Gottesdienst mit Abendmahl, Pfr. Wenzke, Livestream

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Predigt: 2. Kor. 5, 19-21

Das Kreuz-  die ausgestreckte Hand Gottes

 

Wir hören auf den Predigttext, der uns für den heutigen Karfreitag vorgegeben ist. Er steht im 2. Korintherbrief, Kapitel 5, die Verse 19-21:

(19) Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber;

und er rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

(20) So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns;

so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

(21) Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde,

Versöhnen oder Versöhnung – dreimal ist in unserem kurzen Bibelabschnitt davon die Rede. Was für ein Bild kommt Ihnen in den Sinn, wenn sie das Wort Versöhnung hören? —

Wenn ich das Wort Versöhnung höre, sehe ich eine ausgestreckte Hand vor meinem inneren Auge. Eine ausgestreckte Hand, die darauf wartet, dass ein anderer in sie einschlägt.

Und wenn dieser Bibeltext für den heutigen Karfreitag, einem der höchsten Feiertage des christlichen Glaubens vorgeschrieben ist, dann wird damit behauptet: Versöhnung mit Gott – das ist Karfreitag.

Kann das alles sein? Erwarten wir heute nicht, dass über Jesu Weg nach Golgatha gesprochen wird, über sein Leiden und seine Qual am Kreuz?

Eigentlich haben wir mit dieser Erwartung recht. Und wir haben davon auch schon in der Schriftlesung gehört und in den Liedern gesungen.

Und doch gilt: diese schrecklichen Ereignisse damals in Jerusalem haben keinen Nutzen für uns, wenn wir sie nicht auf uns beziehen. Wenn wir nicht hinschauen, was dieses Leiden für uns bewirkt hat. Wir müssen danach fragen müssen, was dies alles uns heute zu sagen hat.

Paulus gibt eine Antwort auf diese Frage mit der Wendung: Versöhnung mit Gott. Oder im dazu passenden Bild gesprochen: mit der ausgestreckten Hand Gottes.

Wir kennen dieses Bild aus unseren menschlichen Beziehungen, wenn es um Versöhnung geht. Nicht nur in der großen Politik, sondern auch aus dem eigenen Leben. Unter sich streitenden Kindern kann man dies manchmal erleben. Erst streiten sie sich, balgen sich vielleicht sogar auf dem Boden, und dann nach einer Weile geht einer zum anderen, streckt ihm die Hand entgegen und sagt: „Komm sei wieder gut, ich bin wieder dein Freund, deine Freundin.“

Und auch unter sich streitenden Geschäftspartnern oder in der Ehe werden sich hoffentlich immer wieder solche Szenen abspielen.

Dabei braucht es viel Mut, dem anderen die Hand hinzustrecken. Denn ein Wagnis ist es immer: Was ist, wenn unser Gegenüber sich zurückzieht, ja sich vielleicht sogar verweigert, unsere Hand zu ergreifen? Wenn unsere Hand in der Luft hängen bleibt?

Schmerzlich ist das. Und peinlich! Das verletzt tief. Wer weiß, ob wir jemals wieder einen Versuch machen.

Aber wenn unsere Hand ergriffen und gedrückt wird – das ist wunderbar. Das macht alles wieder wett, was es vorher an Kraft und Überwindung gekostet hat!

Und liebe Gemeinde, genau das ist das Bild, das uns der Apostel Paulus im 2. Korintherbrief vor Augen malt. Ich sage es mal ganz persönlich: Heute streckt Gott seine Hand nach dir und mir aus und sagt: „Lass dich versöhnen mit mir. Schlag doch ein in die Hand, die dich erlöst hat!“

Wahrscheinlich fragen wir uns jetzt erstaunt: Habe ich denn Streit mit Gott gehabt? Steht denn irgendetwas zwischen Gott und mir, dass so schlimm ist, dass es Kreuz und Tod verdient hat?

Eine unbequeme Frage. Eine Frage, die unruhig machen kann.

Wir können bei dem Bild von der Hand Gottes bleiben, um eine Antwort zu finden, müssen aber noch etwas weiter zurückgehen.

Denn diese Hand Gottes, die sich uns da entgegenstreckt, die hat uns überhaupt erst geschaffen. Aus ihr kommen wir. Diese Wahrheit hebt die allgemein bekannten biologischen Gesetze nicht auf, sondern stellt sie nur in ein anderes Licht. Gott bedient sich der ganz natürlichen Vorgänge vom Zeugen und Gezeugt werden. Und so sind wir biologisch durchaus erklärbar und dennoch gleichzeitig aus der Hand Gottes hervorgegangen. Sie hat uns gewollt, geformt und begabt mit allem, was wir zum Leben brauchen. Sie hat uns ins Leben gestellt. Wir sind keine Zufallsprodukte von dem Menschen, Ort und Zeitpunkt, wo gerade die Liebe hinfällt. Nein, wir sind jeder und jede von uns von Gott gewollt. Wertvolle Unikate Gottes. Echte Handarbeit Gottes. Unbezahlbar wertvoll.

