Gottesdienst – Matthäus 6,19-23

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Erntedankfest, Kreuzkirche, 30.09.07 Matthäus 6,19-23

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …

Unser Schriftwort für die Predigt ist heute ein Abschnitt aus der Bergpredigt, Matthäus 6,19-23:

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.
Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, die nie ihren Wert verlieren und die kein Dieb mitnehmen kann.
Wo nämlich euere Schätze sind, da zieht es euch hin.


Das Auge gibt dir Licht. Wenn deine Augen klar sehen, wirst du dich überall sicher bewegen können. Wenn du nun schlecht siehst, tappst du unsicher herum. Hast du aber Gott aus den Augen verloren, wie schrecklich wird dann deine Finsternis sein.

Klingt das nicht ein bisschen nach Sehtest? „Wenn du schlecht siehst, tappst du unsicher herum.“
Alle Kurzsichtigen können ein Lied davon singen. Ohne Brille tappt
man unsicher herum. Man kennt keinen, wenn der weiter als drei Meter
weg ist, man sieht die feinen Unebenheiten und kleinen Hindernisse
nicht, stolpert leicht und ist unsicher.

Ich hab das schon manchmal erlebt: Auf Bergtouren,
wenn sich das Wetter verschlechtert und Nebel aufzieht, dann
beschlägt die Brille und man sieht den Weg nicht mehr und wenn man
sie abnimmt ist es auch nicht besser, dann wird alles unscharf und man
stolpert über jeden Stein und jede Wurzel.

Oder ich denke an ein Erlebnis vor einigen Jahren an
der Nordsee, bei starkem Wellengang, war ich mit einer Gruppe
unerschrockener Jungs Schwimmen. Als Rettungsschwimmer versuchte ich
darauf zu achten, dass ja keiner zu weit raus schwimmt und dass wir
beisammen bleiben. Die Brille hatte ich lieber im Rucksack am Strand
gelassen, damit sie mir nicht durch eine Welle weggespült wird.

Ich war ein Stück rausgeschwommen und alle
Jungs waren zwischen dem Strand und mir. Ich konnte ohne Brille zwar
ihre Gesichter nicht erkennen, aber ich sah die Köpfe im Auf und
Ab der Wellen. Als ich mich umdrehte, zum offenen Meer hin, sah ich,
vielleicht 50 Meter entfernt noch eine Kopf zwischen den Wellen. Ich
winkte, aber der Junge reagierte nicht. Auch Rufen nützte nichts,
weil die Brandung zu laut war.

Also schwamm ich ein Stück raus auf ihn zu, um
ihn zurück in Ufernähe zu schicken. Durch die Wellen sah ich
den Kopf immer nur mal kurz, wenn ich und der andere gleichzeitig auf
dem Wellenkamm waren. Ich kam näher, noch 30, dann noch 20 Meter,
aber der Kerl mit der dunklen Badekappe reagierte auf kein Zeichen.
Dann war er plötzlich verschwunden. Ich schwamm noch ein
Stück in die Richtung, wo er zuletzt zu sehen war, aber nichts.

Hoffentlich ist er nicht untergegangen, dachte ich,
– plötzlich, nur ein paar Meter vor mir, kam der Kopf wieder aus
dem Wasser. Und ich konnte ihn genau sehen. Es war keiner von unserer
Gruppe, sondern ein Seehund. Der sah mich erschrocken an, ich ihn auch
und dann sind wir beide abgedreht. Ich glaube, der war auch
kurzsichtig. Da können die mit den guten Augen leicht lachen, so
ist das, wenn du schlecht siehst…

Alle die gut sehen und keine Brille oder
Kontaktlinsen brauchen, sollten das nicht als selbstverständlich
nehmen, sondern sehr dankbar sein dafür. Und die, die eine Brille
brauchen sollten dankbar sein, dass sie eine haben und sie auch
aufsetzen.

