Gottesdienst mit Abendmahl, Pfr. i.R. Schöppel, KiGo & TeenieKirche, Livestream
Zur PDFRogate, Kreuzkirche, 10.05.2026, Matthäus 6,5-15
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Mit einem leidenschaftlichen Plädoyer fürs Beten von Luther möchte ich diese Predigt beginnen (Chr. Wegweiser 9.5.): „Schüttet euer Herz vor ihm aus, klagt es nur frei heraus, verbergt ihm nichts. Es sei, was es wolle, werft es in großen Mengen vor ihn, als wenn ihr euer Herz einem guten Freund ganz und gar öffnet. Er hört es gerne und will auch gerne helfen und raten. Scheut euch nicht vor ihm und denkt nicht, es sei zu groß oder zu viel… Er ist größer und vermag es. Er will auch mehr tun als unsere Gebrechen sind. Zerstückelt es ihm nur nicht! Er ist kein Mensch, dem zu viel Betteln und Bitten zumuten könnte. Je mehr du bittest, umso lieber hört er dich an. Schütte nur alles heraus, tröpfle nicht. Denn er wird auch nicht tröpfeln, sondern dich mit einer Sintflut überschütten.“
So dürfen wir beten. Kein Gebet ist unserem Gott zu viel. In allen Religionen gibt es Gebete, freie oder feste Formen des Redens mit Gott. In vielen Religionen sind es vorgegebene Sätze, die oft wiederholt werden, verbunden mit bestimmten Haltungen und Gesten. Oft auch als kollektives Erlebnis in einer großen Menge von Menschen. Aber so beten, wie Martin Luther hier rät, das kennen andere Religionen nicht.
Auch unser Herr Jesus hat viel zum Thema Beten gesagt. Er rät in der Bergpredigt seinen Leuten, aus dem Gebet kein frommes Spektakel zu machen, also nicht als Beter auffallen und auf Menschen wirken zu wollen. Es kommt nicht darauf an, dass die Leute euch dabei bewundern, sondern es kommt darauf an, dass ihr euch betend an Gott wendet und dass er euch hört und ihr auf ihn.
Geh in dein Kämmerlein, mach die Tür hinter dir zu und bete zu deinem Vater im Himmel, der in das Verborgene sieht. Gebet ist ein Termin mit Gott. Wenn es nicht in Gemeinschaft geschieht, dann ist es eine Privataudienz mit dem Allerhöchsten. Es kommt, so Jesus, auch nicht auf die Länge eines Gebets an, sondern auf die Ehrlichkeit und die innere Haltung. Ich lese die Verse unseres Schriftworts Mt 6,5-15:
Wenn ihr betet sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen, Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen,denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Unser heutiges Bibelwort für die Predigt ist ähnlich wichtig und gehaltvoll wie unser Grundgesetz. Auch da sind zentrale Aussagen drin, die für alle anderen Gesetze richtungsweisend sind. Sie dürfen dem Grundgesetz nicht widersprechen. Und sie müssen dem Geist und Sinn des Grundgesetzes entsprechen.
So auch diese Sätze zum Thema Beten und ganz speziell zum das Vaterunser, als das zentrale und wichtigste Gebet aller Christen und in diesem Zusammenhang auch um die Frage des Betens überhaupt. Beten, wann, wie, wo und warum? Jesus beginnt mit einem kurzen Vorwort, in dem er Negativbeispiele anführt, was beten nicht sein soll und wie es daneben geht. – Beten soll kein Theater sein, sondern echt. Keine Vorführung für andere. Beim Beten geht es nicht um Performance – wie komme ich bei anderen an… Wie kann ich Gott gefallen? Welche Worte möchte er hören. Beten ist ehrliches Reden mit Gott. In der Regel ist es ein vertrauliches Gespräch zwischen Gott und mir.
Zu einem solchen vier Augen Gespräch stellt man sich nicht auf die Bühne und geht nicht ans Mikrophon. – Ist mir mal passiert vor vielen Jahren, dass ich bei der Verabschiedung an der Kirchentüre mein Mikro noch eingeschaltet hatte und manche Leute dann neben dem Auf-Wiedersehen noch etwas anderes zu mir sagten und ich ihnen antwortete. – Das war dann leider über die Lautsprecher in der Kirche zu hören. Sofort kam ein Mitarbeiter angerannt und sagte mir: Mikrophon ausschalten…
Anders natürlich in einem Gottesdienst oder bei einer evangelistischen Veranstaltung, wenn eine oder einer vor Gott tritt und für andere und auch vor ihnen sich betend an Gott wendet. Oder auch wenn viele, eine ganze Gemeinde laut miteinander beten. Z. B. einen Psalm, oder einen Liedvers oder eben das Gebet, das uns Jesus hier in seiner Bergpredigt gegeben hat. Alle anderen Gebete sind Zwiesprache mit Gott oder Audienz bei Jesus. Wie ist da Beten angemessen?
