Gottesdienst mit Abendmahl, Pfr. Wenzke, KiGo & TeenieKirche, Livestream

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Predigt am 2. Advent 2025, Kreuzkirche Bayreuth:  Lk.21,25-33

Liebe Gemeinde,

mit jedem »Vater unser« beten wir: »Dein Reich komme.« Wie ernst ist es uns mit dieser Bitte? Oder geht es uns wie Manfred Siebald in einem seiner Lieder singt: »Wir haben es uns gut hier eingerichtet. Der Tisch, das Bett, die Stühle stehn, der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet. Wir sitzen, alles zu besehn. Dann legen wir uns ruhig nieder und löschen müd vom Tag das Licht. Und beten laut: Herr, komm doch wieder. Und denken leise: Jetzt noch nicht.«

Es gab Zeiten, in denen Christen ganz konkret auf Jesus Christus warteten. In Korntal bei Stuttgart – zum Beispiel nahm diese konkrete Erwartung im 19. Jahrhundert fast skurrile Züge an. Bei der Feldarbeit sollen Bauern, so wird erzählt, ihren Mantel am Ostende ihres Ackers abgelegt haben. Sie lasen in ihrer Bibel: Jesus wird in Jerusalem wiederkommen, also von Korntal aus im Osten. Ihm aber wollten sie nicht in ihren Arbeitsklamotten, sondern
sauber gekleidet im Mantel entgegen gehen, wenn er erscheint. Mitten im Alltag rechneten sie mit Jesus. Ich bin 3 km von Korntal entfernt aufgewachsen und die Geschichte hat man sich noch in den 80 iger Jahren erzählt. Rechnen wir noch mit dem wiederkommenden Christus? Wir rechnen mit ganz anderem. Da werden von Klimaforschern Horrorszenarien vorausgesagt. Die Angst vor der Zukunft wächst.  Ich las diese Woche von einem Pfarrkollegen, der folgendes Experiment durchführte:  Sie feierten im thüringischen Schönbrunn einen Weltuntergangsgottesdienst. Vom Ablauf ähnelte Vieles dem Gewohnten, inhaltlich kreiste alles um das Weltenende. Am wirkungsvollsten war eine große Uhr im Altarraum. Ein Countdown, der sekundengenau herunterzählte. Für alle sichtbar, groß, auf Leinwand projiziert. Bei 30:40 interessierte das noch Wenige. Allerdings verschob sich der Fokus, berichtete der Pfarrer. Bei 8:08 war schon Nervosität spürbar, die Stimmen beim Singen leiser. Die Besucher gingen „in Deckung“ – mit jeder Sekunde mehr, erzählt er weiter. Seine Stimme dringt kaum noch durch. Angst?  Eher Unbehagen, das sich ausbreitet. Es kriecht den Rücken hoch. Manche halten sich die Ohren zu! Und als es 0:00 ist, passiert…NICHTS. Aufatmen, der Blick zum Nachbarn, die Spannung löst sich. Und dann kam jemand in Arbeitshose mit Schubkarre und Apfelbaum in die Kirche – und später pflanzten alle gemeinsam einen Apfelbaum.  Natürlich war dies ein fiktiver Countdown. Und doch konnten die Besucher spüren, was Schreckensszenarien auslösen. Obwohl sie selbst warm saßen, nicht allein waren und einen vollen Bauch hatten: Sie starrten auf das Herunterticken der Uhr. Jeder und jede für sich, mit mulmigem Gefühl. Es ist die Angst vor der Angst, die oftmals lähmt, sagt der Pfarrer. Auch wenn gar nichts Schreckliches passiert. Es reicht die Angst, dass der Nullpunkt droht.

Wenn man den Predigttext für heute liest, könnte man meinen: die Zukunftsangst wird noch geschürt. Er wirkt nicht förderlich für die Adventsstimmung. Und es stimmt leider: Mit solchen Texten wurde schon viel Angst gemacht. Aber hören wir genau hin: Mitten im Untergangsszenario steckt eine Botschaft der Hoffnung. Jesus sagt: „Kopf hoch“ – und meint das ganz und gar nicht oberflächlich. Wir hören auf den Predigttext aus Lk. 21, 25-33 aus der Lutherbibel:

25Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,

26und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

27Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.

28Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht aufund erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Vom Feigenbaum

29Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:

30wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.

31So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

 

…den Völkern wird bange sein, prophezeit Jesus. Wir erleben es bereits. Viele haben Angst – auch in unseren Reihen. Bestimmt könnte jede und jeder hier aus dem Stand sagen, wovor er, wovor sie Angst hat. Was eben noch sicher und fest war, kann im nächsten Augenblick wegbrechen. Das macht Angst. Die größten Ängste der Deutschen sind laut aktueller Umfrage die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, die Angst, dass der Staat durch Geflüchtete überfordert ist und dass Steuern erhöht und Leistungen gekürzt werden.

Wir haben es in den letzten Jahren erlebt: dem wirtschaftlichen Aufschwung folgte eine lang anhaltende Talfahrt. Plötzlich sind sichere Arbeitsplätze in Gefahr. Wackelt aber eine Industrie wie die Autoindustrie, wackelt noch vieles andere mit. Große Firmen bauen Arbeitsplätze ab, auch Gemeindeglieder unter uns sind betroffen.

Oder anderes Thema: wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass das Polareis schmilzt, der Meeresspiegel ansteigt und ganze Küstenstreifen mit Städten und allem zu versinken drohen?

Das Brausen und Wogen des Meeres… die Bilder von Flutkatastrophen sind gegenwärtig. Mit zerstörerischer Urgewalt verschlingen sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt.

In der Bibel ist das Meer und sind seine Wellen Bild für die Urgewalten, für Chaoskräfte, denen wir Menschen nicht gewachsen sind.

Und oft genug kommen wir uns ja auch so vor: wie ein Spielball des Schicksals. Da geht einer routinemäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Er fühlt sich fit und gesund. Und dann wird eine schwere Krankheit diagnostiziert. Plötzlich ist alles anders. Ich bin jetzt kein Fan von Thomas Gottschalk, aber seine Krebsdiagnose hat auch mich beschäftigt. Und dann steht die Krankheit fest und eine ganze Palette von Hilfsmaßnahmen setzt ein: Operation, Bestrahlung, Medikamente, Kur, regelmäßige Nachsorge. Und trotzdem die Angst, dass die nächste Untersuchung wieder etwas Schlimmes zeigt.

Das Wasser kann einem wirklich bis zum Hals stehen und man ist ratlos, ängstlich und hin- und hergeworfen. Wir sind alle keine Helden und brauchen es auch nicht sein im Strudel dieser Welt.

Aber der Herr steht über all diesen Dingen. Er hält und tröstet und tragt. Was aber, wenn einer ohne diesen Herrn lebt? Was, wenn einer auf sich allein geworfen ist oder sich nur auf Menschen verlässt? Wie soll er dann Hilfe, wie soll er Rettung erfahren? Welche Perspektive gibt es ohne Gott?  Ist dann nicht entweder wirklich Angst angesagt vor der Zukunft oder aber Verdrängung wirklicher Lebensfragen und möglicher Nöte? Muss dann nicht fast zwangsläufig die Konsequenz lauten, wie sie schon in der Bibel von Menschen ohne Glauben an Gott ausgesagt ist und was Sprichwort wurde: »Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot?«

Die vielen Grabsteine auf unseren Friedhöfen – Marksteine des Todes: Wenn sie das Letzte wären. Wenn das allein über ein Leben zu sagen wäre: Geboren werden; Schule, Beruf, Heirat, Kinder… und dann bricht eine Krankheit über einen herein. Jahrelange Pflege. Am Ende der Tod. Wenn das alles wäre…

Auch wenn einer im hohen Alter stirbt und ein, wie wir sagen, »gutes Leben« gehabt hat. Wenn das alles wäre…

