Gottesdienst – Matthäus 9,9-13

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Predigt zu Matthäus 9,9-13 am Sonntag Septuagesimae 4.2.07 – Pfarrerin Birgit I. Bauer

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Liebe Gemeinde,

muss man sich, menschlich betrachtet, nicht wundern, dass es die Kirche auch im 21. Jahrhundert immer noch gibt? Muss man sich nicht wundern, dass sich Sonntag für Sonntag Millionen von Menschen zum Gottesdienst versammeln?

Dabei findet sich doch so viel an der Kirche und an den Christen zu kritisieren. Und wie viele Leute stehen nicht draußen oder auf der Schwelle und zählen der Kirche und den Christen ihr breitgefächertes, buntgemischtes Sündenregister auf, darunter: die Kreuzzüge und die gewaltsamen Bekehrungen, die Inquisition und die Hexenverbrennungen, die Hierarchie und die Unterdrückung der Frau, die Segnung von Waffen und von mancherlei anderen zweifelhaften Gerätschaften, die Rechtfertigung von Kriegen und der erklärte Kampf gegen die Achse des Bösen, die politische Einmischung und das Schweigen zum Holocaust im Dritten Reich …

Mag man im übrigen nicht immer wieder Christen allgemein Heuchelei und Doppelgesichtigkeit unterstellen? Beim Friseur vor ein paar Tagen war erst die Rede davon: „Ja, sonntags sitzen sie fromm in den Bänken und montags schlagen sie ihre Kinder. Am Dienstag übertreten sie dann die Geschwindigkeitsgrenzen. Am Mittwoch reden sie schlecht über andere. Am Donnerstag kuschen sie vor ihrem Chef. Am Freitag vermieten sie ihre Wohnung so teuer wie irgend möglich. Und am Samstag jagen sie Schnäppchen.“

„Die Christenheit, die Christenheit … Sie hat gute Krankenschwestern hervorgebracht und ebenso tüchtige Mörder“, lässt Friedrich Dürrenmatt einen Juden in dem Roman „Der Richter und sein Henker“ sagen. Und kein geringerer als der Deutschen Dichter Johann Wolfgang Goethe erklärt: „Es ist die ganze Kirchengeschichte Durcheinander von Irrtum und Gewalt.“

Ihr Lieben, was sollen wir darauf antworten? Schon Martin Luther gestand ein: „Das Gesicht der Kirche ist das Gesicht einer Sünderin.“ Vollkommen klar, meinte der Prediger Spurgeon, als einmal ein Mann zu ihm kam, den es in keiner Kirche oder Gemeinde lange hielt, weil keine seinen Vorstellungen von christlicher Vollkommenheit entsprach. „Wissen Sie“, sagte der begnadete Theologe, „eine vollkommene Gemeinde gibt es nicht, die werden Sie erst finden, wenn Sie in den Himmel kommen. Sollten Sie aber die vollkommene Gemeinde schon hier auf Erden finden, dürfte diese Gemeinde Sie nicht aufnehmen. Denn dann wäre sie nicht mehr vollkommen.“

Ein Lied, dessen Melodie von den Beatles stammt, bringt die Sache auf den Punkt: „In dem Leben, das man führt, da ist vieles, was Gott stört. Wie der Mensch nun einmal ist, macht er Fehler, auch der Christ. – Auch der größte Glaubensheld manchmal in die Tiefe fällt. Und wer denkt, er ist perfekt, hat sich selbst noch nicht entdeckt. – Auch bei uns ist manchmal Krach. Auch bei uns wird mancher schwach. Vieles ist bloß frommer Schein. Vieles könnte besser sein.

Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran. Jesus macht uns frei, fängt neu mit uns an. Besser sind wir nicht, aber besser sind wir dran. Jesus macht uns frei, fängt neu mit uns an.“

So ärgerlich das scheint: Wir Christen bilden eine Versammlung von Sündern. Die Kirche beschreibt sich als eine Gemeinschaft von Schuldnern, die den Geboten Gottes nicht genügen. Die weit zurückbleiben in der Nachfolge Jesu. Die den Mitmenschen und der Mitkreatur nicht gewähren, was diese an Fürsorge erwarten können. Die mit leeren Händen vor den Herrn der Welt treten und sprechen:

„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Wir erkennen, dass wir gesündigt haben mit Gedanken, Worten und Werken. Wir bitten: Gott, sei uns Sündern gnädig. Der allmächtige Gott erbarme sich unser, er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben. Amen.“

Und das Gebet der Christenheit, das Vaterunser, braucht mittendrin den flehenden Ruf: „Vergib uns unsere Schuld“, weil wir nicht bloß laut Kleinem Katechismus „täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen.“ Oder möchte da jemand widersprechen?

Aber eben darin besteht das herrliche Evangelium heute: dass Gott in Christus denen gnädig ist, die ganz auf die Gnade angewiesen sind. Dass Gott tatsächlich bedingungslos gnädig sein will. Die es nicht wert sind, – uns – erwählt Gott. Immer schon und immer noch. Wir erfahren nicht nur durch Matthäus: Jesus ist bei den Verschrienen, weil er erstens Barmherzigkeit will, weil er zweitens die Sünder will, weil er drittens deren Dienst will.

Barmherzigkeit. „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Mit diesem Zitat aus dem Buch des Propheten Hosea wurzelt Jesus in alter Gotteskundgebung. In unserer Sprache reden wir wohl eher von Solidarität, Mitmenschlichkeit, sozialem Verhalten – und wissen, es ist gesellschaftlich notwendig wie eh und je.