Der äußere Rahmen: Jesus empfiehlt hier, dass man sich zum Beten an einen ruhigen Ort zurückzieht. Irgendwohin, wo man die Türe hinter sich zu machen kann und ungestört ist, wo man nicht beobachtet und nicht dauernd abgelenkt wird. Also, wie wenn man einem vertrauten Menschen etwas Wichtiges sagen möchte. Man nimmt ihn zur Seite und fragt: Hast du mal kurz Zeit für mich. Ich will dir was sagen.…
Das ist das eine, was Jesus wichtig ist, fürs Beten. Das andere ist der Inhalt. Vielleicht kennen Sie das auch, dass man manchmal denkt. Meine Gebete sind – abgesehen von Stoßseufzern und Notlagen – immer irgendwie gleich. Und wenn dann auch nach längerer Zeit das Erbetene nicht erhört scheint, fragt man sich: Mache ich vielleicht was falsch beim Beten? Müsste ich anders beten?
Für alle die so fragen, wie die Jünger: Wie betet man denn eigentlich richtig, hat Jesus einen Vorschlag, eine Empfehlung: Das Vaterunser. Wahrscheinlich ist kein Teil des Neuen Testaments so bekannt in der Welt, wie das Vaterunser. Wir finden es wohl auch deshalb an einer hervorgehobenen Stelle im Matthäusev., mitten in der Bergpredigt. Jesus spricht dort über zentrale Inhalte des Glaubens und der gelebten Gottesbeziehung und kommt dabei auch zum Thema Beten.
Er belässt es aber nicht bei Ratschlägen zum Beten, sondern liefert seinen Freunden und denen, die ihm folgen wollen ein Gebet, das sie beten können und sollen, das aber auch zum rechten Beten hilft. Das Vaterunser ist ein Gebet, das wir immer beten dürfen und das gerade dann sehr hilfreich ist, wenn einem die rechten Worte zum Beten fehlen. Wenn man nicht weiß, wie man beten soll. Wichtig ist dabei aber, dass man mit dem Herzen dabei ist. Dann geht von jedem Satz etwas aus. Schon von der Anrede: Vater unser im Himmel… Schon die ersten beiden Worte machen mir bewusst, dass ich nicht allein bin. Es ist einer da, da, der mich jederzeit und überall hört, an den ich mich wenden darf und der es gut mit mir meint. Ich bin auch deshalb nicht allein, weil der Vater nicht nur mein Vater ist, sondern der Vater aller Christen. Unser Vater! Das stellt mich in eine Gemeinschaft hinein.
Wenn man Geschwister hat, dann sagt man auch „unser Vater“, wenn man von dem spricht, der einen von klein an begleitet, beschützt und ernährt und versorgt hat. Wenn Christen im Glauben vom Vater im Himmel reden, dann sind sie durch ihn auch auf besondere Weise miteinander verbunden und werden zu Schwestern und Brüder. Erst recht, wenn sie miteinander das „Vaterunser“ beten.
Von Martin Luther ist überliefert, dass er von seinem Frisör einmal gefragt wurde, wie man denn richtig beten soll. Es muss wohl 1535 in Wittenberg gewesen sein. Luther war mal wieder bei seinem „Barbier“ wie man damals sagte, um sich die Haare schneiden und den Bart rasieren zu lassen. – Vielleicht hatte ihn seine Käthe geschickt, weil sie meinte, dass er so nicht mehr rumlaufen sollte – das solls ja heute auch noch geben, dass die Frau den Anlass gibt, den Frisör aufzusuchen.
