Gottesdienst – Offb. 2, 8-11

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Vorletzter So. d. Kirchenjahres, 19.11.2006, Off. 2, 8-11

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, schenk deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt steht im 2. Kapitel
der Offenbarung. Der Seher Johannes schreibt im zweiten der sieben
Sendschreiben an die Gemeinde im kleinasiatischen Smyrna:

Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe:
Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:
Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und ich kenne die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans.
Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.


Sei getreu bis an den Tod,
so will ich dir die Krone des Lebens geben.


Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tod.


Ein schwieriges, ein sensibles Thema wird
hier angeschnitten: Juden gegen Christen. Genauso sensibel, wie das
umgekehrte Geschehen, das in den vergangenen fast zwei Jahrtausenden
Juden von Christen zugefügte millionenfache Leid. Auch 68 Jahre
nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938, als viele Synagogen in
Deutschland in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte
geplündert und verwüstet wurden und die Nazis ehrbare
jüdische Familien aus den Betten holten, demütigten und
misshandelten, ist das Verhältnis zu den Mitbürgern
jüdischen Glaubens noch belastet.

Sicher haben sie am vergangenen Wochenende auch Bilder in den Medien gesehen von der neuen Synagoge und dem jüdischen Gemeindezentrum auf dem Münchener Jakobsplatz. Feierlich mit viel Anteilnahme der Bevölkerung und von Politikern wurden das Gotteshaus und die Nebengebäude geweiht und den Münchener Juden zum Gebrauch übergeben.

Der Aufwand an
Sicherheitskräften war enorm. Bereits bei der Grundsteinlegung war
ein Attentat geplant, das verhindert werden konnte. Fünf Millionen
Euro wurden in die Sicherheitseinrichtungen des Gebäudes
investiert und jedes Jahr müssen weitere ca. 600.000 Euro für
die Sicherheit des laufenden Betriebs ausgegeben werden, weil immer
noch Terror und Gewalt gegen Menschen und Einrichtungen jüdischen
Glaubens in Deutschland befürchtet werden müssen.

Ist das nicht Wahnsinn, wenn Menschen wegen der Zugehörigkeit zu einer anderen Religion verfolgt und bedroht werden? Das ist weder mit dem Alten, noch mit dem Neuen Testament zu rechtfertigen. So sah das auch Johannes, als am Ende des ersten Jahrhunderts in der Hafenstadt Smyrna Angehörige der jüdischen Gemeinde gegen die Christen hetzten und lästerten „Sie sagen, sie seien Juden, aber sie sind’s nicht!“ Stellt Johannes fest. „Sie sind Werkzeuge des Satans.“

Wenn
Menschen einander verachten und Leid zufügen, dann können sie
sich dabei nie auf Gott berufen auch wenn sie es versuchen. Jesus hat
uns nicht gelehrt Leid anzurichten, sondern Leid zu tragen. Er hat
selbst Leid getragen bis zum Letzten, bis zum furchtbaren Tod am Kreuz.
Dem Ertragen von Verfolgung und Spott ohne Hass und Bitterkeit ist ein
großer Lohn versprochen: Die Krone des Lebens.

Juden und Christen haben einander zu achten und sind einander gegenseitige Respekt und das friedliche Zeugnis des Glaubens schuldig. Keiner, der seinen Glauben und die Gebote Gottes wirklich ernst nimmt, kann den anderen verachten oder ihm gar Leid zufügen.

Hier
in unserem Predigttext schildert Johannes mit wenigen Worten die
schlimme Lage der kleinen christlichen Gemeinde von Smyrna um das Jahr
100: Jeder, der dazu gehört, ist bedrängt, in Angst und Sorge
um Leib und Leben. Jeden Tag konnte man damals im römischen Reich
als Christ verhaftet und ins Gefängnis geworfen werden. Es
genügte schon eine anonyme Anzeige oder eine verleumderische
Behauptung.

In Smyrna muss es einige hasserfüllte Mitglieder der jüdischen Gemeinde gegeben haben, die Christen denunzierten und an die römischen Behörden auslieferten. Am Anfang betrachteten die Römer Christen als eine jüdische Sekte und als solche waren sie, wie Juden vom Kaiseropfer befreit. Erst als die Juden vehement bestritten, dass diese neue Lehre etwas mit ihnen zu tun hätte, begann man von den Christen das Kaiseropfer zu fordern. Das war aber den Christen aufgrund des ersten Gebotes genauso wenig möglich wie den Juden.

Vor dem Kaiseraltar hatten
Christen nur die Wahl, entweder ihren Glauben zu verleugnen und nach
dem Opfer frei zu sein oder im Glauben treu zu bleiben und damit ihr
Leben aufs Spiel zu setzen. Sicher sind manche schwach geworden, aber
Viele, so überliefert uns die Kirchengeschichte haben sich der
staatlichen Gewalt nicht gebeugt und sind für ihren Glauben an
Jesus Christus in den Tod gegangen, in den ersten Tod. Wer das tut, so Johannes, wer für seinen Glauben an Jesus mit dem Leben bezahlt, der braucht den zweiten Tod nicht zu fürchten.

