ich heute „dran“ sein werde in der Kreuzkirche, war ich zunächst ein bisschen ratlos.

Das sind ja nur ein paar Ermahnungen. Kurz: Bleibt in der Liebe! Bleibt einladend! Bleibt im Gebet! Bleibt treu! Seid zufrieden mit dem was ihr habt. Ja, alles gut und richtig, auch wichtig. Aber ist das nicht für Christen selbstverständlich?

Sollte es sein! Aber ehrlicherweise müssen wir zugeben: Im praktischen Alltag bleiben wir oft hinter diesen Forderungen zurück. Die Liebe, „Philadelphia“, wie sie im griechischen Text heißt, meint ehrliche Herzlichkeit, die immer liebevoll und selbstlos für andere da ist. Und wie oft sind wir nicht liebevoll, sondern mürrisch, abweisend, herablassend.

Mit der Gastfreundlichkeit tun wir uns oft etwas schwer. Zögern, wenn wir jemanden aufnehmen sollen. Ein Chormitglied, das beim Gastkonzert in der Kirche mit dabei ist oder auch einen flüchtigen Bekannten, der wegen einer Panne am Auto erst zwei Tage später wieder weiterfahren kann.

Und wie oft schweifen unsere Gedanken beim Gebet ab! Wir wollten für den kranken Kollegen beten und für den iranischen Christen, der in seiner Heimat wegen seines christlichen Glaubens um sein Leben fürchten muss. Und dann meldete das Smart-Phone eine neue Nachricht… Mal schnell schaun, was das das ist… und schon ist das Gebet vergessen.

Das würde schon reichen, für ein schlechtes Gewissen, darum haben die Leute der Predigttextkommission mit dem dritten Vers schon aufgehört. Aber eigentlich geht die Reihe der Ermahnungen im letzten Kapitel des Hebräerbriefes noch weiter: Da geht es im vierten Vers um die eheliche Treue und im fünften Vers um unseren Umgang mit Geld und das Übel des Geizes.

Ach ich lese einfach mal die ersten 5 Verse im 13. Und letzten Kapitel des Hebräerbriefes:

Bleibt auch weiter in brüderlicher Liebe miteinander verbunden. Vergesst nicht Gastfreundschaft zu üben; denn ohne es zu wissen haben manche auf diese Weise Engel bei sich aufgenommen.

Kümmert euch um alle, die wegen ihres Glaubens gefangen sind. Sorgt für sie wie für euch selbst. Steht den Christen bei, die verhört und misshandelt werden. Leidet mit ihnen, denn es kann euch jederzeit genauso gehen.

Achtet die Ehe und haltet euch als Ehepartner die Treue. Gott wird jeden verurteilen, der unsittlich lebt und die Ehe bricht.

Seid nicht hinter dem Geld her, sondern zufrieden mit dem, was ihr habt. Denn Gott hat uns versprochen: „Niemals werde ich euch verlassen. Ich werde für euch sorgen, dass es euch an nichts fehlt. (Jos1,5)

Fangen wir mal mit der 5. und letzten dieser Ermahnung an: Nach einem Missionsfest war der Pfarrer bei einer Landwirts-Familie eingeladen. Nach dem Essen nahm die Frau den Pfarrer zur Seite, gab ihm 100 € für die Mission und sagte dazu: „Aber lassen Sie es meinen Mann nicht wissen, er ist ein bisschen geizig!“ Als später der Landwirt dem Pfarrer den Stall und die Maschinen zeigte, gab er ihm etwas verstohlen 100 € und meinte: „Aber lassen Sie es meine Frau nicht wissen, sie ist ein bisschen geizig!“

Für geizig hält man in der Regel nur die anderen. Man selbst würde sich allenfalls als sparsam und verantwortungsvoll im Umgang mit Geld bezeichnen. Martin Luther hat diesen Vers etwas direkter übersetzt: „Seid nicht geldgierig und lasst euch genügen an dem, was da ist!“ – Wenn ich jetzt fragen würde – also ich mach’s nicht, aber wenn ich fragen würde: Wer ist geizig, der soll sich melden. – Ich glaube es würde kein Finger hochgehen. Denn: Für geizig hält man ja nur die anderen.

Zumindest gibt man es nicht gerne zu. Und Zwillingsbruder des Geizes ist der Neid, der immer auf die anderen schielt und das besitzen möchte, was die haben. Dabei braucht doch ein Kind Gottes diese beiden Brüder nicht, denn, so werden wir hier im Hebräerbrief erinnert: Gott hat uns versprochen: „Niemals werde ich euch verlassen. Ich werde für euch sorgen, dass es euch an nichts fehlt. (Jos1,5) Damit erinnert er an einen Vers aus dem Buch Josua, mit dem das Volk Gottes aufgefordert wird der Fürsorge des Herrn zu vertrauen und nicht selber zu sorgen.

