Gottesdienst – Offenbarung 21, 1-5
Zur PDFKirchweih Kreuzkirche 2009 25.10., Offenbarung 21,1-5
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:
…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Weißt du schon das Neueste? – Wissen Sie schon das Neueste? – Wenn jemand mit diesem Satz zur Tür hereinkommt oder seine Rede beginnt, dann kann er sich der Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartner oder Zuhörer gewiss sein. Was Neues interessiert uns immer und neue Nachrichten lassen aufmerken. Im englischen Sprachraum heißen die Nachrichten „News“, Neuigkeiten und die Zeitung ist das „Newspaper“.
Unser deutsches Wörtchen „neu“ hat zwar nur drei Buchstaben, aber trotzdem seine eigene Faszination. Seit zwei Tagen wissen wir, wer der neuen Regierung angehören wird, Seit zwei Wochen ist das neue Betriebssystem von Microsoft zu haben, Windows 7 und wird von den Experten heiß diskutiert. Andere interessieren sich eher für den neuen Golf oder für die neue Herbstmode.
Manches Neue wird dringend erwartet und herbeigesehnt: Wann endlich der neue Marktplatz fertig ist oder die neue Stadthalle nach der Renovierung genutzt werden kann oder die neuen Zähne wieder kraftvoll zubeißen lassen. Über andere Neuigkeiten ist man nicht so erfreut: Die neuen Gebühren für das Niederschlagswasser ärgern die Grundstückseigentümer, unter der neuen Kollegstufe stöhnen Schüler und Lehrer, auf neue Preiserhöhungen bei der Bahn oder an den Tankstellen sind wir alle nicht scharf.
Und manchmal ist das Wörtchen „neu“ auch nur ein Blickfang und Werbetrick. Wenn man genauer hinschaut, dann ist nur die Verpackung neu und der Inhalt altbekannt.
Und eines hat alles Neue gemeinsam. Es ist nicht lange neu. Die neue Regierung wird in ein paar Jahren die alte Regierung sein. Die neuen Schuhe sind nach dem ersten Regen nicht mehr neu und die neue Technologie ist morgen schon von gestern. Nichts bleibt neu. Alles wird alt, veraltet früher oder später.
Auch unsere Kreuzkirche, die vor 49 Jahren nagelneu und in strahlendem Weiß dastand, hat Rost und Risse und muss renoviert werden. Renovieren heißt: Wieder neu machen. Unser ganzes Leben ist ein Renovieren, ein immer wieder neu machen. Am Morgen vor dem Spiegel die Frisur, der Bart, die Zähne, das Make-up. Wir renovieren Räume, Möbel, Fassaden, Gemeindehäuser und Kirchtürme, Glockenstuhl und Heizung. Kaum ist die Renovierung abgeschlossen beginnt schon wieder der Alterungsprozess.
Wir können das alt werden nicht aufhalten. Manche wehren sich verzweifelt, tragen immer mehr Farbe auf, lassen Falten wegmachen, suchen sich eine neue Frau oder einen neuen Mann, aber davon werden sie auch nicht neu und nicht jünger. Es gibt in dieser Welt nichts, was neu bleibt. Etwas wehmütig hat mancher heuer noch mal auf das einst so schöne neue Auto geblickt, bevor es abgewrackt wurde. Man trennt sich von alten Kleidern und Büchern und Sofas. Alles wird alt.
Wir werden es wohl auch nicht schaffen, etwas Neues zu erfinden, das immer neu bleibt. Etwas, was nicht verblasst, nicht verdirbt, sich nicht verbraucht. Warum? Weil wir auf der alten Erde leben, auf der das Gesetz der Vergänglichkeit alles bestimmt. Der Zahn der Zeit nagt an allem, auch an uns und wir entkommen ihm nicht.
Und doch gibt es Hoffnung. Christliche Hoffnung. Die Heilige Schrift macht uns Hoffnung. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, lässt uns der Seher Johannes in eine Zukunft blicken, die über unsere Erde hinausgeht. Es ist heute unser Schriftwort für die Predigt: Offenbarung 21, 1-5. Johannes schreibt über seinen Blick in Gottes Zukunft:
Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht, schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss.