Wie? Gibt es zwei Leben? Ja! Denn es gibt ein Leben nach dem Tod, ein Leben bei Gott, ewiges Leben. Wer an Jesus glaubt, dem wird dieses Leben geschenkt, der ist erlöst und befreit von aller Schuld und wird nicht gerichtet. Wer keine Vergebung seiner Sünden hat, wer die Erlösung durch den Gekreuzigten nicht für sich angenommen hat, der wird dagegen im letzten Gericht vor Gott stehen und für jeden Gedanken, jedes Wort, jede Tat und jede Unterlassung Rechenschaft geben müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da einer ohne die vergebende Gnade Christi mit eigener Gerechtigkeit bestehen kann. Er wird dann gerichtet und verfällt dem zweiten, dem endgültigen Tod.

Vielleicht ist das vielen fremd, aber so ist es biblische Aussage von der Gerechtigkeit Gottes: Nur vergebene Schuld ist ausgelöscht, alle andere Schuld wird gerichtet und zieht den ewigen Tod nach sich. Darum ist die biblische Botschaft eine immer wiederkehrende Aufforderung umzukehren, Buße zu tun, vor Gott ehrlich zu werden und seine Vergebung zu suchen, solange noch Zeit ist, solange seine Gnade noch angeboten wird. Und sie wird noch angeboten, auch in unseren Gottesdiensten.

In diesem zweiten Sendschreiben, das
Johannes an eine bedrohte Gemeinde schicken soll, das aber gewiss allen
bedrohten Christen in der Welt gilt, betont der Seher, dass nichts
schlimmer ist, als der zweite Tod und dass es nichts besseres gibt, als
das zweite Leben, das ewige Leben.

Alles, was uns davon abhalten will ist vom Teufel. Er zerstört, er schürt den Hass, er hetzt Menschen gegeneinander auf. Es ist teuflisch, wenn, wie es immer wieder geschehen ist, pauschal beschuldigt und verurteilt wird: Die Christen sind schuld am Brand Roms, verkündete Kaiser Nero und ließ sie zu Hunderten an Pfähle binden und verbrennen. Die Juden sind schuld, schrie man im Mittelalter, wenn irgendwo die Pest ausbrach oder wenn es Missernten gab. Und dann wurden sie gejagt und geschlagen, misshandelt und niedergemetzelt.

„Die Juden sind an allem schuld“ propagierten
Hitler und seine Rassenlehrer und mit teuflischem Plan machten sie sich
an ihre Vernichtung. Millionenfacher Mord, millionenfaches Leid. In der
neuen Münchener Synagoge wird auf Tafeln der 4.500 Münchener
Juden gedacht, die diesem teuflischen Werk zum Opfer gefallen sind. So
viele in dieser einen bayerischen Stadt!

Als ich vor mittlerweile fast zehn Jahren in Jerusalem die Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, in der der sechs Millionen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, war ich zutiefst erschüttert von dem Ausmaß des Grauens und der damit verbundenen Schuld und dachte, es ist gut und richtig, dass das nicht vergessen wird. Bei den Menschen, bei uns Deutschen, aber auch nicht bei Gott. Bei ihm kommt keiner davon, bleibt nichts ungesühnt, kein Tropfen Blut, kein böses Wort, kein hasserfüllter Gedanke, keine Misshandlung, kein Mord.

Manche
Menschen tun so, als sei der Teufel eine Witzfigur, ein
Phantasieprodukt, ein Spielzeug. Andere behaupten, es gäbe ihn
nicht, er sei eine kranke Vorstellung des Mittelalters. Ja, sehen die
denn nicht, was täglich um uns herum geschieht? Ist es nicht
teuflisch brutal, wenn in einer Jugendstrafanstalt drei junge
Männer ihren Zellengenossen vergewaltigen und zu Tode quälen?
Ist es nicht teuflisch, wenn ein Mann ein dreizehnjähriges
Mädchen entführt und monatelang gefangen hält und
vergewaltigt. Ist es nicht teuflisch, wenn Kinder misshandelt werden,
wenn Terroristen Passanten oder Restaurantbesucher in die Luft sprengen?

Dem Widersacher Gottes, der nach Aussagen der Bibel kein gehörntes Schlitzohr, sondern eine höchst intelligente Macht des Bösen ist, dem ist es zu allen Zeiten gelungen, Menschen zu seinen grausamen Werkzeugen zu machen, die andere bedrohen, ängstigen und quälen. Sein großes Programm ist es, zu zerstören und Menschen vom Glauben abzubringen und am ewigen Leben zu hindern.

Aber wir sollen wissen, dass Jesus immer auf der Seite
der Geschlagenen, Verfolgten und Gequälten steht und nie auf der
Seite der Peiniger. Er nimmt sich jedes Einzelnen an in seiner Not und
Bedrängnis. Er sagt ihnen: Fürchte dich nicht! Dein
Leid ist nicht namenlos, nicht vergessen, nicht sinnlos. Deine
Bedrängnis ist nicht endlos! Du bist nicht arm dran, sondern
reich! Die Zeit deines Leids wird begrenzt sein. Dort in Smyrna waren
es zehn Tage.