Und auch damals war es wohl so, dass man sich beim Frisör unterhält. Doch Luthers Frisör, Peter Beskendorf, hat sich nicht über das Wetter, die Mode oder die Politik mit seinem prominenten Kunden unterhalten, sondern übers Beten: „Dr. Luther, wie soll man denn eigentlich richtig beten?“ Es ist nicht überliefert, wie Martin Luther auf dem Frisörstuhl und vielleicht mit Rasierschaum eingeseift spontan geantwortet hat, aber die Frage hat ihn nicht losgelassen. Er hat bald darauf ein kleines Büchlein – vielleicht eher ein Heftchen – geschrieben mit dem Titel: „Eine einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund.“ Und darin vergleicht er das Beten mit der Arbeit eines Frisörs: „Ein guter Balbierer (Barbier) muss seine Gedanken, Sinn und Augen genau auf das Schermesser und auf das Haar richten, wo er aber zugleich viel plaudern und anderswohin denken und gucken will, da ist er in Gefahr Mund und Nase abzuschneiden. Also will ein jegliches Ding, wenn es richtig gemacht werden will, den Menschen ganz haben, mit allen Sinnen. – Wie viel mehr will das Gebet das Herz einig, ganz und allein haben, wenn es ein gutes Gebet sein soll.“
An anderer Stelle meint Luther: „Wenn wir beten und uns Zeit nehmen für Gott, dann beginnt der Heilige Geist zu sprechen.“ Und in dem eben erwähnten Büchlein vom Beten an den Frisör schreibt er: „Wenn ich das Vaterunser bete, dann kommt es oft vor, dass ich bei einer Bitte in so reiche Gedanken spazieren komme, dass ich nicht weiterbete. Und wenn solche guten Gedanken kommen, soll man ihnen Raum geben und mit Stille zuhören, denn da predigt der Heilige Geist selber.“
Gebet soll eben nicht nur Einbahnstraße sein, in der wir nur selber reden. Wir dürfen betend und in Ruhe zu Hörenden werden. Es muss auch nicht unbedingt eine Stimme von außen sein, die uns erreicht, es können auch, so wie Luther es beschreibt, „Gedanken kommen“, es kann einem ein Licht aufgehen, ein Trostwort einfallen oder eine Verheißung.
Wenn ich manchmal irgendwo sitze und warten muss oder nachts aufwache und nicht gleich wieder einschlafen kann, dann gehe ich das Vaterunser in Gedanken durch. Nicht in dem Tempo, wie wir es im Gottesdienst beten – das ist viel zu schnell – , sondern langsam. – Ganz langsam: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name… Pause – Ich frage mich, wie ich das machen kann, Gottes Namen heiligen. Wo das in meinem Leben seinen Platz hat oder warum ich es so oft vergesse. Bei der Bitte „dein Reich komme“ wächst in mir zunehmend eine Sehnsucht nach diesem Reich. Ich versuche mir vorzustellen, wie das sein muss, wenn Gottes Reich endgültig da ist. Wenn es keinen Krieg mehr gibt und keine Amok-Fahrten. Wenn aller Schmerz aufhört und nicht mehr gestritten wird. Wenn alle Ängste vorbei sind und wie es in der Apostelgeschichte heißt, alle Knie sich beugen vor Gott, der dann nicht mehr geleugnet werden kann. Ja, Herr, dein Reich komme! So denke ich dann. Und auch die Bitte schiebe ich dann mit ein … und lass mich mit dabei sein in deinem wunderbaren Reich.
Wenn ich mir die Herrlichkeiten des Reiches Gottes so ausmale, fällt es mir auch gar nicht mehr schwer weiter zu beten: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Ich kann dann sogar in Kauf nehmen, dass der Wille Gottes gerade nicht mit meinem Willen übereinstimmt. Wenn DEIN Wille mich durchbringt in dein Reich, lieber Vater, dann lass doch lieber deinen Willen geschehen, auch wenn ich meinen Willen dafür aufgeben muss. – Mir fällt zu den Vaterunser-Bitten in der nächtlichen Stille und der schlaflosen Stunde jedes Mal was anderes ein. Aktuelles, Probleme, die mich beschäftigen, Menschen, die um Fürbitte gebeten haben. Manchmal sind es auch Fehler, Versäumnisse oder Schuld, auf die mich der Geist Gottes bei solchen Gebeten aufmerksam macht. Darauf kann ich dann in meinem Gebet reagieren.
Zugegeben: Richtig zu Ende, mit ordentlichem Gebetsabschluss, komme ich da meistens nicht. Warum? Weil ich irgendwann wieder eingeschlafen bin. Das ist nicht schlimm und keine Sünde, denn das ist dann auch ein Wirken des Heiligen Geistes, der mich friedlich schlafen lässt, weil er sich kümmert und weil unser Vater im Himmel seine Hände schützend und fürsorglich über mich hält.
Das ist Segen des Gebets, dass wir anstatt uns in Sorgen, Zweifel oder in Ängste hinein zu steigern in Geborgenheit schlafen können. Sollte man aber doch nicht einschlafen können und so mit allen Anmerkungen das Vaterunser tatsächlich durchwachen und bis zum Amen gelangen, dann sind da immer noch so viele Anliegen und Menschen, die wir betend zum Vater bringen dürfen, dass keine wache Minute sinnlos war.
Was für ein Geschenk ist dieses Gebet, welcher Reichtum! Nichts ist vergessen. Das tägliche Brot enthält alles, was wir zum Leben brauchen. Lest mal Luthers Auslegung im kleinen Katechismus dazu!
Predigtschlussgebet? Heute das Vaterunser. Ganz langsam, Bitte für Bitte, mit einer kleinen Stille nach jeder Bitte:
Vater unser im Himmel…