Oder die vielen, die auf unserer Erde durch Gewalt, durch Krieg zu Tode kommen, durch Hunger, durch Misswirtschaft und Ungerechtigkeit… Wenn das alles wäre… und am Ende sich auch keiner der Schuldigen dafür verantworten müsste, was er getan, dafür, wie er gelebt hat.  Das kann nicht alles sein. Es kann am Ende kein ›Schwamm drüber‹ oder ›Gras darüber-wachsen-lassen‹ stehen. Es kann das Ende nicht Tod und Verderben sein, Leere und Nichts. Nein, das kann nicht sein. Und das ist es auch nicht!  Jesus beschreibt ein anderes Ende. Er, Jesus, wird ein zweites Mal kommen, als Erlöser. Dieses zweite Kommen Jesu steht thematisch im Mittelpunkt vom 2. Advent. Jesus wird kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Die Wolke zeigt die Gegenwart Gottes auf der Erde an. Denken wir an die Wolke, in der Gott seinem Volk Israel durch die Wüste vorauszog.

Alle werden ihn sehen, die ganze Menschheit. Zu allen wird er kommen. Und er wird die Gefangenen Zions erlösen… wie es in Psalm 126 heißt – auch die Gefangenen des Todes. Oder wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen: …von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Das wird sein Tun sein bei seinem zweiten Kommen. Er wird kommen zu erlösen. Er wird kommen, sein Reich aufrichten – ein Reich des Friedens. Ungerechtigkeit wird keine Chance mehr haben. Sie wird ein Ende finden. Alles, was dem Leben zuwider läuft, ist ausgeschaltet. Todbringendes gibt es nicht mehr. Alle, die Unrecht tun, die die Menschenwürde mit Füßen treten, die sich über Menschen erheben und ihnen das Leben zur Hölle machen und damit Gott spotten und ins Gesicht schlagen – sie werden entmachtet sein. Sie werden nichts mehr zu sagen haben, außer dass sie zusammen mit den Erlösten in das Bekenntnis einstimmen werden: Jesus allein ist Herr!

Was sind das für Aussichten! Es wird eine riesengroße Überraschung sein. Für manche wohl ein Ende mit Schrecken, weil sie sich verrechnet haben, weil sie nicht mit Christus gerechnet haben. Aber es wird auf alle Fälle kein Schrecken ohne Ende sein. Die Angst wird nicht siegen. Sie wird besiegt. Der Tod wird nicht siegen. Er ist bereits besiegt – seit Ostern. Wir leben im Horizont des Lebens, Leben, das Gott gibt durch den Tod hindurch.

Deshalb gilt schon heute: Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Trotz noch so vieler Unheilszeichen, trotz Leid und Elend in unserer Welt und im eigenen Leben. Ja, obwohl wir den Tod, das Ende unseres irdischen Weges noch vor uns haben. Im Glauben an Jesus Christus haben wir allen Grund, den Kopf zu erheben. Wir haben allen Grund, offensiv zu sein. Wir haben allen Grund, uns um diese Welt zu kümmern und sich in ihr für das kommende Reich einzusetzen.

Wir haben zu leben mit nüchternem Durchblick, hoffenden Aufblick und freudigen Zielblick. Wir warten geduldig auf den kommenden Herren und handeln zugleich der Welt zugewandt. Wir leben hoffentlich so nachhaltig, wie es uns möglich ist, wirtschaften gerecht, tun Gutes, planen für die Zukunft, schließen Ehen und zeugen Kinder.

Wir warten auf Jesus und gestalten diese Welt. Wir säen Hoffnung, übernehmen Verantwortung in dieser Welt und auch in einer sich umstrukturierenden Kirche.

So viele kritisieren die großen Kirchen und auch unsere Landeskirche. Und ja: es gibt Grund dazu. Aber es ist zu billig, deswegen der Kirche den Rücken zu kehren. Und es ist zu billig, immer nur zu kritisieren. Nein, bring dich doch ein. Arbeite doch mit, dass diese Kirche wieder auf Kurs kommt. Sich vom Acker machen, das kann jeder. Aber Verantwortung übernehmen- auch geistliche Verantwortung, das ist Zeichen von echten geistlichen Leben.