In der bilderreichen Sprache der Offenbarung nennt Johannes die „Krone des Lebens“ den Lohn für die Glaubenstreue. Er meint damit das Ewige Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Das Ewige Leben, das als höchster denkbarer Wert dem ewigen Tod als dem schlimmsten denkbaren Urteil gegenübersteht.

Ewiges
Leben in einer Welt ohne Schmerz , Leid und Tränen als Lohn
für die Treue im Glauben. Das scheint für Viele heute nicht
interessant zu sein. Sie geben viel Geld aus für zweifelhafte
Mittelchen, die versprechen, das Leben in dieser Welt ein kleines
bisschen länger zu verlängern. Manchmal wird auch nur das
Leiden verlängert. Aber für das Ewige Leben ohne Leid
interessieren sie sich nicht.

Man begnügt sich lieber mit dem zeitlich begrenzten Leben und versucht in die wenigen Jahrzehnte in dieser Welt möglichst viel hineinzupacken. Man will wenigstens, wie man sagt, „etwas vom Leben haben“. Ist das nicht ein bisschen wenig, „etwas vom Leben“?

Die
größte Gabe Gottes ist so groß, dass viele gar nicht
an sie glauben können und sie nur für einen frommen Wunsch
der Kirche halten oder für eine durchsichtige Vertröstung auf
ein Jenseits, das es nicht geben wird. Auch viele Christen denken so.
Vielleicht sprechen sie das Glaubensbekenntnis mit seinen Aussagen von
Auferstehung, Gericht und Ewigem Leben noch mit, falls sie es
überhaupt noch können, aber sie glauben es nicht mehr.Mensch,
sagt der Apostel Paulus, „hoffen wir allein in diesem Leben auf Jesus Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen.
(1.Kor.15,19) Ein solcher Glaube wäre ohne Kraft, ohne Trost und
ohne Hoffnung. Warum soll ich in eine Kirche gehen, in der vom Ewigen
Leben nichts mehr gesagt wird? Brauchen wir nicht diese Botschaft um in
einer immer bedrohlicheren Welt noch leben und lachen zu können?

Die Glieder der bedrängten Gemeinde in Smyrna werden die tröstlichen Worte dieses Sendschreibens in sich aufgesogen und in ihren Herzen festgehalten haben. Vielleicht hat sich mancher von ihnen vor dem Kaiseraltar, im Gefängnis oder auf dem Scheiterhaufen an sie geklammert und sie leise vor sich hergesagt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Und nur so hat er dann die Kraft gehabt treu zu bleiben.

Es
waren keineswegs nur harte Männer, die keinen Schmerz kannten,
sondern auch Frauen und Kinder, zarte dreizehnjährige Mädchen
und Buben, die nicht den Tod vor Augen hatten als sie gerichtet wurden,
sondern wie einst Stephanus, der erste Blutzeuge kurz vor ihrem Tod
schon den Himmel offen sahen und strahlend in die Herrlichkeit Gottes
gegangen sind. Viele Augenzeugen sind, als sie Christen so für
ihren Christus sterben sahen, für den Glauben an Jesus gewonnen
worden.
„Wer Ohren hat, der höre!“ sagt Johannes. Wir hören
heute über Kontinente hinweg, lauschen mit Riesenradar ins All
hinaus, ob wohl von irgendwoher Signale intelligenten Lebens aus den
Tiefen des Kosmos zu hören wären, aber nur noch wenige
hören auf das Kraft und Leben spendende Wort des lebendigen Gottes.
Vielleicht ist Ihr und mein Leben momentan nicht so bedroht wie das der
Christen von Smyrna damals, vielleicht wissen wir es aber auch nur
nicht, wie bedroht unser Leben ist. In jedem Fall aber ist unser
christlicher Glaube bedroht, abgelöst zu werden von einem Glauben
an Sterne oder kosmische Energien, von Aberglauben oder vom Glauben an
Erfolg und Macht, Ruhm und Reichtum. Im Blick auf das Ewige Leben ist
unsere Zeit genauso gefährlich. Deshalb gilt auch für uns: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Wer in seinem Leben und Glauben bedrängt ist durch Krankheit, äußere Not oder innere Zweifel, darf Gottes „Fürchte dich nicht!“
hören. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst, denn
ich bin mit dir. Es lohnt sich, treu zu bleiben und durchzuhalten, zu
überwinden, denn Gottes Lohn ist das Ewige Leben, nicht der ewige
Tod. Wir dürfen dieses Leben als Geschenk Gottes annehmen und uns
daran freuen aber wir dürfen es auch einmal hergeben und loslassen
für jenes andere viel wunderbarere Leben, das Jesus für uns
bereithält.

Gott, hilf mir, das Leben anzunehmen wie ein Geschenk.
Ich möchte nie aufhören zu hoffen, dass dein Licht über die Dunkelheit siegt. Gott, hilf mir!



Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168