Vielleicht müssten wir unsere Gaben um den
Altar noch ergänzen mit einem Tisch mit Hilfsmitteln für
unseren Alltag, die uns das Leben erleichtern und unsere
körperlichen Gebrechen lindern. Da müssten dann Seh- und
Hörhilfen liegen, die Blutdrucktabletten und Herztropfen, ein
künstliches Knie- oder Hüftgelenk, Herzschrittmacher und das
Notset gegen den allergischen Schock nach Wespenstich. Zahnspange und
ein Paar orthopädische Schuhe, Gehstöcke, ein Rollator und
ein Rollstuhl, Schmerztabletten, Asthmaspray und Insulinspritze.

Verfehle ich da etwa das Thema, wenn ich am
Erntedankfest mal von den Segnungen und Hilfen der Medizin spreche? Wie
viele unter uns täten sich heute Mittag schwer, das Essen zu
genießen, wenn sie nicht ihre Zahnprothese oder gute Implantate
hätten. Und manche würden ohne ihr Haarteil oder ein bisschen
Make-up nicht so gut aussehen.

Nicht nur die Äpfel und Trauben, Kartoffeln und
Kürbisse, Marmeladen, Möhren und Maiskolben sind eines Dankes
wert. Alle guten Gaben die unser Leben ermöglichen, erleichtern
und bereichern sind es wert, dass wir sie sehen und dankbar wahrnehmen.

Wer das alles nur gleichgültig und
selbstverständlich hinnimmt, ist kurzsichtig, schwer kurzsichtig,
um nicht zu sagen blind. Wenn jemand keinen Grund zum Danken sieht in
seinem Leben und um sich herum, dann ist er blind, auch wenn er sonst
eigentlich keine Brille braucht.

„Hast du Gott aus den Augen verloren, wie schrecklich wird dann deine Finsternis sein.“
Wer bei all dem, was uns täglich zur Verfügung steht, nicht
mehr das Bedürfnis hat, Gott immer wieder zu danken, der hat ihn
aus den Augen verloren. Dann kann man tausend Sachen haben, aber man
bringt sie nicht mehr mit dem Geber, mit Gott in Verbindung und dann
verbauen sie einem den Blick auf Gott.

Vor Jahren kam ich bei einem Besuch mal in eine
Wohnung, die unheimlich finster war, obwohl draußen die Sonne
schien. Es konnte fiel kaum Licht herein, weil alles so unheimlich voll
stand. Man kam fast nicht zwischen den Möbeln durch. Die
Bewohnerin hatte sich nie von etwas trennen können, wenn sie etwas
erbte oder kaufte. Alles hatte sie aufgehoben und gesammelt Selbst die
Fensterbretter waren zugeschlichtet mit Zeitungen, Büchern,
Schachteln und Krimskrams.

Sie konnte das Licht, die Sonne kaum noch sehen. Um
sie war die Finsternis all dessen, was sie angehäuft hatte. Der
Blick verstellt. Das gibt’s nicht nur bei krankhafter
Sammelsucht. Das gibt’s durchaus auch in ganz anderem Sinn bei
Menschen, die in hellen aufgeräumten Wohnungen und Häusern
leben: Der Tag ist angefüllt mit Terminen und die Woche
ausgefüllt mit Aktivitäten. Und wo noch nichts ist, da wird
was geplant. Und bei all dem Vielen ist kein Platz, keine Zeit für
den Glauben, für Stille vor Gott, um zur Ruhe zu kommen. Und man
merkt es nicht einmal mehr. Aber, wer Gott aus den Augen verloren hat,
um den und in dem wird es bald immer finsterer.