Ich möchte an dieser Stelle mal all unseren ehrenamtlichen und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und besonders auch allen Mitgliedern im Kirchenvorstand sehr herzlich danken. Ich danke Euch, dass ihr nicht geht! Sondern mit mir die Verantwortung für unsere Pfarrei tragt. Ich danke euch, dass ihr in der Fürbitte oft so treu einsteht und unendlich viel Kraft und Zeit für unsere Pfarrei und die Gemeinde Jesu einsetzt. Gott segne euch dafür aus der Fülle seiner Gnade. Und wir tun dies alle, auch wenn wir nicht wissen, ob es diese Pfarrei noch in ein paar Jahren gibt und wie der Weg unserer Landeskirche weiter geht. Wir tun dies jetzt, weil Jesus heute wirkt, Auch in unseren Gemeinden. Lass dich doch auch einladen, es warten noch Aufgaben.  Wir warten auf Jesus, aber wir tun dies nicht untätig. Wir erwarten den kommenden Erlöser und sind in seinem Auftrag unterwegs. Wir möchten, dass auch heute noch viele Menschen den Erlöser Jesus Christus kennenlernen.  Und das durch uns, durch Menschen, die an Jesus Christus glauben. Wie oft ist zu hören: »Ich glaube an eine höhere Macht. Es muss etwas geben.«

Aber nur eine Ahnung zu haben, ist zu wenig. Gott hat mehr mit uns vor, als dass wir etwas von ihm ahnen. Er will, dass wir seine Kinder sind. Er will, dass wir seiner Liebe gewiss sind. Er will, dass uns nicht angst und bange ist, weil wir uns an Lebenslasten abschleppen. Er will, dass wir mit erhobenem Haupt leben, in Erwartung, mit einem Ziel vor Augen: eben der Erlösung dieser Welt und von uns Menschen.

Das ist das Ziel. Darauf leben wir zu – und nicht auf ein Chaos mit schrecklichem Ende. Auch wenn so manche Zeichen auf Sturm stehen – am Ende steht Jesus Christus. Er wird kommen und Erlösung bringen. Das steht fest – und wenn alles andere vergehen sollte. Er kommt.

33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Wartende sind wir, Menschen mit Erwartungen, Menschen, deren Leben widerspiegelt, dass sie schon heute um ihre Erlösung wissen und darauf warten. Menschen sind wir, die zu Recht beten: Dein Reich komme.   Amen.

Bei Rückfragen gerne wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18,95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de

 

Predigt am 2. Advent 2025, Kreuzkirche Bayreuth:  Lk.21,25-33

Liebe Gemeinde,

mit jedem »Vater unser« beten wir: »Dein Reich komme.« Wie ernst ist es uns mit dieser Bitte? Oder geht es uns wie Manfred Siebald in einem seiner Lieder singt: »Wir haben es uns gut hier eingerichtet. Der Tisch, das Bett, die Stühle stehn, der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet. Wir sitzen, alles zu besehn. Dann legen wir uns ruhig nieder und löschen müd vom Tag das Licht. Und beten laut: Herr, komm doch wieder. Und denken leise: Jetzt noch nicht.«