Alles neu! Lauter hoffnungsvolle Bilder: Neuer Himmel, neue Erde. Eine heilige Stadt, ein neues Jerusalem. – Jerusalem heißt ja wörtlich übersetzt, „Stadt des Friedens“. Und wir alle wissen, dass das alte Jerusalem, diese über dreitausend Jahre alte geschichtsträchtige, biblische Stadt, alles andere ist als eine Stadt des Friedens. Sie ist Stadt des Terrors und Zankapfel unter Völkern und Religionen. 28-mal zerstört im Lauf ihrer Geschichte. Unzähligen Menschen hat diese Stadt den Tod gebracht. Selbst der Sohn Gottes starb vor ihren Toren den qualvollen Tod am Kreuz.
Stadt des Friedens wird sie wohl weder durch israelische Vergeltungspolitik, noch durch palästinensischen Terror, noch durch immer neue UNO-Resolutionen, um die sich keiner kümmert. Stadt des Friedens wird diese umkämpfte Metropole wohl wirklich nur durch das Handeln Gottes, wenn einmal sein Reich anbricht.
Himmel und Erde sollen durch die Botschaft der Bibel zusammengebracht werden. Der von den Nöten und Sorgen der Welt geplagte Mensch soll etwas hören und spüren von der geheilten Welt Gottes die ihn erwartet und er soll sich danach ausstrecken und darauf freuen. (Fensterwand Kreuzkirche: Das alte Jerusalem in dunklen, grauen, kalten Farben ganz unten.) Menschen in ihren grauen Mauern des Alltags und dunklen Gassen der Hoffnungslosigkeit, bedroht und geängstigt. So wie wir in unserem Leben von vielem bedroht und geängstigt werden.
Wir wissen nicht, wie es weitergeht mit unserer Wirtschaft, unserem Arbeitsmarkt, unserem Gesundheits- und Rentenwesen. Was wird aus dem weltweiten Terror? Wohin eskaliert die Forschung mit ihren neuen Möglichkeiten? Wird den Mächtigen die Kontrolle über das zerstörerische Potential, das sie unter der Erde und über den Wolken deponiert haben nicht doch einmal entgleiten? Wie lange hält das Ökosystem Erde die Misshandlungen und den Raubbau noch aus, bis es zusammenbricht?
Ich glaube nicht, dass die Menschen je eine Stadt oder einen Staat des Friedens und schon gar nicht eine Welt des Friedens schaffen werden. Unmöglich! Dazu ist schon in jedem einzelnen Herzen zu viel Unfrieden, Streit und Unzufriedenheit, in jedem Haus, in jeder Familie zu viel Egoismus und Zank.
Ich glaube aber dass Gott selber diese neue Stadt des Friedens, seine neue Welt schaffen muss und schaffen wird. Von ihm, von oben, wenn man in diesen einfachen Begriffen sprechen darf, wird sie kommen, zu uns unten: Strahlend, hell, leuchtend, mit warmen freundlichen Farben, goldglänzend, lichterfüllt (Fensterwand in der Kreuzkirche).
Eine Stadt, die nicht mehr gottlos ist, wie so viele graue und finstere Städte, in denen die Kirchen leer bleiben oder verkauft werden die Glocken abgeschaltet sind und das Wort Gottes nicht mehr gehört wird. Johannes spricht hier von einer neuen Stadt, in der Gott und Menschen beieinander wohnen, von einer neuen Welt, in der Gott den Menschen für immer ganz nahe ist. Er zeigt eine Zukunft in der Gott Tränen trocknet und der Tod tot ist, der Tod nicht mehr sein wird.
Eine neue Erde, auf der es keine Schmerzen, kein Leid, keine Tränen mehr geben wird. Was für eine Vorstellung in einer leidgeprüften Welt. Es gibt so viele Schmerzen und ungezählte Tränen über Krankheiten und körperliches Leid, chronisch Kranke, die dankbar sind, wenn die Schmerzen einmal für einen Tag oder für ein paar Stunden erträglich sind.
Ganz zu schweigen von den Schmerzen, die die Seele quälen. Ausgelöst durch Kinder, die ihren Eltern Kummer machen oder durch Eltern, die ihre Kinder tyrannisieren. Schmerzen verursacht durch einen Ehepartner, der einen verlassen hat, durch enttäuschte Liebe, durch böse Worte, durch Einsamkeit oder Trauer um einen Menschen, den man verloren hat, Tränen des Mitleids, das man empfindet, wenn man einen anderen leiden sieht und nicht helfen kann.