Das Erntedankfest will uns über die
äußerlich sichtbaren Gaben und Güter helfen, wieder
einen klaren Blick für Gott zu bekommen, für das, was
wirklich wichtig ist, was nicht alt wird, verrostet oder von Motten
gefressen wird. Wir sollen Gott wieder in den Blick bekommen. Der
Hebräerbrief sagt: Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.
Wenn wir nicht mehr auf ihn sehen, kann er auch das gute Werk des
Glaubens, das er doch in uns allen mal begonnen hat nicht vollenden.

Es geht heute besonders darum, hinter den Gaben den
Geber zu entdecken und seine tägliche Fürsorge für uns
wahrzunehmen. Er hat uns das ganze Jahr, an jedem Tag, in jeder Nacht
im Blick und lässt die Dinge reifen, lange bevor wir sie ernten
können. Auch in der Natur braucht es ja Zeiträume und Geduld.
Ein Kirschbaum muss erst gezogen und veredelt werden und wachsen, bevor
er nach etwa 10 Jahren anfängt Kirschen zu tragen. Ein
Kälbchen muss erst mal eine Kuh werden, bevor sie Milch gibt. Und
wenn ich gerne frische Waldpilze esse, dann muss ich sie erst mal
suchen gehen.

Die Bibel sagt: Auch Gott müssen wir suchen und
wer ihn wirklich sucht, der findet ihn! Der findet ihn, wenn sein Leben
nicht zu gemüllt ist mit lauter Ablenkungen, von denen er sich
nicht trennen kann. Wenn vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen in
der Nacht den ganzen Tag keine Zeit und keine Ruhe ist, um zu beten und
mal die Bibel in die Hand zu nehmen, dann ist Gott aus den Augen und
aus dem Sinn. Und dann wird es schnell dunkel.

Wenn am Sonntag immer etwas anderes wichtiger ist
als der Gottesdienst, dann ist zuerst Gott verloren, es wird
allmählich immer finsterer und am Ende ist der Mensch verloren.
Und alle Schätze dieser Welt können ihn dann nicht mehr
retten. Darum sagt der Herr Jesus hier in der Bergpredigt, die ja ein
Kernstück seiner Botschaft ist:

Sammelt euch nicht Schätze an, die die Motten oder der Rost fressen oder die die Diebe stehlen,
– er meint damit: Hängt euch nicht an so viele Sachen, die
irgendwann mal kaputt gehen, ihren Wert verlieren, die Euch genommen
werden oder die unwichtig werden. Das lenkt euch nur ab vom wichtigsten
Ziel, vom Reich Gottes, vom Frieden mit Gott.

Wir denken oft, wenn ich nur das hätte, dann
wär ich zufrieden, dann wär ich glücklich, dann
ging’s mir gut. Und wenn wir’s haben, wird es doch schnell
unwichtig und es wächst aus der Erfüllung wieder bald ein
neuer Wunsch. Im Psalm heißt es nicht: Wenn ich nur das habe… sondern der Beter des 73. Psalms sagt zu Gott: Wenn
ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir
gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit
meines Herzens Trost und mein Teil.
Und der Psalm endet mit der erstaunlichen Feststellung: das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn.

Sind die Prioritäten in Ihrem Leben so gesetzt?
Wenn ich nur dich habe… Hauptsache, ich verliere dich mein Gott
nicht aus dem Blick. Hauptsache du bleibst bei mir! Hauptsache, ich
habe genug Zeit für dich! Ist uns das Freude, dass wir uns zu Gott
halten? Oder stört es uns mehr, dass andere das nicht verstehen
können und uns belächeln. Ist es uns Freude uns zum Glauben
zu bekennen und stolz zu sein darauf, dass wir so einen Gott haben oder
ist es uns peinlich mit dem Gesangbuch oder der Bibel in der hand
gesehen zu werden?

Unser Abschnitt der Bergpredigt vom
Schätzesammeln und Sorgen schließt ja mit der
leidenschaftlichen Aufforderung Jesu: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Barmherzigkeit, so wird euch solches alles zufallen.