Es gab Zeiten, in denen Christen ganz konkret auf Jesus Christus warteten. In Korntal bei Stuttgart – zum Beispiel nahm diese konkrete Erwartung im 19. Jahrhundert fast skurrile Züge an. Bei der Feldarbeit sollen Bauern, so wird erzählt, ihren Mantel am Ostende ihres Ackers abgelegt haben. Sie lasen in ihrer Bibel: Jesus wird in Jerusalem wiederkommen, also von Korntal aus im Osten. Ihm aber wollten sie nicht in ihren Arbeitsklamotten, sondern
sauber gekleidet im Mantel entgegen gehen, wenn er erscheint. Mitten im Alltag rechneten sie mit Jesus. Ich bin 3 km von Korntal entfernt aufgewachsen und die Geschichte hat man sich noch in den 80 iger Jahren erzählt. Rechnen wir noch mit dem wiederkommenden Christus? Wir rechnen mit ganz anderem. Da werden von Klimaforschern Horrorszenarien vorausgesagt. Die Angst vor der Zukunft wächst.  Ich las diese Woche von einem Pfarrkollegen, der folgendes Experiment durchführte:  Sie feierten im thüringischen Schönbrunn einen Weltuntergangsgottesdienst. Vom Ablauf ähnelte Vieles dem Gewohnten, inhaltlich kreiste alles um das Weltenende. Am wirkungsvollsten war eine große Uhr im Altarraum. Ein Countdown, der sekundengenau herunterzählte. Für alle sichtbar, groß, auf Leinwand projiziert. Bei 30:40 interessierte das noch Wenige. Allerdings verschob sich der Fokus, berichtete der Pfarrer. Bei 8:08 war schon Nervosität spürbar, die Stimmen beim Singen leiser. Die Besucher gingen „in Deckung“ – mit jeder Sekunde mehr, erzählt er weiter. Seine Stimme dringt kaum noch durch. Angst?  Eher Unbehagen, das sich ausbreitet. Es kriecht den Rücken hoch. Manche halten sich die Ohren zu! Und als es 0:00 ist, passiert…NICHTS. Aufatmen, der Blick zum Nachbarn, die Spannung löst sich. Und dann kam jemand in Arbeitshose mit Schubkarre und Apfelbaum in die Kirche – und später pflanzten alle gemeinsam einen Apfelbaum.  Natürlich war dies ein fiktiver Countdown. Und doch konnten die Besucher spüren, was Schreckensszenarien auslösen. Obwohl sie selbst warm saßen, nicht allein waren und einen vollen Bauch hatten: Sie starrten auf das Herunterticken der Uhr. Jeder und jede für sich, mit mulmigem Gefühl. Es ist die Angst vor der Angst, die oftmals lähmt, sagt der Pfarrer. Auch wenn gar nichts Schreckliches passiert. Es reicht die Angst, dass der Nullpunkt droht.

Wenn man den Predigttext für heute liest, könnte man meinen: die Zukunftsangst wird noch geschürt. Er wirkt nicht förderlich für die Adventsstimmung. Und es stimmt leider: Mit solchen Texten wurde schon viel Angst gemacht. Aber hören wir genau hin: Mitten im Untergangsszenario steckt eine Botschaft der Hoffnung. Jesus sagt: „Kopf hoch“ – und meint das ganz und gar nicht oberflächlich. Wir hören auf den Predigttext aus Lk. 21, 25-33 aus der Lutherbibel:

25Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,

26und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 

27Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.

28Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht aufund erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Vom Feigenbaum

29Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:

30wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.

31So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

…den Völkern wird bange sein, prophezeit Jesus. Wir erleben es bereits. Viele haben Angst – auch in unseren Reihen. Bestimmt könnte jede und jeder hier aus dem Stand sagen, wovor er, wovor sie Angst hat. Was eben noch sicher und fest war, kann im nächsten Augenblick wegbrechen. Das macht Angst. Die größten Ängste der Deutschen sind laut aktueller Umfrage die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, die Angst, dass der Staat durch Geflüchtete überfordert ist und dass Steuern erhöht und Leistungen gekürzt werden.

Wir haben es in den letzten Jahren erlebt: dem wirtschaftlichen Aufschwung folgte eine lang anhaltende Talfahrt. Plötzlich sind sichere Arbeitsplätze in Gefahr. Wackelt aber eine Industrie wie die Autoindustrie, wackelt noch vieles andere mit. Große Firmen bauen Arbeitsplätze ab, auch Gemeindeglieder unter uns sind betroffen.

Oder anderes Thema: wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass das Polareis schmilzt, der Meeresspiegel ansteigt und ganze Küstenstreifen mit Städten und allem zu versinken drohen?

Das Brausen und Wogen des Meeres… die Bilder von Flutkatastrophen sind gegenwärtig. Mit zerstörerischer Urgewalt verschlingen sie alles, was sich ihnen in den Weg stellt.

In der Bibel ist das Meer und sind seine Wellen Bild für die Urgewalten, für Chaoskräfte, denen wir Menschen nicht gewachsen sind.

Und oft genug kommen wir uns ja auch so vor: wie ein Spielball des Schicksals. Da geht einer routinemäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Er fühlt sich fit und gesund. Und dann wird eine schwere Krankheit diagnostiziert. Plötzlich ist alles anders. Ich bin jetzt kein Fan von Thomas Gottschalk, aber seine Krebsdiagnose hat auch mich beschäftigt. Und dann steht die Krankheit fest und eine ganze Palette von Hilfsmaßnahmen setzt ein: Operation, Bestrahlung, Medikamente, Kur, regelmäßige Nachsorge. Und trotzdem die Angst, dass die nächste Untersuchung wieder etwas Schlimmes zeigt.