Im Hebräischen schließt das Wort reiche Ober- und Untertöne ein. Barmherzigkeit meint Haltungen wie Güte und Milde. Gunst und Liebe. Anmut und Charme. Barmherzige Menschen leuchten anziehend schön unter uns. Jesus denkt freilich an viel mehr als einfach an eine neue wohltuende Übung, wie sie uns etwa Frauenzeitschriften nahe legen. In Jesus ist ja die Barmherzigkeit Gottes leibhaftig zu uns gekommen, damit sie wirke unter uns, weit in die Welt hinein ausstrahle, uns umfange und umfasse. Barmherzigkeit – ja: Luft, die wir atmen. Raum, in dem wir wandeln.

Leben wir in diesem Raum? Leben wir in Jesus Christus? Tag für Tag und auch in der Nacht? Von Sonntag bis Samstag und immer? Könnten wir überhaupt anders leben als in der Sphäre unendlicher göttlicher Barmherzigkeit und Vergebung?

Bei einem Rundfunk-Wettbewerb wurde die Frage gestellt: „Welches ist der schönste Satz, den eine Frau hören kann?“ Nach vielem Hin und Her bekam eine junge Frau den ersten Preis. „Der schönste Satz“, meinte sie, „den eine Frau zu hören bekommen kann, ist, wenn das Baby nachts um drei zu weinen anfängt und ihr Mann spricht: ´Bleib liegen. Ich geh´ schon!`“

Jesus will Barmherzigkeit. Die wir empfangen und entdecken als unser Lebenselixier und das der anderen. Freilich mitunter mühsam und in Selbstüberwindung. Aber Jesus will Barmherzigkeit für und bei Menschen wie uns. Noch steiler ausgedrückt: Jesus will die Sünder. „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Er hält es zuerst mit solchen, deren Führungszeugnis unrein starrt. Die wir gern ausgrenzen, weil sie uns Angst machen und weil sie uns zusetzen können. Der Zöllner Matthäus war zu seiner Zeit einer von denen: im Pakt mit den Besatzern, gierig und verhasst.

Nein, so sind wir nicht, gell! Wahrscheinlich zählen wir eher zu denen, die man kaum verfolgt und erwischt, die selten ein Gericht beschäftigen würden, weil das, was an ihnen auszusetzen ist, woanders hingehört. In die verborgenen Winkel des Miteinanders in Familie und Nachbarschaft. In die geheimen Ecken der persönlichen Religiosität. Oder – nach einem Lied von Reinhard May – bei Hempels unters Bett.

Jesus will die Sünder. Alle miteinander. Jesus will uns. Darum lädt er uns an seinen Tisch. Brot von seinem Teller und Wein aus seinem Krug teilt er mit denen, die sich ihm nicht entziehen. Damit nicht genug: seinen Leib und sein Blut schenkt er denen aus, die sich Gottes Gerechtigkeit gefallen lassen, weil sie um den Mangel ihrer eigenen Gerechtigkeit zutiefst wissen. Mit allen anderen vermag Jesus leider erst mal wenig anzufangen.

Manfred Siebald singt davon: „Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin. Du hast gesagt, dass jeder kommen darf. Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann. Was mich besser macht vor dir, das hast du längst am Kreuz getan. Und weil du mein Zögern siehst, streckst du mir deine Hände hin, und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.“

Und dann, ihr Lieben, geschieht etwas, was noch mehr zum Staunen Anlass gibt. Jesus will den Dienst des Sünders. Er braucht den Untüchtigen und Geringgeschätzten, den Verachteten und Unzuverlässigen. „Folge mir!“ sagt er und ruft in seine nächste Nähe, in den Kreis seiner Jünger.

Völlig voraussetzungslos engagiert Jesus seine Leute. Schöpfung aus dem Nichts sozusagen. Großes Wagnis eines Arbeitgebers. Unsere Landeskirche traut sich das nicht. Im jüngsten Brief aus München lesen wir sachgemäß folgende Information aus der Personalabteilung: „Die kirchliche Studienbegleitung wird reformiert. Ein neues Entwicklungs- und Förderkonzept wird verbunden mit einer so genannten gestreckten Eignungsabklärung, durch die der Automatismus einer Übernahme ins Vikariat und in den Probedienst beendet wird. Es soll sichergestellt sein, dass Pfarrer und Pfarrerinnen in den Dienst treten, die in den Bereichen theologischer Vermittlungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Spiritualität, Organisationsfähigkeit und Fachlichkeit mitbringen, was in immer komplexer werdenden gesellschaftlichen und kirchlichen Bedingungen gebraucht wird.“

Aus dem Evangelium erfahren wir dagegen: Zu Jesu Kirche gehören und in dieser Kirche einen besonderen Dienst versehen, das gründet nicht in irgendeinem natürlichen Status, sondern allein in Jesu erwählendem und neuschaffenden Ruf. Mehr noch: nicht nur am Start erweisen sich Jesu Leute als eigentlich untauglich und nur durch Jesu Wunder brauchbar. Es bleibt gar bei dieser Unwürdigkeit und damit bei dem Angewiesensein auf die „Tüchtigkeit“, die „von Gott ist“. Ein Leben lang.

Dass es die Kirche auch im 21. Jahrhundert immer noch gibt, dass sich Sonntag für Sonntag Millionen von Menschen zum Gottesdienst versammeln, ist Gottes Wunder. Jesus kann tatsächlich mit Sündern etwas anfangen, seine ganze Kirche besteht aus lauter „Matthäusen“ und ist doch die „heilige christliche Kirche“ – darum, weil der Herr in ihr wirkt, der Barmherzigkeit will, die Sünder will und ihren Dienst. Wer das annimmt, von Christus so angenommen zu sein, wird wie Matthäus „aufstehen und ihm folgen“. Amen.