Und uns als so von Gott her wertvoll geachteten Menschen stellt sich jetzt von Karfreitag her die Frage: Sind wir bei dieser Hand Gottes und an der Seite Gottes geblieben, der uns ins Leben gestellt hat?

Vielleicht sagen manche von uns: „Ja, das habe ich mein ganzes bisheriges Leben lang versucht.“ Vielleicht müssen wir aber auch zugeben: „Ich bin immer wieder von Gott weggelaufen. Ich habe es mir zur Lebensmelodie gemacht, dass ich mein Leben in die eigenen Hände nehme. Ich mache etwas aus mir. Dazu brauche ich keinen anderen. Es wird mir schon gelingen.“

Man kann das probieren. Niemand wird uns davon abhalten. Auch Gott nicht. Aber was ist dabei herausgekommen? Sicher manches Gute, aber keineswegs immer. Es ist wohl wahr, dass es auch ohne Gott geht, — aber wohin?

Denn eines ist ja ganz logisch: Wo wir uns in den Vordergrund stellen, muss Gott in den Hintergrund treten. Und unsere Mitmenschen mitunter auch. Das versteht schon jedes Kind: Wo einer sich ein großes Stück vom Kuchen nimmt, da bleibt halt für andere nur noch ein kleines übrig. Gott wird nun nicht etwa anfangen, mit uns über die Größe des Kuchenstückes zu feilschen. Gott lässt uns die Freiheit, eigene Wege zu gehen. Er lässt uns sogar in die entgegengesetzte Richtung gehen, weg von seiner ausgestreckten Hand. Gott klammert nicht. Wir können seine Hand verlassen – bewusst oder unbewusst.

Wenn uns Menschen das passieren würde, dass jemand die Hand ausschlägt, die ich ihm biete, wir würden wahrscheinlich die Hand zurückziehen und wären gekränkt oder gar beleidigt.

Gott aber reagiert anders. Er zieht seine Hand nicht zurück, auch wenn wir sie ausschlagen. Er läuft uns auf unseren eigenen Wegen hinterher und hält sie uns immer wieder hin. Auch heute an diesem Karfreitag. Und es ist, als wenn er sagt: „Komm, schlag doch neu ein. Was gewesen ist zwischen Dir und mir, das soll dich nicht mehr belasten. Ich sehe dich an, als gingest du neu aus meinen Händen hervor. Wie neu geboren – frei und unbelastet.“

Das alles ist möglich, weil Gott den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht hat –Jesus Christus.

Das sind starke Worte, die Paulus hier gebraucht. Gott hat Christus zur Sünde gemacht – eigentlich ein skandalöser Satz. Wir möchten Jesus gern als makelloses Vorbild im Gedächtnis behalten.

Aber davon haben wir nichts. Gott hat Christus für uns zur Sünde gemacht. Für uns, nicht für sich. Nicht weil Gott etwa ein Opfer braucht und Blut sehen muss. Gott muss nicht irgendwie versöhnt werden, er ist bereits versöhnt. Wir, die Welt, muss versöhnt werden mit ihm. Viele Missverständnisse im Blick auf das Kreuzesgeschehen können vermieden werden, wenn wir hier genau hinschauen. Paulus schreibt:  „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ Gott war in Christus, nicht etwa einfach sein Gegenüber. Und er versöhnte die Welt mit sich, nicht etwa sich mit der Welt. Nicht Gott hat ein Problem, sondern die Welt. Die Feindschaft liegt auf der Seite des Menschen, nicht Gottes. Christus musste nicht wegen Gott sterben, sondern infolge der menschlichen Sünde, die Ausdruck einer massiven Beziehungsstörung zu Gott ist. Gott gibt seinen sündlosen Sohn hin, damit unser von Sünde gezeichnetes und mitunter aus den Fugen geratenes Leben heil werden kann.

Das im griechischen Urtext des Neuen Testaments stehende Wort für „versöhnen“ bedeutet: „gänzlich austauschen, total verändern.“ Und so kann unser Leben durch das Geschehen am Kreuz auf Golgatha total verändert werden. Alles, was in unserem Leben krumm und schief gelaufen ist, nimmt Christus auf sich. Und wir dürfen neu anfangen. Vor Gott unbelastet sein. Mag sein, dass wir in unserem irdischen Leben hier noch manche unheilvollen Folgen unserer Vergangenheit weiter tragen müssen. Vor Gott aber ist ein Schlussstrich gezogen. Vor ihm haben wir eine makellose Bilanz.

Lasst euch versöhnen mit Gott. Gott zwingt uns nicht dazu. Er bittet uns darum. Er lädt uns ein, uns versöhnen zu lassen und dann auch in unseren Verhältnissen und Beziehungen nicht mehr weiter „Krieg zu spielen“. Er lädt uns ein, unsere Beziehung zu ihm, zu uns selbst und auch zu unserem Nächsten unter das Zeichen der Versöhnung zu stellen. Unter das Zeichen des Kreuzes.

Lasst euch versöhnen mit Gott. Das Abendmahl, das wir gleich feiern werden, ist eine gute Gelegenheit dazu, diesen Schritt auch äußerlich zu vollziehen. Gottes Hand streckt sich uns entgegen. Warum sollten wir nicht einschlagen?

Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de