Das Wasser kann einem wirklich bis zum Hals stehen und man ist ratlos, ängstlich und hin- und hergeworfen. Wir sind alle keine Helden und brauchen es auch nicht sein im Strudel dieser Welt.

Aber der Herr steht über all diesen Dingen. Er hält und tröstet und tragt. Was aber, wenn einer ohne diesen Herrn lebt? Was, wenn einer auf sich allein geworfen ist oder sich nur auf Menschen verlässt? Wie soll er dann Hilfe, wie soll er Rettung erfahren? Welche Perspektive gibt es ohne Gott?  Ist dann nicht entweder wirklich Angst angesagt vor der Zukunft oder aber Verdrängung wirklicher Lebensfragen und möglicher Nöte? Muss dann nicht fast zwangsläufig die Konsequenz lauten, wie sie schon in der Bibel von Menschen ohne Glauben an Gott ausgesagt ist und was Sprichwort wurde: »Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot?«

Die vielen Grabsteine auf unseren Friedhöfen – Marksteine des Todes: Wenn sie das Letzte wären. Wenn das allein über ein Leben zu sagen wäre: Geboren werden; Schule, Beruf, Heirat, Kinder… und dann bricht eine Krankheit über einen herein. Jahrelange Pflege. Am Ende der Tod. Wenn das alles wäre…

Auch wenn einer im hohen Alter stirbt und ein, wie wir sagen, »gutes Leben« gehabt hat. Wenn das alles wäre…

Oder die vielen, die auf unserer Erde durch Gewalt, durch Krieg zu Tode kommen, durch Hunger, durch Misswirtschaft und Ungerechtigkeit… Wenn das alles wäre… und am Ende sich auch keiner der Schuldigen dafür verantworten müsste, was er getan, dafür, wie er gelebt hat.  Das kann nicht alles sein. Es kann am Ende kein ›Schwamm drüber‹ oder ›Gras darüber-wachsen-lassen‹ stehen. Es kann das Ende nicht Tod und Verderben sein, Leere und Nichts. Nein, das kann nicht sein. Und das ist es auch nicht!  Jesus beschreibt ein anderes Ende. Er, Jesus, wird ein zweites Mal kommen, als Erlöser. Dieses zweite Kommen Jesu steht thematisch im Mittelpunkt vom 2. Advent. Jesus wird kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Die Wolke zeigt die Gegenwart Gottes auf der Erde an. Denken wir an die Wolke, in der Gott seinem Volk Israel durch die Wüste vorauszog.

Alle werden ihn sehen, die ganze Menschheit. Zu allen wird er kommen. Und er wird die Gefangenen Zions erlösen… wie es in Psalm 126 heißt – auch die Gefangenen des Todes. Oder wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen: …von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Das wird sein Tun sein bei seinem zweiten Kommen. Er wird kommen zu erlösen. Er wird kommen, sein Reich aufrichten – ein Reich des Friedens. Ungerechtigkeit wird keine Chance mehr haben. Sie wird ein Ende finden. Alles, was dem Leben zuwider läuft, ist ausgeschaltet. Todbringendes gibt es nicht mehr. Alle, die Unrecht tun, die die Menschenwürde mit Füßen treten, die sich über Menschen erheben und ihnen das Leben zur Hölle machen und damit Gott spotten und ins Gesicht schlagen – sie werden entmachtet sein. Sie werden nichts mehr zu sagen haben, außer dass sie zusammen mit den Erlösten in das Bekenntnis einstimmen werden: Jesus allein ist Herr!

Was sind das für Aussichten! Es wird eine riesengroße Überraschung sein. Für manche wohl ein Ende mit Schrecken, weil sie sich verrechnet haben, weil sie nicht mit Christus gerechnet haben. Aber es wird auf alle Fälle kein Schrecken ohne Ende sein. Die Angst wird nicht siegen. Sie wird besiegt. Der Tod wird nicht siegen. Er ist bereits besiegt – seit Ostern. Wir leben im Horizont des Lebens, Leben, das Gott gibt durch den Tod hindurch.