Gehen wir weiter rückwärts bei den Ermahnungen, dann hören wir von der Wertschätzung der Ehe und dem Gut der Treue. Was ist das für ein Schatz, jemanden zu haben, mit dem man Tisch und Bett teilen darf – und nicht nur das, auch die Sorgen und Ängste, die Trauer und die Freude. Jemandem erzählen zu können, was heute los war auf der Arbeit oder was die Kinder wieder angestellt haben. Leider ist das denen mehr bewusst, die alleine leben, die niemanden haben, als denen, die ihr Ehepartner manchmal aufregt.

Treu sein heißt nicht nur keine Affäre haben, sondern auch geduldig zuhören, Verständnis zeigen, die Schwächen des anderen tragen. Wissen wie der/die andere tickt, Fehler zudecken und vergeben. Nicht bei anderen Klagen über diese unmögliche Frau oder diesen sturen Mann… Das wäre treulos.

Treue bringt Opfer ohne das zu betonen und begleitet, auch zur Bank oder in Krankheitszeiten zum Arzt. Wie viele treue Frauen und Männer habe ich kennengelernt, die fest zu ihren wunderlich, gebrechlich oder dement gewordenen Ehepartnern standen. Sie haben auch dann die Treue gehalten als es schwer wurde. Die Frau, den Mann nicht aufgegeben. Selbst wenn die es nicht mehr danken konnten.

Wer nicht selber pflegen konnte, war aber nahezu täglich bei dem Kranken oder Pflegebedürftigen im Heim, hat ihn/sie begleitet, getröstet, gestärkt und nicht alleingelassen. Auch so sieht Treue aus und Wertschätzung der Gemeinschaft, die Gott uns geschenkt hat. Vor dem Traualtar weiß man in der Regel noch nicht, wer den anderen irgendwann mal mehr brauchen wird. Aber auch diese eheliche Fürsorge steht unter dem Segen Gottes und heißt „Treue“.

In der Mitte der fünf Ermahnungen steht die Aufforderung zum Gebet. Wofür? Damals, in der Anfangszeit der Christen war eine der größten Nöte die drohende Verfolgung durch Nichtchristen. Das ging ganz schnell, dass man da verraten und verhaftet wurde und vor einem Richter und dann in einem Gefängnis landete. Wer sich in den ersten Jahrhunderten als Christ zu erkennen gab, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Verhaftung, Folter, Urteil und nicht selten Todesstrafe. – Vergesst die nicht, die gestern noch mit euch Gottesdienst gefeiert haben und die heute in einem dunklen Verließ auf ihren Prozess warten. Vergesst nicht ihre Familien! Versorgt sie! Tröstet sie! Bittet Gott um Beistand und Heiligen Geist für die Bedrohten und Misshandelten.

Es ist eine furchtbare Tatsache, dass es diese Nöte immer noch gibt. Geschätzte 200 Millionen verfolgte Christen auf der Welt. Und verfolgt heißt nicht nur: Belächelt oder ausgelacht, benachteiligt oder ausgegrenzt. Sondern verleumdet, der Freiheit beraubt, entrechtet, enteignet, entehrt, gedemütigt.

Immer wieder werden wir von Organisationen daran erinnert, die das Thema zu ihrer Sache gemacht haben, wie Open Doors oder Märtyrerkirche… Sie fordern zum Spenden auf und zum Gebet für die Verfolgten und Misshandelten. Tun wir beides? Was ist das für eine Kraftquelle für die Inhaftierten, wenn sie wissen: Da wird für mich gebetet, auf der ganzen Welt und von Vielen.

Vielleicht -hoffentlich – rüttelt uns der Satz auf, der hier steht: „Leidet mit ihnen, denn es kann euch jederzeit genauso gehen.“ Die Zeit, in der man oberflächlich Christ sein kann, einfach so mitlaufen auf der volkskirchlichen Schiene, die ist vorbei. Der Mainstream ist kein christlicher mehr. -Vielleicht war das vor 66 Jahren, als diese Kirche im Bau war noch anders. – Und vor 80 Jahren, als die Autoren der Bayerischen Verfassung noch in ihre Präambel den Satz hineingeschrieben haben: Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung…

Die hatten kapiert, dass es ohne Gott in die Dunkelheit geht. Die hatten das Trümmerfeld noch vor Augen, das dabei herauskommt, wenn ein Volk, eine Gesellschaft, ein Gemeinwesen meint, ohne Gott auszukommen.

Wie ist das heute? Wo kommt im öffentlichen Leben, in der Gesellschaft, bei politischen Debatten und Entscheidungen Gott noch vor? Wer fragt noch danach, ob eine Lebensweise mit biblischen Werten vereinbar ist? Anker für Recht und Ordnung sind nicht mehr die Zehn Gebote. Gottesfurcht ist nicht gefragt. Und wer so denkt und laut redet, steht ganz schnell am Pranger der Medien oder gar vor Gericht.