Dort, an dem Ziel, das uns die Offenbarung zeigt, wird es keinen Schmerz mehr geben. Jede Form des Leids wird für immer vorüber sein. Und der größte Feind des Lebens, der Tod wird dort nicht mehr existieren. Gott selber wird abwischen alle Tränen. Ein wunderbares Bild. Gott lässt nicht abwischen. Er selbst! Er der dann unmittelbar und sichtbar bei den Menschen wohnt, trocknet die letzten Tränen derer, die aus der Trübsal kamen. Gott, dessen Hütte, Zelt, Wohnung unter den Menschen sein wird, wird jeden Anlass für Tränen beseitigen. Alles, was hier krank, entstellt, missgebildet, beschädigt war, wird heil sein. Keine entstellten Körper, keine verletzten Seelen mehr.
Für uns, die wir nur dieses Leben und diese Welt kennen und erleben, klingt das eigentlich unvorstellbar. Aber es geht dabei ja um Gottes neue Erde und seinen neuen Himmel und sein neues Jerusalem. – Ort des Friedens. Müsste es nicht für uns alle das größte und wichtigste Anliegen sein dieses Ziel zu erreichen? Gibt es jemand unter uns, der nicht auf der neuen Erde, nicht unter dem neuen Himmel dabei sein möchte?
Aber, da melden sich schon leise Zweifel: Wenn ich in diese neue Welt käme und unter dem neuen Himmel leben würde, so wie ich bin, mit meinem Wesen, mit meinen Macken und Empfindlichkeiten, würde ich dann nicht das Wesen der alten Welt mitbringen? Jeder ehrliche Mensch muss doch eigentlich bekennen: In diesen neuen Himmel, auf diese neue Erde passe ich doch gar nicht rein, so wie ich bin.
Und wenn dann dort vielleicht gar noch mein Nachbar wäre oder mein Chef oder meine Frau, mein Mann, mein Sohn, meine Tochter, mein Vater, meine Mutter, dann wäre das doch wieder die alte Geschichte, die alte Erde, der alte Streit, das alte Geschrei. Stimmt! Der alte Mensch passt nicht auf Gottes neue Erde und in seinen neuen Himmel. Dort wird alles neu sein und dort werden nur Menschen leben, die erneuert sind, die ein neues Herz und einen neuen Sinn haben. Solche die von neuem geboren sind, aus Wasser und Geist, wie Johannes sagt.
Bleibt uns dann die neue Welt verschlossen und der neue Himmel versperrt? Nein, denn der auf dem Thron saß sprach, so Johannes: Siehe, ich mache alles neu!
Alles und alle können neu werden. Wie kann denn das geschehen? Martin Luther sagt im Kleinen Katechismus, dass der alte Mensch in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“ (4.Hauptstück, Taufe, zum vierten)
Tägliche Reue und Buße? Das klingt ja schrecklich, denken vielleicht manche, denen biblischen Begriffe, wie Buße, nicht mehr vertraut sind. Aber es geht dabei nicht um ein sich ständig schuldig fühlen und immerzu zerknirscht sein, sondern im Grunde genau um das Gegenteil: Darum, dass wir immer neu Vergebung erfahren, entlastet werden, befreit sind. Nur wer jeden Tag neu Gottes Vergebung im Glauben ergreift, lebt in Frieden und sucht den Frieden.
Dafür hat Gott uns das Kreuz zum Zeichen gesetzt. Das Kreuz an dem Jesus gestorben ist. Er hat unsere Schuld auf sich genommen, hat unser altes Wesen ertragen, getragen und verwandelt uns zu neuen Menschen, die ohne Sünde sind und die einmal in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde in Gottes Nähe sein werden. Frei von Kummer und Leid, ohne Schmerzen und Streit.
In Gottes neuer Welt ist nichts Altes mehr wird nichts mehr alt. Im neuen Himmel ist niemand mehr vom Tod bedroht. Dort werden keine Tränen mehr geweint, weil es keinen Grund mehr für Tränen gibt, sondern nur Grund zur Freude.
Wenn wir als Christen in diesem Glauben und dieser Hoffnung leben, spüren wir schon jetzt auf der alten Erde etwas von Gottes neuer Welt, dann leuchtet der Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht vom unerschöpften Lichte schon hinein in die Dunkelheiten unseres Lebens und wir erleben heute schon, wie der, der alles neu macht mit seiner Macht unsere Nacht vertreibt. Mit Paul Gerhard dürfen wir allem Alten zum Trotz sagen oder singen:
Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben.
(EG 370,1)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168