Deshalb gilt schon heute: Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Trotz noch so vieler Unheilszeichen, trotz Leid und Elend in unserer Welt und im eigenen Leben. Ja, obwohl wir den Tod, das Ende unseres irdischen Weges noch vor uns haben. Im Glauben an Jesus Christus haben wir allen Grund, den Kopf zu erheben. Wir haben allen Grund, offensiv zu sein. Wir haben allen Grund, uns um diese Welt zu kümmern und sich in ihr für das kommende Reich einzusetzen.

Wir haben zu leben mit nüchternem Durchblick, hoffenden Aufblick und freudigen Zielblick. Wir warten geduldig auf den kommenden Herren und handeln zugleich der Welt zugewandt. Wir leben hoffentlich so nachhaltig, wie es uns möglich ist, wirtschaften gerecht, tun Gutes, planen für die Zukunft, schließen Ehen und zeugen Kinder.

Wir warten auf Jesus und gestalten diese Welt. Wir säen Hoffnung, übernehmen Verantwortung in dieser Welt und auch in einer sich umstrukturierenden Kirche.

So viele kritisieren die großen Kirchen und auch unsere Landeskirche. Und ja: es gibt Grund dazu. Aber es ist zu billig, deswegen der Kirche den Rücken zu kehren. Und es ist zu billig, immer nur zu kritisieren. Nein, bring dich doch ein. Arbeite doch mit, dass diese Kirche wieder auf Kurs kommt. Sich vom Acker machen, das kann jeder. Aber Verantwortung übernehmen- auch geistliche Verantwortung, das ist Zeichen von echten geistlichen Leben.

Ich möchte an dieser Stelle mal all unseren ehrenamtlichen und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und besonders auch allen Mitgliedern im Kirchenvorstand sehr herzlich danken. Ich danke Euch, dass ihr nicht geht! Sondern mit mir die Verantwortung für unsere Pfarrei tragt. Ich danke euch, dass ihr in der Fürbitte oft so treu einsteht und unendlich viel Kraft und Zeit für unsere Pfarrei und die Gemeinde Jesu einsetzt. Gott segne euch dafür aus der Fülle seiner Gnade. Und wir tun dies alle, auch wenn wir nicht wissen, ob es diese Pfarrei noch in ein paar Jahren gibt und wie der Weg unserer Landeskirche weiter geht. Wir tun dies jetzt, weil Jesus heute wirkt, Auch in unseren Gemeinden. Lass dich doch auch einladen, es warten noch Aufgaben.  Wir warten auf Jesus, aber wir tun dies nicht untätig. Wir erwarten den kommenden Erlöser und sind in seinem Auftrag unterwegs. Wir möchten, dass auch heute noch viele Menschen den Erlöser Jesus Christus kennenlernen.  Und das durch uns, durch Menschen, die an Jesus Christus glauben. Wie oft ist zu hören: »Ich glaube an eine höhere Macht. Es muss etwas geben.«

Aber nur eine Ahnung zu haben, ist zu wenig. Gott hat mehr mit uns vor, als dass wir etwas von ihm ahnen. Er will, dass wir seine Kinder sind. Er will, dass wir seiner Liebe gewiss sind. Er will, dass uns nicht angst und bange ist, weil wir uns an Lebenslasten abschleppen. Er will, dass wir mit erhobenem Haupt leben, in Erwartung, mit einem Ziel vor Augen: eben der Erlösung dieser Welt und von uns Menschen.

Das ist das Ziel. Darauf leben wir zu – und nicht auf ein Chaos mit schrecklichem Ende. Auch wenn so manche Zeichen auf Sturm stehen – am Ende steht Jesus Christus. Er wird kommen und Erlösung bringen. Das steht fest – und wenn alles andere vergehen sollte. Er kommt.

33Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Wartende sind wir, Menschen mit Erwartungen, Menschen, deren Leben widerspiegelt, dass sie schon heute um ihre Erlösung wissen und darauf warten. Menschen sind wir, die zu Recht beten: Dein Reich komme.   Amen.

Bei Rückfragen gerne wenden an: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18,95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de