Gotteshäuser sind leer, und werden, weil nicht mehr gebraucht vielerorts entwidmet, verkauft und dann als Museum, Konzertsaal oder Diskothek genutzt. Als vor knapp zwei Jahrzehnten die Renovierung dieser Kreuzkirche anstand, kam der zuständige Oberkirchenrat aus München zur Besichtigung und zum Vorgespräch. Als er die Kirche betrat und ihre Größe wahrnahm, war seine erste Frage: Brauchen Sie diese große Kirche? Er war offensichtlich aus anderen Gemeinden mit großen Kirchen gewohnt, dass es nur wenige Besucher gab und dass die Renovierung eines überdimensionierten Raumes unverantwortlich und viel zu teuer ist.

Ich hatte vorsorglich in den Jahren vorher auf einer Liste die ungefähre Zahl der Gottesdienstbesucher festgehalten, die das ganze Jahr über zwischen 250 und 500 Menschen lag. – Der Herr Oberkirchenrat sah sich das sehr genau an und meinte dann: Ich sehe, Sie brauchen diese Kirche. Die Renovierung wurde dann genehmigt und zu etwa zwei Dritteln aus landeskirchlichen Mitteln finanziert. Gott sei Dank, wird sie bis heute in dieser Größe gebraucht.

Immer wieder sehe ich neue Gesichter. Menschen, die sich einladen ließen und die gemerkt haben, dass sie hier Halt finden und Nahrung für ihren Glauben. Lebendige Verkündigung, liebevolle Kindergottesdienste, in denen der Grundstein für den Glauben gelegt wird. Eine ausgewogene Mischung an alten und neuen Glaubensliedern. Orgel und Band!

Vielen Dank, lieber Günter, an der Orgel und Ihr hier vorne am Keyboard, der Gitarre am einfühlsam gespielten Schlagzeug (Micha, Basti, Andreas, Tobias und Sängerinnen und Sänger an den Mikrophonen). Wenn hier in den Versen am Ende des Hebräerbriefes Gastfreiheit gefordert wird, geht es nicht nur um das Gästezimmer daheim oder das Auszieh-Sofa im Wohnzimmer für gelegentliche Gäste. Auch als Gemeinde sollen wir gastfrei sein. Neue herzlich willkommen heißen, Freunde, Nachbarn, Kollegen einladen und mitbringen.

Und die Gottesdienste dürfen dann nicht so sein, dass sich Neue unwohl fühlen und aufs Ende Warten. Angefangen vom Begrüßungsteam über die liturgischen Formulierungen und eine lebensnahe Predigt gehört da eine insgesamt freundliche Atmosphäre und Willkommenskultur dazu. Und wenn mal ein Kind laut wird, darf es keine strafenden Blicke geben.

In einer gastfreien Gemeinde darf sich niemand ausgegrenzt fühlen, sich keiner über einen anderen stellen, müssen die wahrgenommen werden, die noch etwas am Rand stehen noch keiner Clique angehören. – Sind das nur Forderungen, die schwer zu erfüllen sind?

Nein! Das geht, wenn man die erste Aufforderung in unserem Text nicht aus den Augen verliert: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe!“ Wir würden in der Sprache unserer Zeit wahrscheinlich eher sagen: Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe! Gemeint ist, wie es Paulus mal ausgedrückt hat (Rm 15,7): Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat.

Vergesst nicht, dass ihr von Gott durch Jesus bedingungslos angenommen seid. Er sagt nicht: Du musst aber erst… bevor ich dich lieben, bevor ich dich annehmen, bevor ich dir etwas zukommen lassen kann. Die Liebe, die uns gesucht und gefunden hat – sonst wären wir nicht hier – ist eine, die herzlich ist, die etwas aushält, die vergeben kann und die nicht aufhört nachzugehen und einzuladen.

Die Liebe Jesu hat verändernde Kraft. Sie hilft, von falschen Wegen umzukehren, neu zu denken. Sie will versöhnen und zusammenführen. Sie baut keine Mauern, sondern öffnet Türen und zeigt Wege zueinander ohne das Ziel und die Richtung aus den Augen zu verlieren.

Herr, du bist die Liebe, die am Kreuz sich gibt, und die jeden Menschen trotz seiner Fehler liebt, Liebe, die erst an den andern denkt, Liebe, die mit Freuden sich verschenkt, Herr, diese Liebe gibst du auch mir, bleib ich nur immer Jesus in dir. (Text u Mel: M. Birkenfeld)

© Martin Schöppel, Pfr. i.R. Martha Maria 5, 95488 Eckersdorf, martin.schoeppel@elkb.de