Oder wie es die Hoffnung für alle ausdrückt: Gebt nur Gott und seiner Sache den ersten Platz in euerem Leben, so wird er euch auch alles geben, was ihr nötig habt.

Setzt die Prioritäten wieder neu! Zuerst das
Gebet! Zuerst der Dank! Zuerst das Vertrauen auf Gott! Dann erst die
menschliche Bemühung und Anstrengung und der persönliche
Einsatz, der freilich auch nötig ist. Die Früchte fallen
nicht ohne Arbeit vom Himmel. Wer nicht sät, der kann auch nicht
ernten. Wer nicht lernt, kann keine ordentlichen Noten haben.

Beten und arbeiten gehören zusammen. In der
richtigen Reihenfolge und mit dem vollen Einsatz bei beidem. Immer
wieder müssen wir uns korrigieren lassen. Das geht mir selber
genauso. Wir laden uns so schnell alles auf unsere Schultern, anstatt
es im Gebet vor Gott zu tragen und uns helfen zu lassen.

Bei ihm gilt eine andere Werteskala als in der Welt.
Nicht wer viel angesammelt hat, nicht wer ein dickes Konto besitzt,
besonders schön wohnt oder besonders schick gekleidet ist oder wer
viele Titel hat, ist vor ihm reich. Das bleibt am Ende alles hier
zurück. Wer aus dieser Welt Abschied nimmt, kann nichts mitnehmen.
Nichts. Keinen Schatz dieser Erde.

Dann sind nur noch die Schätze von Bedeutung,
die im Himmel mit unseren Namen versehen sind. Dann wird nur noch die
Zeit wichtig sein, in der wir mit Gott geredet und in der wir auf ihn
gehört haben. Die Zeit, die wir für andere übrig hatten
oder für die Sache Gottes. Dann fällt alles das positiv ins
Gewicht, was wir an andere abgegeben haben, die es nötiger
brauchten als wir, was wir nicht für das eigene Wohl, sondern
für das Wohl anderer getan haben.

Wenn von Gott unser Nachlass gesichtet wird,
zählt nicht, was wir erworben oder besessen, sondern was wir
verschenkt und vergessen, was wir vergeben haben und was uns vergeben
ist. Dann werden auch nicht die auf den besten Plätzen sitzen, die
eifrig ihre Forderungen gestellt und stets ihre Ansprüche
angemeldet und durchgesetzt haben, sondern die, die um des Friedens
willen manchmal verzichtet und die es nicht versäumt haben zu
danken.

Hier sagt der Herr Jesus, wo euere Schätze
sind, da zieht es euch hin. Sind unsere Schätze auf der Bank oder
im Tresor, hängen in Form von Bildern an unseren Wänden oder
als kostbare Münzen in der Schublade oder als toller Wagen in der
Garage oder als Dateien im Computer, dann zieht es uns immer weder
dahin und wir vertun unsere Zeit und unser Leben, unsere Kraft und
unsere Gedanken damit, bis es nicht mehr geht.


Ist unser Schatz, das wertvollste, was wir haben,
aber im Himmel, ist uns das wichtigste die Nähe Jesu und der
Friede Gottes, dann zieht es uns zu ihm. Dann fühlen wir uns dahin
gezogen, wo es um Gott geht. Dann wird die Bibel zum Lieblingsbuch und
der Gottesdienst zum Höhepunkt der Woche. Dann sehnen wir uns
danach gesegnet zu werden. Wollen mit dabei sein, wenn zum Abendmahl
eingeladen wird. Dann können wir in die Zukunft schauen und uns
freuen auf das, was Gott in dieser Welt und in der Ewigkeit für
uns bereit hält. Und das ist unendlich viel mehr als alle
Güter dieser Welt.

Herr, wir danken dir, für alle deine Gaben, materielle und geistliche. Mach bitte dankbare Menschen aus uns und hilf uns, dass wir nicht die falschen Schätze sammeln. Amen,

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168